Werteerziehung: Wie Eltern demokratische Grundwerte vorleben

Toleranz, Verständnis, Respekt: Das sind demokratische Grundwerte, die Eltern ihren Kindern gerne vermitteln möchten. Theorieunterricht hilft dabei nicht. Vormachen funktioniert! Doch werden wir als Eltern unserer Vorbildrolle gerecht? Wie verhalten wir uns im Alltag anderen Menschen gegenüber, wie reden wir über sie, und wie sprechen wir mit unseren Kindern? Indem wir lernen unsere Werte zu leben, lehren wir sie auch.

Wir alle möchten in einer friedlichen Gesellschaft leben, in der wir uns respektiert und geachtet fühlen. Wir möchten uns in die Gemeinschaft einbringen und mit unseren Beiträgen gesehen und geschätzt werden. Doch das Zusammenleben in einer solchen demokratischen Gemeinschaft gelingt nur dann, wenn wir Werte wie Toleranz und Mitgefühl kultivieren, wenn wir Verantwortungsübernahme und Dialogbereitschaft stärken. Erst dann können wir andere so behandeln, wie auch wir von ihnen behandelt werden wollen.

Werte als Anker in einer komplexen Welt

Diese Werte unseren Kindern mit auf den Weg zu geben, ist wichtig für ihre eigenen Persönlichkeitsentwicklung und für eine positive Entwicklung unserer Gesellschaft insgesamt. Idealerweise werden diese Werte für die Kinder zu Leitsternen, an dem sie Entscheidungen und Handlungen messen und nach denen sie ihr Leben ausrichtigen. Sie dienen ihnen als Ankerpunkte in einer komplexen Welt, die von Wandel und Unwägbarkeiten geprägt ist.

Spielend lernen?

Doch wie können Erwachsene Kinder schon früh mit diesem Werten vertraut machen und sie so erziehen, dass sie für sie selbstverständlich werden? Es existieren zahlreiche Bilderbücher, die zum Beispiel Toleranz und Mitgefühl vermitteln. Brettspiele tragen dazu bei, dass Kinder Regeln einzuhalten und mit Niederlagen umzugehen lernen. Spielen Kinder in der Gruppe, handeln sie untereinander Regeln für ihr Spiel aus und üben dabei ihre Dialogbereitschaft und Konfliktfähigkeit.

Alltagskultur ist entscheidend

All diese Dinge sind gut und wichtig. Sie helfen jedoch wenig, wenn Erwachsene im Alltag eine ganz andere Kultur pflegen. Wenn wir unseren Kindern demokratische Grundwerte vermitteln möchten, dann müssen wir dafür Vorbild sein. Und Hand aufs Herz: Meckern wir nicht oft genug über oder mit unseren Mitmenschen? Sie haben schon wieder nicht gegrüßt, sind zu unordentlich, zu pingelig, zu laut, fahren zu langsam oder erledigen ihren Job ganz anders, als wir es uns vorstellen.

Ein gutes Vorbild?

Vielleicht sind wir Erwachsenen es, die lernen sollten – lernen innezuhalten, wenn die Nerven blank liegen und wir gerade anfangen wollten, uns wortreich über andere zu beklagen oder mit ihnen zu schimpfen. Wo bleiben unsere Toleranz und unser Respekt? Zeigen wir so unsere Wertschätzung für die Beiträge anderer? Hilfreich ist es, sich bewusst zu machen, dass andere Menschen sich nicht verhalten, wie sie es tun, um uns zu ärgern. Ihr Verhalten ist aus ihrer Perspektive sinnvoll, entspricht ihren Fähigkeiten oder spiegelt ihre Bedürfnisse.

Unsere Superkraft: In andere hineinversetzen

Unsere Möglichkeit, uns in andere hineinzuversetzen, ist eine menschliche Superkraft, die uns dabei hilft, einen fremden Blickwinkel einzunehmen und andere besser zu verstehen. Kognitive Perspektivübernahme nennen Fachleute das. Neuere Studien legen nahe, dass Kinder diese Fähigkeit entwickeln, noch bevor sie sprechen können. Untersuchungen zeigen auch, dass sich kognitive Perspektivübernahme trainieren lässt. Vielleicht tun Sie das mit Ihren Kindern gemeinsam? Sie könnten zum Beispiel überlegen, warum die Person im Auto vor Ihnen so langsam fährt. Vielleicht ist sie fremd in der Stadt und muss sich erst orientieren. Oder sie könnte ein Verkehrsschild übersehen haben und annehmen, noch in der Tempo-30-Zone zu fahren…

Wie reden wir mit unseren Kindern?

Besonders ausschlaggebend ist Ihre Vorbildfunktion, wenn Sie mit Ihrem Kind sprechen. Da Erwachsene größer und erfahrener sind, geschieht das zumeist von oben heran – im doppelten Wortsinn. Häufiger als uns als Eltern bewusst ist, geben wir Anweisungen. Viel zu selten treten wir in einen echten Dialog mit unseren Kindern. Vielleicht haben Sie folgende Situation so ähnlich auch schon erlebt: Ihr Kind spielt versunken mit einem Stofftier und schlüpft dabei in die Rolle eines Elternteils. „Wie sieht’s denn hier aus. Jetzt wird aber aufgeräumt!“, schimpft es dann zum Beispiel mit seinem Tier. Eine erkenntnisreiche Schrecksekunde für uns Erwachsene: „So klinge ich also für mein Kind!“

Erzieher:innen üben eine dialogische Haltung

In den element-i Kinderhäuser machen es die Erzieher:innen anders. Sie üben eine dialogische Haltung im Umgang mit den Kindern. Das bedeutet, dass sie sich auf die Höhe des Kindes begeben, Blickkontakt herstellen und dem Kind ihre ungeteilte Aufmerksamkeit schenken. Sie stellen offenen Fragen, also solche, die sich nicht einfach mit ja und nein beantworten lassen. Sie geben dem Kind Zeit, sein Wissen zu präsentieren oder seine Empfindungen und Bedürfnisse sprachlich auszudrücken. Sie lassen Meinungen zu, ohne sie gleich mit richtig oder falsch zu bewerten. Und sie bringen Impulse ein, die zum Weiterdenken anregen.

Kinder erleben Wertschätzung

Ein solcher Austausch ist wertschätzend und respektvoll. Die Kinder erleben sich als ein wichtiges Mitglied der Gemeinschaft, das eine relevanten Beitrag leisten kann. Das stärkt sie und ermutigt sie zunehmend Verantwortung für sich und die Gruppe zu übernehmen. Auf diese Weise mit Kindern ins Gespräch zu gehen, ist natürlich nicht immer möglich. Sind Erwachsene gerade mit anderen Dingen beschäftigt, wenn ein Kind mit ihnen sprechen möchte, können sie ihm sagen, dass diese Sache noch fertigmachen und dann für einen Austausch offen sind. Einen solchen Umgang mit Kindern zu lernen und auch in stressigen Situationen beizubehalten, ist eine Herausforderung. Auch Profis gelingt das nicht immer.

Fragen Sie Ihr Kind!

Für uns Eltern kann diese Herangehensweise ein wertvoller Impuls sein. Denn wie würden wir uns fühlen (kognitive Perspektivübernahme), wenn uns ständig jemand von oben herab Befehle erteilte und uns maßregelte? Wütend? Bockig? Gekränkt? Resigniert? Probieren Sie einen anderen Weg und fragen Sie einfach künftig öfter Ihr Kind: Vielleicht ist es gerade wütend. Dann sagen sie: „Ich habe den Eindruck, dass du wütend bist. Wie kommt das denn?“ und „Was können wir da tun?“

Übrigens: Wenn Sie wie beschrieben mit Ihrem Kind in den Dialog treten, wenn Sie seine Meinung erfragen und Beteiligung ermöglichen, setzen Sie UN-Kinderrechte (https://www.bmfsfj.de/resource/blob/93140/78b9572c1bffdda3345d8d393acbbfe8/uebereinkommen-ueber-die-rechte-des-kindes-data.pdf) um. Besonders die Rechte auf Beteiligung und auf freie Meinungsäußerung (Artikel 12 und 13) sind hier relevant. Die Ziele von Bildung & Erziehung und die Werte, die dem zugrunde liegen sollten, fasst Artikel 29 zusammen.

8 praktische Tipps für die Umsetzung demokratischer Grundwerte im Familienalltag

  1. Aktives Zuhören üben: Stellen Sie Ihrem Kind offene Fragen, hören Sie aufmerksam zu und zeigen Sie Interesse an seinen Gedanken und Gefühlen.
  2. Gemeinsame Entscheidungen treffen: Involvieren Sie Ihr Kind bei Familienentscheidungen, um ein Gefühl der Mitbestimmung und Verantwortung zu fördern.
  3. Dialog statt Anweisungen: Versuchen Sie, öfter in einen echten Dialog mit Ihrem Kind zu treten, anstatt Anweisungen zu geben. Hören Sie auch die Perspektive Ihres Kindes an.
  4. Konflikte konstruktiv lösen: Lehren Sie Ihr Kind, Konflikte auf eine respektvolle Weise anzugehen. Finden Sie gemeinsam Lösungen und setzen Sie auf Kompromisse.
  5. Gemeinsame Reflektion: Sprechen Sie mit Ihrem Kind über Alltagssituationen und reflektieren Sie gemeinsam, wie man auf eine Weise handeln kann, die die demokratischen Grundwerte widerspiegelt.
  6. Regelmäßige Familienbesprechungen: Schaffen Sie Raum für offene Gespräche und Besprechungen, in denen jedes Familienmitglied seine Meinung äußern kann.
  7. Gemeinsame Projekte initiieren: Starten Sie als Familie Projekte, die Zusammenarbeit erfordern. Dies kann das Bewusstsein für die Stärken jedes Einzelnen fördern.

Gemeinsame Werte-Rituale: Etablieren Sie Rituale, die die demokratischen Grundwerte betonen, sei es in Form von gemeinsamen Abendgesprächen oder Ritualen vor dem Schlafengehen.

Digitalisierung im Kinderzimmer? – Wie Eltern mit Bildschirmmedien umgehen können

Um es gleich zu sagen: Eine Patentlösung gibt es nicht. Selbst Fachleute sind uneins, in welchem Alter Kinder reif sind für digitale Medien. Auch die, die Bildschirmmedien bereits im Kita-Alter befürworten, sagen klar: Der Umgang von Kindern mit den Geräten ist risikobehaftet. Mein Votum nach allem Für und Wider: Eltern sollten es langsam angehen lassen. Ihre Kinder verpassen nichts, wenn sie erst im Grundschulalter lernen, ein Handy oder Tablet zu bedienen.

Gehören Smart-Phone, Tablet & Co. in die Hände von Kindern im Vorschulalter? Wann sollten Eltern ihren Nachwuchs an digitale Medien heranführen?

Digitale Medien gehören heute zum Alltagsleben

Ich denke, die meisten Familien haben schon Fakten geschaffen, bevor diese Fragen überhaupt auftauchen. Denn die Geräte gehören zum Leben der Eltern mittlerweile so selbstverständlich dazu, dass Kinder damit automatisch in Kontakt kommen. Und klar, dass sie schauen wollen, was da so interessant ist, was da spricht und piepst. Dass die Eltern dann zeigen, was das Gerät alles kann und macht, ist nur natürlich. Sie installieren vielleicht sogar die ersten Spiel- und Lernapps für ihre Kinder. Und ganz schnell sind sie mitten im Thema. Immer öfter fragen die Kinder: „Darf ich ans Handy/ans Tablet/an den Computer?“ „Ja, aber nur ein Spiel, nur zehn Minuten“, antworten die Eltern und wissen schon, dass es Geschrei und Geheule gibt, wenn sie kurze Zeit später sagen: „Deine Handy-/Computerzeit ist vorbei!“

Sind Bildschirmmedien gefährlich für Kinder?

Dann stehen die Fragen im Raum, die schon Gegenstand zahlloser Elternabende und Info-Veranstaltungen waren: „Schadet der Medienkonsum meinem Kind?“, „Wieviel ist vertretbar?“, „Wie finden wir in unserer Familie einen Umgang damit, der möglichst stressfrei ist und in unseren Alltag passt?“

Argumente von Wissenschaftler*innen

Das haben Sie sicherlich auch schon gemerkt: Einfache Antworten auf diese Fragen gibt es nicht. Selbst Wissenschaftler*innen sind sich nicht einig. Viele Psycholog*innen und Pädagog*innen raten dazu, bis zum Ende der Grundschulzeit zu warten, und Kinder erst dann an Bildschirmmedien heranzuführen. Fachleute aus Medien-Design, Medien-Produktion und Medien-Pädagogik sprechen sich dagegen oft für einen Beginn der Mediennutzung im Kitaalter aus.

Ich fasse mal die (aus meiner Sicht) wichtigsten Argumente beider Seiten zusammen:

Verfechter*innen einer frühen Nutzung digitaler Medien sagen:

  • Digitale Medien gehören sowieso zum Alltag der Kinder.
  • Medienkompetenz wird in der Schule zu einem gewissen Grad vorausgesetzt.
  • Für die Altersgruppe geeignete Apps unterstützen Lernprozesse und können hilfreiche Werkzeuge sein.
  • Die Risiken sind kalkulierbar, wenn Erwachsene Regeln aufstellen und sich daran halten.

Befürworter*innen einer späten Einführung digitaler Medien argumentieren:

  • Junge Kinder benötigen ein Umfeld, das sie mit ihren Sinnen erfahren, sehen, anfassen, riechen, schmecken und hören können. Nur so können sie ein Verständnis von sich und der Welt entwickeln. Ein zweidimensionaler Bildschirm kann sie beim Lernen nicht unterstützen.
  • Bildschirmphasen sind nahezu bewegungsfreie Zeiten. Dabei spielt Bewegung bei Kindern eine wichtige Rolle für die Gehirnentwicklung, die Körperwahrnehmung und das Selbstwirksamkeitsempfinden.
  • Digitale Medien verringern die natürliche Lernbereitschaft und die Konzentrationsfähigkeit. Sie überfordern das Stammhirn, lassen die Kinder übellaunig und unausgeglichen zurück und wirken sich negativ auf die Schlafqualität aus.
  • Medienkompetenz im Sinne einer technischen Fähigkeit können auch recht junge Kinder bereits erwerben. Gefragt ist jedoch eine Medienmündigkeit, bei der der Mensch das Medium beherrscht und nicht umgekehrt. Das überfordert selbst viele Erwachsene – Kinder erst recht.

Mein Fazit: Bildschirmmedien bergen erhebliche Risiken für Kinder – je jünger sie sind, desto mehr. Und der Nutzen, der dem entgegenstehen soll, erscheint mir fraglich. Doch wie realistisch ist es, digitale Geräte aus dem Alltag eines Kleinkindes zu verbannen? Wer möchte nur abends, wenn das Kind im Bett ist, das Handy herausholen oder den Computer anschalten? Das heißt: Die Geräte sind Bestandteil des Alltags der Kinder. 

Erwachsene als Vorbilder

Doch wir Erwachsenen haben es in der Hand, den digitalen Endgeräten eine untergeordnete Rolle zuzuweisen, sie nicht unseren Alltag bestimmen zu lassen. Das bedeutet, den eigenen Umgang mit Handy & Co. zu hinterfragen. Hand aufs Herz: Wie oft muss sich Ihr Kind Ihre Aufmerksamkeit mit Ihrem Smart-Phone teilen? Sie schauen nur mal schnell, wer da gerade geschrieben hat, und just in der Zeit läuft vielleicht ein Kommunikationsversuch Ihres Babys ins Leere. Passiert das regelmäßig, wird Ihr Kind seine Versuche, eine sichere Bindung zu Ihnen aufzubauen, irgendwann frustriert aufgeben. Vielleicht machen Sie es sich zur Regel, Ihr Handy beiseitezulegen, wenn Sie sich um Ihr Kind kümmern?

Und so geht es oft weiter: Telefon am Ohr, während Sie Ihrem Kind in den Anorak helfen? Den Nachwuchs schnell vor dem Computer oder Fernseher parken, um noch eine E-Mail zu schreiben? – Wir wissen eigentlich alle, dass das No-gos sind. Doch wenn die Alltagsfalle mit ihren vielfältigen Anforderungen zuschnappt, greifen wir immer mal wieder zu solchen Not-Lösungen. So ging es mir wenigstens. Doch eines sollten wir nicht tun: Vor der Macht des Faktischen kapitulieren, den Weg des geringsten Widerstandes wählen, und es einfach so laufen lassen.

Wichtig: Regeln aufstellen und einhalten

Als Erwachsene haben wir es in der Hand, Regeln aufzustellen, sie selbst einzuhalten und auch in einer möglichen Auseinandersetzung mit dem Kind daran festzuhalten. So könnten die Regeln für den Umgang mit Bildschirmmedien in der Familie aussehen:

  • Kinder im Kita-Alter erhalten keine eigenen Bildschirmmedien.
  • Sie benutzen Geräte der Eltern unter deren Aufsicht.
  • Ihnen steht dafür ein maximales tägliches bzw. wöchentliches Zeitkontingent zur Verfügung (z.B. zehn Minuten pro Tag), das mit zunehmendem Alter erhöht wird.
  • Die Eltern stellen sicher, dass die Kinder nur Inhalte sehen und Spiele spielen, die für ihr Alter geeignet sind.
  • Die Eltern interessieren sich für die Erfahrungen, die Kinder mit den Medien machen, schauen (teilweise) mit und sprechen mit den Kindern über die Inhalte.

Was mir noch wichtig zu sein scheint: Mutter und Vater sollten sich einig sein, wie sie mit dem Thema umgehen möchten und die Regeln gemeinsam formulieren. Alles andere sorgt für zusätzlichen Stress.

So macht es mein Kollege

Da mein Sohn schon älter ist, und das Thema vor 20 Jahren, als er Kindergartenkind war, noch kaum relevant war, habe ich meinen Kollegen Salim Zitouni gefragt, wie er es zuhause mit der Medienerziehung hält. Er berichtet:

„Unsere Tochter ist dreieinhalb Jahre alt und darf nur am Wochenende pro Tag ein bis zwei Videos mit jeweils rund 15 Minuten auf Youtube ansehen. Sie liebt die Geschichten von Pettersson, einem alten Mann, und seinem Kater Findus. In der Kita sprechen die Kinder darüber, was sie sehen, und unsere Tochter kommt manchmal mit neuen Ideen nach Hause. Ich checke dann zunächst, ob ich denke, dass das für ihr Alter okay ist. Unsere Tochter fragt regelmäßig, ob sie ein Video schauen darf. Wenn wir dann erklären, dass heute Pausentag ist, akzeptiert sie das aber meistens. Schwerer fällt es ihr, nach einer Episode aufzuhören. Sie ist dann so ‚angefixt‘, dass sie unbedingt weiterschauen möchte. Das führt regelmäßig zu Konflikten.
Dass wir keinen Fernseher zuhause haben, trägt sicherlich dazu bei, das Thema etwas zu entschärfen. Dafür sind da natürlich die Handys. Und ich bin als Online-Marketing-Manager sehr medienaffin. Da muss ich mich an die eigene Nase fassen, wenn mein Handy die Aufmerksamkeit meiner Tochter auf sich zieht. Daher plane ich Auszeiten ein, die wir als Familie zum Beispiel draußen in der Natur verbringen und bewusst medienfrei genießen.“

Ein Vater berichtet im Internet

Es gibt auch Eltern, die das ganz anders handhaben. Im Forum auf Urbia.de schreibt ein Vater: „Unsere hat ihr eigenes Tablet mit viereinhalb bekommen, vorher durfte sie auf meinem Handy spielen oder Fernsehen. Ich persönlich finde Fernsehen eher langweilig, war schon immer der Typ für Videospiele und so ist meine Tochter (mittlerweile fast sechs) auch. Mit drei durfte sie ca. eine halbe Stunde am Tag spielen oder Fernsehen. Jetzt haben wir keine Begrenzung mehr, meine Tochter hat auch mal Tage, wo sie eine Stunde Mario Kart auf der Switch mit uns spielt oder sich am Wochenende ein paar Disney-Filme reinzieht.“

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen!

Mein Eindruck: Manche Väter oder Mütter schließen beim Thema Medienkonsum von sich auf ihre Kinder. So nach dem Motto: „Hat mir nicht geschadet, dann wir es meinem Kind auch nicht schaden.“ Doch ich denke, dass die Rechnung nicht aufgeht. Keine Generation zuvor ist in dieser Weise mit digitalen Medien aufgewachsen wie die heutige. Und es ist sicher, dass Bildschirmmedien auf kindliche Gehirne eine andere, negativere Wirkung haben als auf die von Jugendlichen oder Erwachsenen. Die Zeit vor dem Handy, dem Tablet, dem Computer oder dem Fernseher hält sie von den Tätigkeiten ab, von denen sie nachweislich profitieren: vom Klettern, Raufen, Rennen, vom Bauen, Basteln, Malen, vom Spielen mit anderen, von Erlebnissen in der Natur oder auch von gemeinsamer Bilderbuch-Lektüre im eigenen Tempo.

Mehr von Eike Ostendorf-Servissoglou

Quellen:

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): Wie Medien Kindern schaden können
https://www.kindergesundheit-info.de/themen/medien/mediennutzung/medien-gefahren/

Deutscher Bundestag; Wissenschaftliche Dienste: Zu den Auswirkungen der Nutzung digitaler Medien auf Kleinkinder in Kindertageseinrichtungen
https://fragdenstaat.de/dokumente/13139-wd-9-05018-zu-den-auswirkungen-der-nutzung-digitaler-medien-auf-kleinkinder-in-kindertageseinrichtungen/?page=1

Stiftung Zu-Wendung für Kinder: Was macht Digitalisierung mit unseren Kleinstkindern?
https://fuerkinder.org/blog/was-macht-die-digitalisierung-mit-unseren-kleinstkindern/

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Apps und Co: Welche digitalen Medien eignen sich für Kinder?
https://www.fruehe-chancen.de/themen/digitalisierung/apps-und-co-welche-digitalen-medien-eignen-sich-fuer-kinder

Paula Bleckmann: Kleine Kinder und Bildschirmmedien
https://www.kita-fachtexte.de/fileadmin/Redaktion/Publikationen/KiTaFT_Bleckmann_2014.pdf

Diskussion „Mediennutzung“ auf urbia.de: https://www.urbia.de/forum/4-kindergartenalter/5625548-mediennutzung

Jedes Kind ist anders: Wie Eltern unnötige Vergleiche vermeiden

Entwickelt sich mein Kind altersgemäß? Benötigt es eventuell besondere Unterstützung? Mache ich alles richtig? Diese Fragen sind für Eltern mit Kindern im Baby- und Kleinkindalter besonders präsent. Daher verwundert es nicht, dass in Krabbel- und Kitagruppen das Vergleichen losgeht nach dem Motto: „Laura läuft schon seit fünf Monaten und unser Jens krabbelt immer noch. Ist das normal?“ Im Netz klagen manche Mütter über einen regelrechten Eltern-Wettstreit um die Fortschritte der Kinder. Wie soll es da gelingen, Kindern gelassen ihr jeweils eigenes Tempo zuzugestehen?

Ich erinnere mich noch gut an die Krabbelgruppe, zu der ich mit unserem Sohn ging, als er noch ganz klein war. Ich war sehr froh, diese Gemeinschaft gefunden zu haben, denn in der ersten Zeit alleine zuhause mit Kind fiel mir die Decke auf den Kopf. Der Austausch mit anderen in der gleichen Lebenssituation tat gut.

Mein Sohn verhält sich anders

Eine Sache jedoch fand ich schwierig. Ich konnte nicht umhin zu bemerken, was unser Sohn tat und konnte und was andere Kinder machten. Während sich die anderen bei gemeinsamen Spielchen, Reimen, Liedern und Co. wohlzufühlen schienen, machte unser Sohn schnell schreiend darauf aufmerksam, dass er solche Freizeitaktivitäten gar nicht schätzte. Witzig? – Das fand ich damals nicht. Ich quälte mich mit folgenden Fragen: „Stimmt etwas mit unserem Sohn nicht? Was mache ich falsch?“

Erfolgsmeldungen anderer Eltern

Vielen anderen Müttern (und natürlich auch Vätern) geht es genauso. Im Internet finden sich zahlreiche Berichte darüber. Vor allem wenn andere Eltern stolzgeschwellt von den Erfolgen ihrer Kinder erzählen – „Max kann sich schon selbstständig umdrehen.“, „Mia krabbelt jetzt.“, „Thea läuft schon!“ – fangen die Selbstzweifel an: „Oh, das kann mein Kind noch nicht! Habe ich es nicht genug gefördert? Sollte ich mit ihm zum Arzt oder zur Ärztin?“

„Wann hört der Wettstreit endlich auf?“

Manche Mütter und Väter erleben, dass die Fortschritte der Kinder in einem regelrechten Wettkampf der Eltern münden und leiden darunter. Eine schreibt im Forum „Rund ums Baby“ (https://www.rund-ums-baby.de/kleinkind/Diese-nervigen-Vergleiche_125176.htm ): „Ich habe die Pekip-Gruppe verlassen, weil es sich um nichts anderes drehte, und in der Krabbelgruppe ist es nicht anders gewesen. Jetzt sind die Großen vier und es wird eigentlich immer schlimmer.“

Expert*innenrat: Take it easy

„Bleibe gelassen und vertraue deinem Kind. Es findet seinen Weg“, lautet dann der Ratschlag von Fachleuten. Denn jeder Mensch habe sein eigenes Entwicklungstempo. Schließlich seien wir alle unterschiedliche, unverwechselbare Persönlichkeiten. Sich selbst und damit oft auch das Kind unter Druck zu setzen, sei kontraproduktiv.

Damit haben die Ratgeber*innen sicherlich recht. Inzwischen erscheinen auch mir meine damaligen Sorgen lächerlich. Aber könnte ich es heute anders?

„Alles wir gemessen und geprüft“

Britta Jochum aka Frau Freigeist beschreibt auf ihrem Blog (https://www.fraufreigeist.de/kindliche-entwicklung-3-grunde/) übers Kinderkriegen: „Heutzutage geht es nur um Zahlen, alles wird in irgendwelche Statistiken gepackt, für alles gibt es Tabellen, Rechner etc. Jetzt als Mama fällt mir (…) besonders auf. Es ging doch in der Schwangerschaft schon los. Ständig könnte man sich Sorgen machen, weil das Baby in Schwangerschaftswoche 15 nicht so groß ist wie der Durchschnitt oder weil es sich in Schwangerschaftswoche 30 nicht genug bewegt beim Ultraschall usw. Kaum ist das Kind auf der Welt, geht es weiter. In den U-Untersuchungen wird die kindliche Entwicklung auf Herz und Nieren geprüft. Getestet, ob das Kind schon kann, was ‚alle‘ Kinder in seinem Alter können sollten.“

Motto: Bloß nichts verpassen!

Kann es da verwundern, dass viele Eltern mit Argusaugen überwachen, ob sich ihre Kinder altersgerecht entwickeln und dabei auch andere Kinder des gleichen Alters als Maßstab heranziehen? Kindliche Entwicklung, so vermitteln es nicht nur Mediziner*innen, scheint verletzlich und immer von Scheitern bedroht zu sein. Wir können uns nicht darauf verlassen, dass sie automatisch gut verläuft. Als Erwachsene müssen wir dieser Sichtweise zufolge daher auf der Hut sein, um kindlichen Defiziten rechtzeitig mit geeigneten Therapien beikommen zu können. Das Vorgehen hat durchaus seine Berechtigung. So ist es, um nur ein Beispiel zu nennen, entscheidend für die Sprachentwicklung eines Kindes, eine mögliche Hörschädigung rechtzeitig zu erkennen und zu behandeln.

Des Guten zu viel?

Allerdings scheint mir, dass wir oft des Guten zu viel tun. Kaum ein Kind, das heutzutage nicht der „Optimierung“ bedarf, das keine Ergotherapie oder Logopädie, keine Zahnspange und keine Einlage benötigt. Als unser Sohn mit fünf noch „drün“ statt „grün“ sagte, wurden wir mit ihm zu Logopädin geschickt. Später habe ich mich gefragt, ob er das nicht auch allein hinbekommen hätte. Aber man weiß ja nie.

Null Toleranz für Abweichungen

In einer Zeit, in der immer mehr Menschen zum Beispiel ihren Puls und Blutdruck, ihr Schlafverhalten und die Schritte, die sie täglich tun, per App aufzeichnen, alles regelmäßig kontrollieren und mit Normwerten vergleichen, sinkt, meiner Beobachtung nach, die Toleranz für Abweichungen. Wir kontrollieren und messen uns und unsere Kinder so lange, bis wir vermeintlich Krankhaftes oder Ungenügendes entdecken. Ich finde, das ist eine bedenkliche Entwicklung. Etwas mehr Vertrauen in die Weisheit der Natur wäre sicherlich heilsam.

Mein Tipp: Gelassene Vorbilder suchen

Mit der Gelassenheit ist es für junge Eltern also nicht so einfach. Mütter und Väter, die mehrere Kinder haben, berichten oft, dass sie mit jedem weiteren Kind unaufgeregter wurden. Das hängt sicherlich damit zusammen, dass sie beim zweiten, dritten oder vierten Kind vieles schon aus Erfahrung wissen und sich in der Elternrolle immer souveräner bewegen. Daher mein Tipp für Erstlingseltern: Suchen Sie sich erfahrene Eltern, deren Erziehungsstil sie schätzen, sprechen Sie mit ihnen und schauen Sie sich etwas ab. 

Kann-Kinder: Ist mein Kind bereit für die Einschulung?

Dieses Jahr schon in die Schule? Oder doch erst im nächsten? Diese Fragen stellen sich vor allem Eltern sogenannter Kann-Kinder. Kann-Kinder sind solche, deren sechster Geburtstag innerhalb einer bestimmten Frist nach dem gesetzlich festgelegten Stichtag für einschulungspflichtige Kinder liegt. Das heißt: Eltern von Kann-Kindern können ihre Kinder bereits als Fünfjährige in die Schule schicken. Bevor Eltern eine Entscheidung treffen, sollten sie sich Rat holen – und wissen, dass nicht nur intellektuelle Fähigkeiten für einen erfolgreichen Schulbesuch wichtig sind.

In den meisten Bundesländern gilt: Wer bis zum 30. Juni eines Jahres sechs Jahre alt wird, geht nach den Sommerferien in die Schule – klarer Fall, oder? Im Prinzip schon, wenn es da nicht die Kann-Kinder-Regelung gäbe. Beispiel Baden-Württemberg: Im hiesigen Schulgesetz heißt es in § 73 in Bezug auf die Schulpflicht: „Mit dem Beginn des Schuljahres sind alle Kinder, die bis 30. Juni des laufenden Kalenderjahres das sechste Lebensjahr vollendet haben, verpflichtet, die Grundschule zu besuchen. Dasselbe gilt für die Kinder, die bis zum 30. Juni des folgenden Kalenderjahres das sechste Lebensjahr vollendet haben und von den Erziehungsberechtigten in der Grundschule angemeldet wurden.“ Letztgenannte Kinder werden vielfach als Kann-Kinder bezeichnet. Denn sie dürfen theoretisch in die Schule gehen, müssen es aber nicht.

Die Regelungen, die die Bundesländer getroffen haben, weichen etwas voneinander ab und sind im jeweiligen Schulgesetz geregelt. Die Kultusministerkonferenz stellt auf ihrer Website eine Übersicht über die Schulgesetze der Länder zur Verfügung.

Ab in die Schule?

Die Kann-Kinder-Regelung bedeutet: Auch sehr viele Fünfjährige könnten in die Schule gehen – wenn ihre Eltern sie dort anmelden. Besonders Eltern, deren Kinder nur wenige Wochen oder Monate nach dem Stichtag sechs Jahre alt werden, überlegen natürlich, ob es für ihren Sohn oder ihre Tochter sinnvoll wäre, bereits früher in die erste Klasse zu gehen. „Tut ein ganzes weiteres Jahr in der Kita meinem Kind gut?“, fragen sie sich oft. „Ist es dort nicht unterfordert?“ Denn manche Kinder in diesem Alter können bereits Buchstaben schreiben, beschäftigen sich mit dem Lesenlernen und zeigen mathematische Fähigkeiten. Also, ab in die Schule?

Nur intellektuelle Entwicklung betrachtet

Auf der Website Hallo:Eltern berichtet Saskia Wöhler von den Erfahrungen mit ihrem Sohn, einem Kann-Kind. Sie schreibt: „Er war sprachlich weit entwickelt, erzählte Geschichten mit Spannungsbögen, war aufgeweckt und neugierig.“ Da auch die Mutter selbst früh eingeschult wurde und das nie als Nachteil empfunden hatte, entschieden sie und ihr Mann sich auch bei ihrem Sohn für einen vorzeitigen Schuleintritt. Die Erzieher*innen in der Kita rieten ebenfalls dazu. Doch später bereute die Familie den Schritt. „Unser Sohn war verunsichert und reagierte mit Aggressionen und Verweigerung,“ beschreibt die Mutter den Start in der Schule.

Soziale Faktoren

Das Beispiel ist keine Ausnahme. Fachleute warnen daher davor, allein kognitive Leistungen und Konzentrationsfähigkeit zu betrachten, wenn es um einen möglichen Schuleintritt von Kann-Kindern geht. Die sozialen Aspekte bilden oft die größeren Herausforderungen. Die eigene Position in einer Klasse zu finden, sich einzugliedern und, wo nötig, zu behaupten, fällt jungen Kindern oft noch sehr schwer. Ich erinnere mich, dass es für unseren Sohn im ersten Schuljahr vor allem darum ging, die anderen kennenzulernen und Freundschaften zu schließen. Es hat mich damals überrascht, welche große Bedeutung die sozialen Interaktionen in dieser Zeit für unseren Sohn hatten und wie sehr die Lerninhalte dagegen zurücktraten.

Emotionale Aspekte

Kinder, die in die Schule gehen, müssen außerdem recht selbstständig sein, mehr Entscheidungen eigenständig treffen als zu Kita-Zeiten und Verantwortung dafür übernehmen. Schulkinder kommen idealerweise bereits gut ohne die permanente Zuwendung von Erwachsenen klar, können Konflikte vielfach schon unter sich klären und sich recht schnell auf neue, ungewohnte Situationen einstellen. Wer in die Schule kommt, sollte zudem seine Emotionen weitgehend kontrollieren können und seine Frustrationstoleranz etwas geschult haben, um mit kleineren Rückschlägen fertig zu werden.

Körperliche und motorische Fähigkeiten

Es sind jedoch auch handfeste körperliche Aspekte entscheidend. Ist mein Kann-Kind kräftig genug, um seinen Schulranzen bis zur Schule zu tragen und zurück? Kann es sich für den Sportunterricht selbstständig an- und ausziehen und seine Schuhe binden? Kann es einen Stift unverkrampft halten und damit genau malen? Kann es sich auch körperlich gegen andere Kinder behaupten? Denn Rangeleien, ein spielerisches Kräftemessen, gehören in diesem Alter dazu, und es kann frustrierend sein, dabei immer den Kürzeren zu ziehen.

Checkliste

Auf dem Portal netmoms gibt es eine Checkliste zur Schulfähigkeit, die die wichtigsten Anforderungen für den Start in die Schule noch einmal zusammenstellt.

Erst Rat einholen, dann entscheiden

Stellen Eltern fest, dass ihr Kann-Kind nicht nur intellektuell, sondern auch sozial, emotional und körperlich so weit entwickelt ist, dass es in der Schule zurechtkommen wird, ist es sicherlich eine gute Idee, es dort anzumelden. Es ist jedoch in allen Fällen ratsam, vorab die pädagogischen Fachleute aus Kita und Schule um Rat zu fragen. Die Erzieher*innen erleben das Kind in einem anderen Umfeld als die Eltern zu Hause und haben es in der Regel über mehrere Jahre sehr gut kennengelernt. Mütter und Väter sollten deren Einschätzung daher besonders ernst nehmen. Lehrkräfte besitzen langjährige Erfahrungen mit Kann-Kindern und deren Schulkarrieren und können auf dieser Grundlage fundiert beraten. Sind Eltern trotz Beratung unsicher, könnten sie nach einer Schule Ausschau halten, die auch zum Halbjahr einschult und damit einen Mittelweg einschlagen. Wer sich gegen eine frühere Einschulung entscheidet, kann den Wissens- und Erfahrungshunger seines Kindes in der Vorschulzeit auch dadurch stillen, dass er ihm z.B. das Spielen eines Instrumentes ermöglicht oder es an eine neue Sportart heranführt.

Sonderfall: Hochbegabung

Manche Eltern haben den Eindruck, dass ihr Kind hochbegabt sein könnte. Auf dem Fachportal Hochbegabung der Karg-Stiftung gibt es gute Informationen dazu, wie sich eine Hochbegabung bereits früh feststellen lässt. Geht es um eine vorzeitige Einschulung, ist auch bei hochbegabten Kindern abzuwägen, ob der Schulbesuch, der in Bezug auf die intellektuelle Förderung sinnvoll erscheinen mag, in sozial-emotionaler oder körperlicher Hinsicht nicht eine Überforderung darstellt. Beratungsstellen für Hochbegabung unterstützen in solchen Fällen bei der Planung der Bildungsbiografie. Im ersten Schritt ist es ratsam, dass Eltern ihre Vermutung mit den Fachleuten aus der Kita teilen. Das Kita-Team kann eigene Beobachtungen beisteuern, Fördermöglichkeiten vorstellen, Beratungsadressen vermitteln und bei weiteren Schritten unterstützen.

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Der ganz normale Wahnsinn: Homeoffice mit Kind(ern)

Im Homeoffice arbeiten und gleichzeitig ein Kind betreuen – eine Unmöglichkeit! Finde ich zumindest. Da helfen auch die vielen gut gemeinten Ratschläge im Internet nichts. Bei mir hat‘s erst geklappt, als unser Sohn in die Schule ging und sich gut selbst beschäftigen konnte.

„Homeoffice ist doch super!”, denken viele. „Die ideale Lösung, um Beruf und Familie zu vereinbaren.“ In so mancher Beziehung haben sie recht: Nervige Arbeitswege entfallen. Es kommt meist nicht darauf an, ob ich morgens früher oder später am Schreibtisch sitze. Und es sind keine großen organisatorischen Klimmzüge nötig, wenn ich mein Kind mal früher aus der Kita holen muss.

Homeoffice plus

Doch oft heißt Homeoffice nicht nur Homeoffice, sondern Homeoffice plus Kind. Immer dann nämlich, wenn Husten, Schnupfen, Fieber oder Magen-Darm zuschlagen, wenn das Kita-Team auf Fortbildung ist oder streikt, an Tagen, an denen die Personaldecke so dünn ist, dass die Einrichtung früher schließen muss oder die Eltern gebeten werden, ihr Kind nach Möglichkeit zu Hause zu betreuen. Sind die Kinder im Schulalter, stellen die langen Ferienzeiten, die die eigenen Urlaubstage in der Regel deutlich übersteigen, die Eltern vor Herausforderungen. Denn an all diesen Tagen sollen sie beides bewältigen: Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung. Zuletzt setzte die Corona-Pandemie noch einen drauf: Während des Lockdowns waren Schulkind-Eltern zusätzlich als Lehrkräfte gefragt.

Multitasking ist eine Illusion

Meine Erfahrung ist: Homeoffice mit Kleinkind? Das funktioniert nicht! Zumindest bei mir klappt es nicht, zwei oder drei Dinge gleichzeitig zu tun. Es geht nur eins nach dem anderen. Ich glaube, den meisten geht das genauso. Fotos, die lächelnde Mütter oder Väter bei der Arbeit am Schreibtisch zeigen, während ein Kleinkind im Hintergrund hingebungsvoll spielt oder ein Bild malt, haben mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Kinder unter einem Jahr können sich zwischen fünf und zehn Minuten alleine beschäftigen, Zwei- bis Dreijährige halten vielleicht mal 20 Minuten durch. Ich kann mich da am Schreibtisch gerade in meine Aufgabe reindenken, und dann ist die Arbeitszeit auch schon wieder vorbei. Also: Vergessen Sie’s! Meine Homeoffice-Erfahrung mit Kleinkind ist zwar schon 20 Jahre alt – aber das ist ein Naturgesetz.

Arbeiten ging nur, wenn das Kleinkind schlief

Die freie Journalistin Imke Weiter schildert in einem Beitrag für das Magazin emotion ihre Homeoffice-Erfahrungen mit Kleinkind während des Corona-Lockdowns 2020. Sie schreibt: „Seit meine Tochter keinen Mittagschlaf mehr macht, fällt auch die Möglichkeit, mittags zu arbeiten weg. Sie soll außerdem ein vernünftiges Mittagessen bekommen, muss gewickelt werden, sie will singen, tanzen, Laufrad fahren, mit Fingerfarben malen, und muss dabei meistens betreut werden.“ Die Mutter schiebt ihre Arbeitszeiten daher auf den frühen Morgen und den Abend, wenn die Tochter noch oder wieder schläft. Zeit für sich hat die Journalistin dadurch kaum noch.

Er spielte gerne alleine

Doch es gibt Licht am Horizont: Mit zunehmendem Alter der Kinder verändert sich die Situation. Unser Sohn spielte ab dem Grundschulalter gerne stundenlang für sich alleine. Aus der vormittäglichen Betreuung kam er oft sehr überreizt zurück und genoss es dann, sich nach dem gemeinsamen Mittagessen in sein Zimmer zurückzuziehen. Für mich gab es so zusätzliche Zeit zu arbeiten. Das ist sicherlich nicht übertragbar, denn Kinder sind sehr unterschiedlich und andere fordern mehr Gemeinschaft und Austausch ein.

Haltung des Elternteils wichtig

Ich habe jedoch auch den Eindruck, dass es etwas mit der Haltung des Elternteils zu tun hat, ob das ungestörte Arbeiten im Homeoffice gelingt, auch wenn das (ältere) Kind zu Hause ist. Lange Zeit war ich im Verband berufstätiger Mütter (VBM) aktiv und habe mich viel mit anderen Müttern ausgetauscht. Sie bestätigten meine Einschätzung, dass Kinder sehr genau spüren, wie ernst es den Eltern mit ihrer Arbeit ist. Sind Mutter oder Vater unsicher, ob sie ihre Zeit nicht doch lieber ihrem Kind widmen sollen, und haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie arbeiten, scheinen die Kinder sie eher dabei zu stören. Auch wenn’s nicht nachgewiesen ist – der Gedanke scheint mir schlüssig.

Eltern als Hilfslehrkräfte?

Da die Halbtagsbetreuung in der Schule meine Arbeitszeiten nicht abdeckte, musste unser Sohn ohne Hausaufgabenbetreuung von mir auskommen. Nach gelegentlichen misslungenen Ausflügen in die Hilfslehrerinnentätigkeit hatte ich dazu – auch aus erzieherischen Gründen – eine klare Haltung: Eltern sind als Aushilfspädagog*innen ungeeignet. Zumindest kann ich das von mir behaupten. Meine Geduld im Erklären zum Beispiel von Matheaufgaben erwies sich als äußerst begrenzt. Ich führe das darauf zurück, dass ich als Mutter emotional zu stark beteiligt war. Kapierte unser Sohn etwas nicht, schrillten gleich Alarmglocken in meinem Kopf – so sehr ich mich auch bemühte, gelassen zu bleiben. Ich glaube, das ging nicht nur mir so. Schließlich berichten viele Eltern, dass es bei Schulthemen regelmäßig zu Streit in der Familie kommt. Daher halte ich es für eine denkbar schlechte Idee, wenn Schulen Eltern Lehrtätigkeiten übertragen – und sei es nur die Kontrolle der Hausaufgaben. Aber das ist ein eigenes Thema.

Vereinbarkeits-Tipps aus dem Internet

Homeoffice mit Kind: Dazu gibt es im Internet viele Artikel mit Tipps und guten Ratschlägen. Sie lauten zum Beispiel so: Machen Sie einen Zeitplan und schaffen Sie klare Tagesstrukturen. Bauen Sie feste Spiel- und Kreativangebote in den Vormittag ein. Bereiten Sie etwas zu Essen (z.B. Obst) und zu Trinken für die Kinder vor, damit sie sich selbst bedienen können. Solche Ideen klingen nett, hören sich aber ganz so an, als müsste man ein Orga-Genie sein, um sie umzusetzen. (Mein Ding ist das nicht!) Außerdem lösen sie aus meiner Sicht das Problem nicht. Wenn ich eine Stunde konzentriert an einem Artikel schreiben will, möchte ich nicht alle zehn Minuten eine Pause machen, um etwas zu spielen oder vorzulesen. Und an den elterlichen Zeitplan wird sich das Kind schon gar nicht halten. Heißt: Ich sitze am Schreibtisch und bin sekündlich darauf gefasst, gestört zu werden. Der Konzentration ist das nicht zuträglich. Letztlich hilft nur folgender Tipp: Beauftragen Sie eine andere Person mit der Betreuung Ihres Kindes! Wenn Sie denn jemanden finden können. Vielleicht hilft eine Elterninitiative. Ich hätte mich damals gerne mit anderen Müttern bei der Nachmittagsbetreuung abgewechselt. Leider konnte ich in meiner Nachbarschaft niemanden finden, der daran Interesse hatte. Ich hoffe, Ihnen geht es heute anders!

Und denken Sie daran, wenn Sie mitten in der Homeoffice-mit-Kind-Phase stecken: Anderen geht es genauso. Keiner meistert das perfekt. Die meisten haben das Gefühl, weder dem Beruf noch der Familie gerecht zu werden. Meinem früheren Ich würde ich daher am liebsten zurufen: Nicht verrücktmachen! Was mir damals half, war übrigens der Austausch mit anderen Müttern im VBM.

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Links:

„Home Office mit Kleinkind – wieso das so schwierig ist“, Beitrag auf emotion.de vom 8.4.2020:

https://www.emotion.de/leben-arbeit/gesellschaft/home-office-mit-kleinkind-schwierigkeiten

Verband berufstätiger Mütter e.V. (VBM), Website

https://vbm-online.de

Sag doch mal was! Ab wann Kinder sprechen und wie Sie sie unterstützen können

Sprache ist der Schlüssel zur Welt. Sie ermöglicht Kommunikation und eröffnet uns den Zugang zum Reich des Wissens. Doch damit Kinder sprechen lernen, benötigen sie Menschen, die mit ihnen reden. Wir geben Einblicke in die Sprachentwicklung und Tipps, wie Sie als Eltern Ihrem Kind beim Erwerb von Sprache helfen können.

„Es hat ‚Ball‘ gesagt!“ Aus dem Gebrabbel Ihres Babys sind erste verständliche Worte geworden. Als Eltern sind Sie zu Recht begeistert von dieser Leistung.

In den meisten Fällen sprechen Kinder ihre ersten Worte im Alter zwischen zwölf und 18 Monaten. Manche starten bereits mit neun Monaten. Andere lassen sich Zeit bis ins dritte Lebensjahr. Wie alle menschlichen Entwicklungsschritte ist auch der Spracherwerb sehr individuell. Daher gilt: Vertrauen Sie Ihrem Kind! Setzen Sie es mit Ihren Erwartungen nicht unter Druck („Sag doch mal …!“). Es findet seinen Weg und seine Zeit.

Kinder sammeln einen Wortschatz 

Kinder bauen ihr Wörterwissen dann fortlaufend aus. Ihr aktiver Wortschatz umfasst mit 20 Monaten in der Regel zwischen 50 und 200 Worte. Außerdem beinhaltet ihre Schatzkiste viele weitere Wörter, die sie verstehen, aber (noch) nicht selbst nutzen.

Die Sprachexplosion

Mit ungefähr zwei Jahren beginnen viele Kinder Wörter zu kombinieren. Sie sagen zum Beispiel „Ball haben“. Es entstehen erste Sätze. Im Anschluss an diesen Entwicklungsschritt passiert etwas Unglaubliches: Ihr Kind lernt jeden Tag ungefähr acht neue Worte dazu. Fachleute sprechen von einer Sprachexplosion. Gleichzeitig erwirbt es die grammatikalischen Regeln der Sprache. Bis es vier Jahre alt ist, gelingt es ihm wahrscheinlich, grammatikalisch korrekte Sätze zu bilden. Um das dritte Lebensjahr herum beginnen Kinder zumeist auch damit, Nebensätze zu konstruieren, und sagen zum Beispiel: „Weil ich das haben will.“

Handlungen nacherzählen 

Auch die Erzählfähigkeit, also die Fähigkeit, eine Handlung in logischer Abfolge wiederzugeben, entwickelt sich schrittweise. Zunächst wirken kindliche Erzählungen unzusammenhängend. Mit etwa fünf Jahren können Kindern dann logisch nachvollziehbare Geschichten erzählen. Abgeschlossen ist die Sprachentwicklung damit nicht. Die wesentlichen Strukturen haben Menschen in der Regel mit etwa sechs Jahren erworben. Doch bis ins Erwachsenenalter verfeinern wir unsere Ausdrucksfähigkeit und erweitern unseren Wortschatz.

Sie können helfen!

Wie gut und schnell Kinder ihre Muttersprache erwerben, hat nicht nur etwas mit ihrer Persönlichkeit und Veranlagung zu tun. Es kommt dabei maßgeblich auf ein sprachanregendes Umfeld an. Das heißt: Sie können Ihr Kind beim Spracherwerb unterstützen.

Sprachvorbild sein 

Ihr Kind erwirbt seine Sprechfähigkeit, indem es Sie nachahmt. Daher ist es wichtig, dass Sie viel mit ihm sprechen und sich ihm dabei zuwenden. Nur so kann es sehen, wie sich Ihr Mund bewegt, wenn Sie Laute bilden, und dies nachmachen.

Erwachsene, die mit Babys reden, verfallen fast unwillkürlich in eine sogenannte Ammensprache. Sie sprechen langsam, machen Pausen, betonen die einzelnen Wörter besonders, wiederholen sie oft und erhöhen die Tonlage. Damit erleichtern sie dem Kind das Verständnis. Zunächst konzentrieren sie sich auf die kindlichen Laute und ahmen diese nach. Dadurch entsteht eine Art vorsprachlicher Kommunikation zwischen Eltern und Kind. Ohne das bewusst zu steuern, passen die erwachsenen Bezugspersonen ihre Sprache Schritt für Schritt der kindlichen Entwicklung an. Sprich: Eltern sind quasi von Natur aus darauf geeicht, ihre Kinder beim Erwerb der Sprache zu unterstützen.

Den Alltag sprachlich begleiten 

Es hilft jedoch, wenn sich Mütter und Väter das bewusst machen und wissen, wie wichtig es für ihr Kind ist, dass sie mit ihm „ins Gespräch“ kommen. Dazu bedarf es keines besonderen Anlasses. Alle Alltagssituationen eignen sich, um mit dem Kind zu reden. Wer sein Kind wickelt, kann ihm dabei erklären, was gerade geschieht und zum Beispiel die Körperteile benennen. Beim gemeinsamen Essen können Sie darauf achten, dass das Kind erfährt, wie die Lebensmittel heißen und wie sich unterschiedliche Geschmacksrichtungen bezeichnen lassen. So erweitert Ihr Kind nach und nach seinen Wortschatz.

Gespräche führen

Sprache dient dem Austausch der Menschen untereinander. Damit Ihr Kind das erleben kann, sollten Sie es als Gesprächspartner ernst nehmen. Lassen Sie ihm Zeit, das zu sagen, was es auf dem Herzen hat – auch wenn es etwas länger dauert. Greifen Sie seine Äußerungen auf und gehen Sie darauf ein. Zunächst wollen Ihrem Kind die Worte noch nicht recht über die Lippen kommen. Vieles können zunächst oft nur Sie als Eltern verstehen. Sie helfen Ihrem Kind, die Wörter richtig sprechen zu lernen, indem Sie sie korrekt in einem kompletten Satz wiederholen. Sagt Ihr Kind zum Beispiel: „Lone haben“. Sagen Sie: „Du möchtest die Melone haben.“

Reime und Lieder nutzen 

Reime, Fingerspiele und Lieder unterstützen Ihr Kind dabei, seine Aussprache zu trainieren und sein Sprachverständnis zu verbessern. Nicht nur Fingerspiele auch Reime und Lieder lassen sich mit Bewegungen kombinieren, die die Bedeutung der Worte unterstreichen. Den meisten Kindern macht es viel Spaß mitzumachen, und die Worte bleiben ihnen dadurch besonders gut im Gedächtnis.

Bücher vorlesen und Geschichten erzählen

Haben Sie selbst als Kind erlebt, dass Eltern oder Großeltern Ihnen vorlasen oder Geschichten erzählten? Dann wissen Sie sicherlich noch, dass das besondere Momente waren: Zeiten, in denen Sie in eine Geschichte eintauchen konnten, Zeiten des kuscheligen Beisammenseins und des geteilten Interesses. Gönnen Sie sich und Ihrem Kind ebenfalls diese Freude. Dazu müssen Sie keine Meisterin oder kein Meister im Vorlesen sein. Ihr Kind wird Ihr Engagement auf jeden Fall schätzen. Manche Eltern erzählen auch einfach Geschichten, die sie in ihrer Kindheit gehört oder gelesen haben, oder denken sich selbst welche aus.

Eisenbahngeschichten

Ich erinnere mich zum Beispiel sehr gerne daran, wie mein Vater früher meinem Bruder und mir davon erzählte, wie die erste Eisenbahn von Nürnberg nach Fürth fuhr. Als ich selbst einen Sohn hatte, war ich fürs Vorlesen zuständig. Mein Mann erzählte ihm Geschichten – zum Beispiel von Bruder Heinz, einer Figur, die seiner Fantasie entsprungen war, und die als Heizer auf einer Dampflok anheuerte. Vielleicht haben Sie ebenfalls Lust Ihre Fantasie spielen zu lassen und eigene Geschichten zu kreieren. Wenn Ihnen die Ideen ausgehen, spinnt Ihr Kind die Handlung sicherlich gerne zusammen mit Ihnen weiter.

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Mein Kind, der Kita-Schreck: Warum Kinder beißen und wie Sie damit umgehen können

„Ihr Kind hat heute schon wieder den Raphael gebissen!“ Wer in der Kita eine solche Nachricht bekommt, dem sackt das Herz in die Hose. Was tun? Können Eltern nur hilflos zuschauen und hoffen, dass sich die Situation verbessert? Wir geben Hinweise, wie es Familien und Fachkräften gelingen kann, die Lage zu entschärfen.  

Hauen, schubsen, anderen Gegenstände wegnehmen: Das gehört oft dazu, wenn Kinder gemeinsam spielen und noch zu wenig sprechen, um sich untereinander mit Worten zu verständigen. Solange es bei kleineren Rangeleien bleibt, lassen viele Erwachsene die Kinder gewähren. Fangen Kinder jedoch an zu beißen, ist eine rote Linie überschritten. Sie tun anderen damit zumeist empfindlich weh und verursachen Wunden. 

Viele mögliche Gründe 

In einer bestimmten Entwicklungsphase ist es normal, dass Kinder andere Menschen auch mal beißen. Das Beißen kann anzeigen, dass das Kind müde, überfordert, frustriert oder wütend ist. Es kann auch ein Ruf nach Aufmerksamkeit sein oder ein – ungeschickter – Versuch, Kontakt aufzunehmen. Das Kind drückt damit Emotionen und Bedürfnisse aus, die es noch nicht benennen kann und die sich auf diese Weise unmittelbar Bahn brechen. Eines ist dabei wichtig: Wenn ihr Kind beißt, möchte es niemandem Schaden zufügen. Dass es anderen damit wehtun, kann es sich noch nicht vorstellen.  

Gefährliches Beiß-Kind?

Manche Kinder entdecken in einer bestimmten Entwicklungsphase das Beißen regelrecht als Ausdrucksmittel für sich. Geht es Ihrem Kind auch so? In der Kita hat es vielleicht bereits den Ruf als gefährliches Beiß-Kind weg, dem man lieber aus dem Weg geht. Das verschärft sein Gefühl von Frustration und Wut. Daher ist es wichtig, dass Sie als Eltern und die Fachkräfte in der Kita gemeinsam daran arbeiten, Ihrem Kind alternative Handlungsmöglichkeiten zu eröffnen. 

Beißen verboten!

Wie können Sie – und die Fachkräfte in der Kita – auf Beiß-Situationen reagieren? Machen Sie Ihrem Kind in ruhigem, aber bestimmtem Ton klar, dass Beißen verboten ist: „Nicht beißen! Du tust mir (oder der/dem …) weh.“ Begeben Sie sich dabei auf Augenhöhe mit Ihrem Kind und stellen Sie Blickkontakt her. So wissen Sie, dass Ihr Kind Ihnen Aufmerksamkeit schenkt. Wichtig ist, dass Sie direkt in oder nach einer beobachteten Beiß-Situation reagieren. Nur dann kann das Kind Ihre Reaktion seiner Handlung zuordnen.  

Ruhe bewahren

Warum fällt uns als Eltern eine solche unaufgeregte Reaktion oft so schwer? Das liegt daran, dass wir selbst emotional betroffen sind. Wir machen uns Sorgen, dass unser Kind andere verletzt und dass es zum unbeliebten Außenseiter wird. Wir möchten das unbedingt sofort stoppen, wissen nicht wie und fühlen uns hilflos. Dieses Gefühl verleitet uns nicht selten zu lauten Schimpf-Tiraden. Für unser Kind sind sie unverständlich. Vielleicht bekommt es dadurch sogar die Aufmerksamkeit, die es erhalten möchte – auch wenn sie negativ ist. 

Gefühle benennen

So helfen Sie Ihrem Kind: Geben Sie ihm grundsätzlich das Gefühl, mit seinen Wünschen und Bedürfnissen gesehen zu werden. Beobachten Sie es, und geben Sie seinen Emotionen Ausdruck. So helfen Sie ihm, sich selbst besser kennenzulernen. Fachkräfte in Kindertagesstätten machen das in der Regel ebenso.

Sie sagen zum Beispiel: „Ich sehe, dir fallen die Augen zu. Du bist müde. Komm, wir machen eine kleine Pause hier im Sessel.“ Ihr Kind lernt so, wie es sich anfühlt, müde zu sein. Und es weiß vielleicht künftig besser, was ihm dann hilft. Wenn es wütend auf ein anderes Kind zustürmt, können Sie es bremsen und sagen: „Mir scheint, du bist wütend. Stampfe mal fest mit dem Fuß auf den Boden. Das hilft.“ Nach und nach versteht Ihr Kind auf diese Weise seine Gefühle immer besser. Es weiß sie zu benennen und kennt Wege, damit konstruktiv umzugehen. 

Außerdem spielt Ihnen die Zeit in die Karten. Denn je besser Ihr Kind zu sprechen lernt, desto eher kann es Bedürfnisse sprachlich äußern und Konflikte friedlich entschärfen. Zu beißen ist dann nicht mehr nötig. 

Informationen zum Sprechen lernen und Tipps, wie Sie Ihr Kind dabei unterstützen können, erhalten Sie in unserem nächsten Blogbeitrag. 

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„Kinder brauchen Zeug zum Spielen“

Plüschtiere, Puppen, Autos, Schiffe …: Die meisten Kinderzimmer sind voll mit buntem Spielzeug. Kitas sehen dagegen oft vergleichsweise spartanisch aus. Denn hier hat Zeug zum Spielen Vorrang vor klassischem Spielzeug. Anja Burger aus dem pädagogischen Leitungskreis des Konzept-e Netzwerks erklärt, was es damit auf sich hat und gilt Tipps für die Kinderzimmerausstattung.

Aus Stühlen und Decken Höhlen bauen, das Fach mit den Plastikdosen ausräumen, Knöpfe nach Farben sortieren – fast alle Menschen kennen solche oder ähnliche Spielerfahrungen aus ihrer Kindheit und sind begeistert, wenn sie daran denken. Die geschilderten Situationen haben eines gemeinsam: Die Kinder gebrauchen kein fertiges Spielzeug, sondern bedienen sich anderen Zeugs, das sie für ihre Zwecke umfunktionieren. Spielzeug ist also nicht gleich Spielzeug. Fachleute aus der Pädagogik unterscheiden daher zwischen Spielmaterial, Spieldingen und Spielzeug.

Spielmaterial

Unter Spielmaterial sind zum Beispiel Dinge aus der Natur zu verstehen, die Kinder gerne zum Spielen verwenden. Sie nutzen Äste, Stöcke, Steine, Blätter, Sand und Erde. Im Spiel werden daraus Menschen, Autos, Nahrungsmittel… alles, was man sich vorstellen kann. Auch (Verbrauchs)-Materialien wie Papier, Pappe, Röhren, Kreppband, Becher oder Holzklötze fallen in die Kategorie „Spielmaterial“.

Spieldinge

Spieldinge sind Alltagsgegenständen, die Kinder zum Spielen nutzen – also die besagten Plastikdosen, die Knöpfe oder Decken. Manche dieser Gegenstände sind sehr vielfältig einsetzbar und lassen sich je nach Spielidee umdeuten. Andere Gegenstände, zum Beispiel ein ausrangiertes Telefon, alt Hüte oder Schuhe, sind weniger offen für Interpretationen. Kinder nutzen sie jedoch gerne, um in Rollenspielen die Erwachsenenwelt nachzunahmen.

Spielzeug

Unter Spielzeug verstehen Fachleute nur die Dinge, die zum Zweck des Spielens hergestellt wurden, zum Beispiel Puppen, Spieltiere oder -autos. Im Gegensatz zu Spielmaterial und Spieldingen sind diese Sachen sehr festgelegt. Sie lassen wenig Raum für Fantasie und Interpretation. Es ist daher oft zu beobachten, dass Kinder eines Spielzeugs schnell überdrüssig werden.

In Kitas gilt: Vorrang für Spielmaterialien und -dinge

Kindertagesstätten achten darauf, den Schwerpunkt auf Spielmaterial und Spieldinge zu legen und Spielzeug nur in begrenztem Umfang anzubieten. „Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass dies die Kinder stärker zum kreativen Spielen auffordert“, sagt  Anja Burger, die im pädagogischen Leitungskreis des Konzept-e Netzwerks für die Themenfelder Räume & Material zuständig ist. „Uns ist es wichtig, dass Materialien möglichst vielfältig einsetzbar sind. Ein Beispiel: Ein Autoteppich, auf dem Straßen, Häuser und Parkplätze zu sehen sind, lässt kaum Freiraum für eigenen Gestaltung. Besitzt ein Raum einen einfarbigen Teppich, auf dem Kinder mit Kreppband eigene Straßen markieren können, ist dagegen ihre Fantasie und Kreativität gefragt. Sie können ihre Straßen auch immer wieder umgestalten, und das Spiel bleibt interessant.“ Ein weiteres Beispiel: Statt eines fertigen Spiel-Parkhauses, das wenig Spielvarianten zulässt, bieten Kitas zuweilen Pappröhren an, durch die Autos flitzen können. Damit können die Kinder ganz unterschiedliche Szenarien aufbauen und erproben. Die Röhren lassen sich zum Beispiel auch zu Murmelbahnen oder zu Türmen zusammensetzen oder beim Piratenspiel als Fernrohre nutzen. „Bei solchen Bau-Materialien ist es uns wichtig, dass genug davon vorhanden ist, damit die Kinder aus dem Vollen schöpfen und ihre Visionen realisieren können,“ erklärt die Pädagogin.

Das geht auch im Kinderzimmer

Für das Kinderzimmer zu Hause können sich Eltern gut an diesem Vorbild orientieren. Auch dort gilt: Vielfältig einsetzbare Materialien sollten die erste Wahl sein. Sie besitzen einen höheren Spielwert und haben einen weiteren Vorteil: Sie wachsen quasi mit. Während Kinder aus klassischem Spielzeug schnell „herauswachsen“, können sie Materialien und Dinge, die weniger festgelegt sind, einfach neu interpretieren, so dass sie zu ihrem Entwicklungsstand und den aktuellen Interessen passen.

„Weniger ist mehr“ …

… lautet ein weiterer Tipp der Pädagogin. Zu viel Zeug lenke die Kinder ab. Es falle ihnen schwerer, sich auf ein Spiel einzulassen. Anja Burger rät Eltern daher, Spielzeug, das aktuell uninteressant ist, einfach eine Zeit lang wegräumen. So schaffen sie mehr Luft und Klarheit im Kinderzimmer. Änderten sich die Interessen des Nachwuchses könnten die Eltern die angebotenen Dinge einfach austauschen.

Ordnung tut gut

Wenn’s in ihrem Zimmer aussieht, als habe eine Bombe eingeschlagen, machen sich auch Kinder lieber dünne. Ordnung und Struktur helfen ihnen, Spielmöglichkeiten zu erfassen, eine Wahl zu treffen und auch dabei zu bleiben. „Das heißt nicht nur, dass der Boden zum Spielen frei sein sollte“, sagt Anja Burger. „Es ist auch vorteilhaft, wenn Materialien und Spielzeuge so verstaut sind, dass das Kind sie unkompliziert finden und nutzen kann. Einfach allen Puppenkram in eine große Box zu werfen, macht es zum Beispiel oft bereits schwer, bestimmte Dinge schnell wiederzufinden.“

Auch hier zeigt sich also: Weniger ist mehr. Und fehlt der Puppe die passende Kleidung, lassen sich Kinder etwas einfallen. „Ich habe mir früher aus Papiertaschentüchern Anziehsachen für meine Barbiepuppe gebastelt. Das hat viel mehr Spaß gemacht, als wenn ich einfach ein fertiges Röckchen aus der Schublade gezogen hätte“, erinnert sich Anja Burger.

Pädagogischer Fachtext zum Weiterlesen:

Anja Burger, „Räume und Material: Zur Bedeutung einer guten Gestaltung“

https://www.element-i.de/magazin/raeume-und-material-zur-bedeutung-einer-guten-gestaltung/

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Ein Schrebergarten für die Kita?

Was soll denn das? Drei element-i Kinderhäuser machen gute Erfahrungen mit externen Gärten und berichten in einem kürzlich erschienenen Fachbeitrag im Kita-Magazin TPS von ihren Projekten. Hier fassen wir wichtige Inhalte für Sie zusammen.

Drei element-i Kinderhäuser haben Kleingärten gepachtet: das element-i Kinderhaus Steppkes und das Junge Gemüse in Stuttgart sowie das element-i Kinderhaus Sterngucker in Karlsruhe. Nun verfügen sie neben dem Kita-Außengelände über ein weiteres grünes Refugium. Warum? Welchen Nutzen versprechen sich die Einrichtungen davon? Was bietet ihnen der Schrebergarten, was das Kita-Gelände nicht auch leisten könnte?

Gestalten und verändern

Der wichtigste Unterschied ist wohl, dass ein Garten fortlaufend bearbeitet wird. Er ist Gegenstand der Gestaltung und Veränderung. Lisa Reuß aus dem pädagogischen Leitungskreis beim Träger Konzept-e sagt: „Kinder können hier buddeln und bauen, Dinge dauerhaft in ihrem Sinne verändern. Das Kita-Außengelände gleicht dagegen eher einem Spielplatz: Sandkasten, Schaukeln, Klettergerüste, Fahrzeuge prägen die Fläche, ziehen die Aufmerksamkeit auf sich und geben Aktionsmuster vor.“

Naturbildung im Garten

Ein Garten dagegen sei ein Stück Natur, das die Kinder über einen langen Zeitraum frei gestalteten, begleiteten und beobachteten. „Dadurch ergeben sich quasi automatisch langfristige Projekte zum Wandel der Jahreszeiten, zum Leben von Pflanzen und Tieren, zum Säen, Ernten und Haltbarmachen von Obst und Gemüse, zu den vier Elementen. Das alles ist Bildung für nachhaltige Entwicklung“, erklärt Lisa Reuß.

Viele Menschen können mitmachen

Ein weiterer wichtiger Unterschied ist, dass sich ein Schrebergarten – anders als das Kita-Gelände – mit anderen Akteur*innen und Institutionen teilen lässt. Die element-i Gärten kooperieren beispielsweise mit Imker*innen (Sterngucker) oder beziehen Schäfer*innen ein (Steppkes). Im element-i Kinderhaus Junges Gemüse übernehmen Eltern viel Verantwortung im Garten und dürfen ihn auch privat nutzen. Das Sterngucker-Team plant einen Stadtteilgarten, der auch anderen Menschen offenstehen soll. Kooperationen mit einer Einrichtung für Kinder mit Schwerstmehrfachbehinderungen und mit einem Flüchtlingswohnheim bestehen bereits.

Persönlichkeiten prägen die Projekte

Der Beitrag im Kita-Fachmagazin TPS beschreibt, wie unterschiedlich die Gärten der Kitas ausfallen. Verantwortlich dafür sind zum einen die Personen, die mit ihren Ideen die Projekte prägen. Aber auch der Garten selbst definiert Möglichkeiten und Grenzen: Während die Kitas Junges Gemüse und Sterngucker eine 400-Qadratmeter-Fläche innerhalb einer Kleingartenanlage nutzen, steht den Steppkes-Kindern ein mehr als dreimal so großer Garten zur Verfügung. Das steile 1.500-Quadratmeter-Gelände besteht aus vier Hängen, die von Plateaus geteilt werden. Bepflanzt ist es vor allem mit Obstbäumen.

Die Kinder sind begeistert

Eines ist allen Projekten gemeinsam: Die Kinder sind meist Feuer und Flamme. Sie buddeln in der Erde, gießen die Pflanzen, beobachten Tiere, verstecken sich in Hecken, klettern auf Bäume und fragen: „Was gibt es heute zu tun?“ Dann sammeln sie Fallobst auf, graben ein Beet um, ernten Tomaten oder greifen zu Werkzeug, um beim Bau des Gartenhäuschens zu helfen.

Hier gibt es der TPS-Fachbeitrag zum Download:
„Vom kleinen Steppke zum großen Gärtner“, TPS 7/2021
https://www.konzept-e.de/fileadmin/Daten/Fachliteratur/TPS_7_21_040-043_Schrebergaerten.pdf

 

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„Kinder sind von Natur aus Lerngenies“

„Unsere Kinder brauchen die 4 Z: Zeit, Zuwendung, Zuneigung und Zutrauen“, sagt der Tübinger Philosoph Marco Wehr. „Alles andere können sie alleine.“ Warum das so ist und welche unglaublichen Leistungen Kinder in den ersten Lebensjahren vollbringen, um sich die motorischen Grundlagen und die Werkzeuge für die Welt des Wissens anzueignen, skizzierte der Buchautor kürzlich in einem Vortrag, den wir hier nachzeichnen.

Neulich hörte ich einen Vortrag, der mich beeindruckte und dessen Inhalte ich gerne mit Ihnen teilen möchte. Marco Wehr, ein in Tübingen lebender Physiker, Philosoph, Tänzer und Buchautor, referierte im Rahmen des Deutschen Kita-Leitungskongresses in Fellbach bei Stuttgart. Er sprach darüber, wie sich Kinder die „Werkzeuge für die Welt des Wissens“ aneignen.

Der Mensch ist besonders anpassungsfähig

Anders als die meisten Tiere kommt der Mensch hilflos zur Welt und muss grundlegende Fähigkeiten erst erlernen. Wir Menschen sind dadurch allerdings auch in hohem Grad anpassungsfähig. Einen jungen Eisbären in die Tropen zu verfrachten, würde ihn das Leben kosten. Wüchse ein Inuitbaby im Senegal auf, wäre das jedoch kein Problem. Die menschliche Gemeinschaft dort hat eine Kultur entwickelt, die es ihm erlaubt, in dieser speziellen Umwelt zu überleben und gibt sie an den Nachwuchs weiter.

Kultur als Überlebenscode

Der Mensch, so Wehr, sei ein Kulturwesen. Den breit gefächerten Kanon an Wissen und Fertigkeiten, den die Menschen sich aufgebaut haben, bezeichnet er als Kultom. Wie bei einem Genom handele es sich dabei um einen Überlebenscode. Er sei jedoch nicht in den Genen, sondern in den Gehirnen der Menschen gespeichert. Nachfolgende Generationen müssten ihn immer wieder neu lernen. Das gäbe ihnen jedoch auch die Chance, sich an veränderte Lebensräume anzupassen.

Um aber von der Kultur profitieren zu können, müssen Kinder erst die „Werkzeuge für die Welt des Wissens“ erwerben. Die wichtigsten sind:

Das Imitationslernen

Kinder sind wahre Nachahmungskünstler*innen. Wie sehr, das zeigt ein Experiment des amerikanischen Psychologen Winthrop Niles Kellogg aus dem Jahr 1931. Er zog das kleine Affenmädchen Gua gemeinsam mit seinem Sohn Donald auf, um herauszufinden, ob der Unterschied zwischen Menschen und Affen natur- oder kulturbedingt ist. Der kleine Affe erwies sich als überaus gelehrig und übertrumpfte den Jungen anfänglich sogar. Entscheidend war allerdings, dass nicht der Affe die Menschen nachahmte, sondern Donald Gua. Die wenigen Worte, die der Junge zunächst sprach, vergaß er. Er begann zu grunzen und zu schreien, klaubte Essenreste und Exkremente vom Boden auf und steckte sie sich in den Mund. Das Experiment lief aus dem Ruder. Der Vater musste es abbrechen. Der Mensch lernte am Vorbild des Affen und nicht umgekehrt.

Uns sollte daher bewusst sein: Wir sind Vorbilder – ob wir es wollen oder nicht. Kinder ahmen uns in allem nach, was wir tun. Dabei vollbringen sie eine sehr komplexe Leistung: Sie wandeln visuelle und akustische Eindrücke in eigenes Verhalten um.

Gesprochene Sprache

Erwachsene und mit zunehmendem Alter auch andere Kinder ordnen die Phänomene der Welt für die Kinder ein und bewerten sie. Dazu ist Sprache unerlässlich. Unterstützt wird der sprachliche Ausdruck durch den Körper des Menschen, der eine regelrechte „Kommunikationsoberfläche“ sei, wie Marco Wehr sagt. Durch seinen aufrechten Gang konnte der Mensch eine ausdrucksstarke Mimik und Gestik entwickeln. Weiße, gut sichtbare Handflächen sowie die weiß eingefasste Iris des Auges machen Hand- und Augenbewegungen zudem für ein Gegenüber gut sicht- und nachvollziehbar.

Sich daraus ihre Muttersprache zu erschließen, ist eine große Aufgabe, die Menschen aufgrund ihrer Hirnentwicklung nur in einer bestimmten Phase ihres Lebens gelingt. Erfahrungen mit in der Wildnis aufgewachsenen, sogenannten Wolfskindern zeigen, dass Menschen, die in ihrer frühen Kindheit keinen Kontakt mit Sprache hatten, später nicht mehr in der Lage sind, sprechen zu lernen. Für den aufrechten Gang trifft das übrigens ebenfalls zu.

Geteilte Aufmerksamkeit (Intentionalität)

Kleine Kinder und ihre Eltern verständigen sich oft mit Gesten. Das erscheint einfach. Ist es jedoch nicht. Denn damit die Verständigung gelingt, ist ein gemeinsamer semantischer Referenzrahmen nötig. Das bedeutet, dass ein gemeinsames Vorverständnis gegeben sein muss, um welches Thema es geht. Denn erst dadurch wird klar, welche Bedeutung zum Beispiel eine Zeigegeste hat und worauf die zeigende Person damit hinweisen will.

Empathie

In den ersten Jahren ist das Kind ganz auf sich bezogen. Erst nach und nach nimmt es die anderen als eigenständige Personen mit eigenen Bedürfnissen wahr und lernt, sich in sie hineinzuversetzen. Auch dies ist ein wichtiges Werkzeug, um einvernehmlich in einer Gemeinschaft mit anderen leben zu können.

Kinder sind Lerngenies

Marco Wehr sagt, Kinder bräuchten vier Dinge, um sich diese Werkzeuge des Wissens erarbeiten zu können: Zeit, Zuwendung, Zuneigung und Zutrauen. Alles andere brächten sie mit. Sie seien von Natur aus Lerngenies. Denn folgende Fähigkeiten zeichneten sie aus: eine unbändige Neugierde, eine hohe Misslingenskompetenz und eine unglaubliche Ausdauer. Sie wagten sich permanent auf neues, unbekanntes Terrain vor, scheiterten dabei regelmäßig und probierten es einfach immer wieder aufs Neue. Sie wiederholen Dinge immer wieder und stellen so sicher, dass sich Gelerntes festigen und nachhaltig verankern kann. Die Ausdauer die Kinder mitbringen, zeigt eine Geschichte seiner Tochter: Sie habe sich Hörspielkassetten gewünscht. Doch statt sie eine nach der anderen zu hören, habe sie die erste Kassette zwei Monate lang immer und immer wieder gehört. „Was von außen nach ‚immer das gleiche‘ aussieht, war für sie immer wieder anders“, berichtet Marco Wehr. „Denn erst nach und nach konnte sie sich auch zunächst unverständliche Inhalte erschließen.“

Was bedeutet das für Eltern?

Mütter und Väter seien gefragt, ihre Kinder mit Zeit, Zuwendung, Zuneigung und Zutrauen zu begleiten, sie an ihrem Leben teilhaben zu lassen und die Phänomene der Welt für sie und mit ihnen zu erleben und zu bewerten. „Die ersten drei Jahre benötigen die Kinder, um sich die Werkzeuge für die Welt des Wissens anzueignen. Das tun sie jeden Tag, 24 Stunden lang“, sagt Marco Wehr. „Für theoretische Inhalte haben sie keine Zeit. Die sollten später kommen.“ Kinder vor dem Fernseher oder Computer zu setzen, sei ebenfalls nicht zielführend. „Es fehlt die Kommunikation. Und es fehlen Bewegung sowie die unmittelbare Wahrnehmung der Lebensrealität“, sagt der Redner. Fernseh- und Computerkonsum beanspruchen das Sehen und Hören. Alle anderen Sinne kommen zu kurz.

Die größte Herausforderung für viele Eltern heute bestünde jedoch darin, das nötige Zutrauen aufzubringen, um Kinder Erfahrungen sammeln, dabei Risiken eingehen und Niederlagen erleben zu lassen. Marco Wehr bringt ein Beispiel aus eigener Anschauung: „Wenn sich ein Elternteil sein Kind auf den Schoß setzt und gemeinsam mit ihm die Rutsche heruntersaust, tut es sich zwar nicht weh, es lernt aber auch nicht, wie es geht zu rutschen.“

Buchhinweis

Ausführlich nachzulesen sind die Inhalte in Marco Wehrs Buch: Werkzeuge für die Welt des Wissens. Was Kinder lernen müssen, um lernen zu können, GRIN Verlag, 2021

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