„Kinder brauchen Zeug zum Spielen“

Plüschtiere, Puppen, Autos, Schiffe …: Die meisten Kinderzimmer sind voll mit buntem Spielzeug. Kitas sehen dagegen oft vergleichsweise spartanisch aus. Denn hier hat Zeug zum Spielen Vorrang vor klassischem Spielzeug. Anja Burger aus dem pädagogischen Leitungskreis des Konzept-e Netzwerks erklärt, was es damit auf sich hat und gilt Tipps für die Kinderzimmerausstattung.

Aus Stühlen und Decken Höhlen bauen, das Fach mit den Plastikdosen ausräumen, Knöpfe nach Farben sortieren – fast alle Menschen kennen solche oder ähnliche Spielerfahrungen aus ihrer Kindheit und sind begeistert, wenn sie daran denken. Die geschilderten Situationen haben eines gemeinsam: Die Kinder gebrauchen kein fertiges Spielzeug, sondern bedienen sich anderen Zeugs, das sie für ihre Zwecke umfunktionieren. Spielzeug ist also nicht gleich Spielzeug. Fachleute aus der Pädagogik unterscheiden daher zwischen Spielmaterial, Spieldingen und Spielzeug.

Spielmaterial

Unter Spielmaterial sind zum Beispiel Dinge aus der Natur zu verstehen, die Kinder gerne zum Spielen verwenden. Sie nutzen Äste, Stöcke, Steine, Blätter, Sand und Erde. Im Spiel werden daraus Menschen, Autos, Nahrungsmittel… alles, was man sich vorstellen kann. Auch (Verbrauchs)-Materialien wie Papier, Pappe, Röhren, Kreppband, Becher oder Holzklötze fallen in die Kategorie „Spielmaterial“.

Spieldinge

Spieldinge sind Alltagsgegenständen, die Kinder zum Spielen nutzen – also die besagten Plastikdosen, die Knöpfe oder Decken. Manche dieser Gegenstände sind sehr vielfältig einsetzbar und lassen sich je nach Spielidee umdeuten. Andere Gegenstände, zum Beispiel ein ausrangiertes Telefon, alt Hüte oder Schuhe, sind weniger offen für Interpretationen. Kinder nutzen sie jedoch gerne, um in Rollenspielen die Erwachsenenwelt nachzunahmen.

Spielzeug

Unter Spielzeug verstehen Fachleute nur die Dinge, die zum Zweck des Spielens hergestellt wurden, zum Beispiel Puppen, Spieltiere oder -autos. Im Gegensatz zu Spielmaterial und Spieldingen sind diese Sachen sehr festgelegt. Sie lassen wenig Raum für Fantasie und Interpretation. Es ist daher oft zu beobachten, dass Kinder eines Spielzeugs schnell überdrüssig werden.

In Kitas gilt: Vorrang für Spielmaterialien und -dinge

Kindertagesstätten achten darauf, den Schwerpunkt auf Spielmaterial und Spieldinge zu legen und Spielzeug nur in begrenztem Umfang anzubieten. „Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass dies die Kinder stärker zum kreativen Spielen auffordert“, sagt  Anja Burger, die im pädagogischen Leitungskreis des Konzept-e Netzwerks für die Themenfelder Räume & Material zuständig ist. „Uns ist es wichtig, dass Materialien möglichst vielfältig einsetzbar sind. Ein Beispiel: Ein Autoteppich, auf dem Straßen, Häuser und Parkplätze zu sehen sind, lässt kaum Freiraum für eigenen Gestaltung. Besitzt ein Raum einen einfarbigen Teppich, auf dem Kinder mit Kreppband eigene Straßen markieren können, ist dagegen ihre Fantasie und Kreativität gefragt. Sie können ihre Straßen auch immer wieder umgestalten, und das Spiel bleibt interessant.“ Ein weiteres Beispiel: Statt eines fertigen Spiel-Parkhauses, das wenig Spielvarianten zulässt, bieten Kitas zuweilen Pappröhren an, durch die Autos flitzen können. Damit können die Kinder ganz unterschiedliche Szenarien aufbauen und erproben. Die Röhren lassen sich zum Beispiel auch zu Murmelbahnen oder zu Türmen zusammensetzen oder beim Piratenspiel als Fernrohre nutzen. „Bei solchen Bau-Materialien ist es uns wichtig, dass genug davon vorhanden ist, damit die Kinder aus dem Vollen schöpfen und ihre Visionen realisieren können,“ erklärt die Pädagogin.

Das geht auch im Kinderzimmer

Für das Kinderzimmer zu Hause können sich Eltern gut an diesem Vorbild orientieren. Auch dort gilt: Vielfältig einsetzbare Materialien sollten die erste Wahl sein. Sie besitzen einen höheren Spielwert und haben einen weiteren Vorteil: Sie wachsen quasi mit. Während Kinder aus klassischem Spielzeug schnell „herauswachsen“, können sie Materialien und Dinge, die weniger festgelegt sind, einfach neu interpretieren, so dass sie zu ihrem Entwicklungsstand und den aktuellen Interessen passen.

„Weniger ist mehr“ …

… lautet ein weiterer Tipp der Pädagogin. Zu viel Zeug lenke die Kinder ab. Es falle ihnen schwerer, sich auf ein Spiel einzulassen. Anja Burger rät Eltern daher, Spielzeug, das aktuell uninteressant ist, einfach eine Zeit lang wegräumen. So schaffen sie mehr Luft und Klarheit im Kinderzimmer. Änderten sich die Interessen des Nachwuchses könnten die Eltern die angebotenen Dinge einfach austauschen.

Ordnung tut gut

Wenn’s in ihrem Zimmer aussieht, als habe eine Bombe eingeschlagen, machen sich auch Kinder lieber dünne. Ordnung und Struktur helfen ihnen, Spielmöglichkeiten zu erfassen, eine Wahl zu treffen und auch dabei zu bleiben. „Das heißt nicht nur, dass der Boden zum Spielen frei sein sollte“, sagt Anja Burger. „Es ist auch vorteilhaft, wenn Materialien und Spielzeuge so verstaut sind, dass das Kind sie unkompliziert finden und nutzen kann. Einfach allen Puppenkram in eine große Box zu werfen, macht es zum Beispiel oft bereits schwer, bestimmte Dinge schnell wiederzufinden.“

Auch hier zeigt sich also: Weniger ist mehr. Und fehlt der Puppe die passende Kleidung, lassen sich Kinder etwas einfallen. „Ich habe mir früher aus Papiertaschentüchern Anziehsachen für meine Barbiepuppe gebastelt. Das hat viel mehr Spaß gemacht, als wenn ich einfach ein fertiges Röckchen aus der Schublade gezogen hätte“, erinnert sich Anja Burger.

Pädagogischer Fachtext zum Weiterlesen:

Anja Burger, „Räume und Material: Zur Bedeutung einer guten Gestaltung“

https://www.element-i.de/magazin/raeume-und-material-zur-bedeutung-einer-guten-gestaltung/

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Ein Schrebergarten für die Kita?

Was soll denn das? Drei element-i Kinderhäuser machen gute Erfahrungen mit externen Gärten und berichten in einem kürzlich erschienenen Fachbeitrag im Kita-Magazin TPS von ihren Projekten. Hier fassen wir wichtige Inhalte für Sie zusammen.

Drei element-i Kinderhäuser haben Kleingärten gepachtet: das element-i Kinderhaus Steppkes und das Junge Gemüse in Stuttgart sowie das element-i Kinderhaus Sterngucker in Karlsruhe. Nun verfügen sie neben dem Kita-Außengelände über ein weiteres grünes Refugium. Warum? Welchen Nutzen versprechen sich die Einrichtungen davon? Was bietet ihnen der Schrebergarten, was das Kita-Gelände nicht auch leisten könnte?

Gestalten und verändern

Der wichtigste Unterschied ist wohl, dass ein Garten fortlaufend bearbeitet wird. Er ist Gegenstand der Gestaltung und Veränderung. Lisa Reuß aus dem pädagogischen Leitungskreis beim Träger Konzept-e sagt: „Kinder können hier buddeln und bauen, Dinge dauerhaft in ihrem Sinne verändern. Das Kita-Außengelände gleicht dagegen eher einem Spielplatz: Sandkasten, Schaukeln, Klettergerüste, Fahrzeuge prägen die Fläche, ziehen die Aufmerksamkeit auf sich und geben Aktionsmuster vor.“

Naturbildung im Garten

Ein Garten dagegen sei ein Stück Natur, das die Kinder über einen langen Zeitraum frei gestalteten, begleiteten und beobachteten. „Dadurch ergeben sich quasi automatisch langfristige Projekte zum Wandel der Jahreszeiten, zum Leben von Pflanzen und Tieren, zum Säen, Ernten und Haltbarmachen von Obst und Gemüse, zu den vier Elementen. Das alles ist Bildung für nachhaltige Entwicklung“, erklärt Lisa Reuß.

Viele Menschen können mitmachen

Ein weiterer wichtiger Unterschied ist, dass sich ein Schrebergarten – anders als das Kita-Gelände – mit anderen Akteur*innen und Institutionen teilen lässt. Die element-i Gärten kooperieren beispielsweise mit Imker*innen (Sterngucker) oder beziehen Schäfer*innen ein (Steppkes). Im element-i Kinderhaus Junges Gemüse übernehmen Eltern viel Verantwortung im Garten und dürfen ihn auch privat nutzen. Das Sterngucker-Team plant einen Stadtteilgarten, der auch anderen Menschen offenstehen soll. Kooperationen mit einer Einrichtung für Kinder mit Schwerstmehrfachbehinderungen und mit einem Flüchtlingswohnheim bestehen bereits.

Persönlichkeiten prägen die Projekte

Der Beitrag im Kita-Fachmagazin TPS beschreibt, wie unterschiedlich die Gärten der Kitas ausfallen. Verantwortlich dafür sind zum einen die Personen, die mit ihren Ideen die Projekte prägen. Aber auch der Garten selbst definiert Möglichkeiten und Grenzen: Während die Kitas Junges Gemüse und Sterngucker eine 400-Qadratmeter-Fläche innerhalb einer Kleingartenanlage nutzen, steht den Steppkes-Kindern ein mehr als dreimal so großer Garten zur Verfügung. Das steile 1.500-Quadratmeter-Gelände besteht aus vier Hängen, die von Plateaus geteilt werden. Bepflanzt ist es vor allem mit Obstbäumen.

Die Kinder sind begeistert

Eines ist allen Projekten gemeinsam: Die Kinder sind meist Feuer und Flamme. Sie buddeln in der Erde, gießen die Pflanzen, beobachten Tiere, verstecken sich in Hecken, klettern auf Bäume und fragen: „Was gibt es heute zu tun?“ Dann sammeln sie Fallobst auf, graben ein Beet um, ernten Tomaten oder greifen zu Werkzeug, um beim Bau des Gartenhäuschens zu helfen.

Hier gibt es der TPS-Fachbeitrag zum Download:
„Vom kleinen Steppke zum großen Gärtner“, TPS 7/2021
https://www.konzept-e.de/fileadmin/Daten/Fachliteratur/TPS_7_21_040-043_Schrebergaerten.pdf

 

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„Kinder sind von Natur aus Lerngenies“

„Unsere Kinder brauchen die 4 Z: Zeit, Zuwendung, Zuneigung und Zutrauen“, sagt der Tübinger Philosoph Marco Wehr. „Alles andere können sie alleine.“ Warum das so ist und welche unglaublichen Leistungen Kinder in den ersten Lebensjahren vollbringen, um sich die motorischen Grundlagen und die Werkzeuge für die Welt des Wissens anzueignen, skizzierte der Buchautor kürzlich in einem Vortrag, den wir hier nachzeichnen.

Neulich hörte ich einen Vortrag, der mich beeindruckte und dessen Inhalte ich gerne mit Ihnen teilen möchte. Marco Wehr, ein in Tübingen lebender Physiker, Philosoph, Tänzer und Buchautor, referierte im Rahmen des Deutschen Kita-Leitungskongresses in Fellbach bei Stuttgart. Er sprach darüber, wie sich Kinder die „Werkzeuge für die Welt des Wissens“ aneignen.

Der Mensch ist besonders anpassungsfähig

Anders als die meisten Tiere kommt der Mensch hilflos zur Welt und muss grundlegende Fähigkeiten erst erlernen. Wir Menschen sind dadurch allerdings auch in hohem Grad anpassungsfähig. Einen jungen Eisbären in die Tropen zu verfrachten, würde ihn das Leben kosten. Wüchse ein Inuitbaby im Senegal auf, wäre das jedoch kein Problem. Die menschliche Gemeinschaft dort hat eine Kultur entwickelt, die es ihm erlaubt, in dieser speziellen Umwelt zu überleben und gibt sie an den Nachwuchs weiter.

Kultur als Überlebenscode

Der Mensch, so Wehr, sei ein Kulturwesen. Den breit gefächerten Kanon an Wissen und Fertigkeiten, den die Menschen sich aufgebaut haben, bezeichnet er als Kultom. Wie bei einem Genom handele es sich dabei um einen Überlebenscode. Er sei jedoch nicht in den Genen, sondern in den Gehirnen der Menschen gespeichert. Nachfolgende Generationen müssten ihn immer wieder neu lernen. Das gäbe ihnen jedoch auch die Chance, sich an veränderte Lebensräume anzupassen.

Um aber von der Kultur profitieren zu können, müssen Kinder erst die „Werkzeuge für die Welt des Wissens“ erwerben. Die wichtigsten sind:

Das Imitationslernen

Kinder sind wahre Nachahmungskünstler*innen. Wie sehr, das zeigt ein Experiment des amerikanischen Psychologen Winthrop Niles Kellogg aus dem Jahr 1931. Er zog das kleine Affenmädchen Gua gemeinsam mit seinem Sohn Donald auf, um herauszufinden, ob der Unterschied zwischen Menschen und Affen natur- oder kulturbedingt ist. Der kleine Affe erwies sich als überaus gelehrig und übertrumpfte den Jungen anfänglich sogar. Entscheidend war allerdings, dass nicht der Affe die Menschen nachahmte, sondern Donald Gua. Die wenigen Worte, die der Junge zunächst sprach, vergaß er. Er begann zu grunzen und zu schreien, klaubte Essenreste und Exkremente vom Boden auf und steckte sie sich in den Mund. Das Experiment lief aus dem Ruder. Der Vater musste es abbrechen. Der Mensch lernte am Vorbild des Affen und nicht umgekehrt.

Uns sollte daher bewusst sein: Wir sind Vorbilder – ob wir es wollen oder nicht. Kinder ahmen uns in allem nach, was wir tun. Dabei vollbringen sie eine sehr komplexe Leistung: Sie wandeln visuelle und akustische Eindrücke in eigenes Verhalten um.

Gesprochene Sprache

Erwachsene und mit zunehmendem Alter auch andere Kinder ordnen die Phänomene der Welt für die Kinder ein und bewerten sie. Dazu ist Sprache unerlässlich. Unterstützt wird der sprachliche Ausdruck durch den Körper des Menschen, der eine regelrechte „Kommunikationsoberfläche“ sei, wie Marco Wehr sagt. Durch seinen aufrechten Gang konnte der Mensch eine ausdrucksstarke Mimik und Gestik entwickeln. Weiße, gut sichtbare Handflächen sowie die weiß eingefasste Iris des Auges machen Hand- und Augenbewegungen zudem für ein Gegenüber gut sicht- und nachvollziehbar.

Sich daraus ihre Muttersprache zu erschließen, ist eine große Aufgabe, die Menschen aufgrund ihrer Hirnentwicklung nur in einer bestimmten Phase ihres Lebens gelingt. Erfahrungen mit in der Wildnis aufgewachsenen, sogenannten Wolfskindern zeigen, dass Menschen, die in ihrer frühen Kindheit keinen Kontakt mit Sprache hatten, später nicht mehr in der Lage sind, sprechen zu lernen. Für den aufrechten Gang trifft das übrigens ebenfalls zu.

Geteilte Aufmerksamkeit (Intentionalität)

Kleine Kinder und ihre Eltern verständigen sich oft mit Gesten. Das erscheint einfach. Ist es jedoch nicht. Denn damit die Verständigung gelingt, ist ein gemeinsamer semantischer Referenzrahmen nötig. Das bedeutet, dass ein gemeinsames Vorverständnis gegeben sein muss, um welches Thema es geht. Denn erst dadurch wird klar, welche Bedeutung zum Beispiel eine Zeigegeste hat und worauf die zeigende Person damit hinweisen will.

Empathie

In den ersten Jahren ist das Kind ganz auf sich bezogen. Erst nach und nach nimmt es die anderen als eigenständige Personen mit eigenen Bedürfnissen wahr und lernt, sich in sie hineinzuversetzen. Auch dies ist ein wichtiges Werkzeug, um einvernehmlich in einer Gemeinschaft mit anderen leben zu können.

Kinder sind Lerngenies

Marco Wehr sagt, Kinder bräuchten vier Dinge, um sich diese Werkzeuge des Wissens erarbeiten zu können: Zeit, Zuwendung, Zuneigung und Zutrauen. Alles andere brächten sie mit. Sie seien von Natur aus Lerngenies. Denn folgende Fähigkeiten zeichneten sie aus: eine unbändige Neugierde, eine hohe Misslingenskompetenz und eine unglaubliche Ausdauer. Sie wagten sich permanent auf neues, unbekanntes Terrain vor, scheiterten dabei regelmäßig und probierten es einfach immer wieder aufs Neue. Sie wiederholen Dinge immer wieder und stellen so sicher, dass sich Gelerntes festigen und nachhaltig verankern kann. Die Ausdauer die Kinder mitbringen, zeigt eine Geschichte seiner Tochter: Sie habe sich Hörspielkassetten gewünscht. Doch statt sie eine nach der anderen zu hören, habe sie die erste Kassette zwei Monate lang immer und immer wieder gehört. „Was von außen nach ‚immer das gleiche‘ aussieht, war für sie immer wieder anders“, berichtet Marco Wehr. „Denn erst nach und nach konnte sie sich auch zunächst unverständliche Inhalte erschließen.“

Was bedeutet das für Eltern?

Mütter und Väter seien gefragt, ihre Kinder mit Zeit, Zuwendung, Zuneigung und Zutrauen zu begleiten, sie an ihrem Leben teilhaben zu lassen und die Phänomene der Welt für sie und mit ihnen zu erleben und zu bewerten. „Die ersten drei Jahre benötigen die Kinder, um sich die Werkzeuge für die Welt des Wissens anzueignen. Das tun sie jeden Tag, 24 Stunden lang“, sagt Marco Wehr. „Für theoretische Inhalte haben sie keine Zeit. Die sollten später kommen.“ Kinder vor dem Fernseher oder Computer zu setzen, sei ebenfalls nicht zielführend. „Es fehlt die Kommunikation. Und es fehlen Bewegung sowie die unmittelbare Wahrnehmung der Lebensrealität“, sagt der Redner. Fernseh- und Computerkonsum beanspruchen das Sehen und Hören. Alle anderen Sinne kommen zu kurz.

Die größte Herausforderung für viele Eltern heute bestünde jedoch darin, das nötige Zutrauen aufzubringen, um Kinder Erfahrungen sammeln, dabei Risiken eingehen und Niederlagen erleben zu lassen. Marco Wehr bringt ein Beispiel aus eigener Anschauung: „Wenn sich ein Elternteil sein Kind auf den Schoß setzt und gemeinsam mit ihm die Rutsche heruntersaust, tut es sich zwar nicht weh, es lernt aber auch nicht, wie es geht zu rutschen.“

Buchhinweis

Ausführlich nachzulesen sind die Inhalte in Marco Wehrs Buch: Werkzeuge für die Welt des Wissens. Was Kinder lernen müssen, um lernen zu können, GRIN Verlag, 2021

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In Corona-Zeiten die Kita neu erfinden

Natürlich wurde geschimpft, gemotzt und gemeckert – doch die Teams der element-i Kinderhäusern krempelten auch die Ärmel hoch und fanden neue Wege, um den Geist der element-i Pädagogik unter herausfordernden Pandemie-Bedingungen lebendig zu halten. Eindrucksvoll!

Wo Schatten ist, gibt es auch Licht – fällt manchmal nur nicht so auf. Mir zumindest nicht. Immer wieder ertappe ich mich dabei, dass ich intensiv Haare in Suppen suchen. Damit bin ich nicht alleine: Die Corona-Situation mit ihren Zumutungen und Unwägbarkeiten wirft ein besonderes Schlaglicht auf unsere Angewohnheit, uns an negativen Aspekten des Lebens „festzubeißen“.

Herausforderungen in der Pandemie

Auch in unseren element-i Kinderhäusern fiel und fällt in Pandemie-Zeiten jede Menge Schatten auf: Immer wieder neue Corona-Verordnungen, die last minute größere organisatorische Anpassungen nötig machen und stark in die Pädagogik eingreifen; Lock-Down-Situationen und Quarantänen, die von einem Tag auf den anderen den gewohnten Alltag komplett auf den Kopf stellen; ein ungeheurer Kommunikationsbedarf mit allen Beteiligten, um diesen Wandel praktisch handhabbar zu machen und emotionale Folgen aufzufangen.

„Wir haben viel dazugelernt“

Doch als ich für einen Rückblick auf das erste Corona-Jahr, den ich für das Kita-Fachmagazin KiTa aktuell verfasste, mit Teamleistungen aus element-i Kinderhäusern sprach, war ich überrascht. Die Veränderungen gingen für die Kita-Teams mit echten Herausforderungen einher und erzeugten daher auch jede Menge Unmut. Doch gleichzeitig sahen die Teams auch, was sie durch die Corona-Zeit gewonnen hatten. „Wir sind flexibler geworden und haben zusätzliche digitale Kompetenzen aufgebaut“, hieß es unter anderem. Zum Beispiel fanden Elternabende online statt. Für viele Eltern war das praktisch, denn so konnten beide Elternteile an der Veranstaltung teilnehmen, ohne einen Babysitter finden zu müssen. Für mache senkte das auch die Hemmschwelle, überhaupt teilzunehmen. Viele element-i Kinderhäuser möchten Elternabende daher auch corona-unabhängig künftig ab und an online durchführen.

Lernfeld: Kommunikation

Ein anderes Corona-Lernfeld war der erhöhte Gesprächsbedarf im Team und mit den Familien. Dabei ging es nicht nur um organisatorische Dinge, sondern auch darum, emotionale Tiefpunkte zu erkennen und aufzufangen. Eine Teamleiterin berichtete zum Beispiel, dass sie im ersten Lockdown, als ihre Kita nur eine Notbetreuung anbieten durfte, mit jedem Teammitglied jede Woche 15 Minuten telefonierte, um zu hören, wo der Schuh drückt: Teamhygiene sei in dieser herausfordernden Zeit besonders wichtig, sagt sie. Auch den Eltern bot sie telefonische Sprechstunden an.

In den Lockdown-Phasen erfanden die Fachkräfte ihre Arbeit regelrecht neu. Sie ersannen Wege, um trotzdem mit den Familien in Kontakt zu bleiben und bei den Kindern den Draht zu ihrer Einrichtung nicht abreißen zu lassen. Es gab Aktionen, die die Familien zur Kita führten, teilweise wurden Videos gedreht oder Newsletter versandt. Damit erweiterten die Teams oft ebenfalls digitale Kompetenzen, und sie bauten vielfach neue Kommunikationskanäle auf.

Schwierige Einschränkungen

Als die Kinder wieder in die Kinderhäuser kommen durften, war dort die Arbeit in Kohorten verpflichtend. Jetzt waren die Kinder plötzlich auf ihre Gruppe, ihre Räume und ihre Fachkräfte beschränkt. Die Eltern gaben die Kinder an der Tür ab und durften die Einrichtung nicht betreten. Den Fachkräften war es zeitweise verboten zu singen, weil sie dabei potenziell besonders ansteckend sein könnten. Das alles war ein starker Eingriff in den pädagogischen Alltag und entsprach nicht dem, was die element-i Pädagogik idealerweise vorsieht.

Naturraumpädagogik tritt in den Vordergrund

Mich beeindruckte zu hören, was die Fach- und Leitungskräfte alles taten, um unter den gegebenen Rahmenbedingungen neue Wege zu finden, den Geist der element-i Pädagogik lebendig zu halten. Besonders wichtig wurde die Naturraumpädagogik. Raus ins Grüne, lautete das Motto: Wiesen, Spielplätze, Parks und Wälder boten in dieser restriktiven Zeit willkommene Freiräume. Die Fachkräfte entwickelten Idee, um auch im Freien Impulse zu allen Bildungsbereichen anbieten zu können. Das natürliche Umfeld ist so anregungs- und materialreich, dass es sogar überflüssig ist, dafür Dinge aus der Kita mitzubringen. Steine und Stöcke, Büsche und Baumstämme verwandeln sich je nach Bedarf in Häuser, Tische, Autos, Esswaren… für Rollenspiele, in Klettergeräte und Sportplätze, in Musikinstrumente oder in Experimentier- und Zählmaterial.

Kinder sind offen und veränderungsbereit

Dass auf einmal vieles in der Kita anders sei, damit kämen die meisten Kinder erstaunlich gut zurecht, beobachteten die Teamleitungen, mit denen ich sprach. Sie nähmen die Veränderung offen und vorurteilsfrei an und passten sich in der Regel ganz selbstverständlich an. Es seien die Erwachsenen, Erzieher*innen wie Eltern, die die größeren Probleme damit hätten.

Die Geschichte vom KiKo-Lied

Doch alles machen wohl auch die Kinder nicht mit. Patricia Sigg aus dem pädagogischen Leitungskreis erzählte mir eine amüsante Geschichte aus einem der element-i Kinderhäuser. Die tägliche Kinderkonferenz (KiKo) wird in den element-i Kinderhäusern von einem Lied eingeläutet. Plötzlich durften es die Erzieher*innen jedoch nicht mehr mitsingen. Sie forderten die Kinder auf, das alleine zu tun. Doch niemand sang – obwohl die Kinder das Lied gut kennen. Wenn sie unter sich die KiKo nachspielen, singen sie es lauthals, berichtete Patricia Sigg. Die Fachkräfte versuchten es mit rhythmischem Klatschen, indem sie den Text rezitierten, mit einer Aufnahme vom Band – nichts fruchtete.

Die Kita-Teams ersetzten die Lieder im Tagesablauf daher vielfach durch etwas Neues – durch Rezitationen, Fingerspiele oder von Gebärden begleitete Geschichten. Das funktionierte gut! Viele element-i Pädagog*innen trafen sich dafür eigens zu Online-Qualitäts-Werkstätten, um häuserübergreifend gemeinsam zu erarbeiten, wie sie diese Veränderungen gut gestalten können.

So mach‘ ich es auch!

Ich habe beschlossen, mir von diesem Vorgehen etwas abzuschauen – nicht nur Trübsal blasen, sondern neu denken und andere Wege finden. Denn damit erarbeite ich mir neue Handlungsoptionen und lerne mich selbst besser kennen. Das lohnt sich doch!

Hier gibt es die KiTa-aktuell-Fachbeiträge zum Download:

„Ein Jahr Corona: Drei Kita-Teamleiterinnen ziehen Bilanz“, KiTa aktuell 3/2021 https://www.konzept-e.de/referenzen/publikationen/fachbeitraege-details/news/detail/kita-aktuell-element-i-teamleitungen-blicken-auf-ein-jahr-corona-zurueck/?L=138&cHash=d71c6a511206e2cfc14e42c86eb9060e

„Wir singen jetzt draußen!“, KiTa aktuell 2/2021 https://www.konzept-e.de/referenzen/publikationen/fachbeitraege-details/news/detail/kita-aktuell-nicht-mehr-in-geschlossenen-raeumen-singen-und-jetzt/?L=138&cHash=9ef902b68f95bafe24c58aff80408ed2

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Entwicklungsspielräume vergrößern: Geschlechtersensible Pädagogik in der Kita

Wir leben in einer freien Gesellschaft, in der jede*r eigene Potenziale entfalten kann. Wirklich? Legen uns traditionelle Rollenzuschreibungen nicht gehörig fest? Ich denke ja. Und das große Problem dabei: Wir merken oft nicht einmal, dass wir Stereotype bedienen. Doch Kitas könnten dazu beitragen, Geschlechterrollenklischees aufzubrechen.

In der Schule war ich gut in Mathe und Physik. Wäre ich ein Mann, wäre ich heute wahrscheinlich Ingenieur. Ich bin aber eine Frau. Ich studierte Germanistik. Trotz mittelmäßiger Ergebnisse im Deutschunterricht traute ich mir das ohne Weiteres zu. Für den naturwissenschaftlich-technischen Bereich, war ich überzeugt, fehle mir hingegen jedes echte Verständnis – guter Noten zum Trotz.

Erzieher: oft spät berufen

Viele Männer können ähnliche Geschichten erzählen – insbesondere Erzieher. Die meisten landen nach der Schulzeit in einem technischen oder handwerklichen Beruf. Dass die Bildung, Erziehung und Betreuung junger Kinder ihre Berufung sein könnte, wäre ihnen nicht in den Sinn gekommen. Dabei merken sie oft schon als Jugendliche, dass ihnen die Aufgabe liegt. Sie sind in Sportvereinen als Trainer aktiv, kümmern sich um jüngere Geschwister oder arbeiten in den Sommerferien als Betreuer in Feriencamps. Erst mit zunehmender Lebenserfahrung, wachsender Selbsterkenntnis und größerem Selbstvertrauen kommt dann die Entscheidung: „Ich sattle um und werde Frühpädagoge.“

Innerliche „No-go-areas“

Wollen wir also wirklich, dass alles so bleibt? Dass es spezielles Spielzeug, eigene Farben, bestimmte Kleidung, Lebensmittel, Hobbys … für Mädchen und Jungen, für Frauen und Männer gibt? Wollen wir, dass sich unsere Kinder bei der Berufswahl auf das beschränken, was traditionell für ihr Geschlecht vorgesehen ist? Ich denke, dass wir uns durch diese Geschlechterstereotype selbst ein Korsett anlegen. Ich befürchte, dass wir unsere Potenziale oft nicht ausschöpfen – weil wir innerlich strikte „No-go-areas“ markiert haben. Schade eigentlich.

An den Interessen und Bedürfnissen der Kinder orientiert?

Die gesetzlich definierte Aufgabe von Kindertagesstätten ist es, die Entwicklung von Kindern zu eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten zu fördern und sich dabei an den Interessen und Bedürfnissen des einzelnen Kindes zu orientieren. Doch wer kindliche Willensäußerungen nur innerhalb bestimmter geschlechtstypischer Raster wahrnimmt und fördert, wird diesem Anspruch nur bedingt gerecht. Daher streben Kitas eine geschlechtersensible Pädagogik an, die stereotype Zuschreibungen vermeiden und Kindern so neue Entwicklungschancen und Handlungsspielräume eröffnen soll. Ein herausforderndes Unterfangen, das den Fachkräften viel Selbstbeobachtung, Reflexion und Verhaltensänderungen abfordert.

Studie zeigt, wie Fachkräfte Rollenklischees weitergeben

Wie subtil Erwachsene, die ja oft das Gefühl haben, Mädchen und Jungen gleich zu behandeln, Geschlechterklischees weitergeben und stärken, macht die sogenannte Tandem-Studie von Professor Holger Brandes und seinem Team an der Evangelischen Hochschule in Dresden deutlich. Von 2010 bis 2014 untersuchten sie, inwieweit sich das professionelle Verhalten von Erzieherinnen und Erziehern Kindern gegenüber unterscheidet. Schließlich wird die Forderung, mehr Männer in Kindertagesstätten zu beschäftigen, häufig auch damit begründet, dass sie anders mit Kindern umgingen. Erstaunlicherweise zeigt die Studie jedoch keine signifikanten Unterschiede im Verhalten weiblicher und männlicher Fachkräfte.

Was die Studie jedoch deutlich macht: Sowohl Männer als auch Frauen gehen anders mit einem Kind um, je nachdem, ob es sich um ein Mädchen oder einen Jungen handelt. Zum Beispiel beim Malen, Basteln, Werken: Mit Mädchen entstehen deutlich häufiger Subjekte (Kriterium: mit Augen), mit Jungen Objekte (ohne Augen). Außerdem reagieren die Fachkräfte stärker auf ein traditionell geschlechterrollenkonformes Verhalten von Kindern und verstärken es damit. Die eigenen Prägungen der Fachleute spielen dabei eine zentrale Rolle. Die Studienautor*innen beobachteten zudem, dass in Situationen, in denen sich eine Erzieherin mit einem Mädchen oder ein Erzieher mit einem Jungen ganz auf ein gemeinsames Projekt einlässt, aus dem geteilten Interesse heraus oft Momente besonderer Intensität und Verbundenheit entstehen. Die Projekte sind quasi immer rollentypisch. Kurz: Erzieherinnen greifen zu Perlen, Erzieher zu Unterlegscheiben.

Kinder sollen ihre soziale Geschlechterrolle selbst definieren können

Die element-i Kinderhäuser haben daher ein eigenes Kapitel „Gleichberechtigung der Geschlechter“ in die Konzeption aufgenommen. Dort steht unter anderem: „Gender Mainstreaming heißt für uns, dass jedes Mädchen und jeder Junge seine eigene soziale Geschlechterrolle konstruieren darf und soll und sich damit in unserer Mitte befindet. Diese Rolle ist nicht zwangsläufig mit Rollenstereotypen und biologischem Geschlecht verbunden.“ Was heißt das für die Praxis in den Kitas? Dort tragen gemeinsame Reflexionen im Team, genderbewusstes pädagogisches Alltagshandeln, für alle Geschlechter ansprechend gestaltete Räume und unter Diversitätskriterien gewählte Materialien dazu bei, Kindern Handlungsspielräume jenseits traditioneller Rollenzuschreibungen zu eröffnen.

Was halten die Eltern davon?

Vor einigen Jahren führten die element-i Kinderhäuser einrichtungsübergreifende Elternabende zum Thema „Genderpädagogik: Mädchen und Jungen – zwei Erziehungswelten?!“ durch. In der Diskussion zeigte sich: Die meisten Eltern vertreten eine eher traditionelle Haltung. Sie möchten ihre Kinder nicht dazu ermutigen, Dinge auszuprobieren, die nicht geschlechtsrollenkonform sind. Sie befürchten, dass ihre Kinder ausgegrenzt werden könnten, wenn sie sich unangepasst verhalten, oder dass sie sich dann nicht „normal“ entwickeln. Interessanterweise beziehen sich die Unsicherheiten vornehmlich auf Jungen. Mädchen gestehen die Eltern eher zu, dass sie sich an vermeintlich männlichen Verhaltensmustern orientieren. Wie sehen Sie das?

Übrigens: Vielleicht ist es Ihnen aufgefallen. Auf das Wort „Gender“ (soziales Geschlecht) habe ich in diesem Text weitgehend verzichtet. Mein Eindruck ist: Allein dieser Begriff lässt die Emotionen bereits hochkochen – noch bevor ein einziges Argument ausgetauscht ist. Warum reagieren wir bei diesem Thema so emotional?

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Die 5 Erziehungsfehler, die ich heute vermeiden würde

Unser Sohn ist jetzt erwachsen. Er ist ein prima Kerl und hat sich super entwickelt. Trotzdem: Es gibt Erziehungssituationen, die gehen mir bis heute nach. Denn ich bin mir sicher: Ich hätte es oft deutlich besser machen können. Ich glaube, es hätte mir geholfen, wenn ich damals gewusst hätte, was ich heute weiß. Hier kommen daher meine persönlichen Top 5 Erziehungsfehler und Ansätze fürs Bessermachen: 

Gewalt anwenden 

Klar, das machen wir nicht! Wirklich? Ist es nicht Gewalt, wenn ich – Asche über mein Haupt – mein tobendes Kind in sein Zimmer sperre? Wenn ich es packe und irgendwo wegzerre? Wenn ich es anschreie, kleinmache, beschäme? 

Was hilft? Innerlich zurücktreten: Erst überlegen, die Situation neu bewerten (z.B. erkennen, dass mein tobendes Kind gerade seinen Emotionen hilflos ausgeliefert ist und meine Hilfe braucht) und dann (anders) handeln.  

Inkonsequent und unzuverlässig sein

Kinder benötigen Orientierung in einer Welt, die sie ständig mit Neuem konfrontiert. Klare Regeln und Strukturen helfen ihnen dabei. Dumm nur, wenn ich die Regeln dann selbst immer wieder durchbreche: Wenn es doch Süßigkeiten vor dem Essen gibt, weil das Kind quengelt. Wenn ich einen Ausflug verspreche und ihn dann – aus welchen Gründen auch immer – doch nicht mache.  

Was hilft? Diszipliniert sein und durchhalten: Klare Regeln und Verlässlichkeit erleichtern langfristig das Zusammenleben für alle. Für mich ist dies – ehrlich gesagt – eine der größten Herausforderungen bei der Kindererziehung. 

Wenig zutrauen 

Plätzchen backen, mit einem Freund alleine zum Spielplatz laufen, auf einehohen Baum klettern …: „Dafür ist er/sie noch zu jungzu unerfahrenzu ungeschickt…“ Oft trauen wir unseren Kindern viel zu wenig zu. Aus Vorsicht möchten wir sie am liebsten in Watte packenWas mein Kind daraus lernt: „Die Welt ist schwierig und gefährlich, und ich bin nicht fähig, damit zurechtzukommen.“ 

Was hilft? Sich bewusst machen: Kinder benötigen Herausforderungen, um daran zu wachsen, Erfolge, die sie eigener Leistungsfähigkeit und Anstrengung verdanken. So erfahren sie: „Ich bin kompetent und kann neue Aufgaben zuversichtlich anpacken.“ 

Unklar und zu viel reden 

Kommunikation ist, da bin ich mir sicher, ein Schlüssel zum Erziehungserfolg. Ich weiß noch, wie oft ich beim Blick ins Gesicht unseres Sohnes dachte: „Von dem, was ich ihm jetzt gesagt habe, ist nichts angekommen.“ Ich hatte, wie so oft, keine klare Ansage gemacht, sondern viel zu viel herum und auf ihn eingeredet. 

Was hilft? Klare Aussagen treffen (z.B. keine Höflichkeitsfrage stellen, wenn ich eigentlich eine Bitte äußern möchte). Eine andere Haltung einnehmen: mit dem Kind reden (nicht zu ihm), es als Gesprächspartner ernst nehmen. Am besten auf Augenhöhe. Das gilt ganz wörtlich und bedeutet bei kleinen Kindern: in die Knie gehen. 

Vergleichen 

„Andy kann sich schon auf den Bauch drehen“, „Sara schreibt ihren Namen“, „Bernd lernt Klavierspielen“, „Katharina ist sehr gut in Mathe“: Das soll mein Kind bitte auch machen! Es hat lange gedauert, bis diese Schallplatte aufhörte in meinen Kopf zu laufen und die Sicherheit kam: „Er findet genau den Weg, der zu ihm passt!“ 

Was hilft? Das Vertrauen zu nähren, dass mein Kind sich schon gut entwickeln wird – in seinem eigenen Tempo und mit seinen eigenen Schwerpunkten. Mit dem Wissen: Es ist sein Leben. Er/sie muss es gut finden, nicht ich. 

Die Grundhaltung ist wichtig 

Eigentlich kommt wohl alles auf das eigene Menschenbild und die Haltung zum Kind an. Wenn die stimmt, ist es kaum noch nötig, 1.001 Erziehungstipps durchzudeklinieren. Denn dann ergibt sich – mit etwas Nachdenken – vieles ganz logisch aus dieser Grundhaltung.  

Sie besagt: Ich respektiere mein Kind als eine eigenständige Persönlichkeit mit eigenen Rechten – zum Beispiel mit dem Recht, altersangemessen selbst über sich und über seine Alltags- bzw. Lebensgestaltung zu bestimmen, mit dem Recht, Fehler zu machen und aus eigenen Erfahrungen zu lernen und mit dem Recht auf Privatsphäre, auf Bildung und Erziehung aber auch auf Freizeit und ErholungAls Mutter oder Vater gebe ich meinem Kind Liebe und Geborgenheit und damit die Sicherheit, die es braucht, um die Welt erkunden zu können. Bei diesem Welterkundungsprozess begleite ich es vertrauensvoll – wie ein Coach, dessen Ziel es ist, schlummernde Potenziale zu wecken. Ich kann meinem Kind meine Ideen, Haltungen und Werte mit auf den Weg geben. Was es daraus macht, bleibt ihm überlassen. Das akzeptiere ich. 

Das zu verinnerlichen, geht sicher nicht so schnellAber vielleicht hilft es, es sich ab und zu durch den Kopf gehen zu lassen – zum Beispiel in herausfordernden Erziehungssituationen.

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