„Jein“ – Sinn und Unsinn von Verboten

Womöglich ist der Satz „Ich habe „Nein“ gesagt!“ einer der meistgesagten Sätze im Kitaalltag. Getoppt wird dieser Satz von einem noch knapperen „Nein“. Das glauben Sie nicht? Eine kleine Beobachtungsstudie hat herausgefunden, dass Kinder diese oder ähnliche Anweisungen sehr oft hören. Und ich möchte Sie heute einladen, den Satz in Frage zu stellen, ihn kritisch zu beäugen oder neu zu denken. Das mag die eine oder den anderen unter Ihnen irritieren oder sogar stören. Denn Verbote und klare Begrenzungen sind im Kita-Alltag und anderswo durchaus sinnvoll. Doch was wäre, wenn wir häufiger „Ja“ sagten? Begeben Sie sich mit auf meine Gedankenreise.

Einen ganzen Tag nur „ja“ zu hören, das ist der Wunsch vieler Kinder. Dieser Wunsch scheint auch Erwachsene immer noch zu bewegen, so dass sogar Filme und Bücher zum Thema entstanden sind. Titel wie „Der Ja-Sager“ oder „Yes Day“ oder „The Yes Man“ greifen die Idee, zu allem „ja“ sagen zu müssen, mit einem Augenzwinkern auf. Oft äußern auch Kinder gegenüber Pädagog*innen den Wunsch, dass die Pädagog*innen häufiger „Ja“ sagen könnten. Ich frage mich, woher dieser Wunsch kommt. Und was könnte die Botschaft an uns sein oder die Idee dahinter? Geht es darum, den ganzen Tag nur Süßigkeiten essen zu dürfen oder bis in die Nacht aufzubleiben? Würden wir als Gemeinschaft in Kita oder anderswo im Chaos versinken, wenn wir den Kindern häufiger mal zustimmten? Würden Kinder neue Kompetenzen entdecken? Würden wir als Erwachsene auf andere Lösungen kommen und leichter durch den Tag gehen? Mit Gedanken wie diesen habe ich mich beschäftigt.

Erziehung zur Freiheit

„Die Begleitung durch aktiv gesteuertes, fachlich fundiertes, entwicklungsangemessenes „Sichern und Freigeben“ mit dem Zutrauen in die kindlichen Fähigkeiten, ermöglicht und fördert die Selbständigkeit, das Engagement und die zunehmende Eigenverantwortung der Kinder.“ (Kammerlander et al. 2018, S. 2). In unserer element-i Konzeption steht es beschrieben, dass wir Kindern in einer Erziehung zu innerer Freiheit auch äußere Freiheit zugestehen wollen. Denn nur wenn ein junger Mensch eigene Erfahrungen machen darf, bekommt er damit die Möglichkeit, sich ein Bild über die Dinge und die Welt zu machen. Nur dann hat er die Chance herauszufinden, ob er sich das eine oder andere schon zutrauen kann oder ob vorher noch kleinere Entwicklungsschritte zu gehen sind.

Balance zwischen Autonomie und Sicherheit

Beobachten wir uns im Alltag selbst, dann können wir leicht feststellen, wie schnell uns ein „Nein“ oder ein „Jetzt nicht“ – mehr ein Befehl als eine Aussage – herausrutscht. Ein Befehl, der die Kinder in ihren Erfahrungen eingrenzt. Sei es, dass die Kinder genau auf dem Teppich ihre Eisenbahnstrecke aufgebaut haben, auf dem üblicherweise Kiko ist. Und nun müssen die Kinder für den Teil des Tagesablaufs ihren Platz räumen und das Bauwerk aufgeben. Oder sei es, dass wir bereits ahnen, dass das Kleinkind dabei ist, vom Stuhl auf den Tisch zu klettern, um sich beim Mittagessen einen Nachschlag zu sichern.

Wenn wir zu Kindern „Nein“ sagen, dann mag es berechtigte Gründe dafür geben. Nicht selten wird jedoch auch ein Verbot ausgesprochen, weil unsere routinierte Ordnung gestört wird oder auch aus Gründen der Bequemlichkeit. Wir befürchten womöglich im Nachgang einen Mehraufwand oder begeben uns nicht auf den Weg, eine alternative Lösung zu suchen, weil wir etwas immer schon so und nicht anders gemacht haben. Oder es steht eine Diskussion mit Eltern ins Haus, wenn wir dem Kind die Erfahrung, barfuß zu laufen, nicht vorenthalten wollten und deshalb am Abend nur noch einen Socken von dem Paar am Morgen zu finden ist. Wir sagen auch „Nein“ zu Kindern, wenn wir selbst etwas nicht aushalten können, also wir zum Beispiel nicht zuschauen können, wie ein Kind die Sprossenwand oder den Baum hochkraxelt. Wir entreißen Kleinkindern die Bastelscheren, noch bevor es einmal am Blatt ansetzen konnte, statt bei ihnen zu bleiben und sie in der Erfahrung zu begleiten.

Für mehr Autonomie im Alltag

Janusz Korczak hat vor über 100 Jahren in seiner Magna Charta Libertatis geschrieben, dass das erste Recht eines Kindes das Recht auf seinen eigenen Tod sein soll. Damit setzte er den Tod mit Risiko gleich, Lebensrisiko. Er stellte die Behauptung auf, dass wir Kindern aus Angst, der Tod könnte uns das geliebte Kind entreißen, ihm die Chance nehmen zu leben (vgl. Korczak 2007, S. 10ff). Seine Worte sind aus einer anderen Zeit und klingen radikal, dennoch ist die Idee darin bedenkenswert. Man stellt sich die Frage, ob die Entscheidungen, die man fällt, willkürlich geschehen oder Kindern einen Rahmen geben, in dem sie sich bewegen und ausprobieren können. Dazu einige Beispiele:

Nehmen wir erneut das Kleinkind, das auf den Tisch krabbelt, um sich einen Nachschlag vom Essen zu sichern. Auf den Tisch mit den Schüsseln klettern?, das macht man doch nicht. Also wird das Verhalten unterbunden. Vielleicht wäre es eine Alternative, das Kind gewähren zu lassen (sofern keine akute Gefahr besteht). Und im Nachgang zu erklären, dass dieses Kind eine Lösung gewählt und ausprobiert hat, die ihm sinnvoll erschien. Mit den Kindern kann man anschließend gemeinsam überlegen, wie man künftig vorgehen kann

Beim Thema Kletterbaum scheiden sich die Geister: Wenn Sie nur schwer aushalten können, dass ein Kind am Baum herumkraxelt, und Sie sich sorgen, es könne sich verletzen, dann könnten Sie eine Kolleg*in bitten, die Aufsicht zu übernehmen – eine Kolleg*in, die den Kindern mehr Zutrauen entgegen bringen kann. Kinder wissen intuitiv recht gut, was sie sich zutrauen können und brauchen eine Unterstützer*in, die drauf schaut, wo der Fuß als nächstes gesetzt werden kann. Eine Bremser*in, die wiederholt „Pass auf“ ruft, ist für diese Lernerfahrung eine hemmende Begleiter*in.

Was macht man mit dem Bauwerk auf dem Kiko-Teppich? Statt „Nein“ zu sagen und die Kinder zu begrenzen, könnte man gemeinsam mit den Kindern auf Lösungssuche gehen. Es könnte sich dabei herausstellen, dass der Kiko-Teppich oft und gern für Bauwerke aller Art genutzt wird. Dann haben Sie einen Hinweis erhalten, dass Sie einen anderen und günstigeren Ort für die Kiko suchen sollten.

Der Kita-Alltag ist geprägt vom Abwägen zwischen dem Wohl des Einzelnen und dem der Gemeinschaft. Trotzdem möchte ich Sie einladen, den Alltag im Kinderhaus zu beobachten. Schauen Sie (oder als Team) einen Tag lang darauf, wie oft und in welchen Situationen Sie Kinder begrenzen und ihnen mit einem „Nein“ oder einer knappen Ansage Erfahrungen vorenthalten. In der Teamsitzung könnten Sie die Situationen analysieren und Alternativen finden, die den Kindern neue Erfahrungsräume eröffnen. Denn schon Konfuzius wusste: „Sage es mir, und ich werde es vergessen. Zeige es mir, und ich werde es vielleicht behalten. Lass es mich tun, und ich werde es können.“

Mehr von Franziska Pranghofer

Literatur

Kammerlander, Carola; Rehn, Marcus; Pädagogischer Leitungskreis (2018): element-i Konzeption. Stuttgart

Korczak, Janusz (2007): Das Recht des Kindes auf Achtung. Fröhliche Pädagogik. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus.

„Wir machen mit!“ – Demokratiebildung und Partizipation in der Kita

In den vergangenen Wochen und Monaten war der Wahlkampf der Kanzlerkandidaten und der Kanzlerkandidatin das Thema in allen Medien. Über Wahlplakate, Radio, Fernsehen und sicher durch Gespräche haben auch Kinder erahnt, dass Großes im Gange ist. Manche Kinder haben ihre Eltern oder Großeltern ins Wahllokal begleitet. Vielleicht haben sich die Kinder gewundert, warum sie nicht zur Stimmabgabe in die Wahlkabine durften. Vielleicht haben sie gefragt, was ein Kanzler oder eine Kanzlerin so macht. Vielleicht hat die Kinder interessiert, warum man überhaupt wählen geht. Hier und da wurde das Thema auch in der Kita aufgegriffen – zum Beispiel im Erzählkreis. Möchte man den Kindern adäquate Antworten geben, kommt man schnell vom Hölzchen aufs Stöckchen; und so fragte ich mich beim Schreiben: Wo fange ich bloß an?

Sucht man im Internet nach dem Stichwort Demokratie, informiert Wikipedia recht ausführlich. U.a. heißt es dort: „Demokratie … bezeichnet heute Herrschaftsformen, politische Ordnungen oder politische Systeme, in denen Macht und Regierung vom Volk ausgehen …. Dieses wird entweder unmittelbar … oder durch Auswahl … entscheidungstragender Repräsentanten an allen Entscheidungen, die die Allgemeinheit verbindlich betreffen, beteiligt“ (Wikipedia 2021).

Was bedeutet Demokratie in der Kita?

Ist es bereits demokratisch, wenn die Kinder einmal im Monat ein Menü auswählen dürfen? Oder dass sich der Erwachsene auf Augenhöhe mit dem Kind begibt? Sicherlich sind die beiden Beispiele praktische Ideen und Mosaiksteinchen für die Umsetzung. Es braucht jedoch eine grundlegende Haltung gegenüber Kindern. Demokratisch zu handeln bedeutet, Kinder – wo immer es möglich und ihrer Entwicklung angemessen ist – partizipieren zu lassen. Es geht darum anzuerkennen, dass Kinder in alle Entscheidungen, die ihr Leben betreffen, einbezogen werden (vgl. Hansen et al. 2015, S. 20). In der Kita sind die Kinder die Allgemeinheit und Fragen des einzelnen Kindes werden plötzlich zu Fragen, die die ganze Gruppe betreffen („Kann ICH mein Bauwerk hier stehen lassen, auch wenn WIR hier später Singkreis machen wollen?“) Somit sollten die Kinder bei Entscheidungen, die sie betreffen, befragt und einbezogen werden. Was im Umkehrschluss auch bedeuten kann, dann entsprechend zu handeln und die Ideen der Kinder gemeinsam in die Umsetzung zu bringen oder schlüssig zu erklären, warum die Idee nicht umgesetzt wird. Ohne dieses Vorgehen wäre der Artikel 12 in der UN-Kinderrechtskonvention, in welchem dieses Recht verankert ist, eine Worthülse.

Partizipation ist Beziehungsarbeit

Kinder erfahren, dass wir sie in all ihren Belangen ernst nehmen, wenn wir ihnen auf Augenhöhe begegnen. In einer Beziehung, die von Achtung geprägt ist, wird vorausgesetzt, dass Erwachsene Kinder nicht belehren, bevormunden oder beurteilen, sondern Kinder als gleichwertig anerkennen und den Dialog mit ihnen suchen (vgl. Hansen et al. 2015, S. 55). Dass wir ernst nehmen, wenn sie traurig sind und einen Verlust erleben. Auch wenn wir als Erwachsene denken mögen: „Es ist doch nur die rote Schaufel und wir haben noch 20 andere im Garten“. Nein! Es ist DIE rote Schaufel. Für ein Kind platzt hier ein Traum, eine Idee, eine Vision von einem Spiel und das muss gebührend betrauert werden (vgl. Rauh 2002, S. 203). Kinder müssen erleben, dass wir ihr Spiel als ihre elementarste Handlung und ihre Aufbauarbeit von der Welt ernst nehmen (vgl. Kammerlander 2018, S. 14ff). Das wiederum bedeutet, sich genau zu überlegen, ob man das kindliche Spiel unterbricht oder die Kinder von allein zu einem Ende kommen lässt. Ebenso müssen sie auch das tägliche Abwägen und Austarieren miterleben zwischen Wunsch der Einzelperson und dem Wunsch der Gruppe.

Partizipation ist eines der Kinderrechte, für welches wir uns als Konzept-e Netzwerk besonders einsetzen und welches wir auch in unseren Einrichtungen leben, wie an den Beispielen illustriert. Und da lohnt es sich den Blick nach innen zu lenken und sich anhand der genannten Beispiele zu reflektieren. Ich nehme die vergangenen Wahlen und den Tag der Kinderrechte im November als Anlass, um für mich selbst und mit Bezug auf die element-i Einrichtungen Bilanz zu ziehen und zu fragen: Wie sieht es eigentlich bei mir damit aus, wie in unseren Häusern? Die folgenden Leitfragen nutze ich für mich und biete Sie Ihnen als Anregung für die Reflektion: Spreche ich mit den Kindern über ihre Rechte? Nehme ich sie mit auf den Weg, Demokratie zu leben? Erkläre ich ihnen, was es im Kinderhausalltag (und in unserer Gesellschaft) braucht, damit Demokratie gelingen kann? Als kleine Auffrischung habe ich Ihnen die 10 Kinderrechte, für die sich das Konzept-e Netzwerk besonders einsetzt, aufgelistet (siehe Kasten).

Die Rechte der Kinder

Recht auf Gleichheit 

Recht auf Gesundheit 

Recht auf Bildung 

Recht auf elterliche Fürsorge 

Recht auf Privatsphäre und persönliche Ehre 

Recht auf Meinungsäußerung und Partizipation 

Recht auf Schutz im Krieg und auf der Flucht 

Recht auf Schutz vor Gewalt 

Recht auf Spiel, Freizeit und Erholung 

Recht auf Betreuung bei Behinderung 

Das Buch von Thomas Bodmer und Alain Serres greift Kinderrechte farbenfroh und poetisch auf. Es lohnt sich, einen Blick ins Buch zu werfen. Erschienen ist es im Nord Süd Verlag und eignet sich für Kinder im Kindergartenalter.

Die Kinderrechte haben den Sprung ins Grundgesetz in der letzten Legislaturperiode verpasst. Es muss unser Anliegen bleiben, das Thema bei der neuen Regierung vehement zu platzieren und beharrlich zu sein. Kinder sollten sicher wissen können, dass sie Rechte haben und dass es besondere Rechte sind, die sie schützen und unterstützen sollen in ihrer Lebensphase Kindheit. Es braucht dazu – neben der Aufnahme ins Grundgesetz – vor allem uns Erwachsene, die sich dafür einsetzen, dass diese Rechte gewahrt werden. Wir, die wir täglich für und mit Kindern arbeiten, sollten dafür einstehen, dass die Rechte der Kinder gewahrt werden. Dafür gibt es in diesem Jahr wieder eine Aktion zum Tag der Kinderrechte.

Kinderrechte laut machen

Wie auch im vergangenen Jahr wollen wir als Konzept-e Netzwerk wieder dafür sorgen, dass alle gesund bleiben können, und sehen von einer großen Demonstration mit vielen Menschen in Präsenz ab. Wir haben Kooperationspartner gesucht, mit denen wir gemeinsam „Kinderrechte laut machen“ wollen. Innerhalb der Mach-Dich-Stark-Tage gegen Kinderarmut der Caritas gibt es eine Kinderrechtsaktion, welche mit einer Ausstellung selbst gestalteter Plakate einhergeht. Hier hat jede und jeder die Möglichkeit, seinen antreibenden Grund darzustellen, aus dem heraus es sich lohnt, sich für Kinderrechte einzusetzen. Es kann ein gemaltes Bild, ein Statement oder ein Foto eingereicht werden. Der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. In einem weiteren Schritt sollen diese Plakate in den öffentlichen Raum gelangen und für den Aktionszeitraum beispielsweise in den Schaufenstern des teilnehmenden Einzelhandels hängen. Sie alle erhalten über die element-i Bildungsstiftung nähere Informationen und Materialien, mit denen Sie entweder gemeinsam mit den Kindern Plakate gestalten können oder auch als Kita-Team oder auch Einzelperson. Hier geht es direkt zur Aktion.

Mehr von Franziska Pranghofer

Mit Kindern über Trauer sprechen

Kinder mit Themen wie Tod oder auch Trauer zu konfrontieren, wird von vielen Erwachsenen vermieden. Dahinter mag die Sorge stecken, die Kinder würden übermäßig belastet – und davor möchte man sie bewahren. Die Erwachsenen verkennen, dass sie die Kinder damit aus Trauerprozessen wie auch dem Umgang mit dem Tod ausschließen. Und dabei ist der Tod – auch im Kinderhaus-Alltag – allgegenwärtig: Eine Amsel fliegt gegen die Scheibe der Kita und stirbt. Auf dem Waldtag finden die Kinder eine tote Maus. Ein Kind kommt in die Einrichtung und berichtet, dass die Familien-Katze verstorben ist oder sogar ein geliebter Mensch.

Die Pädagog*innen kommen bisweilen in Erklärungsnöte oder versuchen, der Trauer der Kinder mit Beschwichtigungen wie „Die Katze sitzt jetzt auf einer Wolke und schaut dir zu“ zu begegnen. Dabei ist es wichtig, Kindern das Trauern zuzugestehen und den Verlust, den sie erlebt haben, zu verarbeiten oder die Fragen, die sie sich und anderen stellen, zu beantworten. Wie können Sie im Kinderhaus-Alltag in angemessener Form mit Trauer und Tod umgehen?

Kinder haben Fragen über Sterben und Tod

Wird ein Tier, wie etwa eine Amsel am Fenster oder eine Maus beim Spaziergang, tot aufgefunden, stellen die Kinder mitunter Fragen wie: „Schläft die Maus nur?“ oder „Wenn die Maus dann lange genug tot gespielt hat, dann wacht sie schon auf, oder?“. In Situationen wie diesen braucht es kein besonderes Setting für ein Gespräch über den Tod. Vielmehr ist es wichtig, den Kindern wahrheitsgemäß zu antworten. Geben Sie auf die Fragen, die die Kinder stellen, direkte und knappe Antworten. Das befriedigt oftmals das erste Interesse der Kinder. Es sollte Sie als erwachsene Begleiter*innen nicht irritieren, wenn Kinder „nur“ nüchtern die eine Frage stellen, die sie in dem Kontext gerade interessiert, und dann wieder zu ihrem vorherigen Thema oder Spiel zurückkehren.

Es kann ebenso vorkommen, dass ein Kind die Idee äußert, die Amsel zu beerdigen, weil es schon einmal gehört hat, dass man so etwas mit Toten macht. In den element-i Kinderhäusern oder besser in den element-i Gärten wurden und werden Beerdigungen zeremoniell begangen. Davon berichten Pädagog*innen von Zeit zu Zeit. Auf das Grab des verstorbenen Tieres wird zum Beispiel ein Kreuz wie auf dem Friedhof angebracht. Die Kinder versammeln sich um das Grab und zelebrieren eine Beerdigung nach ihren Vorstellungen. Auch bei solchen Beerdigungen kann es Kinder geben, die kurz vorbeischauen und feststellen, dass das gerade nicht ihr Thema ist und wieder verschwinden.

Die Antennen der Kinder sind sehr fein, und so bemerken sie genau, ob Ihnen ein Gespräch zum Thema Trauer und Tod unangenehm ist oder nicht. Und das kann den weiteren Gesprächsverlauf maßgeblich beeinflussen.

Trauer um eine nahestehende Person

Wie bereits angedeutet, unterscheidet sich die kindliche Trauer zu der von Erwachsenen an einigen Punkten. So trauern Kinder mit ihrem ganzen Körper. Wir können es viel deutlicher in ihrem Verhalten erleben als bei Erwachsenen, sie weinen häufiger und besonders in dem Moment, in dem sie die Trauer empfinden. Denn Kinder leben, wie wir wissen, in der Gegenwart, und so ist es nicht ungewöhnlich, dass auf Momente tiefer Trauer ausgelassenes Spiel folgt. Erwachsene versuchen häufiger, ihre Gefühle zu beherrschen, wenn sie der Meinung sind, Zeitpunkt und Ort wären für die Trauer unangebracht. Kinder sind in im Gegensatz dazu spontan und aufrichtig. Reaktionen wie Wut, Protest oder große Trauer können dabei immer wieder an- und abschwellen. Bei Kindern vermischt sich noch häufig die Fantasiewelt mit der Realität. Kinder entwickeln eigene Ideen, wo der Verstorbene nun sein könnte oder was dieser nun so macht. Hierdurch, wie auch durch die Ambivalenz im Trauerverhalten, versuchen die Kinder sich den schwierigen Situationen zu entziehen, die sie als anstrengend empfinden oder die sie überwältigen.

Dennoch muss den erwachsenen Begleiter*innen bewusst sein, dass ein Kind auch dann trauert, wenn es nicht durchgehend weint. Der Verarbeitungsprozess macht sich z. B. durch Verhaltensweisen wie plötzliches Toben oder Schreien sowie Nachahmungen im Rollenspiel bemerkbar.

Auch gibt es Kinder, die einen nahen Angehörigen verloren haben und für ihre Eltern keine Belastung darstellen wollen und sich zusammennehmen. Im Allgemeinen ist es ratsam, mit den Eltern eines trauernden Kindes ins Gespräch zu gehen, um über den innerfamiliären wie auch kulturellen Umgang mit dem Thema Trauer und Tod Informationen zu erhalten und in einen Austausch zu gehen. Hierbei können Empfehlungen von Margit Franz hilfreich sein:

Abschied ermöglichen: Auch Kinder möchten sich von der gestorbenen Person verabschieden. Zum Beispiel könnten Kinder die Möglichkeit bekommen, den Verstorbenen zu sehen oder gar zu berühren, um „erfassen“ zu können, dass der geliebte Mensch tot ist.

Alltag gibt Sicherheit: Rituale und ein gut gelebter Alltag geben Kindern Sicherheit, Orientierung und Halt. So sollten Aufsteh- oder Zu-Bettgeh-Rituale beibehalten werden, genauso wie das Wahrnehmen von der Tagesbetreuung oder sportlichen Aktivitäten. Das hilft Kindern zu verstehen, dass sich durch die veränderte Familiensituation nicht das gesamte Leben verändern muss.

Achtsamkeit und Aufmerksamkeit: Nicht nur Erwachsene werden in Krisensituationen verunsichert, auch Kinder spüren, dass etwas in der Familie vor sich geht. Gerade in dieser Zeit ist es wichtig, sich dem Kind zuzuwenden und aufmerksam zu sein für die Bedürfnisse des Kindes.

Authentisch bleiben und Vorbild sein: Kinder können damit umgehen, wenn sie die Gefühle von Erwachsenen sehen und einordnen können. Das kann für sie einfacher sein, als zu erleben, dass Erwachsene versuchen, „normal“ zu sein und ihre Gefühle zu verstecken. Wir sollten Kindern auch die Möglichkeit geben, Trost zu spenden, wenn sie das möchten.

Ganz wichtig ist, dass wir Kindern vertrauen sollten. Sie sind in der Lage, eigene Wege aus der Trauer zu finden – so wie sie auch in der Lage sind, andere Entwicklungsschritte zu meistern. Dies kann ihnen jedoch nur gelingen, wenn sie auch zu diesem traurigen Thema einen Zugang bekommen und auf Erwachsene treffen, die empathisch auf sie eingehen und sich nach den kindlichen Bedürfnissen und im Tempo des jeweiligen Kindes oder der Kindergruppe der schmerzhaften Thematik nähern.

Tod und Trauer in anderen Kulturen

Für einen anderen Blick auf die Themen Tod, Sterblichkeit und Trauer möchte ich Ihnen Umgangsformen und Rituale aus anderen Kulturkreisen zur Verfügung stellen:

Auf der indonesischen Insel Sulawesi lebt ein Volk, die Toraja, welche den Tod als den Höhepunkt des Lebens feiern. So wird der Tote zunächst zu Hause aufbewahrt, was sich über mehrere Monate hinziehen kann, da die Toraja hauptsächlich zwischen Juni und August ihre Begräbnisse abhalten. Das stimmt die Familie wie auch die Geister, an die dieses sehr naturverbundene Volk glaubt, glücklich und erfüllt sie mit Freude. Mehrere Tagelang feiern die Menschen den Tod und verwandeln diesen in ein Fest. Je mehr Menschen mitfeiern, umso angesehener war der Tote. Ebenso werden die Mumien am Ma’Nene exhumiert und frisch angezogen, um dann durch das Dorf geführt zu werden (Asien Special Tours 2015).

Dia de los Muertos: In Mexiko feiert man bereits seit dem 16. Jahrhundert den Tag der Toten und ursprünglich geht dieser Brauch auf die Azteken zurück. Nach mexikanischem Glauben kehren an diesem Tag die Toten zu ihren Angehörigen zurück, um sie zu besuchen. Und so wird an diesem Tag nicht nur der Tod, sondern auch das Leben gefeiert. Die Feierlichkeiten erstrecken sich insgesamt über drei Tage. Dabei werden die Lieblingsspeisen und -getränke der Verstorbenen angeboten, und es wird ausgelassen gefeiert. Es gehört auch dazu, sogenannte Ofrendas (Willkommensgeschenke) für die Verstorbenen in der Wohnung und an Lieblingsplätzen der Verstorbenen zu platzieren. Das soll ihnen signalisieren, dass sie auf der Welt willkommen sind. Übrigens ist dieser Ritus seit 2003 auch Teil des UNESCO-Weltkulturerbes (Ward 2017).

Bei unseren Nachbarn in Holland wird eine Urne nach der Einäscherung für vier Wochen im Krematorium aufbewahrt, um „auszukühlen“. In dieser Zeit soll die Familie zur Ruhe kommen, sich sammeln und dann entscheiden, wo der Verstorbene seine „letzte Ruhe“ finden soll.

Auch in Deutschland gibt es mittlerweile einige neue Möglichkeiten der Bestattung. Nicht jeder oder jede Tote muss auf einem Friedhof die letzte Ruhe finden. Je nach dem Willen des Verstorbenen kann es Wald-, See- oder Ballonbestattungen geben.

Jede Person begegnet diesem Thema auf ihre Weise. Die Kinder sollten einen für sie passenden Weg finden und nicht unbedingt den von Ihnen individuell gewählten Weg mitgehen. Geben Sie den Kindern Raum für verschiedene Wege. Sollten Sie spüren, dass Sie Schwierigkeiten in der Auseinandersetzung mit dem Themen Tod und Trauer haben, zögern Sie nicht, sich bei einem nahestehenden Menschen oder einer professionellen Stelle zu holen.

Literatur:

Asien Special Tours (2015): Leben mit dem Tod: die Begräbnisriten der Toraja auf Sulawesi. Abrufbar unter:
https://www.indonesien-rundreisen.de/indonesien-blog/tana-toraja-indonesien/ (zuletzt aufgerufen am 25.5.2021)

Franz, Margit (o.J.): Handout zum Seminar „Trauern mit Kindern“. Unveröffentlichtes Manuskript. Darmstadt

Ward, Logan (2017): 10 Dinge, die man über den Día de Muertos wissen sollte. Abrufbar unter:
https://www.nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2017/10/10-dinge-die-man-ueber-den-dia-de-muertos-wissen-sollte (zuletzt aufgerufen am 25.5.2021)

Mehr von Franziska Pranghofer

Die Pandemie und ihre Auswirkungen auf Kinder

In der politischen Debatte dieser Tage werden zu Recht wirtschaftliche Fragen diskutiert und abgewogen, welche Branche in welcher Höhe für fehlende Umsätze entschädigt wird. Eltern rücken in den Fokus, wenn es etwa um zusätzliche Krankentage geht. Und auch wenn die Impfungen greifbar nah sind, so ist es doch noch ein weiter Weg bis hin zu alter Normalität. Doch über eine Gruppe wird nicht oft genug berichtet: über die Kinder. 

Ich stelle mir (nicht erst seit heute) die Frage, wer für die Folgen und eventuellen Schäden aufkommen wird, die die mit der Pandemie verbundenen Einschränkungen für manche Kinder nach sich ziehen. Damit meine ich nicht Schäden durch finanzielle Einbußen und auch nicht die Doppelbelastungen, die Eltern erleben, sondern die Schäden, die manche Kinder erleiden. Welche Schäden das sind, wird in diesem Artikel angesprochen. Ab jetzt wird es etwas unangenehm, seien Sie gewarnt. Denn es geht um weitreichende Folgen. 

Kindeswohlgefährdung und fehlende Stabilität

In einer Studie des DJI (Deutsches Jugendinstitut) äußerten sich 12.000 Eltern zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf ihre Kinder. Ein Drittel der Kinder aus den befragten Familien kam nicht gut mit dem Lockdown zurecht. Den Kindern fehlte der geregelte Alltag, es fehlten die Freunde und Freundinnen, auch verlässliche MahlzeitenFreizeitaktivitäten, etwa in Sportvereinen oder Musikschulen, geben Kindern im Alltag Stabilität und Struktur. Und die Stabilität wurde vermisst. Mehr als die Hälfte der Eltern (53%), in deren Familien das Zusammenleben als eher Konflikt behaftet bewertet wurdeäußerte, dass ihr Kind überhaupt nicht gut mit den Veränderungen zurechtgekommen sei. Jede fünfte Familie (22 Prozent) berichtete, dass bei ihnen häufig oder sehr häufig ein konflikthaltiges beziehungsweise chaotisches Klima herrschte. 

Es mag Familien geben, die vom Lockdown profitieren konnten, deren Familienleben sich verbesserteDie Kinder konnten den Zugewinn an gemeinsamer Zeit genießen. Das ist wunderbar und erfreulich. Jedoch möchte ich Ihren Blick auf die Kinder lenken, die vom Lockdown nicht profitierten. Es geht um die Kinder, die zu Hause Gewalt erleben müssen, sei sie psychisch oder physisch. Es geht um die Kinderderen schulische Leistungen wie auch persönliche Weiterentwicklung stocken, und es geht um die Einsamkeit dieser Kinder und bei manchen Kindern auch schlichtweg um Hunger. 

So nehmen unter anderem die Fälle von Kindesmissbrauch im Internet immer weiter zu. Ja, die schnelle Digitalisierung von, teils noch, Kita wie auch Grundschulkindern bringt Nachteile mit sich, die Eltern, Lehrer*innen, Politiker*innen und anderen Akteur*innen noch nicht mit all ihren Facetten bedacht haben. Kinder werden in Chats angeschrieben bzw. in Video-Calls direkt kontaktiert und zu sexuellen Handlungen an sich aufgefordert, werden genötigt, Bilder zu senden oder anstößige Chats zu führen. Auch meldet Europol einen Anstieg an Suchanfragen, in denen Täter nach Material suchen, welches sexuellen Kindesmissbrauch zeigt.  

Bereits im ersten Lockdown meldeten Sozialarbeiter*innen, Seelsorger*innen und Pastor*innen , wie fatal es für die Kinder aus hochprekären familiären Verhältnissen sein kann, wenn sie nicht in ihre Einrichtungen wie die ARCHE in Berlin, unter der Leitung von Bernd Siggelkow, kommen können (Schoener 2020). Die Jugendämter meldeten eine viel höhere Zahl an Kindeswohlgefährdungen, die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegenDie Pandemie wirkt auf das, was vorher schon schwierig war, wie ein Brandbeschleuniger. In Familien mit finanziell angespannten Situationen wird es durch Corona nicht besser. Schon jetzt ist fast jedes fünfte Kind in Deutschland von Armut bedroht. Wie wird es werden, wenn deren Eltern ihre Arbeit verlieren? Wie soll man mitbekommen, dass das Kind zu Hause Prügel einstecken muss, wenn es nicht in die Kita kommt? Wem sagen die Kinder, dass sie Hunger haben, weil es daheim nicht mehr genug für alle gibt?

Langfristige Folgen der Coronakrise für Kinder

Die Kinder reagieren vermehrt mit Ängsten, wie auch in der Psychologie Heute im November berichtet wurde. In der dort zitierten Studie gaben rund 70% der befragten Kinder und Jugendlichen an, dass sie sich durch die Coronakrise seelisch belastet fühlen. Das Risiko, eine psychische Auffälligkeit zu entwickeln, steigt von 18 auf 31 Prozent! 

Frau Sevecke, die in Hall in Österreich sowie in Innsbruck die Kinder- und Jugendpsychiatrien leitet, berichtet von Kindern, die an seelischer Unruhe leiden, Schlafstörungen und Albträume haben sowie Anzeichen von Depressivität. Die Kinder, die in ihren Einrichtungen vorstellig werden, haben Sauberkeits- und Sicherheitszwänge entwickelt. Diese Krise hat laut Frau Sevecke das fatale Potential, dass sich Trauma-Symptome wie Angst, Stress, Zwang, Depression entwickeln. So wirkt sie entsprechend der Kriterien, die ein Trauma auslösedie Krise trat plötzlich ein, war nicht vorhersehbar und ist alleine nicht zu bewältigen. Dazu kommt noch, dass sie noch viel umfassender wirkt, da diese Krise Arbeitsplätze bedroht, sie schafft familiäre Ausnahmesituationen durch Kita- und Schulschließungen, den Wegfall von Freizeitaktivitäten und so vieles mehr, worauf ich bereits eingangs eingegangen bin.

Kommunikation als Lösungsansatz

Ja, die Aussichten sind für einige Kinder äußerst besorgniserregend. Und daher ist es von unschätzbarem Wert, wenn Sie, wir alle weiterhin an unseren Stellen tun, was wir können, um den Kindern eine Kindheit voller Lernerfahrungen, Spiel, Lachen, Freude und bewältigbarer Herausforderungen zu ermöglichen. So zeigte die Studie des DJI auch: „Alle Kinder und Jugendlichen fühlten sich durch häufige Kontakte zu pädagogischen Fachkräften und Lehrkräften zudem weniger einsam (35 %). Das zeigen die Einschätzungen der Eltern ebenso wie die der Kinder und Jugendlichen selbst. Vom Austausch mit Bezugspersonen aus Kita und Schule profitieren den Analysen nach auch die Eltern: Sie fühlten sich dann mit der Doppelbelastung durch Homeschooling und Erwerbsarbeit weniger überfordert.“ (Langmeyer et al. 2020) 

Bleiben Sie für die Kinder nahbar und für die Eltern weiter Ansprechpartner*in. Lassen Sie uns gemeinsam durch diese Krise gehen, die Kinder dabei unterstützen, dass sie unbeschadet, wenn nicht sogar gestärkt aus dieser Zeit herausgehen.

Literatur 

Donner, Susanne (2020): Die Covidkrise wirkt komplexer als Tschernobyl. In Psychologie Heute, Ausgabe November 2020, S. 67ff 

Langmeyer, Alexandra; Guglhör-Rudan, Angelika; Naab, Thorsten; Urlen, Marc; Winklhofer, Ursula (2020): Kind sein in Zeiten von Corona. Ergebnisbericht zur Situation von Kindern während des Lockdowns im Frühjahr 2020. https://www.dji.de/fileadmin/user_upload/bibs2020/Ergebnisbericht_Kindsein_Corona_2020.pdf (zuletzt aufgerufen 05.01.21) 

Schoener, Johanna (2020): Ein Mensch, der bleibt. In: DIE ZEIT, Nr. 54, abrufbar unter: https://www.zeit.de/2020/54/kinderarmut-bernd-siggelkow-die-arche-kinderhilfswerk?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F (zuletzt aufgerufen am 5.1.2021) 

Mehr von Franziska Pranghofer

Kinderschutz bei element-i und die neuen Herausforderungen während der Pandemie

Der folgende Beitrag bietet Ihnen einen Einblick in die Arbeit der Kinderschutzbeauftragten im TrägernetzwerkDabei wird zunächst das Arbeitsfeld mit Bezug zur element-i Pädagogik beschrieben. Darüber hinaus gilt es, die besonderen Herausforderungen in Pandemiezeiten zu beleuchten. 

Was bedeutet Kinderschutz? 

Kinderschutz ist ein weit gefasster Begriff, unter dem sowohl rechtliche Regularien und Rahmenbedingungen verstanden werden als auch Maßnahmen, die Kinder vor schädigenden Einflüssen oder Handlungen schützen sollen. Dazu gehören ÜbergriffeAusbeutungaltersunangemessene Behandlung, Misshandlung oder Missbrauch, Verwahrlosung, Armut oder auch unzureichender Schutz vor Krankheit. Seit vielen Jahren beschäftigt sich das Konzept-e Trägernetzwerk mit dem Thema Kinderschutz und hat das Arbeitsfeld fachlich eingebunden. Mit der Erarbeitung des pädagogischen Konzepts wurden zum einen schützende Aspekte in Raum- und Einsatzplanung bedacht. Zum anderen wurde die Stelle einer Spezialistin für Kinderschutz geschaffen. Im Jahr 2016 habe ich diese Stelle als Teilzeitkraft übernommen, im Laufe der Zeit wurde eine Vollzeit- und Stabsstelle daraus 

Es ist mir ein Anliegen, über meine Arbeitsgebiete aufzuklären und die Arbeit im Kinderschutz sichtbar zu machen und die pädagogischen Kräfte für ihren Alltag zu stärken. Hauptsächlich schule und berate ich unsere Kita-Teams rund um die Themen Kindeswohlgefährdung, Vorgehen bei dem Verdacht einer Kindeswohlgefährdung und angemessenem Verhalten des pädagogischen Personals. Es erreichen mich jedoch nicht nur interne Anfragen. Mitunter werden auch Anfragen von Eltern an mich herangetragen. Oder es gehen Beschwerden rund um das Thema Kinderschutz ein. Jede Anfrage bzw. Beschwerde wird ernst genommen und geprüft.  

Für mich wie auch für das Trägernetzwerk bedeutet Kinderschutz vor allen Dingen Prävention: Kinder stark zu machen und sich als wertvoll zu erleben, als Menschen, die den gleichen Wert haben wie Erwachsene, die ganz allein über ihren Körper entscheiden dürfen, die ernst zu nehmen und anzuhören sindPrävention bedeutet auch, gemeinsam mit den Kindern nach Lösungen zu suchen, anstatt sie zu übergehen, weil das Erklären eines Zusammenhangs nicht möglich oder zu anstrengend erscheint 

Ein großes Ziel der element-i Pädagogik ist es, mit Kindern gemeinsam ein Zusammenleben zu gestalten, in dem Geschlecht, Hautfarbe oder Herkunft keine Kriterien für den Wert eines Menschen sind; ein Zusammenleben in einer Gesellschaft, in der es auf jeden einzelnen ankommt, egal ob groß oder klein. Wie wir dem Ziel näherkommen wollen und wie wir in Pandemiezeiten mit Prävention und Kinderschutz umgehen, das möchte ich im Folgenden erläutern.  

Kinderschutz in den element-i Einrichtungen 

In der element-i Pädagogik ist Kinderschutz, wie bereits angedeutet, mehr als dem gesetzlichen Auftrag den der §8a im SGB VIII Folge zu leisten. Wir legen – wie im Gesetz formuliert – großen Wert darauf, dass Kinderschutz bedeutet zu beobachten, wie es Kindern im heimischen Umfeld und in den element-i Kitas bzw. Schulen geht, und im Falle von Auffälligkeiten zu reagieren. Wir achten darüber hinaus besonders darauf, wie wir Kinder stark machen können – stark für die Kita und für die Welt außerhalb unserer Kitas und Schulen. 

SGB VIII: Der § 8a aus dem achten Sozialgesetzbuch (SGB) gibt Fachkräften vor, dem Jugendamt bei jedem Anlass zur Sorge, dass das psychische wie auch physische Wohl eines Kindes jetzt oder in Zukunft gefährdet sein könnte, eine Meldung zu erstatten. Ebenso ist eine „insoweit erfahrene Fachkraft“ hinzuziehen. Das Zusammenspiel der unterschiedlichen Fachkräfte trägt dazu bei, alles Erdenkliche dafür zu unternehmendas Wohl des Kindes zu sichern.

Dabei legen wir zum einen im alltäglichen Arbeiten Wert darauf, die Kinder zu Wort kommen zu lassen, zu fragen, ob wir sie wickeln dürfen, also ihre Grenzen zu wahren  nicht nur die physischen Grenzen, sondern auch die emotionalen oder kognitiven Grenzen der Kinder. Kinder zu befähigen, Partizipation zu leben und sich als Teil eines großen Ganzen zu erleben, wo es auf jeden einzelnen ankommt, ist unser oberstes Ziel. Dies fördern wir durch die eigenständige Gestaltung einer Kinderkonferenz, die Entscheidung jedes Kindes darüber, welchen Impuls es besuchen will, Mitsprache bei der Gestaltung von Sing- und Erzählkreisen. In Zeiten wie diesen, in denen die Rechte der Kinder lange nicht im Vordergrund standen, sehen wir es als oberste Priorität, Kindern eine Stimme zu geben und, soweit es uns durch das Infektionsgeschehen möglich ist, alltäglich zu leben. Dass sie sich bilden können an- und miteinander. 

Zum anderen leben wir unseren Bildungsbereich Menschsein in der Welt mit einer (großen) Selbstverständlichkeit. Wir unterstützen Kinder dabei, ein Selbstkonzept zu entwickeln. Dazu gehören Fragen wie „Was kann ich schon?“, „Was kann ich noch nicht?“ und „Wie könnte ich das, was ich noch nicht kann, erreichen?“. Wir sprechen mit den Kindern über die Unterschiede, die das Menschsein ausmachen – und berücksichtigen dabei nicht nur über körperliche Merkmale wie Hautfarbe oder Geschlechtsmerkmale. Wir leben Toleranz, motivieren Kinder, ein klares „Nein“ zu formulieren, wenn sie einer anderen Person eine Grenze aufzeigen möchten. Wir begleiten sie dabei, ebenso das „Nein“ einer anderen Person zu respektieren. Das bedeutet, wir nehmen Kinderihre Themen und individuellen Lebensgeschichten an, ihre Talente und Interessen, aber auch ihre Besonderheiten.  

Wir fördern an zahlreichen kleinen und auch größeren Stellen im Tagesverlauf den Selbstwert der Kinder wie auch die Selbstwirksamkeit, wenn wir die Kinder Dinge ganz alleine tun lassen. Das kann das selbstständige Ankleiden sein – egal wie lange es dauert oder ob das T-Shirt am Ende auf links ist. Das kann die Frage danach sein, ob ein Kind heute lieber Müsli oder Brot isst oder die Mahlzeit auslässt. Das kann die Moderatorenrolle in der Kinderkonferenz sein, wenn das Kind sich diese Aufgabe zutraut. 

Prävention in Pandemiezeiten 

Wir wollen in den element-i Kinderhäusern und Schulen auch neue“ Fragen, Sorgen und Ängste der Kinder ernst nehmen. Durch ein neuartiges Virus war es plötzlich nicht mehr möglich, Oma und Opa zu sehen. Und auch wenn Erwachsene sich bemühen, das Weltgeschehen von Kindern fern zu halten, so geht es doch tief in die kleinen Kinderherzen und muss besprochen und bearbeitet werden. In den Kohorten ergeben sich neue Settings, in denen die pädagogischen Fachkräfte genauso sensibel wie im Offenen Konzept auf die einzelnen Kinder eingehen können und mit ihnen ihre Sorgen und Fragen besprechen.  

Manche Kinder waren über Wochen und Monate ausschließlich im häuslichen Umfeld. Zurück im Kita-Alltag ergeben sich Fragen, die beantwortet werden wollen, Sorgen und Ängste, die eine zugewandte Zuhörer*in brauchen, mit der man sich auf die Suche nach Lösungen machen darf. Es mag Kinder geben, die erfreuliche Entwicklungssprünge in der Zeit zu Hause gemacht haben und die im Kita-Alltag begeistert bemerkt werden. Es mag Kinder geben, die sich wenig entwickelt haben oder bei denen Sprachrückstände beobachtet werden. All diese Themen brauchen ein aufmerksames Team, das mit den Kindern und den Eltern gemeinsam arbeitet.  

Um den Schutzaspekt auf Seiten der pädagogischen Fachkräfte weiter zu gewährleisten, wurden und werden Qualitätswerkstätten in Online-Formaten angeboten: zu Zusammenarbeit im Team, Feedbackkultur, „Was tun bei Auffälligkeiten? u.a.m. Gesteuert werden die Qualitätswerkstätten durch Barbara Schmieder, die besonders den Bereich „Zusammenarbeit im Team“ verantwortet, und mich. Wir unterstützen die Pädagoginnen und Pädagogen bei den Herausforderungen, die durch COVID 19 entstanden und andere sein mögen als vor der Pandemie. 

element-i Kinderhäuser sollen auch weiterhin Orte sein, „an denen Kinder zu ihrem Recht kommen, mit gleichen Chancen für jedes Kind. Dass sie in aller Freiheit spielen können und sie selbst werden. Dass sie begleitet werden, getröstet, wenn das Leben weh tut (aus: Wort zum Tag, Wolf-Dieter Steinmann, 21.07.2020 SWR1). 

Mehr von Franziska Pranghofer

Körperkontakt zu Kindern – um wessen Bedürfnis geht es hier überhaupt?

Diese Woche möchten wir, als Kinderschutzbeauftragte und Ansprechpartnerinnen für Gewaltprävention, Ihnen ein paar Fragen mit auf den Weg geben. Es geht um das ganz basale Bedürfnis von Kindern nach Körperkontakt. Kinder brauchen Körperkontakt, um sich sicher und geborgen zu fühlen – gerade in Momenten des Schmerzes. Auch für eine gesunde Entwicklung ist Kuscheln, zum Beispiel für den Aufbau eines intakten Immunsystems, unabdingbar.

Manches Mal brauchen aber auch wir Erwachsene tröstliche Gesten, doch im professionellen Kontext sollten wir immer wieder hinterfragen, was angemessen ist und was nicht. Für Ihre professionelle Rolle haben wir Ihnen folgende Reflexionsfragen zusammengestellt:

Wann und warum brauchen Kinder Körperkontakt?

Wenn ich ein Kind mit mir herumtrage, beim Spielen über den Kopf streiche oder auf dem Schoß habe, stelle ich mir dann auch mal die Frage: Wessen Bedürfnis ist das denn gerade? Meines oder das des Kindes?

Häufig ist spontaner Körperkontakt unreflektiert, geschieht fast schon aus einem Reflex. Allerdings sollten wir uns genau in diesen Sequenzen weitere Fragen stellen wie:
Was möchte ich dem Kind in diesem Moment vermitteln? Wie ginge es mir dabei, wenn mir jemand im Vorbeigehen über das Haar streicht? Welche alternativen Handlungen könnten dem Kind ein ähnliches oder gar gleiches Signal vermitteln?

Machen Sie sich Notizen, welche Beispiele Ihnen aus den vergangenen Wochen zu Ihrem eigenen Verhalten einfallen und wie Sie es schaffen, zukünftig bewusster mit dem Thema umzugehen.
Wenn Ihnen auch Verhaltensweisen bei Ihren Kolleginnen und Kollegen, die vielleicht in der Vergangenheit sehr unbewusst mit Berührungen umgegangen sind, auffallen, möchten wir Sie hiermit ermutigen, ein Feedback zu geben.

Kinderrechte bei element-i

Mehr von Franziska Pranghofer & Denise Samuel

Gewaltfreie Kommunikation

Kommunikative Kompetenzen können für Kinder einen erheblichen Schutzfaktor bedeuten. Denn Sprachfähigkeiten sind auch ein Schlüssel zu sozialen Interaktionen. Somit ist eine gelungene Kommunikation auch für die Konfliktbearbeitung von grundlegender Bedeutung.

Doch bevor Kinder das verbale Verhandeln ausprobieren und allmählich zu beherrschen lernen, kommunizieren sie ihre Wünsche nonverbal. Handeln kommt in der Regel vor dem verbalen Verhandeln. Sie kennen alle die Situationen im Alltag, in denen Körpersprache direkter sein kann als langes Reden: zum Beispiel bei Streitigkeiten um Spielmaterialien. Da gibt ein Kind der Spielpartner*in eins auf die Nuss, damit er/sie das Objekt der Begierde loslässt. Manche Kinder beißen, wenn sie keine sprachliche Form finden oder noch keine zur Verfügung haben, um sich Raum zu verschaffen oder eine emotionale Anspannung zu lösen.

Um die Kommunikationsfähigkeit von Kindern zu fördern, braucht es, besonders bei Konflikten, eine differenzierte Beschreibung des Geschehens beziehungsweise die Darstellung der eigenen Sichtweise. Durch die folgenden Fragestellungen wird eine differenzierte, nicht wertende Beschreibung der Handlungen möglich:

  • Was ist geschehen?
  • Wer war denn dabei?
  • Warum, denkst du, ist es so abgelaufen?

Auch Fachkräfte müssen sich selbst fragen, wie sie kommunizieren und wie sie vor allem gewaltfrei kommunizieren. Es geht dabei um eine Kommunikationsform, die auf Wertschätzung und Anerkennung beruht – nicht um das Anwenden einer Technik. Diese gilt es sowohl zum Sprechen, als auch beim Zuhören zu nutzen. Vier Komponenten der gewaltfreien Kommunikation mögen Ihnen als Rahmen dienen:

  1. Beobachtung ohne Bewertung – konkrete Handlungen beschreiben, die unser Wohlbefinden beeinträchtigen: Was habe ich beobachten können? Was hören wir andere sagen, was andere tun?
  2. Gefühle ausdrücken – in Verbindung mit dem, was wir beobachten: Was fühle ich, wenn ich diese Handlung beobachte?
  3. Bedürfnisse erkennen und akzeptieren – unsere Bedürfnisse, Werte und Wünsche, usw. aus denen diese Gefühle entstehen: Warum fühle ich so?
  4. Bitten aussprechen – konkrete Handlungen, um die wir bitten möchte, damit sich unsere Lebensqualität verbessert: Was möchte ich vom anderen?

Ideen zur Selbstreflexion:

Wie können Sie kommunikative Kompetenzen bei Kindern fördern? Wie gehen Sie mit Konflikten auf Kinderebene um?

Wie kommunizieren Sie aktuell im Team und mit den Eltern? Was bedeuten die vier Komponenten der gewaltfreien Kommunikation für Ihre Arbeit? Gibt es weitere Instrumente, die Sie zur Kommunikation nutzen?

In welchen Bereichen (Kinder, Team, Eltern) haben Sie schon Kompetenzen und können andere unterstützen? In welchen Bereichen sehen Sie Entwicklungspotential?

Welche konkreten Ziele ergeben sich für Sie daraus?

Wir würden uns über Ihre Erfahrungen und Beispiele von Best Practice im Alltag freuen. Schreiben Sie uns einfach einen Kommentar.

Mehr von Denise Samuel und Franziska Pranghofer

Selbstreflexion – die Frage nach dem eigenen Ich

Gemeinsam mit Denise Samuel, die sich der Gewaltprävention verschrieben hat, möchten ich, Franziska Pranghofer als Kinderschutzbeauftragte, Ihnen gerne in den nächsten Wochen immer wieder Anstöße zur Selbstreflexion mit auf den Weg geben.

Sollten Sie hierzu dann konkrete Fragen haben, stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung oder wir gestalten in der kommenden Zeit mal einen Austausch im Team rund um Ihre Themen im Bereich des Kinderschutzes oder der Gewaltprävention.

Hier die ersten Fragen:
Was bringt mich auf die Palme und was bringt mich wieder runter?
Notieren Sie auf einen Zettel jeweils 3 typische Situationen, die Sie stressen und entsprechend 3 erprobte Möglichkeiten, um wieder heraus zu kommen.

Überlegen und besprechen Sie mit anderen Teammitgliedern:

  • Welche Rolle spielen dabei meine persönlichen Bedingungen und welche strukturelle, wie z.B. Personalmangel, beengte Räumlichkeiten, Lärmpegel?
  • Was brauche ich in einer solchen Situation, wie z.B. mich bewegen, jemanden zum Reden, kurz Rausgehen, einen Notfallplan?
  • Wissen meine Kolleginnen / Kollegen, was ich in solchen Situationen benötige?
  • Was macht Kindern Stress und was brauchen sie in solchen Situationen?
  • Es würde uns freuen wenn Sie sich ganz selbstkritisch betrachten und dadurch neue Handlungsmöglichkeiten entdecken!

Kinderrechte bei element-i

Mehr von Franziska Pranghofer & Denise Samuel