„Ich bin die Mama von …“ – Wie sich die Sprachgewohnheiten der Menschen wandeln

In den 1970er Jahren sprachen wir als Kinder und Jugendliche von unserer Mutter oder unserem Vater, wenn wir etwas über unsere Erzeuger*innen mitteilen wollten. Die Distanz, die in den von der Wortbedeutung korrekten Begriffen mitklingen mag, war für uns Ausdruck eines – wie auch immer definierten und vorgezogenen – Erwachsen-Seins. Als hochgradig modern und besonders cool wurden diejenigen angesehen, die ihre Eltern mit Vornamen ansprachen und auch so über sie sprachen. Und wie sprachen unsere Eltern über sich? Sie stellten sich als Gertrud und Helmut Hohlmann vor, die mit der Bäckerei in Asbach – wenn ich mich richtig erinnere. Sie nahmen an, der andere wisse ohnehin, welches der Kinder in Kindergarten oder Schule dazu gehörte.

Sprachgewohnheiten ändern sich

Heute stellen sich Eltern vielfach anders vor: „Ich bin der Papa vom Linus.“, „Ich bin die Mama von Emilia.“ Die Gewohnheiten zu sprechen haben sich verändert, konstatiert die Professorin für Sprachgeschichte Damaris Nübling. In diesen einfachen Sätzen „Ich bin die Mama von …“ zeige sich ein Perspektivwechsel. Damit ist keine Wertung verbunden – keine Wertung in dem Sinne, ob eine*r seine Kinder mehr mag als der andere, ob das nun ein Verfall der Sprache sei. Die veränderte Selbstbezeichnung zahlreicher junger Eltern, ihr Perspektivwechsel ist die Beschreibung eines sprachlichen Wandels, dem ein gesellschaftlicher vorangegangen ist.

Kinder haben in unserer Gesellschaft einen anderen Stellenwert als zwei Generationen zuvor. Die Wissenschaftlerin spricht von einer Kindzentrierung, die Einzug gehalten hat. Kinder rücken stärker in den Vordergrund als früher, werden anders wahrgenommen. Die Kinderrechte, die letztes Jahr ihren 30. Geburtstag feierten, sind Ausdruck davon. Wenn auch diese Rechte noch nicht in unserem Grundgesetz verankert sind, so hat sich das Konstrukt Kindheit verschoben. Und diese veränderte Sicht auf die Kinder drückt sich in unserer Alltagsprache aus.

Dafür gibt es einen Begriff: Die Teknonymie (schwer auszusprechen!) bezeichnet dieses Phänomen. Das Wort ist der griechischen Sprache entlehnt, es stecken die Wörter für „Kind“ und „Name“ in dem Fremdwort. Die Teknonymie beschreibt „den Brauch, die Eltern eines Neugeborenen statt mit ihren Eigennamen mit dem Namen des Kindes zu bezeichnen“ (z.B. Vater von Mia, Mutter von Anton). So steht es im Duden.

In den oben genannten Beispielen bezeichnen die jungen Väter und Mütter sich selbst über den Namen ihres Kindes. Diese Selbstbezeichnung drücke eine Nähe zum Kinde aus, sie stelle womöglich die Individualität des Erwachsenen hinter die des Kindes. Möglicherweise – so die Deutungen des Sprachwissenschaftlers Jürgen Spitzmüller von der Uni Wien – möchte die Sprecher*in als modern, liebevoll und jung wahrgenommen werden. Er oder sie möchte sich von einem Erziehungsstil distanzieren, der als autoritär oder emotional unterkühlt daherkommt.

Wie denken Sie über solche sprachlichen Veränderungen?

Halten Sie die sprachlichen Äußerungen für einen Verfall unserer sprachlichen Kultur oder für einen Wandel, der zum Nachdenken anregt? Unterstellen wir den Eltern eine Infantilisierung ihrer selbst? Oder freuen wir uns darüber, dass die Kindzentrierung und der damit verbundene Perspektivwechsel ganz neue Chancen birgt? Teilen Sie Ihre Gedanken mit mir. Schreiben Sie mir in die Kommentare, wie Sie im Team über Sprache – besonders in der Kita – reflektieren! Ich freue mich auf Ihre Rückmeldungen.

Christina Henning

Anmerkung: Zu diesem Artikel wurde ich angeregt von der Journalistin Susanne Schneider, die im Magazin der Süddeutschen Zeitung vom 20.3.2020 über „Babysprache“ schrieb (SZ Magazin, Seite 19); einige ihrer Ausführungen finden sich in meinem Artikel wieder.

Christina Henning
Autor*in

Kommentieren

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.