Kleinkinder: Wie zeigen sie Emotionen und welche?

Das Deuten von Emotionen ist im Säuglings- und Kleinkindalter sehr schwierig. Empfindungen werden hier am verlässlichsten über den Gesichtsausdruck beschrieben. Doch welche Facetten gibt es in diesem Ausdruck und im emotionalen Erleben von kleinen Kindern?

Emotionen von Kindern in der Forschung

Die Forschungsbefunde gehen weit auseinander, was die Definition, Entwicklung und den Umfang von Emotionen angeht. Grundlegend geht man mittlerweile davon aus, dass der Mensch mit Vorläuferemotionen auf die Welt kommt, die durch Stimmungsqualitäten geprägt sind und sich im Erregungszustand unterscheiden – entweder hingezogen zu angenehmen Situationen oder Rückzug von unangenehmen Situationen. Lächeln, Schreien, Aufmerksamkeitsfokussierung, Schreckreflex und Naserümpfen bei Ekel gelten als Ausdrucksreaktionen, die angeboren sind. Es findet erst in den frühen Lebensmonaten eine Entwicklung zu deutlichen und gut entwickelten Signalen statt. Dies vollzieht sich in enger Abhängigkeit von der Kommunikation mit den zentralen Bezugspersonen, die möglichst sensibel und passend zur Situation sein sollte. Man geht dabei von drei Grundemotionen aus, die auch eng mit der kognitiven, motorischen, sinnlichen und sprachlichen Entwicklung und damit mit der Entwicklung eines Selbstkonzepts über die ersten drei Jahre hinweg zusammenhängen.

Freude

Diese zeigt sich anfangs durch ein vorsichtiges Lächeln, später durch ausgelassenes Lachen. Oft beobachtet man ein erstes Lächeln im Schlaf schon in den ersten Lebenstagen und -wochen. Dieses endogene Lächeln in der REM-Phase ist meist die wohlige Reaktion auf angenehme Klänge oder Berührungen. Mit ca. 4 Lebenswochen entsteht das erste soziale (exogene) Lächeln bei Erkennen der Bezugsperson, mit 6-8 Wochen das bewusste Zurück-Lächeln. Bis zum vierten Lebensmonat verstärkt sich dieses Lächeln, wenn die Bezugspersonen in den Blick kommen. Gleichzeitig entwickelt sich ein erstes Lachen als Reaktion auf einen neuen Stimulus, was auch auf eine schnellere Informationsverarbeitung schließen lässt. Nach der Hälfte des ersten Lebensjahres lächelt das Kind ziemlich zuverlässig bei der Interaktion mit bekannten Personen. Wie Sie sich sicher erinnern, beginnt nun auch die Bindungsphase, sodass das Lächeln des Kindes Aufforderungscharakter und Spielanreiz für das Gegenüber ist. Mit 8-10 Monaten kann man davon ausgehen, dass das Anlächeln ein bewusstes soziales Signal ist. Gegen Ende des ersten Lebensjahres stehen verschiedene Formen des Lächelns zur Verfügung, die in etwa dem Repertoire eines Erwachsenen entsprechen. Aus dem Wunsch, positive Emotionen zu teilen, entsteht im zweiten Lebensjahr ein erstes Herumalbern des Kindes. Entsprechend ist das Signalisieren von Freude durch Lachen oder Lächeln verbunden mit dem Auslösen von positiven Reaktionen und Interaktionen mit dem Gegenüber.

Ärger/Traurigkeit

Ein Neugeborenes reagiert schon auf unangenehme Erlebnisse wie Hunger, Schmerz oder einen unpassenden Stimulus mit einer Ausdrucksreaktion in Form von Weinen oder auch Schreien. Ab dem zweiten Lebensmonat können die Bezugspersonen zuverlässiger zwischen diesen Dimensionen unterscheiden, die Ausdrucksform bleibt grundlegend aber gleich und unterscheidet sich in Nuancen bzw. Kombination mit anderen Ausdrücken (Gestik, Mimik). Zwischen dem vierten bis sechsten Monat nimmt der Ausdruck von Ärger in Frequenz und Intensität bis zum zweiten Lebensjahr zu. Auch hier sind die zunehmende kognitive und motorische Entwicklung wieder verantwortlich. Gleichzeitig ermöglichen die wachsenden Kompetenzen dem Kind eine zunehmende Unterscheidung der Situationskontexte (ob mir ein Spielzeug weggenommen wird oder ob mir jemand Schmerz zufügt) und das Überwinden von Hindernissen bzw. das Wehren gegen ungewollte Situationen. So hilft beispielsweise eine verärgerte Reaktion dem Kind, da die Bezugsperson in der Regel bereitsteht, den Kummer zu lindern. Ein entsprechend adäquates und auf die Situation angepasstes Verhalten der Bindungspersonen lässt das Kind auch hier sich zunehmend zielgerichtet Verhalten und Konsequenzen im Sinne von Gegenreaktionen seines Verhaltens abschätzen. Trauer ist im Kleinkindalter ein grundlegend eher selteneres Phänomen und wird vor allem in Bezug auf Bindungsverhalten und Trennungsangst beobachtet.

Furcht/Angst

Während des ersten halben Jahres sind kaum konkrete Belege für Angst-Reaktionen des Babys zu erleben. Mit der beginnenden Bindungsentwicklung tritt sie das erste Mal ab ca. sechs Monaten in Verbindung mit Trennungsangst bzw. Fremdenangst auf. Das sogenannte Fremdeln hat ab dem achten Lebensmonat meist Hochkonjunktur, ist aber vom Temperament und vorrangegangenen Erfahrungen und dem Interaktionsstil des Fremden abhängig und gleichzeitig ein Indiz für die zunehmende Bindung zu den Eltern. Das Fremdeln verringert sich, sofern der Erziehungsstil der Eltern für das Kind vorhersehbarer und abschätzbarer wird und es besser zwischen bedrohlichen und harmlosen Menschen bzw. Situationen unterscheiden kann und es weitere Strategien zur Angstbewältigung findet. Im frühen Kindesalter ist weiter noch die Furcht vor Objekten wie neuen Spielzeugen oder auch vor Höhen zu erkennen. Auch diese nimmt im Verlaufe der ersten Jahre tendenziell mit zunehmenden kognitiven Kompetenzen wieder ab.

Im Artikel „Die Entwicklung eines emotionalen Verständnisses“ greifen wir dieses Thema wieder auf und betrachten, wie man die Emotionen des Kleinkindes verstehen und eine Reaktion darauf erfolgen kann.

Literatur:
Berk, L. E. (2005): Entwicklungspsychologie. 3. Auflage. München: Pearson.
Holodynski, M. & Oerter, R. (2008): Motivation, Emotion und Handlungsregulation. In: Oerter, R. & Montada, L. (Hrsg.): Entwicklungspsychologie. 6. Auflage. Weinheim: Beltz PVU.
Janke, B. (2007): Entwicklung von Emotionen. In: Hasselhorn, M. & Schneider, W. (Hrsg.): Handbuch Entwicklungspsychologie. Göttingen: Hogrefe.
Posth, R. (2010): Die Bedeutung der Bindungstheorie in der Frühpädagogik. In: Weegmann, W. & Kammerlander, C. (Hrsg.): Die Jüngsten in der Kita. Stuttgart: Kohlhammer.
Siegler, R. S.; DeLoache, J. & Eisenberg, N. (2005): Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter. München: Elsevier/Spektrum Akademischer Verlag.

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Anja Burger
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