„Ein Freund, ein guter Freund – das ist das Beste, was es gibt auf der Welt.“ Mit dieser Zeile besangen die Comedian Harmonists schon vor fast 100 Jahren die wundervollen Eigenschaften echter Freundschaft. Und tatsächlich: Es gibt unzählige Beispiele aus Kunst, Literatur und Film – etwa das bewegende Drama „Ziemlich beste Freunde“ (2011) – die zeigen, wie sehr Freundschaft unser Leben bereichern kann. Vielleicht ruft allein dieser Gedanke schon Erinnerungen an eine besondere Kindergartenfreundin oder einen guten Freund aus der Schulzeit wach? Bei mir jedenfalls löst er sofort eine kleine nostalgische Gedankenreise aus, zurück in die ersten Jahre, in denen Freundschaft noch so einfach und selbstverständlich war.
Eine in diesem Jahr erschienene Studie der Bertelsmann Stiftung „Bedarfe von Kindern und Jugendlichen für ein gelingendes Aufwachsen“ untersucht Bedürfnisse von jungen Menschen, wie etwa die Bedeutung von Freundschaften. Dabei wurden bundesweit 1.037 Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 15 Jahren befragt. Die Ergebnisse konnten aufzeigen, dass vor allem soziale Beziehungen und Aktivitäten mit Freund:innen für die Befragten eine besondere Bedeutung für ein gutes und gesundes Leben haben (vgl. Bertelsmann Stiftung 2025, S.18). Wenn sich wissenschaftlich belegen lässt und viele Menschen aus persönlicher Sicht heraus sicherlich bestätigen können, wie elementar und gesundheitsfördernd gute zwischenmenschliche Beziehungen sind, egal in welcher Lebensphase wir uns als Mensch befinden, so lohnt sich der Blick in die frühe Kindheit. Wie kann die Gemeinschaft des Kinderhauses dazu beitragen, dass Kinder erste Freundschaften aufbauen und pflegen können? Was bedeutet Freundschaft in dieser Lebensphase? Und besonders wichtig: warum spielen dabei die Beziehungen zwischen den pädagogischen Mitarbeitenden und Kindern eine große Rolle? Wie können diese positiv beeinflussen, wenn Kinder aufgrund ihres Verhaltens keinen Anschluss finden oder sogar in ihrer Peer ausgeschlossen werden?
Wer bereits in der frühkindlichen Entwicklungsphase erfolgreiche soziale Beziehungen erleben und aufbauen konnte, kann diese Erfahrungswerte in seine Freundschaften einfließen lassen und so selbst die gute Freundin oder der gute Freund für andere werden. Teil einer Gruppe zu sein und dieses „Wir-Gefühl“ zu erleben, ist für die soziale und emotionale Entwicklung außerordentlich wichtig.
Erzieher:innen-Kind-Beziehung und die Qualität der Peer-Interaktionen
Eine verlässliche, liebevolle Beziehung ist die Grundlage für jedes kindliche Lernen und jede Form von Entwicklung. Besonders in den ersten Lebensjahren steht für Kinder ihr tiefes Bedürfnis nach Geborgenheit, Sicherheit und emotionaler Zuwendung im Vordergrund. Nur wenn diese Grundbedürfnisse durch feinfühlige Erwachsene erfüllt werden, kann ein Kind Vertrauen in sich selbst und in seine Umwelt aufbauen.
Diese innere Sicherheit im Kinderhaus entsteht durch stabile, verlässliche Beziehungen zu den pädagogischen Fachkräften. Erst wenn sich ein Kind in dieser Beziehung aufgehoben fühlt, öffnet es sich für neue Erfahrungen und beginnt, Interesse an anderen Kindern zu zeigen. Neben der erhöhten Explorationsbereitschaft haben sichere Bindungsbeziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern weitere positive Auswirkungen auf die Entstehung erfolgreicher und komplexer Peer-Beziehungen. Wenn Kinder bereits im jüngsten Alter konstant angenehme und erfolgreiche Interaktionen mit ihrer Bezugsperson oder -personen erleben, so verinnerlicht das Kind, dass soziale Interaktionen erstrebenswert und positiv sind und sucht somit eher den Kontakt zu Gleichaltrigen (vgl. Glüer 2017, S. 127). Das wiederum bedeutet eine höhere soziale Kompetenz des Kindes im Umgang mit anderen Kindern, da es vermehrt Situationen erlebt, in denen es sozialen Austausch üben kann, dabei kommunikative Fähigkeiten und die Regulation von Konflikten erlernt. Diese Erfahrungsräume mit anderen, die sich in einer ähnlichen Entwicklungsphase befinden, sind wichtig für eine gute Entwicklung jeden Kindes. Anders als im Kontakt mit Erwachsenen oder älteren Kindern besteht in der Peer-Gruppe (Mitglieder einer Gruppe gleichen Alters) kein Machtgefälle durch körperliche oder kognitive Überlegenheit. Im Zusammensein mit Gleichaltrigen begegnen sich Kinder auf wirklicher Augenhöhe. Dadurch entsteht ein sicherer und geschützter Raum, in dem sie sich frei ausprobieren, eigene Ideen entwickeln und soziale Erfahrungen sammeln können. Somit lohnt es sich im Team immer wieder zu besprechen, ob jedes Kind im Kinderhaus mindestens einen erwachsenen „Fan“ hat. Denn die Auswirkungen fehlender positiver Erwachsenen-Kind-Beziehungen sind für die gesunde Entwicklung eines jeden Kindes gravierend und haben Auswirkungen auf die gesamte Dynamik im Kinderhaus. Überwiegend konflikthafte oder negative Beziehungen zwischen Erzieher:innen und Kindern wirken sich möglicherweise in einem weniger sozial adäquaten Verhalten des Kindes aus, so ist bspw. seine Aggressivität gegenüber anderen Kindern der Gruppe erhöht und es zeigt eine eher geringere Teilnahme an gemeinsamen Spielen und eine geringe Offenheit Freundschaften einzugehen (vgl. Glüer 2017, S. 128). Insbesondere Kinder, die durch Verhaltensweisen wie starke Wutanfälle oder auch Gewalt gegenüber Gleichaltrigen ein höheres Risiko haben, diese positiven Beziehungen mit ihren Altersgenossen nicht zu erleben, profitieren von einer starken und sicheren Beziehung zu mindestens einer erwachsenen Person im Kinderhaus.
Daraus lassen sich für die Umsetzung im Kinderhausalltag folgende Empfehlungen ableiten:
Damit Kinder von Beginn an anfangen können, Kontakte zu Gleichaltrigen aufzubauen, die dann im weiteren Entwicklungsverlauf zu Freundschaften führen können, brauchen sie:
- ausreichend Zeit und Raum, um andere Kinder in ihrem eigenen Tempo zu beobachten und sich langsam anzunähern. Dafür lohnt es sich, besonders in den Freispielphasen im Kinderhaus darauf zu achten, dass alle Kinder die Möglichkeit haben, sich im Kontakt zu anderen zu üben und diesen positiv zu erleben.
- Ermutigung und Begleitung durch Erwachsene, die vermitteln und sprachlich unterstützen. Vor allem Kinder, die aufgrund ihres Alters noch lernen müssen, die eigenen Emotionen zu regulieren und die Übernahme der Perspektive des anderen noch nicht können, brauchen eine feinfühlige Begleitung („Schau, Leon möchte auch mit den Bauklötzen spielen, könnt ihr das zusammen machen?“).
- eine Raumgestaltung, die Begegnungen ermöglicht: offene Funktionsräume, die gemeinsame Spielangebote offerieren.
- Rituale, die Kooperation fördern.
- Vorbildverhalten der Erwachsenen, die respektvoll miteinander umgehen und eine empathische und dialogische Kommunikation vorleben.
- emotionale Unterstützung, wenn Konflikte oder Unsicherheiten entstehen, denn auch diese gehören zu den ersten sozialen Lernerfahrungen.
Freundschaft in der Kita – was bedeutet das genau?
Im Kinderhaus befinden sich Kinder in einer frühen Phase der Entwicklung sozialer Beziehungen. Das kooperative oder soziale Spiel beginnt ab einem Alter von ungefähr drei Jahren. Freundschaften bis hin zum späten Grundschulalter sind meist situationsbezogen und eher instabil, entstehen also im Moment und verändern sich rasch wieder (vgl. Haug-Schnabel/Bensel 2017, S. 155). Sie beruhen in erster Linie auf gemeinsamem Spiel, gegenseitiger Zuwendung und geteilten Interessen, weniger auf einem dauerhaften emotionalen Verständnis füreinander. Dem amerikanischen Psychologen Robert L. Selman zufolge erreichen Kinder im Kitaalter höchstens die Phase der einseitigen Hilfeleistung in der Freundschaftsentwicklung. Das bedeutet, dass Kinder zwar bereits anfangen, Rücksicht zu nehmen oder anderen zu helfen, dies aber oft aus einer eigenen Bedürfnislage heraus geschieht (z. B. „Ich helfe dir, damit du wieder mit mir spielst.“). Freundschaften in diesem Alter sind somit noch nicht von Dauerhaftigkeit oder gegenseitigem Verständnis geprägt, sondern stark vom Hier und Jetzt bestimmt. Kinder erleben, dass sie mit bestimmten Spielpartner:innen besonders viel Freude haben oder dass sie sich bei einzelnen Kindern sicher und verstanden fühlen. Diese Erlebnisse bilden die Basis dafür, später emotional tiefere und stabilere Freundschaften aufzubauen.
Gleichzeitig erfüllen Freundschaften im Kitaalter bereits wichtige entwicklungspsychologische Funktionen. Sie fördern soziales Lernen, Kinder üben Empathie, Rücksichtnahme, Kooperation und Konfliktlösungen. Sie unterstützen die emotionale Selbstregulation, da Kinder lernen, eigene Gefühle im Zusammenspiel mit anderen wahrzunehmen und zu steuern. Sie tragen zur Identitätsbildung bei. Kinder entdecken durch Gleichaltrige, wer sie sind und wie sie auf andere wirken.
Abschließend lässt sich sagen, dass Freundschaften im Kitaalter erste, noch fragile Formen von Nähe und sozialer Bindung sind, die auf gemeinsamen Aktivitäten und spontanen Sympathien beruhen. Sie sind ein wichtiger und unverzichtbarer Übungsraum für die Entwicklung sozialer Kompetenzen, auf deren Grundlage im späteren Verlauf stabile, gegenseitig getragene Freundschaften entstehen können. Sie tragen zu einem gesunden Entwicklungsverlauf von Kindern bei und wirken sich auf die Gemeinschaft im Kinderhaus positiv aus.
Literaturverzeichnis
Bertelsmann Stiftung (Hrsg.) (2025): Bedarfe von Kindern und Jugendlichen für ein gelingendes Aufwachsen. Bertelsmann Stiftung: Gütersloh.
Glüer, Michael (2017): Bindungs- und Beziehungsqualität in der KiTa. Grundlagen und Praxis. Kohlhammer: Stuttgart.
Haug-Schnabel, Gabriele; Bensel, Joachim (2017): Grundlagen der Entwicklungspsychologie. Die ersten 10 Lebensjahre. Herder: Freiburg im Breisgau.