Die Säulen der Resilienz: die Opferrolle verlassen

Anna saß auf der Parkbank und dachte: „Immer passiert mir das. Ich habe einfach kein Glück.“ Neben ihr spielte ein Kind fröhlich mit einem Drachen, der im Wind tanzte. Plötzlich riss der Faden, und der Drachen schoss in die Bäume. Kurz blieb das Kind stehen, sah nach oben – und rannte dann lachend los, um ihn wieder einzufangen. 

Anna musste lächeln. Das Kind hatte nicht eine Sekunde lang nach einem Schuldigen gesucht. Es hatte einfach gehandelt. In diesem Moment spürte sie, dass sie selbst etwas ändern konnte. Vielleicht war das Leben gar nicht gegen sie. Vielleicht musste sie nur wieder den Faden in die Hand nehmen – und ihren eigenen Drachen steigen lassen. Oder anders ausgedrückt: Die Verantwortung für die Einschätzung von Ereignissen übernehmen. 

Bedeutung der vierten Säule

Die vierte Säule der Resilienz beschreibt den Weg heraus aus der Opferrolle hinein in die Eigenverantwortung. Sie steht für den Mut, sich nicht länger als hilfloses Opfer äußerer Umstände zu sehen, sondern als wirksamen Gestalter des eigenen Lebens. Wer Verantwortung übernimmt, erlebt Selbstwirksamkeit – das Vertrauen darauf, dass das eigene Handeln einen Unterschied macht. 

Diese Haltung verändert den Blick auf das Leben. Statt zu fragen „Warum passiert mir das?“, heißt es nun: „Was kann ich tun?“ Damit beginnt ein selbstbestimmter Umgang mit Herausforderungen. Genau hier knüpft die Perspektive der element-i Konzeption an, die mit „Es kommt auf mich an“ einfach gefasst ist. Jeder Einzelne trägt Verantwortung für sein Denken, Fühlen und Handeln. Diese innere Haltung bedeutet nicht, alles allein leisten zu müssen, sondern anzuerkennen, dass die eigene Reaktion und das eigene Engagement entscheidend sind. Wer nach dem Prinzip „Es kommt auf mich an“ lebt, sieht sich als aktiven Teil des Ganzen und erkennt, dass persönliches Handeln Wirkung entfaltet – im Team, in Beziehungen und im Alltag. 

Praxisbeispiele: Den Blickwinkel verändern 

Das Verlassen der Opferrolle beginnt oft mit einem inneren Perspektivwechsel. In der element-i Haltung bedeutet das: Verantwortung für das eigene Erleben zu übernehmen und aktiv an Lösungen mitzuwirken. Denn: „Es kommt auf mich an“. 

Vera empfindet ihre Arbeitssituation als belastend. Jeden Tag geht sie mit dem Gefühl zur Arbeit, dass alles zu viel wird und ihre Bemühungen wirkungslos sind. Eines Abends beschließt sie, ihre Situation nicht länger passiv hinzunehmen. Sie überlegt genau, was sie belastet, und erkennt: Es sind weniger die Aufgaben selbst als das Gefühl, für alles verantwortlich zu sein. Am nächsten Tag sucht sie das Gespräch mit ihrem Vorgesetzten und schlägt eine andere Aufgabenteilung vor. Nach und nach spürt sie, dass sie Einfluss nehmen kann und dass genau diese Eigeninitiative ihre Arbeitszufriedenheit stärkt. 

Vincent erlebt Ähnliches. Schlechte Noten rauben ihm die Motivation, und er fühlt sich ungerecht behandelt. Bisher hatte er das Gefühl, dass sein Erfolg allein vom Wohlwollen der Lehrkräfte abhängt. Doch als er beginnt, gezielt Fragen zu stellen, um Unterstützung bittet und eigenständig Lernwege ausprobiert, merkt er, wie sich seine Ergebnisse verändern. Er erfährt: Lernen ist kein Schicksal, sondern etwas, das er aktiv gestalten kann. Dieses neue Selbstvertrauen wirkt sich weit über die Schule hinaus positiv auf sein Verhalten aus. 

Auch im familiären Alltag spielt dieser Perspektivwechsel eine große Rolle. Viola klagt häufig über die ständige Hetze und Überlastung in ihrer Rolle als Mutter. Sie ertappt sich wiederholt dabei, wie sie in Gedanken häufiger reagiert anstatt aktiv zu gestalten. Eines Tages entscheidet sie für sich, kleine Pausen fest in ihren Tag einzubauen – fünf Minuten ruhiges Atmen nach dem Frühstück, ein Spaziergang allein am Abend. Diese scheinbar kleinen Veränderungen führen zu etwas Großem: Sie reagiert gelassener, hört wieder bewusster zu und erlebt, wie sich das gesamte Familienklima entspannt. 

Diese drei Beispiele zeigen, dass der Weg aus der Opferrolle nicht mit einem großen Umbruch beginnt, sondern mit einer bewussten Entscheidung. Es sind die Momente, in denen Menschen ihren Blickwinkel verändern und Verantwortung übernehmen, die echte Selbstwirksamkeit entstehen lassen. 

Methoden zur Stärkung von Selbstwirksamkeit und Verantwortung

Selbstwirksamkeit entsteht vor allem durch bewusstes Handeln und die Erfahrung, dass das eigene Tun Wirkung zeigt. Entscheidend ist, sich regelmäßig Momente zu schaffen, die diese Erkenntnis erfahrbar machen. Eine einfache, aber wirkungsvolle Methode ist der tägliche Rückblick. Wer sich abends kurz Zeit nimmt, um drei Situationen des Tages zu notieren, in denen man etwas aktiv beeinflusst hat, schärft den Blick für die eigenen Gestaltungsmöglichkeiten. Diese Übung lenkt die Aufmerksamkeit auf das, was gelungen ist, und stärkt das Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit. Mit der Zeit entwickelt sich daraus ein inneres Bewusstsein, dass man nicht ausgeliefert ist, sondern einen gestaltbaren Anteil an Veränderung hat. 

Auch Zielkarten sind eine hilfreiche Methode. Man formuliert ein realistisches Ziel – sei es beruflich, persönlich oder zwischenmenschlich – und beschreibt konkrete Etappenschritte, die dorthin führen. Sichtbar gemachte Fortschritte, etwa durch das Abhaken einzelner Teilziele, fördern Motivation und klären den Weg. In der element-i Haltung bedeutet das, Verantwortung nicht nur zu übernehmen, sondern sie im Prozess erlebbar zu machen: Durchs Tun wachsen Selbstvertrauen, Struktur und Verlässlichkeit – für sich selbst und im Zusammenspiel mit anderen. 

Eine weitere Möglichkeit ist die Herausforderung des Monats. Dabei wählt man eine Aufgabe, die bisher gemieden wurde, und stellt sich ihr bewusst – vielleicht ein schwieriges Gespräch, ein neues Thema im Beruf oder ein Moment des Alleinseins, um sich besser kennenzulernen. Der Sinn liegt nicht im Erfolg um jeden Preis, sondern in der Erfahrung, dass Mut und Aktivität Bewegung erzeugen. Jede dieser Herausforderungen stärkt die Wahrnehmung der eigenen Einflusskraft und vertieft das Verständnis der element-i Maxime: „Es kommt auf mich an“. Denn in dem Moment, in dem wir handeln, gestalten wir nicht nur unsere Lebensumstände, sondern auch unser inneres Gleichgewicht. 

 

Übungen für Erwachsene zur Stärkung des Selbstbewusstseins

Das Selbstbewusstsein im Alltag zu stärken, gelingt am besten durch kleine, konsequent umgesetzte Übungen. Eine praktische Möglichkeit ist das Führen eines Erfolgstagebuchs. Wer sich jeden Tag einige Minuten Zeit nimmt, um aufzuschreiben, was ihm oder ihr gelungen ist und welche Erkenntnisse daraus entstanden sind, verschiebt den inneren Fokus weg vom Scheitern hin zum Wachstum. Mit jeder festgehaltenen Erfahrung entsteht ein Schatz an positiven Rückmeldungen an sich selbst – das stärkt das Selbstvertrauen, auch in schwierigen Phasen. 

Hilfreich ist außerdem der Rollentausch: Wenn eine Situation belastend oder unübersichtlich erscheint, kann es helfen, einmal innerlich Abstand zu gewinnen. Man stellt sich vor, Berater:in oder Freund:in der eigenen Person zu sein und eine wohlwollende, objektive Perspektive einzunehmen. Oft werden Lösungswege klarer, und man erkennt, welche nächsten Schritte hilfreich wären. Mit diesem Perspektivwechsel entstehen neue Ideen und oftmals eine Gelassenheit im Umgang mit Herausforderungen. 

Schließlich zahlt sich Gedankentraining aus: Viele negative Glaubenssätze wirken im Alltag unterschwellig und schwächen das Selbstbild. Wer bewusst auf seine negativen Glaubenssätze achtet („Ich kann das nicht“, „Mir gelingt so etwas nie“), kann diese Muster erkennen und sie Schritt für Schritt in stärkende Selbstbotschaften verwandeln („Ich darf Fehler machen und wachse daran“, „Ich finde nach und nach meinen Weg“). Durch regelmäßiges Üben verändert sich die innere Haltung und das Zutrauen in sich selbst wächst – eine wichtige Ressource auf dem Weg zu mehr Resilienz und Lebensfreude. 

 

Übungen für Kinder zur Stärkung des Selbstbewusstseins

Kinder lernen Selbstbewusstsein nicht durch Worte, sondern durch Erfahrungen, die ihnen zeigen, dass sie etwas bewirken können. Spielerische Übungen helfen dabei, diese Erfahrungen bewusst zu machen und zu festigen.  

Eine einfache, aber sehr wirkungsvolle Methode sind Mutkarten. Auf buntes Papier schreiben oder malen die Kinder, was sie besonders gut können, in welcher Situation sie schon einmal mutig waren oder was ihnen Kraft gibt. Die Karten können gesammelt und regelmäßig angeschaut werden – etwa, wenn ein Kind sich unsicher fühlt. So entsteht eine sichtbare Erinnerung an die eigenen Stärken und Erfolge. 

Das Ich-kann-das-Spiel bietet eine zweite Möglichkeit, Selbstwirksamkeit zu erleben. In der Gruppe oder zu Hause erzählen die Kinder, was sie heute ganz alleine geschafft haben – sei es, die Schuhe zu binden, einen Streit zu klären oder jemandem geholfen zu haben. Die Anerkennung, die sie dafür bekommen, verankert das Gefühl, selbst etwas zu können und Einfluss auf ihre Umgebung zu haben. Besonders effektiv ist dieses Spiel, wenn es regelmäßig wiederholt wird. So entsteht eine Routine, die ein positives Selbstbild und Stolz auf das eigene Handeln nachhaltig stärken. 

Auch Verantwortung im Kleinen ist ein wichtiger Baustein. Wenn Kinder regelmäßig eine Aufgabe übernehmen – etwa das Gießen der Pflanzen, das Verteilen des Materials beim Impuls oder das Decken des Esstischs –, erfahren sie, dass ihr Tun bedeutsam ist. Sie spüren, dass sie Teil eines Ganzen sind und dass ihr Beitrag zählt. Diese Erfahrung der Zugehörigkeit und Wirksamkeit bildet die Basis für Eigenverantwortung – ein entscheidendes Fundament für lebenslange Resilienz. 

Methoden zur Förderung der Eigenverantwortung im Alltag

Eigenverantwortung entwickelt sich, wenn Menschen spüren, dass ihre Entscheidungen Wirkung haben und dass sie Teil von Zusammenhängen sind, die sie mitgestalten können. Deshalb ist es hilfreich, regelmäßig bewusste Gelegenheiten zu schaffen, in denen dieses Gestalten eingeübt wird.  

Eine solche Möglichkeit bieten die sogenannten Entscheidungstage. Einmal pro Woche wird bewusst eine Entscheidung getroffen, die sonst vielleicht anderen überlassen wurde – etwa, was gemeinsam unternommen wird, wie ein Projekt gestaltet oder eine Aufgabe im Haushalt gelöst wird. Diese bewusste Wahl verdeutlicht: Wir haben einen stärkeren Einfluss, als wir glauben. Mit jedem Entscheidungstag wächst das Vertrauen in die eigene Urteilsfähigkeit und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. 

Ein weiteres kraftvolles Werkzeug sind Reflexionsfragen. Wer sich regelmäßig fragt: „Was liegt in meiner Kontrolle?“ und „Was kann ich heute beeinflussen?“, richtet seine Aufmerksamkeit auf den eigenen Handlungsspielraum. Diese Fragen helfen, sich von äußeren Umständen nicht überwältigen zu lassen und sich stattdessen auf das zu konzentrieren, was tatsächlich veränderbar ist. Sie fördern Klarheit, innere Ruhe und Handlungsenergie – besonders in herausfordernden Situationen. 

Schließlich trägt auch das bewusste Teilen von Verantwortung im Team oder in der Familie entscheidend zur Stärkung dieser Haltung bei. Wenn Aufgaben klar verteilt und von jedem konsequent übernommen werden, entsteht gegenseitiges Vertrauen. Jeder erlebt, dass sein Beitrag zählt und dass gemeinsame Ziele nur durch individuelles Engagement erreicht werden können. Dieses Erleben von Verlässlichkeit und Mitgestaltung zeigt: Verantwortung ist nicht Last, sondern eine Form von Wirksamkeit – die Grundlage für stabile Beziehungen und eine resiliente Gemeinschaft. 

Anna hat den Gedanken, wieder den Faden in die Hand zu nehmen, in ihrem Alltag umgesetzt. Sie begann, kleine Dinge zu verändern, übernahm Verantwortung für ihre Gefühle und Handlungen und erlebte, wie sich ihre Lebensqualität verbesserte. Der Mut des kleinen Kindes, das seinen Drachen trotz der Rückschläge immer wieder steigen ließ, motivierte sie fortan. Wer die Opferrolle verlässt, entdeckt die eigene Kraft und gestaltet so nicht nur das Leben neu, sondern auch das Miteinander – ganz im Sinne der Säule „Opferrolle verlassen“ und der Maxime: „Es kommt auf mich an.“ 

Mehr von Barbara Schmieder

Literatur 

Kammerlander, Carola; Rehn, Marcus; Pädagogischer Leitungskreis (2024): Pädagogische Konzeption für die element-i Kinderhäuser. Stuttgart 

Mauritz, Sebastian (2021): Sieben Säulen der Resilienz nach Ursula Nuber. Abrufbar unter: https://www.resilienz-akademie.com/resilienz-staerken/nuber-sieben-saeulen/ (zuletzt aufgerufen am 28.10.2025) 

Rönnau-Böse, Meike; Fröhlich-Gildhoff, Klaus (2024): Resilienz und Resilienzförderung über die Lebensspanne. Kohlhammer: Stuttgart.  

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