Digitale Welt, analoge Wurzeln: Der Weg zur Medienmündigkeit

Brauchen Kinder Bildschirmmedien, um Medienkompetenz zu erlangen? Wie können Kinder medienmündig werden – ohne digitale Medien zu nutzen? Wie findet Medienbildung im Kinderhaus statt, wenn wir nur analoge Medien anbieten? Das sind Fragen, denen ich in den Kinderhäusern immer wieder begegne. Die Antwort darauf ist klar: Kinder brauchen keinen Zugang zu digitalen Medien für eine gute Medienbildung! Doch was brauchen sie dann?

Die Kinder wachsen in einer zunehmend digitalen Welt auf. Bildschirmmedien gehören zur Lebenswelt dazu. Kinder sehen und erleben, wie Erwachsene digitale Medien nutzen und sind von Bildschirmmedien angezogen. Müssen Kinder deshalb den Zugang dazu haben? Als erwachsene Begleiter:innen lassen wir nicht zu, dass sich Kinder hauptsächlich von Süßigkeiten ernähren, nur weil sie ihnen so gut schmecken. Das wäre grob fahrlässig!

Es geht vielmehr darum, Kinder dabei zu begleiten, in der digitalen Welt gesund aufzuwachsen – und dafür braucht es keinen Umgang mit digitalen Medien. Kinder brauchen analoge, also echte Erfahrungen, um medienmündig zu werden. Gerade junge Kinder brauchen Zeit, sich selbst und die Welt um sich herum zu entdecken. Diese eigenen Erfahrungen stärken ein Kind, später einen gesunden Zugang zu digitalen Medien zu finden. Es gibt unzählige Lernerfahrungen, die täglich in den Kinderhäusern geschehen und dazu beitragen, dass die Kinder medienmündig werden. Und das ganz ohne Bildschirmmedien.

Ohne analoge Erfahrungen fehlt die notwendige Grundlage

In unseren element-i Kinderhäusern setzen wir den Fokus auf dinglich-greifbare, also analoge Erfahrungen. Die Kinder erhalten die Zeit und die Möglichkeiten, sich mit echten Materialen, Wahrnehmungen und Erfahrungen auseinanderzusetzen, die ihrer psychosozialen Reife entsprechen und somit für sie verstehbar und handhabbar sind. Durch die Förderung von notwendigen und grundlegenden Kompetenzen ist es Kindern möglich, eine nachhaltige Medienmündigkeit aufzubauen.

In der Aufbauarbeit des Kindes bestehen die nötigen Vorläufererfahrungen, durch die Kinder Kompetenzen entwickeln, die dann wiederum zu (Medien-)Mündigkeit führen (Bleckmann 2014, S. 11).

Indem die Kinder im Kitaalltag vielfältige echte Sinneserfahrungen machen und diese in eigenen Handlungen festigen und mit Bewegungsabläufen verknüpfen, begreifen sie ihre Welt und bilden ihre Sinne weiter aus. Daraus entwickelt sich das Denken, welches ausschlaggebend dafür ist, echte Erfahrungen mit Medienerlebnissen zu verknüpfen. (sensomotorische Integration).

 

Abbildung 1

 

Abb. 1: Der Aufbau von Medienmündigkeit (Bleckmann 2014, S. 11)

Kommunikation sehen wir als Zugang zur Welt. Kinder lernen durch die Interaktion mit anderen Personen und entwickeln so ihre Fähigkeiten, Kontakte aufzubauen. Sie benötigen hierzu stärkende Beziehungen und erste Freundschaften, die es im Bereich der Elementarpädagogik aufzubauen und zu stärken gilt. Die Kompetenz zu erlangen, in Interaktion mit anderen Personen zu treten, andere einschätzen zu können, Konflikte zu bewältigen und sich auf andere Personen verlassen zu können, sehen wir als Grundlage für die sich entwickelnde Medienmündigkeit (Kommunikationsfähigkeit).

Selbst zu produzieren, dadurch Selbstwirksamkeit zu erfahren und intrinsisch motiviert zu sein, sind wichtige Kompetenzen, die in unseren Kinderhäusern gefördert werden. Ganz nach dem Ansatz „Produzieren vor Konsumieren“ probieren sich Kinder in interessenbasierten Themen mit unterschiedlichen Materialen aus, gehen ihren Bedürfnissen nach und werden in diesen durch die pädagogischen Fachkräfte begleitet und gefordert. Indem Kinder mit dem eigenen Denken und Handeln produzieren, wird ihre Konzentrationsfähigkeit sowie ihr Durchhaltevermögen gestärkt. Versuch und Irrtum zu erfahren, neue Lösungswege auszuprobieren und am Ende selbst etwas produziert zu haben, stärkt die Resilienz und fördert gleichzeitig die Kreativität (Produktionsfähigkeit).

Rezeptions- und Selektionsfähigkeit entwickeln

Durch vielfältige Produktionsmöglichkeiten schaffen wir in unseren Kinderhäusern grundlegende Erfahrungen, um Situationen differenziert zu betrachten, Einzelnes hervorzuheben und Erfahrungen auf neue Situationen zu übertragen. Indem Kinder beginnen, Informationen aufzunehmen und Situationen zu differenzieren, beginnen sie sich kritisch mit der Welt und ihrem konkreten Erleben auseinanderzusetzen. Die Rezeptionsfähigkeit und die kritische Reflexion sind dabei Dimensionen, welche sich aufgrund der Entwicklung der Kinder im Schulalter weiter ausbilden und schärfen. Informationen aufzunehmen und zu verstehen, das eigene Wirken im Kontext mit anderen beurteilen zu können, verschiedene Optionen zu erkennen und gegenüberstellen zu können, führt abschließend zum Aufbau der Selektionsfähigkeit. Für Kinder bedeutet dies, Optionen für sich zu erkennen und aus diesen auszuwählen, um den eigenen Bedürfnissen zu begegnen.

Für eine gelingende Aufbauarbeit des Kindes und die Erreichung der Medienmündigkeit sind die analogen Erfahrungen ausschlaggebend. Wir sehen es als unseren Auftrag, den Raum und die Entwicklungsmöglichkeiten zu schaffen, diese Erfahrungen vertieft zu gewähren. Dabei greifen wir Medienerlebnisse der Kinder aktiv auf und schaffen hierzu in den unterschiedlichen Bildungs- und Entwicklungsfeldern echte Eindrücke, die dazu beitragen, die digitalen Erlebnisse einordnen zu können. Dies schafft für Kinder Kohärenz und den Zugang zu Themen, die sie beschäftigen. Gleichermaßen ist der Bezug zur Elternarbeit relevant, um das Thema ganzheitlich zu betrachten. Lesen Sie hier weiter: Medienpädagogik in der Zusammenarbeit mit Eltern – element-i )

Wir vertreten bei element-i die Haltung, dass Kinder bis 3 Jahren bildschirmfrei aufwachsen sollten. In der Zeit bis zur Schule und auch danach sollte der Medienzugang eingeschränkt sein und begleitet werden. Nur so können Kinder lernen, die genutzten Medien sowie deren Inhalten zu verstehen und einordnen zu können – kurz gesagt: eine Medienmündigkeit aufzubauen. Dann haben Kinder eine solide Grundlage, die Risiken und gleichermaßen die Chancen, die in der Nutzung von Medien liegen, zu erkennen und für sich zu nutzen. Medienbildung ist somit als ein zentrales Bildungs- und Entwicklungsfeld zu sehen, in dem der Fokus auf den Vorläufererfahrungen der Kinder liegt. Indem Sie diese fördern, tragen Sie in den Kinderhäusern dazu bei, dass Kinder im digitalen Zeitalter gesund groß werden.

Mehr von Svenja Korber

Literatur 

Bleckmann, P. (2014): Kleine Kinder und Bildschirmmedien. Abrufbar unter: https://nifbe.de/wp-content/uploads/2025/02/KiTaFT_Bleckmann_2014.pdf (zuletzt aufgerufen am 23.11.25) 

Kammerlander, Carola; Rehn, Marcus; Pädagogischer Leitungskreis (2024): Pädagogische Konzeption für die element-i Kinderhäuser. Stuttgart 

Pemberger, Brigitte (2023): analog vor digital: Medien- und Informatikprojekte zum Begreifen Praxisbuch; 1. Auflage, Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft, Alfter b. Bonn

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