„Geht man mit Kindern in den Wald, über Wiesen oder an einen Strand und gibt ihnen dort den Raum zu spielen, zu entdecken, ihre Neugierde an ihrer Umwelt zu entfalten, wird deutlich, welch positive Wirkung solche Momente für alle Beteiligten (Kind wie Erwachsene) besitzen. Die Neurowissenschaften betonen, wie wichtig die eigene, am eigenen Leib gemachte Erfahrung in und mit der Natur für die Hirnentwicklung [ist]. Nur dadurch können all jene inneren Einstellungen und Haltungen herausgeformt werden, […], die die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen stärken und die Entfaltung der in ihnen angelegten Potenziale, ihre Entdeckerfreude und Gestaltungslust wieder anregen und verloren gegangene Sinnbezüge wiederherstellen“ (Hüther, 2011, zitiert nach Klöden, 2018, S. 5).
Im Rahmen ihrer dualen Ausbildung gestalteten Fachschüler:innen des Jahrgangs AJ24 am 29.04.2025 einen Natur-Entdeckertag in Karlsruhe mit Kindern aus den Kindertageseinrichtungen Dodos, Nidos, Südis und Wirbelwind. Ziel dieses Projekttages war es, naturpädagogische Bildungsinhalte erfahrbar zu machen und die Kinder in ihrer Entdeckerfreude, Selbstwirksamkeit und Verbundenheit mit der Natur zu stärken.
Die Planung und Umsetzung des Natur-Entdeckertages orientierte sich an den Grundprinzipien der element-i Pädagogik sowie an den Bildungszielen des baden-württembergischen Orientierungsplans (Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg 2011). Besonders betont wird darin die Bedeutung von Naturerfahrungen als elementarer Bestandteil frühkindlicher Bildung. Durch die bewusste Einbindung von Naturräumen und naturnah gestalteten Außenbereichen eröffnen sich vielfältige Sinnesreize, die eine differenzierte Wahrnehmung fördern und der zunehmenden Entfremdung von der natürlichen Umwelt entgegenwirken (vgl. ebd., S. 18).
Im Sinne eines handlungsorientierten Lernens konnten die Fachschüler:innen zunächst selbst die Natur als Erlebnis- und Bildungsraum erfahren. Diese eigenen Erfahrungen wurden anschließend praxisnah an die Kinder der beteiligten Kindertageseinrichtungen weitergegeben. Eine ganzheitliche Bildung stand dabei im Mittelpunkt: Durch sinnliche Wahrnehmung, erlebnisorientierte Zugänge, Raum für Bewegung und Ruhe sowie das Kennenlernen heimischer Pflanzen und Tiere wurde die Auseinandersetzung mit der natürlichen Umwelt auf vielfältige Weise angeregt.
Pädagogisches Konzept und vorbereitende Inhalte
Im Vorfeld des Natur-Entdeckertags setzten sich die Fachschüler:innen vertieft mit naturpädagogischen Ansätzen auseinander. Hierzu zählten unter anderem ein fachlicher Input zum Thema Bestimmungskunde – mit Fokus auf typische Pflanzenarten Mitteleuropas – sowie das praktische Erproben von Naturerlebnisspielen nach Joseph Cornell, einem Pionier der Naturpädagogik. Cornell betont in seinem „Flow Learning“-Modell (Cornell 1998) die Bedeutung einer emotionalen und spielerischen Beziehung zur Natur, die Neugierde weckt und ökologische Zusammenhänge erfahrbar macht.
Diese Prinzipien fanden direkte Anwendung in der Gestaltung des Tages. Im Mittelpunkt stand eine Schatzsuche mit Schnitzeljagd, in deren Rahmen die Kinder dem Zauberer „Zauberbart“ helfen sollten, einen verlorenen Schatz zu finden. Dabei durchliefen sie verschiedene Stationen, an denen sie Aufgaben lösten – Aufgaben aus den Bereichen Sinneswahrnehmung, Bewegung, Kunst, Bauen und Naturwissen. Spielerisch erlernten sie, Pflanzen zu erkennen, mit Naturmaterialien zu gestalten und sich in der Natur orientierungssicher zu bewegen. Das NABU-Naturbingo unterstützte diese Lernprozesse durch gezielte Beobachtungsaufgaben (NABU Münsterland 2024).
Naturpädagogik als Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)
Der Projekttag war eng mit den Zielen der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) verknüpft. Im Mittelpunkt standen insbesondere das vierte Nachhaltigkeitsziel „Hochwertige Bildung“ (SDG 4) sowie „Gesundheit und Wohlergehen“ (SDG 3) (United Nations 2024). Durch erfahrungsorientiertes Lernen konnten die Kinder Kompetenzen in den Bereichen Sprache, Motorik, Kognition und Sozialverhalten entwickeln, während gleichzeitig ein Bewusstsein für die Natur als schützenswerten Lebensraum entstand.
Die fachliche Grundlage bildeten zentrale Konzepte der Naturpädagogik, wie sie unter anderem von Klöden (2018) in „Naturpädagogik konkret“ dargestellt werden. Klöden betont die Bedeutung unmittelbarer Naturerfahrungen für die kindliche Entwicklung, insbesondere im Hinblick auf Resilienz, Selbstwirksamkeit und Weltaneignung (Klöden 2018, S. 5). Bildung für nachhaltige Entwicklung zielt ihm zufolge auf die Herausbildung einer Persönlichkeit, die sich ermutigt und befähigt fühlt, das eigene Leben aktiv mitzugestalten und dabei über das notwendige Wissen sowie über Kompetenzen verfügt, um dies im Sinne nachhaltiger Entwicklung umzusetzen (vgl. ebd.).
Darüber hinaus verfolgt die Naturpädagogik das Ziel, kindliche Naturbegegnungen mit Aspekten des Umweltschutzes zu verbinden. Dabei steht die spielerische Auseinandersetzung mit der Natur im Vordergrund. Kinder sollen durch praktisches Tun und entdeckendes Lernen ökologische Zusammenhänge selbstständig erschließen können (Schumacher 2019).
Gesundheitsförderung durch Draußensein
Im Sinne von element-i wurde dabei auch der Aspekt der körperlichen und seelischen Gesundheit berücksichtigt. Das Draußensein an der frischen Luft, die freie Bewegung sowie Zeiten für Ruhe und Entspannung leisteten einen Beitrag zur Gesundheitsförderung. Zum Abschluss der Schatzsuche erwartete die Kinder ein gesunder Schatz in Form von getrockneten Apfelringen – ein kleiner, aber bewusster Beitrag zur gesunden Ernährung.
Reflexion und Ausblick
Der Natur-Entdeckertag war nicht nur für die Kinder ein spannendes Erlebnis, sondern bot auch den Fachschüler:innen die Möglichkeit, zentrale Ausbildungsinhalte praxisnah umzusetzen. Die Kombination aus fachlichem Wissen, kreativer Gestaltung und pädagogischer Verantwortung ermöglichte ihnen, sich im angeleiteten Spiel als Bildungsbegleiter:innen zu erproben.
Abschließend lässt sich festhalten: Der Tag zeigte eindrucksvoll, wie Bildung im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung gelingt – wenn Natur als Lern- und Lebensraum ernst genommen und mit pädagogischer Qualität verbunden wird.
Von Jil Beyer aus der FDFP Karlsruhe
Literatur:
Cornell, Joseph (1998). Sharing nature with children. Dawn Publications
Klöden, Hans-Werner (2018): Naturpädagogik konkret. Verfügbar unter: https://www.kita-fachtexte.de/fileadmin/Redaktion/Publikationen/KiTaFT_Kloeden_2018_Naturpaedagogikkonkret.pdf. (letzter Zugriff am 16.5.25)
Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg (2011): Orientierungsplan für Bildung und Erziehung in baden-württembergischen Kindergärten. https://kindergaerten.kultus-bw.de/site/pbs-bw-km-root/get/documents_E924028019/KULTUS.Dachmandant/KULTUS/Projekte/kindergaerten-bw/Oplan/Material/KM-KIGA_Orientierungsplan_2011.pdf (letzter Zugriff: 15.5.2025)
NABU Münsterland (2024): Natur-Bingo – Naturerleben spielerisch fördern. Verfügbar unter: https://www.nabu-muensterland.de/2024/04/19/natur-bingo/ (letzter Zugriff am 06.05.2025).
Schumacher, Annegret (2019): Naturpädagogik. Abrufbar unter: https://www.herder.de/kindergarten-paedagogik/kita-leitung/handlungskonzepte-und-profile/naturpaedagogik/ (letzter Zugriff: 15.5.2025)
United Nations (2024): Sustainable development goals. Abrufbar unter: https://sdgs.un.org/goals. (letzter Zugriff: 15.5.2025)




