Im Jahr 2024 waren knapp 770.000 Menschen in Deutschland in Kindertageseinrichtungen pädagogisch tätig – ein neuer Höchststand. Rund 60.000 von ihnen nahmen eine Leitungsfunktion wahr (siehe Quelle unten). Sollten die, denen sich die Möglichkeit eröffnet, eine der vergleichsweise wenigen Führungsposten zu übernehmen, auf jeden Fall zugreifen? Die Pädagogin Sabine Knoller leitet seit September 2025 das element-i Kinderhaus Königskinder in München. Sie berichtet von ihren Erfahrungen.
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Liegt mir eine Leitungsposition in der Kita? Wer sich diese Frage beantworten will, sollte wissen, dass sich solche Stellen deutlich von jenen als Fachkraft unterscheiden können. Denn was in den Arbeitsbereich der Leitung fällt, hängt auch vom Träger ab. Bei element-i heißen die Kita-Leitungen zum Beispiel Teamleitungen, und das hat auch einen guten Grund: Bei uns stehen Personalführung, Team- und Qualitätsentwicklung im Fokus der Tätigkeit. Viele eher administrative Aufgaben, wie Platzvergabe, Einkauf oder Personalsuche, die in anderen Einrichtungen teilweise in das Aufgabenspektrum der Leitung fallen, sind bei element-i zentralisiert. Mir persönlich kommt das sehr entgegen.
Warum ich die Führungs-Chance ergriffen habe
Schon beim Berufseinstieg war mir klar: Ich liebe es, mit Kindern zu arbeiten, konnte mir aber nicht vorstellen, mein ganzes Berufsleben Vollzeit als Pädagogin tätig zu sein. Die Arbeit mit den Kindern hat mir zwar viel gegeben, doch gleichzeitig merkte ich, dass ich auf Dauer körperlich an meine Grenzen kam. Zudem hatte ich noch Luft nach oben, was meine geistigen Leistungsfähigkeiten anbelangte.
Während meines Studiums zur Grundschullehrerin arbeitete ich bereits als Werkstudentin im element-i Kinderhaus Zauberwald in München. In dieser Zeit wurde mir bereits klar, dass neben meinem eigentlichen Ziel, Grundschullehrerin zu werden, auch eine Tätigkeit als Teamleitung für mich sehr gut in Frage kommen würde. Ein wichtiger Grund für diese Erkenntnis war meine damalige Teamleitung, die bis heute ein großes Vorbild für mich ist und von der ich unglaublich viel lernen durfte. Außerdem hatte ich schon immer Freude daran, Abläufe zu strukturieren sowie holprige Prozesse im Alltag zu erkennen und zu verbessern. Die konzeptionelle Arbeit auf der Metaebene reizte mich. Auch in meinem Berufsweg zur Grundschulpädagogin war diese Denkweise bereits wichtig. Deshalb lag es für mich nach dem abgeschlossenen Referendariat nahe, die Chance und Herausforderung anzunehmen, ein eigenes Team zu leiten statt wie geplant als Lehrkraft zu arbeiten.
Heute arbeite ich zu 50 % freigestellte Leitung. Das geht nicht allen Leitungskräften so. Die meisten Kita-Leitungen sind – je nach Größe der Einrichtung – nur teilweise vom „Dienst am Kind“ freigestellt. Die Länder machen Vorgaben dafür: In Baden-Württemberg beträgt die Leitungszeit bei einer eingruppigen Kita mindestens sechs Wochenstunden. Für jede weitere Kindergruppe kommen mindestens zwei Wochenstunden dazu. Aber auch die Träger haben Gestaltungsmacht: Bei element-i sind Leitungen grundsätzlich komplett von der direkten pädagogischen Arbeit freigestellt. Sie sind der Dreh- und Angelpunkt für den Transfer der trägereigenen element-i Pädagogik in die Praxis und das Bindeglied zwischen dem pädagogischen Leitungskreis, der die Pädagogik auf theoretischer Ebene weiterentwickelt, und der Umsetzung in den element-i Kinderhäusern.
Was bleibt, wenn die direkte Arbeit weniger wird
Wie es mir mit der neuen Aufgabe geht? Manchmal vermisse ich den Alltag als Fachkraft – vor allem die enge Bindung zu den Kindern und den direkten Einfluss, den man in dieser Rolle hat. Nicht selten beobachte ich eine besonders schöne Interaktion zwischen Kind und Fachkraft, und mir geht das Herz auf. Auch die Gestaltung von Impulsen fehlt mir manchmal: Dieses Leuchten in den Kinderaugen, wenn ein Angebot genau ihr Bedürfnis im jeweiligen Bildungsbereich trifft. Gleichzeitig bleibt diese Freude auch als Teamleitung bestehen. Ich erlebe sie nur anders. In solchen Momenten sehe ich, welchen Beitrag pädagogische Themen in Teamsitzungen, Einzelcoachings oder gemeinsame Reflexionen leisten. Mein Einfluss ist weniger direkt, aber nicht weniger bedeutsam.
Den Rollenwechsel annehmen
Der schwerste Schritt war für mich anfangs, zu akzeptieren, dass ich vieles nicht mehr selbst ausführe. Meine Aufgabe ist es nun, Pädagog:innen anzuleiten, zu begleiten und zu stärken. In den ersten Monaten ertappte ich mich oft dabei, wie ich Räume eigenständig aufräumte oder umgestaltete oder schwierige Eingewöhnungen teilweise übernahm. Ich musste lernen, nicht sofort selbst einzuspringen, sondern andere in ihrer Rolle zu befähigen.
Dieser Rollen- und Perspektivwechsel braucht Zeit. Ich würde nicht behaupten, dass ich ihn schon vollständig abgeschlossen habe. Eine weitere Herausforderung ist für mich die gefühlte ständige Erreichbarkeit. Bei enger Besetzung fällt es mir schwer abzuschalten. Im Kopf plane ich dann bereits alle Eventualitäten durch, falls noch eine Krankmeldung kommt. Als Fachkraft hat mich das Thema zwar auch beschäftigt, aber nicht in diesem organisatorischen Ausmaß.
Teamleitung ist kein automatisches Upgrade
Oft wird der Schritt zur Teamleitung als „nächster logischer Schritt“ verstanden. Vielen ist dabei zunächst nicht bewusst – mir anfangs auch nicht –, dass diese Rolle eine völlig andere Herangehensweise verlangt. Man verlässt die Rolle als gute Pädagogin nicht automatisch und startet ebenso selbstverständlich als gute Teamleitung.
Die Aufgaben unterscheiden sich deutlich. Was man vorher selbst erledigt hat, muss nun delegiert, begleitet und nachgehalten werden. Alltagsfeedback wird wichtiger. Schwierige Einzelgespräche und Konflikte gehören ebenfalls dazu. Für mich war die wichtigste Erkenntnis: Teamleitung ist kein Upgrade, sondern eine eigene berufliche Rolle mit eigenen Chancen, Anforderungen und Grenzen.
Gerade in der Anfangszeit war ich sehr froh, eine großartige Mentorin an meiner Seite zu haben und am trägerinternen Führungskräftetraining teilnehmen zu können.
Die entscheidende Frage: Wo liegt meine Energie?
Der größte Unterschied zwischen beiden Rollen liegt in der Zielgruppe. Als Fachkraft steht die direkte Arbeit mit dem Kind im Mittelpunkt. Als Teamleitung verschiebt sich der Fokus stärker auf die Zusammenarbeit mit Pädagog:innen, auf Führung, Organisation und Weiterentwicklung des Teams.
Wer vor der Entscheidung steht, ob der Schritt von der Fachkraft zur Teamleitung der richtige ist, sollte sich ehrlich fragen:
- Liegt es mir, Menschen anzuleiten und zu führen – oder ziehe ich meine Energie vor allem aus der direkten Arbeit mit Kindern?
- Wie gehe ich mit Konflikten um? Spreche ich schwierige Themen offen an oder weiche ich ihnen eher aus?
- Habe ich Freude daran, Prozesse zu gestalten und zu verbessern – oder möchte ich lieber unmittelbar im Geschehen wirken?
Weg von „besser“ oder „schlechter“
Am Ende gibt es bei dieser Entscheidung kein besser oder schlechter. Beide Wege sind wertvoll. Wichtig ist, die Vor- und Nachteile bewusst abzuwägen und sich nicht in eine Richtung drängen zu lassen, nur weil sie vermeintlich der nächste logische Schritt ist.
Wer eine Leitungsposition übernimmt, sollte sich Zeit geben, in die neue Rolle hineinzuwachsen. Hätte mich jemand nach sechs Wochen gefragt, ob es die richtige Entscheidung war, hätte ich sicher noch kein klares „Ja, das ist mein Job!“ sagen können. Heute denke ich: Das ist normal. Neue Rollen brauchen Zeit, Erfahrung und Reflexion.
Hilfreich ist es, sich mit Kolleg:innen zu vernetzen und offen über Herausforderungen zu sprechen. Jede Teamleitung hat einmal angefangen und kann diesen Prozess nachvollziehen. Bei element-i habe ich die Einarbeitung als besonders stärkend erlebt: Ich wurde offen aufgenommen und begleitet. Durch das Traineeprogramm für neue Teamleitungen und das Führungskräftetraining konnte ich mich über den eigenen Standort hinaus vernetzen und fachlich weiterentwickeln. Auch der regelmäßige Austausch mit meiner Mentorin war gerade zu Beginn sehr wertvoll.
Ob man den Schritt zur Teamleitung geht oder sich bewusst für die Arbeit als Fachkraft entscheidet: Entscheidend ist, sich selbst treu zu bleiben. Es gibt viele Möglichkeiten, sich als Fachkraft weiterzuentwickeln oder eine Fachkarriere in einem bestimmten Bereich einzuschlagen.
Für mich persönlich war der Schritt zur Teamleitung genau richtig. Ich bin froh, ihn gegangen zu sein – mit all seinen bisherigen und vermutlich noch kommenden Stolpersteinen und Höhenflügen.
von Sabine Knoller, element-i Kinderhaus Königskinder
Quelle:
Autor:innengruppe Fachkräftebarometer: Fachkräftebarometer Frühe Bildung 2025, Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte. Bielefeld 2025