Freispiel professionell begleiten – Die Rolle der Fachkraft im Fokus

Das Stimmengewirr füllt den Raum. Auf dem Teppich entsteht eine Stadt aus Kapplasteinen, während Tom in der Ecke mit den Eisenbahnschienen baut. Ich sitze am Rand, mein Blick wandert – nicht suchend, sondern lauschend. Da, ein Streit um den Lastwagen. Mein Impuls ist es, hinzugehen und den Streit zu klären. Aber ich atme kurz und warte eine Sekunde. Vielleicht finden sie selbst einen Weg? Neben mir sitzt Anna und hält eine Holzfigur in der Hand. Soll ich ihr etwas anbieten? Ich spüre, wie viel hier gerade passiert. Was ist mein nächster Schritt?
Sina, pädagogische Fachkraft in der Freispielbegleitung

Das freie Spiel gehört zu den zentralen Tätigkeitsformen im Leben von Kindern und nimmt auch im Alltag elementarpädagogischer Bildungseinrichtungen einen wichtigen Stellenwert ein (vgl. Majcen et al. 2020, S. 7). Die Bedeutung der pädagogischen Fachkraft im Freispiel wird jedoch häufig unterschätzt. Eine hohe Interaktionskompetenz gilt hierbei als Schlüsselmerkmal, denn Kinder erwerben grundlegende Fähigkeiten vor allem durch Interaktionsprozesse (vgl. Schmelzeisen-Hagemann 2021, S. 2). Doch was genau macht eine gute Interaktionsqualität im Freispiel aus? Und welche Rolle nimmt die Fachkraft dabei tatsächlich ein?

Von der Raumgestaltung zur Spielgestaltung

„Die vorbereitete Umgebung muss dem Kind die Freiheit geben, sich selbst zu entfalten.“
Maria Montessori.

Die Gestaltung der Umgebung ist weit mehr als reine Dekoration – sie ist ein pädagogisches Werkzeug. Die Anordnung der Möbel, die Materialauswahl sowie deren Platzierung beeinflussen maßgeblich, wie sich Kinder bewegen, einander begegnen und Neues ausprobieren. Damit bildet die Raumgestaltung den ersten entscheidenden Schritt, um eine aktive Spielgestaltung zu ermöglichen.

Die pädagogische Fachkraft schafft dabei einen Rahmen, der die Kinder zum Spiel einlädt und ihnen freie Entfaltung erlaubt. Ziel ist es, sichere und zugleich anregende Räume zu gestalten, in denen die Kinder eigenständig tätig werden können. „Im Umgang mit Materialien soll den Kindern größtmögliche Freiheit in der Verwendung, Gestaltung und Deutung zugestanden werden“ (Kammerlander/Rehn 2024, S. 19) – eine Haltung, die durch eine bewusste und sorgfältige Raumplanung unterstützt wird. Eine gut vorbereitete Lernumgebung gibt Sicherheit und Orientierung, ohne den Kindern den Weg vorzugeben, und eröffnet dadurch unzählige Möglichkeiten für selbstbestimmtes Spiel.

Interaktion als Schlüssel – zwischen Beobachtung und Handeln

Ist der Raum vorbereitet und sind die Materialien bereitgelegt, beginnt für die Fachkraft die eigentliche Herausforderung: die Kinder im Freispiel mit der richtigen Balance aus Nähe und Distanz zu begleiten. Interaktion ist hierbei der Schlüssel, denn sie beeinflusst, wie Kinder ihre Spielideen entfalten, soziale Beziehungen gestalten und Konflikte lösen. Dabei bewegt sich die Fachkraft ständig zwischen zwei Polen: dem aufmerksamen Beobachten, um Bedürfnisse und Entwicklungen wahrzunehmen, und dem gezielten Handeln, um Impulse zu setzen (vgl. Schmelzeisen-Hagemann, 2021, S. 7).

Freispielsituationen bieten eine Fülle an Beobachtungsmöglichkeiten. Hier werden aktuelle Interessen und Bedürfnisse sichtbar, die sich im Sinne der Bildungsspirale weiterentwickeln lassen. Die Fachkraft leitet aus diesen Beobachtungen ihr pädagogisches Handeln ab – von gezielten Impulsen bis hin zur bewussten Entscheidung, dem Spiel Raum zu lassen. Sensibilität, Geduld und ein feines Gespür für den richtigen Moment sind entscheidend. Orientierung kann dabei der element-i Erziehungsstil „authentisch, dialogisch, kohärent“ bieten.

Verlässliche Spielbegleitung – authentisch: Innerhalb der Spielbegleitung ist es entscheidend, den Kindern als verlässlicher Partner zu begegnen. Das erfordert sowohl die Bereitschaft, sich aktiv einzubringen, als auch die Fähigkeit, aufmerksam und verbindlich im Spielgeschehen präsent zu sein. Eine innere Stabilität und eine klare pädagogische Haltung helfen dabei, sich nicht von den vielfältigen Alltagsdynamiken verunsichern zu lassen. Fachkräfte sollten sich der Wirkung ihres Handelns stets bewusst sein und diese bewusst als pädagogisches Werkzeug einsetzen.

Wie siehst du die Welt? – dialogisch: Das Spiel der Kinder bietet die Möglichkeit, die Welt durch ihre Augen zu sehen. „Jeder Mensch sieht die Welt mit seinen eigenen Augen, gibt den Dingen eine persönliche Bedeutung und versucht immer wieder, neuen Sinn herzustellen“ (Kammerlander/Rehn 2024, S. 13). Im Dialog mit den Kindern ist eine zentrale Aufgabe der Spielbegleitung. Für Kinder bedeutet Spielen, auf andere zuzugehen, sie am eigenen Spiel teilhaben zu lassen, sich auszutauschen und Kompromisse einzugehen (vgl. Lochner 2022). Eine dialogische Grundhaltung der Fachkräfte unterstützt diese hohe Form des sozialen Lernens, indem sie die eigene Wahrnehmung einbringt, gleichzeitig aber auch die Wirklichkeit des Gegenübers anerkennt. Offene Fragen helfen den Kindern, ihre Wahrnehmung zu verbalisieren und Worte für ihr Handeln und Empfinden zu finden. So wird Bindung gestärkt und die Basis für neue Spielsituationen geschaffen.

Eine gemeinsame Spielreise – kohärent: „Spielen ist die dem Kind eigene Art, sich mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen, sie zu erforschen, zu begreifen, zu ‘erobern’.” (Ministerium für Kultur, Jugend und Sport Baden-Württemberg 2025, S. 48). Das Freispiel bietet ihnen die Möglichkeit, die komplexe Welt verstehbar, sinnhaft und handhabbar zu machen. Fachkräfte übernehmen hier die Aufgabe, Abläufe und Interaktionsprozesse für die Kinder kohärent zu gestalten und an ihren Entwicklungsstand anzupassen.

In einem Prozess der Ko-Konstruktion – durch gemeinsames Handeln und Interaktion – geben Fachkraft und Kind den Situationen gemeinsam Sinn. Die Fachkraft begibt sich damit auf eine „Spielreise“ mit den Kindern, entdeckt, hinterfragt und entwickelt ihre Themen weiter. Diese Begleitung orientiert sich stets an den individuellen Bedürfnissen der Kinder und an der Dynamik der Gruppe. Die sprachliche Begleitung erfolgt auf Augenhöhe und fördert konsequent die Selbstständigkeit der Kinder.

Fazit

Interaktion im Freispiel erfordert eine bewusst eingenommene Rolle und die Anerkennung der Komplexität kindlichen Spielverhaltens. Authentisches, dialogisches und kohärentes Handeln bilden die Basis für eine qualitativ hochwertige Spielbegleitung. Ebenso wichtig ist das Bewusstsein, dass die Fachkraft im Freispiel eine aktive und wertvolle Rolle einnimmt, die maßgeblich die Qualität des pädagogischen Alltags beeinflusst.

Dieser Prozess lässt sich nicht allein aus einem Fachbuch erlernen. Er entsteht vor allem durch die kontinuierliche Reflexion des eigenen Handelns und des persönlichen Erziehungsstils. Hilfreich können dabei die in der Prozessbeschreibung „Freispiel“ enthaltenen Reflexionsfragen sein.

Das Ziel sollte darin bestehen, sich jeden Morgen kurz zu fragen: „Was für ein Spielpartner möchte ich heute für die Kinder sein?”

Literatur

Kammerlander, Carola; Rehn, Marcus; Pädagogischer Leitungskreis (2024): Pädagogische Konzeption für die element-i Kinderhäuser. Stuttgart

Lochner, Beatrice (2022): Spielpädagogik – das freie Spiel und seine Bedeutung für die Entwicklung des Kindes von 0 – 6 Jahren – Definition und Bedeutung des Spiels/ des Spielens – Teil 2. Abrufbar unter: Spielpädagogik – das freie Spiel und seine Bedeutung für die Entwicklung des Kindes von 0 – 6 Jahren

Majcen, Jutta; Steinmann, Renate; Taslimi, Natascha; Mittlböck, Katharina (2020): Spielraum Freispiel: Mehr als Spielerei? Interaktionsqualität zum Aufbau tragfähiger Beziehungen zu Kindern im Freispiel. Abrufbar unter: Spielraum Freispiel: Mehr als Spielerei? 

Ministerium für Kultur, Jugend und Sport Baden-Württemberg (2025): Orientierungsplan für Bildung und Erziehung in baden-württembergischen Kindertageseinrichtungen und in der Kindertagespflege. Stuttgart: Ministerium für Kultur, Jugend und Sport Baden-Württemberg.  

Schmelzeisen-Hagemann, Sarah (2021) Professionelles Handeln pädagogischer Fachkräfte im Kindergarten, Nr. 8/2021. Abrufbar unter: Professionell Handeln pädagogischer Fachkräfte im Kindergarten 

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