Anna arbeitet seit einigen Jahren als Erzieherin in einer Kindertagesstätte. Sie ist engagiert, verantwortungsbewusst – und sehr darauf bedacht, alles richtig zu machen. Schon früh hat sie von ihren Eltern den Satz gehört: „Nur wer keine Fehler macht, ist wirklich gut.“ Dieser Glaubenssatz ist tief in ihr verankert. Im Alltag zeigt sich das auf vielfältige Weise: Anna plant ihre Angebote für die Kinder bis ins kleinste Detail, überprüft alles mehrfach und vermeidet es, Aufgaben abzugeben.
Kommt Ihnen die Überzeugung von Anna bekannt vor? Im Alltag begegnen Ihnen sicherlich Glaubenssätze wie der von Anna oder andere: „Das haben wir schon immer so gemacht.“, „Mit dieser Familie kann man einfach nicht reden.“ Glaubensätze können sich auf den Umgang mit Kindern beziehen, auf die Familien oder auf die Zusammenarbeit im Team. Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie solche Glaubenssätze Ihre Sichtweisen und Ihr Handeln im Kinderhaus prägen?
Glaubenssätze sind tief verankerte Überzeugungen, die unser Denken, Fühlen und Handeln maßgeblich beeinflussen. Besonders im Kontext von Kindertagesstätten – sowohl in der Führungsrolle als auch in der Teamarbeit – wirken sie oft im Verborgenen und prägen das Miteinander sowie die Entscheidungsfindung. Sie dienen als innere Wegweiser und Wahrnehmungsfilter, die uns helfen, uns in einer komplexen Welt zu orientieren. Entstanden meist aus persönlichen oder gemeinsamen Erfahrungen, liefern sie vereinfachte Erklärungen dafür, wie ein System funktioniert und welches Verhalten darin angemessen ist. Glaubenssätze können sowohl bewusst als auch unbewusst wirken: Sie bieten Orientierung und Motivation, können aber ebenso Innovationen hemmen und eine kritische Reflexion erschweren. Die Integration systemischer Methoden unterstützt dabei, diese unsichtbaren Steuerungskräfte im Team sichtbar zu machen und gezielt zu bearbeiten.
Von Kindern bis zum Team: Die Macht der Überzeugungen
Im Alltag eines Kinderhauses entfalten Glaubenssätze auf unterschiedlichen Ebenen ihre Wirkung. So kann beispielsweise die Überzeugung „Kinder sollen tun, was man ihnen sagt“ dazu führen, dass kreative oder selbstständige Verhaltensweisen bei den Kindern weniger gefördert werden. In der Zusammenarbeit mit Eltern erschweren Glaubenssätze wie „Mit manchen Eltern kann man einfach nicht reden“ die Kommunikation und begünstigen Missverständnisse. Auch im Team selbst können bestimmte Überzeugungen, etwa „Ich muss alles allein schaffen“, die Zusammenarbeit behindern, Überlastung fördern und gegenseitige Unterstützung erschweren. Auf diese Weise beeinflussen Glaubenssätze das Miteinander im Kinderhaus oft stärker, als es auf den ersten Blick sichtbar ist.
Beispiele für Glaubenssätze
| Glaubenssatz – hemmend | Mögliche Auswirkungen im Kita-Alltag |
| „Ich darf keine Fehler machen.“ | Angst vor Fehlern, wenig Innovation, Unsicherheit im Team |
| „Nur wenn ich alles gebe, bin ich gut.“ | Überforderung, fehlende Selbstfürsorge, wenig Delegation |
| „Konflikte sind schlecht.“ | Konfliktvermeidung, fehlende Klärung, schwelende Spannungen |
| „Das haben wir immer schon so gemacht.“ | Innovationshemmnis, mangelnde Offenheit für Neues |
| „Ich darf kritische Meinungen nicht äußern.“ | Geringe Beteiligung, fehlende Vielfalt an Perspektiven |
| „Wenn wir das Neue ausprobieren, werden wir viele Fehler machen.“ | Angst vor Veränderung, Innovationshemmung |
| Glaubenssatz – aktivierend | Mögliche Auswirkungen im Kita-Alltag |
| „Wenn wir XY einführen, werden wir eine Menge lernen können.“ | Offenheit für Entwicklung, Lernkultur |
| “Gemeinsam finden wir für jede Herausforderung eine Lösung.” | Fördert Teamzusammenhalt und kreative Problemlösungen. |
| “Jede:r bringt wertvolle Ideen und Stärken ins Team ein.” | Erhöht Wertschätzung und fördert individuelle Potenziale. |
| “Wir pflegen eine offene und wertschätzende Kommunikation.” | Verbessert das Miteinander und reduziert Missverständnisse. |
| “Durch unterschiedliche Perspektiven bereichern wir uns gegenseitig.” | Unterstützt Vielfalt und kreative Lösungsansätze. |
| “Jede:r im Team achtet auf die eigene Gesundheit und die der anderen.” | Trägt zur Resilienz und zum Wohlbefinden im Team bei. |
Wie ein Glaubenssatz das Leben prägen kann
Das Erkennen und Auflösen hinderlicher Glaubenssätze ist ein Prozess, der Mut und Reflexion erfordert – aber auch große Chancen für persönliche und teambezogene Entwicklung bietet. Wie sich dieser Prozess sich weiter entwickeln kann, zeigt die weitere Geschichte von Anna:
Als Folge ihres Glaubenssatzes, alles richtig machen zu sollen, fühlt sich Anna gestresst. Sie hat zunehmend Sorge, etwas zu übersehen oder nicht perfekt zu erledigen. In Teamsitzungen bringt sie daher selten eigene Ideen ein – aus der Befürchtung heraus, die Ideen könnten nicht gut genug sein oder auf Kritik stoßen. Wenn doch einmal ein Fehler passiert, grübelt sie lange darüber nach und macht sich Vorwürfe, nicht in der Planung daran gedacht zu haben. Mit der Zeit bemerkt Anna, dass sie sich manchmal erschöpft fühlt und die Freude an ihrer Arbeit nachlässt. Sie nimmt wahr, dass sie anderen Kolleg:innen gegenüber zurückhaltend ist und sich kaum Unterstützung holt. Ihr Denken ist geprägt von Selbstkritik, ihr Handeln von Vorsicht und ihr Fühlen von Unsicherheit.
Diese Geschichte verdeutlicht, wie ein einzelner Glaubenssatz das Denken, Fühlen und Handeln prägen kann – und wie befreiend es sein kann, ihn zu hinterfragen und durch eine stärkende Überzeugung zu ersetzen.
Glaubenssätze anpassen – wie kann dies gelingen?
Glaubenssätze sind keine starren Wahrheiten, sondern veränderbare Überzeugungen. Wer sie erkennt und aktiv gestaltet, kann die eigene Resilienz stärken, das Teamklima verbessern und die pädagogische Arbeit im Kinderhaus nachhaltig bereichern.
- Selbstreflexion: Sich selbst und das eigene Handeln beobachten. In herausfordernden Situationen innehalten und fragen: „Was glaube ich gerade über mich, andere oder die Situation?“ Welche Sätze fallen häufig in der Zusammenarbeit?
- Glaubenssätze identifizieren: Welche Glaubenssätze prägen unsere Teamkultur? Welche überraschen? Wo sind sie nützlich oder hinderlich?
- Hinterfragen: Ist dieser Glaubenssatz wirklich wahr? Gibt es Gegenbeispiele?
- Bewerten – keep, skip or change: Welche Glaubenssätze sind nützlich und sollen beibehalten werden („keep“)? Welche sind destruktiv und sollten hinter sich gelassen werden („skip“)? Welche sollten angepasst werden („change“)?
- Neue, unterstützende Glaubenssätze entwickeln: Zum Beispiel aus „Ich darf keine Fehler machen“ wird „Fehler gehören zum Lernen dazu und machen mich stärker.“
- Neue Erfahrungen sammeln: Den neuen Glaubenssatz im Alltag bewusst ausprobieren und positive Erfahrungen notieren.
Team-Tipp: Regelmäßige Reflexionsrunden helfen, hinderliche Glaubenssätze sichtbar zu machen und gemeinsam neue, stärkende Überzeugungen zu entwickeln. Die Arbeit mit Teamglaubenssätzen sollte als fortlaufender Prozess verstanden werden, der immer wieder überprüft und angepasst wird, um eine offene Fehler- und Lernkultur zu fördern.
Glaubenssätze sind gestaltbar
Wer Glaubenssätze erkennt und aktiv verändert, legt den Grundstein für eine offene, lernbereite Teamkultur im Kinderhaus. Die bewusste Auseinandersetzung mit eigenen und gemeinsamen Überzeugungen eröffnet neue Handlungsspielräume und stärkt die Resilienz jedes Einzelnen wie auch des gesamten Teams. Veränderung beginnt im Kopf: Der Mut, hinderliche Glaubenssätze zu hinterfragen, ist der erste Schritt zu mehr Zufriedenheit, Innovation und einem wertschätzenden Miteinander. Regelmäßige Reflexion und ein offener Austausch über Glaubenssätze fördern eine Atmosphäre, in der Entwicklung und Vielfalt möglich werden. Letztlich profitieren nicht nur die Erwachsenen, sondern vor allem auch die Kinder von einer Kultur, in der Fehler als Lernchancen gesehen und neue Wege gemeinsam beschritten werden. Anna hat sich schließlich auf den Weg gemacht, sich mit ihren Sorgen und Ängsten auseinanderzusetzen – das geht nicht von jetzt auf gleich. Jede Veränderung braucht Übung (siehe auch die Informationen im Kasten):
In einem Team-Workshop zum Thema Glaubenssätze wird Anna bewusst, wie sehr dieser Satz „Nur wer keine Fehler macht, ist wirklich gut.“ ihr Verhalten bestimmt. Gemeinsam mit dem Team formuliert sie einen neuen, unterstützenden Glaubenssatz. Und der lautet: „Fehler sind Lernchancen – sie helfen mir, besser zu werden.“ Damit ist es aber nicht getan. Schritt für Schritt probiert Anna aus, Aufgaben abzugeben, neue Ideen zu teilen und mit Fehlern gelassener umzugehen. Sie spürt, wie sich ihr Denken öffnet, ihr Handeln mutiger wird und sie sich im Team wohler fühlt. Ein toller Erfolg – für Anna und das gesamte Kita-Team
Literatur
Dilts, Robert B.; Hallbom, Tim; Smith, Suzi (2015): Identität, Glaubenssysteme und Gesundheit. Junfermann: Paderborn