In der Pädagogik arbeiten wir zu jeder Zeit innerhalb verschiedener Spannungsfelder. Dazu gehören:
- Lenkung und Selbstständigkeit – Sichern und Freigeben – Wurzeln und Flügel:
Bedeutet dem Kind Freiräume zu geben, eigene Erfahrungen zu machen und Entscheidungen treffen zu können und dabei immer wieder einen Rahmen für Sicherheit und Orientierung bieten.
- das Nähe-Distanz-Verhältnis:
Meint auf der einen Seite das Zulassen von Nähe und Herstellen von Beziehung, ohne dabei übergriffig zu werden und damit die eigenen Grenzen und Bedürfnisse und aber auch die des Kindes zu (be)achten.
- die Situations- und Zielorientierung (vgl. Neuß 2010, S. 89):
Also die eigene Offenheit für Unvorhergesehenes und die Flexibilität im Alltag, ohne dabei planlos oder unvorbereitet zu sein und demnach stets den Entwicklungsstand und die Bedürfnisse des Kindes als Ausgangspunkt des eigenen Handelns zu nehmen.
Diese Spannungsfelder gilt es im Zusammenhang mit unserem Erziehungsziel “Individualismus als Sozialprinzip” in den Blick zu nehmen. Die Anforderung an die pädagogische Fachkraft ist es zu jeder Zeit mehrere Aspekte im Blick zu behalten und dabei es mit Hilfe der Leitlinien und Fachwissen zu schaffen, die (innere) Balance zu halten und angemessene Entscheidungen in Bezug auf das eigene pädagogische Handeln im Alltag zu treffen.
Ein Ansatz, um Handlungsoptionen zu entwickeln, ist sich mit Gruppen, ihren Strukturen und Dynamiken theoretisch auseinanderzusetzen.
Die Systemtheorie (auch Systemische Pädagogik genannt) ist dabei Grundlage der inhaltlichen Auseinandersetzung. Sie besagt, dass der Entwicklungsverlauf aller Individuen, insbesondere ihre Selbststeuerung, durch viele Faktoren beeinflusst wird. Dies impliziert eine gewisse Ergebnisoffenheit bezogen auf Entwicklung und Erziehung gleichermaßen und rückt den Schwerpunkt Gemeinschaft sowie die Wechselwirkung zwischen Individuum und Gemeinschaft in den Fokus für uns pädagogische Fachkräfte.
Dazu braucht es Fachwissen in Bezug auf Gruppen: Was sind Gruppen? Was brauchen sie? Welche Dynamiken entwickeln sich? Wie kann auf Gruppenprozesse eingewirkt werden? Wie müssen Rahmenbedingungen gestaltet werden (vgl. Paulussen 2024, S. 5 bis 6)?
Gruppen und ihre Strukturen
“Eine Gruppe, gemäß soziologischer Definition, besteht aus mehreren Personen, die miteinander interagieren, gemeinsame Werte und ein Wirgefühl entwickeln.” (zit. nach Joas & Mau 2020, S. 324).
In Kitas gibt es sowohl informelle als auch formelle Kindergruppen. Erstere könnten auch den Titel Spielgemeinschaften tragen. Es handelt sich um interessens- und bedürfnisgeleitete Gruppenkonstellationen, in denen es ein Wir-Gefühl gibt und nahezu automatisch die ideale Gruppengröße bildet. In der Regel sprechen wir hierbei von 7 bis 10 Kindern. Formelle Gruppen hingegen sind beispielsweise alle Kinder, die zum Sport gehen. Die Kinder werden hier aus organisatorischen Gründen zu einer Gruppe zusammengefasst. Diese Gruppen sind demnach nicht frei gewählt.
Rollen innerhalb von Gruppen
Die einzelnen Mitglieder der jeweiligen Gruppe haben zudem unterschiedliche Rollen inne. Es werden in der Literatur beispielweise Anführer:innen, Mitläufer:innen, “der Clown” und noch viele mehr beschrieben. Diese Rollen definieren auch die Stellung innerhalb einer Gruppe. Weiterhin sind selbstbewusste und beliebte Personen häufig in Gruppen eingebunden, wohingegen Kinder mit Schwierigkeiten im sozialen Miteinander teilweise aus Gruppen ausgeschlossen werden. Durch diese Mechanismen können herausfordernde Verhaltensweisen, wie Störungen, Aggressivität oder auch eine starke Lautstärke entstehen (vgl. Hierer 2022, S. 2).
Gruppendynamik
Entscheidend für das pädagogische Handeln ist außerdem die Auseinandersetzung mit der Gruppendynamik, die sich in verschiedene Phasen unterteilen lässt. Sichtbar werden diese durch die Veränderung der Beziehungen zwischen den einzelnen Mitgliedern der Gruppe, aber auch durch die spezifischen Bedarfe und Verhaltensweisen. Nach Bernstein und Lowy (Bernstein & Lowy 1978; Gardella, 2019, S. 1 ff) werden 5 Phasen benannt: Orientierungsphase, Machtkampf- oder Rollenfindungsphase, Wir-Phase, Differenzierungsphase und Abschieds- und Trennungsphase.
Diese Gruppenphasen verlaufen dabei nicht idealtypisch, schon gar nicht im Kontext Kita. Es wird immer regressive Schleifen, ein ineinander übergehen oder sogar paralleles Auftreten der Phasen geben (vgl. Paulussen 2024, S. 11 bis 13).
Nichtsdestotrotz können die Betreuungspersonen durch Beobachtung die Gruppenphasen der Kinder erkennen und dadurch bedürfnisorientiert auf die Gruppe eingehen.
Pädagogisches Handeln
Beide Aspekte, die Rollen innerhalb der Gruppen, sowie die Gruppendynamik geben Hinweise darauf, was die pädagogische Fachkraft in ihr pädagogisches Handeln einbauen sollte. Dazu zählen vordergründig Kontakt, Dialog und Beziehung. Denn das Gruppengeschehen funktioniert dann, wenn es zum einen den einzelnen Gruppenmitgliedern gut geht und sie angemessene Unterstützung bei der Entwicklung sozial-emotionaler Kompetenzen erhalten und zum anderen, wenn die Dynamiken im Blick sind und dementsprechend die Rahmenbedingungen und die pädagogische Intervention und Steuerung angepasst erfolgt (vgl. Hierer 2022, S. 2-3). Um letztere noch konkreter werden zulassen, werden die einzelnen Phasen im Folgenden benannt und das notwendige pädagogische Handeln näher beschrieben. Hilfreich ist, neben der theoretischen Auseinandersetzung, sich die Prozessbeschreibung Freispiel mit den darin gestellten Reflexionsfragen zur Hand zu nehmen.
Während der Orientierungsphase brauchen die Kinder Sicherheit, Unterstützung und Informationen, damit sie Kontakte knüpfen können. Inhaltliche Auseinandersetzung mit Eingewöhnungsmodellen an sich, sowie konkret mit der Umsetzung im eigenen Kinderhaus sind dabei hilfreich. Orientierung für Fachkräfte in den element-i Kinderhäusern bietet darüber hinaus die Prozessbeschreibung zu Mikrotransitionen. Die Rolle der pädagogischen Fachkraft ist dabei eine durchweg aktive, um Sicherheit für das eigene Handeln und am Ende ebene auch für die Kinder herstellen zu können.
In der Machtkampf- und Rollenfindungsphase braucht es ebenfalls vermehrt aktive Betreuungspersonen. Konflikte sind nicht nur Lernchancen, sondern auch Ausgangspunkt, um Regeln zu besprechen und auszuhandeln, Situationen gemeinsam zu reflektieren. Die Fachkräfte können andere und neue Gruppenkonstellationen anregen. Damit bewirken sie eine längere Aufgeschlossenheit innerhalb der Rollenfindung. Es braucht seitens des Teams die Offenheit, dass sich Untergruppen bilden dürfen und damit kleinere informelle Spielgemeinschaften entstehen.
In der Wir-Phase benötigen Gruppen eine angepasste Raumgestaltung, damit selbst gestaltete Situationen entstehen können (frei zugängliches Material, Rückzugsorte). Die Betreuungspersonen sollten vermehrt unbeobachtetes Spiel ermöglichen. Hierdurch wird das Gemeinschaftserleben möglich und durch die Kooperation entsteht eine Wir-Identität. Hilfreich ist auch, wenn die Gruppe als solche wahrgenommen und benannt wird, Ihre Bedarfe gesehen werden. Dazu gehört auch das Zulassen von Abgrenzungen – allerdings ohne in Diffamierung überzugehen. Es gibt hier eine enge Verbindung zur Umsetzung der Gemeinschaftsgruppe (siehe Prozessbeschreibung).
Die Differenzierungsphase kennzeichnet sich durch gesteigerte Gruppenidentifikation und -abgrenzung. Gruppen in dieser Phase brauchen weniger aktive oder eingreifende Fachkräfte, die Impulse setzen, sondern eher Projekte mit viel Selbststeuerungs- und Selbstwirksamkeitsanteil und vorbereitete Räume.
In der Abschieds- und Trennungsphase braucht es viel Vorbereitung und Begleitung durch die Betreuungspersonen, um das Kind zu unterstützen. Dazu gehört den Abschied gestalten (bspw. Abschiedsfest), die Kinder informieren, Einblick in die neue Situation gewähren (bspw. Besuch der Schule), aber auch zurückzublicken auf gemeinsam Geschafftes. (vgl. Paulussen 2024, S. 17 bis 18) Ein Hinweis an dieser Stelle: zum Ende jedes Kitajahres ist das Thema Übergang in die Schule noch einmal in den Blickpunkt zu rücken (siehe Prozessbeschreibung). Der Fachnewsletter-Artikel Alles neu – und was nun? Abschiede und Veränderungen in der Kita bietet hierzu noch mehr Gedanken.
Fazit
Wichtig ist als Fachkraft den Gruppen in Kitas die richtigen Strukturen zur Verfügung zu stellen und einen reflektierten Umgang innerhalb der Parameter Sichern und Freigeben zu haben: Partizipationsmöglichkeiten, die auf den Entwicklungsstand der Kinder abgestimmt sind, Austauschmöglichkeiten in der Gruppe zu Regeln und Zusammengehörigkeit, Konflikte begleiten und Gelegenheiten für Freispiel mit angepasstem pädagogischem Handeln bieten.
Dabei sind entsprechend der aktuellen Themen und Gruppenstrukturen im Kinderhaus immer wieder Anpassungen der Prozesse durch Reflexion und Dialog im Team notwendig. Nutzen Sie dazu die Reflexionsfragen in den erwähnten Prozessbeschreibungen.
Literatur
Bernstein, S. & Lowy, L. (1978). Untersuchungen zur sozialen Gruppenarbeit in Theorie und Praxis (2. Auflage). Freiburg im Breisgau: Lambertus.
Hierer, Jenni (2022): Gute Gruppendynamik braucht Dialog, Kontakt und Beziehung. Abrufbar unter: Gute Gruppendynamik braucht Dialog, Kontakt und Beziehung (letzter Zugriff am 5.9.25)
Neuß, Norbert (2010): Pädagogisches Verstehen und Handeln In: Neuß, Norbert (Hrsg.): Grundwissen Elementarpädagogik. Ein Lehr- und Arbeitsbuch. Cornelsen: Berlin
Paulussen, Kerstin (2024): Bedarfsorientierte Gruppenpädagogik in der Kita. In: Dreyer, Rahel (Hrsg.), Kita-Fachtexte 4. https://doi.org/10.58123/aliceopen-640 (letzter Zugriff am 5.9.25)
und 4-2024_Kita-Fachtext_Kerstin_Paulussen_Gruppenpaedagogik_in_Kitas.pdf