Herausfordernd, verhaltensoriginell, auffällig, schwierig, störend… Diese oder ähnliche Zuschreibungen begegnen mir häufig im Kita-Alltag und in Gesprächen mit pädagogischen Kräften. Ein Kind oder eine Situation wird so als „nicht normal“ bewertet. Damit verbunden sind nicht selten die Suche nach Gründen für das Verhalten und die manchmal verzweifelte Suche nach geeigneten erzieherischen Antworten. Die eigene Überforderung kann dabei eine Überlastung auf unterschiedlichen Ebenen sein: kognitiv – ich kann die Situation nicht einordnen – oder emotional – ich bin selbst sehr emotional – oder strategisch – ich weiß nicht, was meine nächsten Schritte sein können (vgl. Scherwarth 2024, S. 26-29). Doch welches Vorgehen eignet sich bei herausfordernden Situationen oder bei herausforderndem Verhalten von Kindern?
Diese Frage lässt sich – wie so oft in der Pädagogik – nicht so einfach beantworten. Es gilt, das komplexe Zusammenspiel von Wirkmechanismen und vor allem das eigene Handeln in den Blick zu nehmen. Denn am Ende kann nur ich selbst als pädagogische Kraft mein Denken, Fühlen und Handeln verändern. Und das ist oft gar nicht so leicht. Entscheidend ist, sich die Frage zu stellen: was ist das für mich Herausfordernde? An welchen Stellen komme ich ins Straucheln? Wann komme ich an meine Grenzen? Gibt es wiederkehrende Situationen, die auf ein Muster schließen lassen? Was kann ich dann tun?
Und der zweite entscheidende Aspekt ist: Verhalten macht immer Sinn. Aber eben aus der eigenen Perspektive – egal ob aus der eines Erwachsenen oder eines Kindes. Damit kommt dem Dialog darüber eine entscheidende Bedeutung zu. Ich muss verstehen wollen, was im Kopf meines Gegenübers vor sich geht. Was fühlt er oder sie? Worum geht es ihr oder ihm? Was braucht er oder sie? Und diese Sicht wieder in den Abgleich mit mir bringen: Was ist meine Erwartungshaltung an die Situation oder das Kind – und vor allem: ist diese angemessen?
Gemeinsam können wir uns dann auf den Weg machen und Lösungen erarbeiten. In jeder Situation braucht es in der Regel etwas anderes. Und doch lassen sich Gelingensbedingungen festlegen, die präventiv wirken und Instrumente benennen, die mir helfen, handlungsfähig zu werden.
Weiterhin haben sich Lisa Baganz, Eike Ostendorf-Servissoglou und ich in einem Fachartikel der Auseinandersetzung mit den Hintergründen herausfordernder Situationen gewidmet. Dieser kann zur weiterführenden Auseinandersetzung hier nachgelesen werden.
Als erste Impulse möchte ich Ihnen bereits mitgeben: es gibt vieles, was eine pädagogische Kraft tun kann. Hilfreich ist:
Die eigene Haltung im Blick:
- Verantwortung übernehmen – für die eigenen Gefühle, die in den herausfordernden Situationen in mir aufsteigen. “Im Kontakt mit den Kindern werden wir uns immer auch selbst begegnen.” (Cantzler 2023, S. 35)
Jede Person muss ebenso Verantwortung übernehmen für die eigene Überforderung: Was brauche ich jetzt? Was kann ich vorbeugend tun, um gut mit Stress umgehen zu können? (vgl. Scherwath 2024, S. 26ff.).
- sich Zeit nehmen
- geduldig bleiben: mit sich und dem Kind
- zuversichtlich sein: auch wenn es dauert oder die Situation schlimmer zu werden scheint: Der Glaube daran, dass es langfristig besser wird ist, kann hilfreich sein.
- auf Kompetenzen des Kindes vertrauen: das Verhalten des Kindes ist nicht gegen mich gerichtet, sondern ein Sichtbarmachen der eigenen Bedürfnisse (vgl. Cantzler 2023, S. 35), die es zu erkennen gilt.
Fach-, Methoden- und Sozialkompetenzen nutzen und ausbauen:
- Co-Regulation: Impulsive Reaktionen von Fachkräften befeuern das Stressempfinden des Kindes – es entsteht ein Teufelskreis. Besser: Präsent sein, Ruhe bewahren, das Verhalten des Kindes spiegeln, Bedürfnisse und Gefühle des Kindes beantworten, die Ressourcen des Kindes aktivieren. Dabei gilt es nicht, nur die akute Situation in den Blick zu nehmen, sondern auch das, was zur Stabilisierung des Kindes getan werden kann. Dabei kann die Frage nützlich sein: „Wie können Stressoren des Kindes vermieden werden?“ (vgl. Scherwath 2024, S. 26ff.)
- Ressourcenorientierung ist für die Förderung der Resilienz und das Erhalten oder den Ausbau der Lernfreude in jedem kleinen Moment eine Perspektive: Was gelingt dem Kind jetzt gerade?
- Halt und Sicherheit geben – Kohärenz im Blick: Mit altersangemessenen Ritualen können Kinder das, was folgt, besser einordnen. Überschaubare Regeln und geeignete Grenzen geben Kindern einen klaren Rahmen für ihre Möglichkeiten.
- Eltern einbeziehen, gemeinsam für das Kind – der Austausch auf Augenhöhe mit den Eltern und Familien der Kinder ist entscheidend. Die Eltern kennen das Kind in vielen anderen Kontexten als Kita und haben damit entscheidende Informationen, um die Situationen oder das Verhalten in einem anderen Licht zu sehen. Weiterhin kommen auch sie ab und an ihre Grenzen und sind über Tipps oder einfach nur Verständnis vermutlich dankbar.
- Neue Erfahrungen ermöglichen: jeder Tag birgt neue Möglichkeiten und damit Chancen!
- Kreativität nutzen, um Raum zu geben: sozial-emotionale Fähigkeiten fördern, Handpuppen nutzen, Spiele zum Abbau von Wut und Aggression und Entspannungsgeschichten einsetzen, mit Kindern malen (vgl. Raithel 2019, S.179ff.)
- Feste Bezugsperson(en) festlegen, die das Kind eng im Kita-Alltag begleitet, und Rückzugsorte konkret mit dem Kind / der Gruppe besprechen.
- Stressabbau beim Kind durch Bewegung, Rückzug oder körperliche Nähe initiieren (vgl. Imlau 2024, S. 36ff.)
- Unterstützung im Team suchen: Gemeinsame Reflexion, gegenseitiges Feedback und wechselseitige Unterstützung geben Halt (vgl. Scherwath 2024, S. 26ff.).
- Beobachtung und Dokumentation als Grundlage für ein ganzheitliches Bild von der Situation oder dem Kind nutzen und Abgleich zur eigenen Erwartungshaltung herstellen – Kindbesprechung und Bildungsmatrix als Grundlage für die Stärken des Kindes, den Entwicklungsstand, aber auch Grenzsteine als Absicherung, ob Handlungsbedarf zur Abklärung von Entwicklungsverzögerung besteht.
Der pädagogische Leitungskreis hat sich dazu entschlossen, einen Handlungsleitfaden für den Umgang mit herausforderndem Verhalten zu erarbeiten. Inhaltlich soll er zusammenfassen, neue Impulse setzen, auf andere Inhalte verweisen und am Ende dazu führen, dass jede:r Pädagog:in den persönlich passenden nächsten Schritt gehen kann. Dazu werden wir Reflexionsfragen stellen, einen Werkzeugkoffer packen und eine fachliche Hinführung zu Schwerpunktthemen formulieren.
Am Ende gilt zu sagen: um herausfordernden Situationen professionell zu begegnen braucht es eine Analyse der Situation und der eigenen Kompetenzen. Erst dann kann ich gemeinsam mit den unterschiedlichen Akteuren einen sinnvollen Handlungsplan erarbeiten. Dafür brauche ich in der Regel mehr Zeit und im ersten Moment auch Kraft. Es lohnt sich aber: für das Gelingen.
Literatur
Cantzler, Anja (2023): Kein Kind passt in einen Rahmen. In: Kindergarten heute, Heft 6/7, S. 34 – 35
Imlau, Nora (2024): Gefühlsstarke Kinder in der Kita: „Das sind meine großen Gefühle, hilf mir, sie zu tragen!“ In: Kindergarten heute, Heft 6/7, S. 36 – 38
Raithel, Marie-Anne (2019): Verhaltensoriginelle Kinder – eine besondere Herausforderung? In: KiTa aktuell ND 9, S. 179 – 181
Scherwath, Corinna (2024): Wenn Fachkräfte an ihre Grenzen kommen: Empathie tut gut. In: Kindergarten heute, Heft 9, S. 26 – 29