Identifikationsfiguren – Die Rolle der Erwachsenen

Kinder suchen von Beginn an nach Orientierung und Identifikationsfiguren, um ihren eigenen Weg in der Welt zu finden. Erwachsene prägen diese Entwicklung in vielfältiger Weise – bewusst oder unbewusst, direkt oder indirekt – und gestalten damit entscheidend, wie Kinder sich selbst und ihre Umwelt erleben.

Die pränatale Phase

Der Ursprung jeder Beziehung liegt bereits in der Schwangerschaft. Die werdende Mutter tritt in Kontakt mit dem ungeborenen Kind, nimmt seine Bewegungen wahr, reagiert auf seine Signale und trifft unzählige Entscheidungen – für sich selbst und damit auch für das Kind. Ob es um Ernährung, Lebensstil oder das emotionale Gleichgewicht geht: All diese Faktoren wirken sich nachweislich auf die kindliche Entwicklung aus (Goecke et al. 2022, S. 325ff).

Auch die Rolle des werdenden Vaters darf nicht unterschätzt werden. Studien zeigen, dass väterliche Belastungen während der Schwangerschaft – etwa depressive Verstimmungen – in Zusammenhang mit erhöhter Unruhe und exzessivem Schreien von Säuglingen in den ersten Lebensmonaten stehen (Maly-Motta 2023, S. 29). Bereits in dieser frühen Phase wird deutlich, wie stark das Verhalten der Erwachsenen – als „Elternteam“ – auf die emotionale und kognitive Entwicklung des Kindes einwirkt.

Die frühe Kindheit

Mit der Geburt tritt das Kind als aktiver Interaktionspartner in Erscheinung. Es beobachtet, spürt und reagiert auf die Umwelt – insbesondere auf die Erwachsenen, die es umsorgen. Das kindliche Gehirn ist von Beginn an darauf ausgerichtet, über Sinneserfahrungen zu lernen. Bindungstheoretische Erkenntnisse zeigen, dass Hauptbezugspersonen aufgrund der emotionalen Nähe zu zentralen Orientierungspunkten werden.

In den frühen Lebensjahren entstehen durch wiederkehrende Interaktionen wie Füttern, Spielen, Trösten, Sprechen als stabile Beziehungsmuster. Unterbrechungen dieser gewohnten Abläufe führen bereits bei sehr jungen Kindern zu deutlichen emotionalen Reaktionen, wie das „Still Face Experiment“ der 1970er-Jahre eindrücklich zeigt. Kinder spiegeln das Verhalten der Erwachsenen; Interaktion bedeutet damit weit mehr als Versorgung – sie ist Ausdruck von Interesse, Aufmerksamkeit und emotionaler Zuwendung.

Still-Face-Experiment

Das Still-Face-Experiment des Psychologen Edward Tronick aus den 1970er Jahren zeigt, wie stark Babys auf emotionale Reaktionen ihrer Bezugspersonen angewiesen sind. In dem Versuch reagiert eine Mutter zunächst feinfühlig auf ihr Kind, hält dann plötzlich ihr Gesicht ausdruckslos („still face“). Das Baby versucht verzweifelt, ihre Aufmerksamkeit zurückzugewinnen und reagiert schließlich mit Stress und Weinen. Das Experiment verdeutlicht, wie wichtig emotionale Resonanz und Feinfühligkeit für die sichere Bindung und Entwicklung von Kindern sind.

Verlässlichkeit als Grundlage von Beziehung

Die Grundlage tragfähiger Beziehungen liegt in Verlässlichkeit und Verbindlichkeit. Erwachsene schaffen Orientierung, indem sie konsistente, vorhersehbare und respektvolle Interaktionen gestalten. Aus dieser Kontinuität entsteht Vertrauen – und daraus wiederum Verbundenheit.

Fühlt sich ein Kind sicher, kann es explorieren, lernen und seine Umwelt aktiv gestalten (element-i Leitlinie: Freude am Lernen und an der Begegnung mit der Welt).

Allzu häufig werden kindliche Verhaltensweisen isoliert betrachtet, ohne das Umfeld und die Rolle der Erwachsenen einzubeziehen. Fragen wie „Warum reagiert das Kind so?“ oder „Was beschäftigt es?“ greifen zu kurz, wenn sie nicht auch das Verhalten der Bezugspersonen reflektieren. Erwachsene verfügen über die Fähigkeit, ihr eigenes Verhalten zu hinterfragen und anzupassen – eine Kompetenz, die Kindern noch fehlt. Daraus erwächst Verantwortung: Die emotionale Verfassung und das Handeln der Erwachsenen bilden stets den Kontext, in dem Kinder sich entwickeln.

Lernen am Modell – Banduras Theorie
(Krapp & Ryan 2002, S. 73ff)

Albert Banduras Modell des sozialen Lernens verdeutlicht, dass Kinder Verhalten nicht allein durch Instruktion, sondern vor allem durch Beobachtung und Nachahmung erlernen. Sie benötigen soziale Eingebundenheit und emotionale Nähe, um sich mit Bezugspersonen zu identifizieren. Lernen am Modell verläuft in vier Phasen:

1. Identifikation mit dem Modell (Aneignung): Kinder wollen Teil des sozialen Geschehens sein, Zusammenhänge verstehen und aktiv mitwirken. Sie beobachten aufmerksam, wie Erwachsene miteinander umgehen, wie sie kommunizieren, Konflikte lösen oder Verantwortung übernehmen. Aus dieser Identifikation heraus übernehmen sie Verhaltensmuster und Sprachstrukturen, die sich langfristig im nicht-deklarativen Langzeitgedächtnis verankern.

2. Speicherung des Gelernten (Aneignung): Häufig wiederholte Beobachtungen stabilisieren das Gelernte. Erlebt ein Kind beispielsweise, dass ein Haustier liebevoll behandelt wird, verinnerlicht es diese Haltung. Positive wie negative Erfahrungen prägen damit über Wiederholung und emotionale Bedeutung das innere Wertesystem.

3. Reproduktion (Ausführung): Das wahrgenommene Verhalten wird aktiv umgesetzt. Kinder übernehmen Aufgaben, zeigen Eigeninitiative und suchen Rückmeldung. Durch diesen Dialog entsteht eine Vertiefung der Beziehung zwischen Modell und Kind. Interessen entwickeln sich, verändern sich oder verfestigen sich – die Beziehung bleibt der stabile Bezugsrahmen des Lernens.

4. Motivation (Selbstinitiierte Handlung): Im letzten Schritt erfolgt das Handeln eigeninitiativ. Das Kind handelt aus innerem Antrieb, ohne äußeren Impuls – ein Zeichen verinnerlichter Motivation und gewachsener Selbstwirksamkeit.

Das Konzept von Bandura Lernen am Modell (siehe Kasten) bietet Erwachsenen einen Spiegel. Es fordert dazu auf, das eigene Verhalten als Vorbild kritisch zu reflektieren:

  • Ist das eigene Handeln von Ruhe oder Stress geprägt?
  • Welche Routinen unterstützen das Kind dabei, Sicherheit zu erleben?
  • Wird Bewegung, Kommunikation oder Mediennutzung vorgelebt – oder nur gefordert?

 

Insbesondere in der Kindheit fungieren Erwachsene als zentrale Identifikationsfiguren. Mit zunehmendem Alter erweitern Kinder ihren Horizont und orientieren sich an Gleichaltrigen oder medialen Vorbildern oder später an Influencer:innen. Die Grundlage dafür, kritisch zu wählen und selbstbestimmt zu handeln, wird jedoch in den frühen Jahren gelegt – durch die erlebte Verlässlichkeit, Verbindlichkeit und die authentischen Vorbilder im nahen Umfeld. 

 

Mehr von Benjamin Decker

 

Literatur

​​Goecke, T., Schöberl, G., Beckmann, M., & Beetz, A. (2022). Der Bindungsstil der Mutter und ihr perinatales Wohlbefinden beeinfluss die frühklindliche Entwicklung. Stuttgart: Georg Thieme Verlag. 

​Krapp, A., & Ryan, R. (2002). Selbstwirksamkeit und Lernmotivation. Eine kritische Betrachtet der Theorie von Bandura aus Sicht der Selbstbestimmungstheorie und der pädagogisch-psychologischen Interessentheorie. Weinheim, Frankfurt am Main, Berlin: BELTZ & DIPF Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation. 

​Maly-Motta, H. (2023). Gestresste Eltern: Belastungsaspekte in unterschiedlichen Entwicklungsphasen der Familie. In H. Maly-Motta, Forschungslücke lll: Individuelles elterliches Wohlbefinden am Übergang zur Elternschaft und die Rolle des Kindes (S. 29). Wiesbaden: Springer Verlag. 

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