Kamishibai kann’s

Im Unterricht theoretisch kennengelernt, auf Herz und Nieren in der Kita getestet

Diesen Beitrag haben die Fachschüler:innen AJ 24 aus Fellbach gemeinsam erstellt. Viele kleine Elemente laden zum Stöbern und Verweilen ein. Das Fazit: Das Kamishibai unbedingt ausprobieren!

Didacta! Nun stand ich da, inmitten dieser riesigen Menschentraube und wusste nicht wie mir geschah. Direkt vor mir sah ich es, das Mengenrabattschild. Das Angebot: „Kaufe drei, erhalte fünf.“ Fest entschlossen, stürzte ich mich mit meinem Kollegen ins Getümmel, um endlich Bildergeschichten in die Kita zu bringen. KAMISHIBAIS! Wir verfielen in einen wilden Kaufrausch, denn es galt nicht drei, sondern sogar fünf herrliche Bildergeschichten für die Kita zu erwerben.

von Robin Matysiak und Arbenita Fekas

Soweit die Theorie!

Ein Kamishibai ist ein Erzähltheater, bei dem man Geschichten mit Hilfe von Bildern erzählt. Es besteht aus einem Holzrahmen, in den Bildkarten eingesteckt werden.

Im U3-Bereich genügen vier Bildkarten, um mit Kleinstgruppen von bis zu 5 Kindern dialogisch entdeckend zu arbeiten. Ab 3 Jahren können die Gruppen größer werden, die Kinder können selbst erzählen oder Blankokarten gestalten. Vorschulkinder können in Gruppen bis zu 25 Personen mit komplexen Erzählungen unterhalten werden. Freies frontales Erzählen, Vorlesen oder dialogisches Erzählen sind jetzt möglich. In der Grundschule kann das Erzähltheater auch für Sachthemen (z.B. Bestäubung, Verdauung) herangezogen werden. Die Bilder unterstützen auch bei eigenen Kinder-Vorträgen wie einer Buchvorstellung.

Damit die erzählte Geschichte weiterwirkt, sollten nachfolgende Aktionen (Fingerspiele, Lieder, Ausflüge, gemeinsames Backen oder Basteln) thematisch anknüpfen.

Was wird mit Kamishibai gefördert?

1. Sprachkompetenz: Durch das gemeinsame Erzählen und den Dialog über die Bilder erweitern Kinder spielerisch Wortschatz und Satzstruktur.

2. Kreativität & Fantasie: Die bildhafte Darstellung regt die Vorstellungskraft an – Kinder denken sich eigene Geschichten aus oder entwickeln die Handlung weiter.

3. Konzentration: Die Bühnenform und der erzählerische Rhythmus helfen die Aufmerksamkeit zu bündeln – besonders bei jüngeren Kindern.

4. Soziale Kompetenz: Beim gemeinsamen Zuschauen lernen Kinder, sich auszutauschen, zuzuhören und unterschiedliche Perspektiven zu verstehen.

5. Emotionale Entwicklung: Die Geschichten bieten Identifikationsfiguren und helfen Gefühle wie Freude, Trauer oder Mut zu verarbeiten und zu benennen.

6. Ästhetische Wahrnehmung: Die Illustrationen schulen das visuelle Verständnis – Kinder entdecken Details, Farben und Gestaltungsmittel.

7. Aktives Zuhören & Sprechen: Durch die lebendige Vortragsweise (Stimme, Pausen, Blickkontakt) trainieren Kinder, Inhalte aufmerksam zu verfolgen, zu verstehen und selbst vor Gruppen zu sprechen.

Woher stammt das Kamishibai?

Das Kamishibai kommt aus Japan und ist eine traditionelle Erzählform, die im 12. Jahrhundert entstanden und im 20. Jahrhundert als mobile Straßenunterhaltung populär geworden ist: „Kamishibai ist ein zusammengesetztes japanisches Wort und bedeutet Papiertheater (Kami – Papier; Shibai – Theater).“ (Josef Mitschan, „Das Papiertheater Kamishibai im Einsatz für lesefördernde Kinderanimationen“, S. 7).

Der Kamishibaiya (Kamishibai-Mann) hat mit seinem Theater Dörfer und Städte bereist. In einer Ortschaft angekommen, schlug er mit zwei Klanghölzern aufeinander, um die Kinder zu sich zu rufen. Dann erzählte er ihnen Geschichten. Im Anschluss wurden Süßigkeiten verkauft, was seine primäre Einkommensquelle war.

In Zeiten des zweiten Weltkrieges wurde das Kamishibai von Japan intensiv als Propaganda-Werkzeug benutzt. Nach dem Krieg gaben die japanischen Verlage ein Versprechen ab: „Kamishibai darf nie wieder missbraucht werden für Propaganda und Kriegszwecke. Kamishibai darf nur noch eingesetzt werden für Werte wie Frieden, Demokratie und Gemeinschaftsgefühl“ (Carmen Sorgler, Forum Kamishibai e.V.).

Heute ist das Kamishibai in vielen Ländern ein wertvolles Werkzeug in pädagogischen Institutionen und wird primär als analoges Kino benutzt um Geschichten zu erzählen.

von Sibel Aikner, Silvia Stahl und Christian Bischoff

Kamishibai im Praxistest – ein Interview

Fachschüler:innen: Wie haben die Kinder auf das Kamishibai reagiert?

Tabea (Erzieherin): Ich habe die „Raupe Nimmersatt“ gewählt. Die Kinder kannten die Geschichte und haben trotzdem gespannt zugehört. Zudem haben sie interagiert und waren richtig gefesselt. Das Kamishibai hat die Aufmerksamkeit stark erhöht, was mich doch sehr überrascht hat, weil sie sich sonst schnell ablenken lassen. Was ich jedem mitgeben würde: Damit kein Streit entsteht, lege ich die Sitzkissen immer vorab aus. Die Geschichte sollte man frei erzählen können.

Es stoßen zwei Kindergartenkinder zum Interview dazu:

Fachschüler:innen: Wie gefallen euch Kamishibai-Geschichten?

Max, 5 Jahre: JAAAAA, Kamishibai-Geschichten sind toll!! Ich bin immer super aufgeregt, welches Bild als nächstes kommt.

Maya, 4 Jahre: Wir sind immer gaaaanz leise und hören gut zu. Die Erzieherin muss die Bilder aber richtig sortieren, sonst passt es nicht.

Semhar Ghebrezghi und Daniel Wunsch haben die angehende Erzieherin Tabea Baruch interviewt

Stimmung! – ein Gedicht

Schaffe eine spannende Atmosphäre, durch Licht und Klang.
Such dir eine Geschichte aus und fange an. Beziehe die Kinder mit ein, gemeinsam habt ihr Spaß, ob groß oder klein. Hier eine Liste zum Orientieren, sie wird euch motivieren, es gleich auszuprobieren:

  • Wähle eine Geschichte aus und mache dich mit ihr vertraut
  • Suche einen dazu passenden Ort z.B. im Garten, Leseecke …
  • Wähle eine Gruppe aus
  • Stelle das Kamishibai auf Augenhöhe der Kinder auf
  • Sorge für eine gemütliche Atmosphäre durch Licht und Musik
  • Erzähle die Geschichte lebendig und spannend
  • Beziehe die Kinder mit ein (Trommel schlagen, Taschenlampe halten, Essen kosten, Gewürze schnuppern, Ballkleid streicheln, den König rufen)

Nun hast du alles was du brauchst, vielleicht machst du einen Impuls daraus?

von Jana-Marie Hoolachan und Annika Skorowan

Gratis geht’s auch!

Viele Büchereien bieten Kamishibai-Bildkarten zur kostenlosen Ausleihe an. Für Erzieher:innen gibt es meistens einen kostenfreien Büchereiausweis. Ein gemeinsamer Ausflug mit den Kindern in die Bücherei kann selbst zum Impuls werden. Die Kinder können so ihre Lieblings-Kamishibai-Karten aussuchen und aktiv mit einbezogen werden. Viele Büchereien bieten auch Vorlese-Aktionen mit einem Kamishibai an.

Besonders bequem ist das Angebot des Regierungspräsidiums Stuttgart. Unter dem folgenden Link findet sich ein PDF-Katalog mit allen verfügbaren Karten: https://rp.baden-wuerttemberg.de/rps/abt2/ref23/fachstelle-bibliothek/medienangebote/kamishibai/. Auch das passende Kamishibai-Erzähltheater kann dort ausgeliehen werden. Die Bestellung erfolgt unkompliziert per E-Mail: herta.schenker@rps.bwl.de. Die Ausleihe ist kostenfrei – es fallen nur Versandkosten an. Bei Rückfragen stehen die Mitarbeitenden auch sehr gerne übers Telefon zur Verfügung: 0711 904-12331.

Kamishibai selber machen

Du brauchst: Pappe, Schere und Klebstoff

Probier‘s aus!

Eine Anleitung, wie man ein Kamishibai selber baut.

von Vincent Elsässer und Liubov Kolesnikova

Unser Fazit

Sie sehen, liebe Leser, Kamishibai ist ein echter Tausendsassa! Es bietet schier grenzenlose Möglichkeiten für Kinder und Erzähler:innen in einen kreativen Spracherlebnisraum einzutauchen. Wir empfehlen es Ihnen für alle Altersgruppen: Das Kamishibai schafft es mit fröhlicher Leichtigkeit, eine harmonische Erzählatmosphäre aufzubauen, in der Sprachförderung zum Kinderspiel wird. Viel Spaß beim Entdecken Ihrer individuellen, einzigartigen Kamishibai-Erlebnisse.

von Tabea Baruch und Melanie Braun

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