Kinder beißen oder werden gebissen – wie pädagogische Fachkräfte sich kompetent kümmern

Julius und Marvin, beide zwischen 1,5 und 2 Jahren alt, sitzen zusammen im Nest. Die Kinder spielen mit mehreren Holzautos. Julius fährt gerade mit dem roten Feuerwehrauto auf der Rampe vor und zurück. Marvin scheint das Auto auch haben zu wollen und versucht, es Julius wegzunehmen. Julius wehrt sich und möchte Marvin mit dem Arm wegdrücken. Plötzlich beißt Marvin Julius in den Arm, der laut zu weinen beginnt. Pädagogin Nina kommt zu ihnen und geht mit Marvin in eine andere Ecke des Raumes, um mit ihm zu sprechen. Pädagoge Florian schaut nach Julius, versorgt die Bissstelle mit einem Kühlpad und fragt, ob er weiterspielen mag, was Julius dann auch tut. Im Tagesverlauf wirkt Julius ruhig und geht Marvin aus dem Weg. Marvin wird für den restlichen Tag eng von den Pädagog:innen begleitet, um eine erneute derartige Situation zu verhindern. Beide Elternteile erhalten beim Abholen jeweils eine Rückmeldung zu der Situation. Was denken Sie – wie geht es den beiden Kindern?

Das beißende Kind

Das beißende Kind wird in der Fachliteratur häufig mit Blick auf Ursachenforschung und präventivem Umgang mit dem Verhalten unter die Lupe genommen. Das liegt daran, dass Beißen allgemein als größere körperliche Grenzüberschreitung bewertet wird, als beispielsweise schlagen oder treten. Es werden dabei drei Phänomene als Ursache beschrieben:

1) Die kindliche Entwicklung: Junge Kinder machen ihre erste Welterkundung und -begegnung u.a. mit dem Mund: Sie erfühlen Materialien und Beschaffenheiten mit Zunge und Lippe. Weiter müssen junge Kinder erst erfahren, dass Aktion und Reaktion im Sinne einer Kausalität zusammenhängen. Daraus entstehen auch Selbstwirksamkeitserfahrungen. Beißen kann ebenso eine Imitation des Verhaltens anderer sein, auf eine spielhafte Art und Weise (vgl. Gutknecht 2019, S. 28). Zuletzt entwickelt sich die Fähigkeit zur Perspektivübernahme erst ab ca. dem vierten Lebensjahr. Jungen Kindern fällt es daher noch schwer, sich in andere, deren Bedürfnisse, Intentionen und Emotionen hineinzuversetzen. Sie verstehen nicht, dass ihr Biss einem anderen tatsächlich Schmerzen zufügt.

2) Die Umgebung: Der Kita-Alltag ist trubelig und schnelllebig, die Räume der Einrichtung mal mehr, mal weniger sortiert, strukturiert und aufgeräumt. Dies alles führt zu vielfältigen Reizen, die verarbeitet werden müssen. Dabei kann es zu einer Überstimmulation von Kindern kommen. Besonders für junge Kinder sind daher Rückzugsräume notwendig. Gleiches gilt für Zeiträume im Tagesablauf, in denen Kinder die Möglichkeit haben sollten, im Alltag aufgebaute Spannungen abzubauen. Der Spannungsabbau kann auch durch Wut oder Aggression, wie das Beißen, erfolgen (ebd.).

3) Die emotionale Situation des Kindes: Junge Kinder verfügen entwicklungsbedingt noch nicht über ausreichend Sprachkompetenz, um sich und ihre Bedürfnisse auszudrücken, was zu Konflikten und Wut beim Kind führen kann (ebd). Doch auch die aktuelle Verfassung eines Kindes spielt eine gewichtige Rolle: Fühlt es sich geborgen, oder vermisst es seine Eltern, war die Nacht schwierig und der Tag folglich auch etc.? Diese emotionale aktuelle Lage des Kindes kann zu einer kurzen oder noch kürzeren Frustrationstoleranz beim Kind führen.

Um der Ursache genauer auf den Grund zu gehen, empfiehlt es sich die Beobachtungen schriftlich festzuhalten, um daraus das pädagogische Handeln abzuleiten (vgl. ebd., S. 28f). Die Fragen im Kästchen können Ihnen hierbei helfen.

Leitfragen für die Beobachtung: 

  • “Was hat sich vor dem Verhalten ereignet? 
  • Wie verhält sich das Kind? 
  • Was macht es genau? 
  • Was hat sich nach dem Verhalten ereignet? 
  • Wer hält sich in der Nähe des Betroffenen auf? 
  • Wer ist an der Situation beteiligt? 
  • Wo ereignet sich die Auffälligkeit? 
  • Wie ist die gegebene Situation gestaltet? 
  • Welche Arbeitsmaterialienwerden in der Situation genutzt? 
  • Wann tritt die Auffälligkeit auf? 
  • Welche Konsequenzen ergeben sich? 
  • Wie lange hält das Problemverhalten an?
    (Gutknecht 2019, S. 29) 

Doch zurück zu der Frage, wie es Marvin geht und was er in dieser Situation benötigt. Wie oben beschrieben, geht hier meist die erste Reaktion der Fachkräfte hin. Das liegt vermutlich daran, dass das beißende Kind eine zeitnahe Reaktion eines Erwachsenen braucht, da es sonst durch die kindlich bedingte kurze Aufmerksamkeitsspanne keinen Zusammenhang zwischen seiner Handlung und der Reaktion herstellen kann. Wir reden hierbei von einer Reaktionsspanne von höchstens zwei Minuten. Die Pädagog:in, die sich des Kindes annimmt, muss dabei in ihrer Haltung, Körpersprache, Ausdruck und Intonation deutlich machen, dass das Verhalten nicht angemessen bzw. erwünscht ist. Dies erfolgt beispielsweise durch eine feste und ernste Stimmlage sowie klare und dem Sprachverständnis des Kindes angepasste Antworten. Dem Kind muss die Situation nochmal präzise beschrieben werden. Gekoppelt mit einer konkreten alternativen Lösung („Du kannst auch sagen: Nein, Julius!“) erweitert das Kind zunehmend sein Handlungsspektrum in Konfliktsituationen und erwirbt Strategien zur Selbstregulierung (vgl. Gutknecht 2019, S. 30).

Neben der direkten Reaktion braucht oft es eine weitere Begleitung des Kindes am Tag selbst. Deren Intensität ist davon abhängig, wie das Kind sich im Vorfeld verhalten hat, und auch davon, ob es schon mehrfach gebissen hat. Sie werden dieses Kind automatisch mehr „im Blick“ behalten als ein Kind, das das erste Mal beißt. Die Fragen im Kasten bieten sich an, um, ggf. gemeinsam mit Ihrem Team, Ihrer Leitung oder auch externen Kräften Ihren weiteren Handlungsplan in einer solchen Situation zu entwerfen. Und das braucht es auch. Das beißende Kind tut dies in den seltensten Fällen ohne Grund. Beißen ist neben den oben genannten Reifungsphänomen oft ein Ausdruck von Stress, verursacht durch unterschiedliche Erwartungen und Möglichkeiten zwischen dem Kind und einem anderen Kind oder Erwachsenen (vgl. Gutknecht 2015, S. 12). Nur in besonderen Fällen ist Beißen eine Verhaltensstörung, und man spricht davon auch erst im späteren Kindesalter. Stehen hinter dem Beißverhalten Aggression und Freude, stellt es jedoch auch in jungen Jahren ein Entwicklungsrisiko dar (vgl. Gutknecht 2015, S. 16). Im Sinne der Kinderrechte und des Kinderschutzes hat das beißende Kind ein Recht darauf, in seinem Stress bzw. in seiner Reifung begleitet und bei der Findung von Alternativlösungen zur Bewältigung unterstützt zu werden. Dem entgegen steht meist der Ausschluss, der – mitunter von Eltern und Pädagog:innen – gefordert wird und verschiedentlich auch in der Praxis umgesetzt wird.

Das Zauberwort in der Begleitung des Kindes ist – wie so oft im frühkindlichen Bereich – Responsivität. Im Falle des beißenden Kindes bedeutet dies, trotz der Stresssituation auch für Erwachsene, Wärme und Zugewandtheit zu zeigen, die kindlichen Emotionen zu spiegeln, Bewegungen und Laute des Kindes aufzugreifen. In Marvins Fall meint dies, ihm wie beschrieben zu signalisieren, dass das Verhalten nicht passend ist, ihn aber zugleich in seinem Stress aufzufangen, ihn nicht allein zu lassen oder klassisch zu bestrafen. Vielmehr ist es Aufgabe der Fachkraft, mit den genannten Fragen herauszufinden, was zu Marvins Verhalten geführt hat, und dadurch Schlüsse für das eigene Handeln zu ziehen. Ein paar Beispiele, die zum Konflikt zwischen den Jungen geführt haben könnten:

  • Marvin ist großer Feuerwehr-Freund und möchte selbstverständlich das Auto haben. In seinem frühkindlichen Denken mit fehlender Perspektivübernahme ist es für ihn klar, dass er es sich nehmen kann. Er ist mit dem Wegdrücken von Julius überfordert. Aus dieser Wut und dem Unverständnis heraus beißt er zu.
  • Marvin hat heute schlecht geschlafen. Der fehlende Schlaf sorgt für schlechte Stimmung, vermehrtem Weinen und Frust bei ihm. Seine Frustrationstoleranz ist daher an diesem Tag stark eingeschränkt.
  • Julius ist Marvin körperlich leicht überlegen und drückt daher (auch noch unkoordiniert) fest zu. Marvin tut das weh. Aufgrund seines geringen Wortschatzes weiß er sich noch nicht anders zu helfen, als zu beißen.
  • Marvin und Julius spielen erst kurz miteinander, Julius war vorher frühstücken. Marvin hat derweil allein mit den Autos gespielt. Jetzt muss er diese plötzlich teilen, zumal Julius sich einfach so dazu gesetzt hat.
  • Marvins Mama hat heute morgen beim Bringen nicht viel Zeit gehabt und ihn nur schnell „rübergereicht“. Marvin hatte dadurch einen schlechten Übergang in den Kita-Alltag und ist launisch und weinerlich. Als Julius dann das Auto nicht rausrückt, ist Beißen seine einzig mögliche Reaktion.

All dies sind Szenarien, die Sie bei genauer Betrachtung möglicherweise beobachten konnten. Alle Szenarien zeigen aber mehr als die bloße Tatsache, dass Marvin Julius gebissen hat – nämlich, dass es Hintergründe und Begleitumstände gibt. Hieran müssen die Rektionen und das Handlungsschema der Fachkräfte angepasst werden:

  • Benötigt es möglicherweise mehr (Feuerwehr-) Autos im Nest? Muss das Feuerwehrthema allgemein aufgegriffen werden?
  • Wie kann der Tagesablauf für (junge) Kinder in einem passenden Wechsel von Anspannung und Erholung gestaltet werden? Wie gehen Sie mit Sondersituationen um, wenn das Kind nach einer schlechten Nacht einen schlechten Tag hat?
  • Wie kann man Marvin zeigen, wie er sich sonst wehren kann, außer selbst körperlich zu werden? Weiß Marvin, dass er um Hilfe bitten kann? Sind Personen anwesend, die diesen Ruf aufnehmen können? Wie zeigen Sie den Kindern, eventuell nötige (körperliche) Distanz untereinander einzuhalten?
  • Wie werden Übergänge begleitet?
  • Wie gelingt es Ihnen, in Bring- oder Abholsituationen den Fokus der Eltern für diese kurze Zeit aufs Kind zu legen? Wie können Sie außerdem auffangen, wenn auch das 100. Winken das Kind nicht zufrieden stellt?

Das gebissene Kind

Auf Julius muss sich eigentlich die erste Reaktion der Pädagog:innen richten. Zunächst zur Wundversorgung, gerade bei offenen Bisswunden ist diese elementar. Doch auch wenn „nur“ eine Rötung an der Bissstelle zu sehen ist, braucht dieses Kind vor allem emotionale Zuwendung. Auch hier ist das Zauberwort wieder Responsivität. Julius benötigt als Kind, dem Leid und Schmerz zugefügt wurden, Trost, Beruhigung und Fürsorge. Der Erwachsene zeigt durch seine verbalen und nonverbalen Reaktionen, dass er den Kummer nachvollziehen kann, mitfühlt und das Verhalten des anderen Kindes nicht unterstützt. Es ist hierbei relevant, dem Kind Möglichkeiten zur Beruhigung anzubieten (vgl. Gutknecht 2019, S. 29). Das kann das Lieblingskuscheltier, der Schoß mit einer Umarmung oder auch das räumliche Verlassen der Situation sein. 

Hat sich das Kind beruhigt und ist wieder bereit für Aktivitäten, ist es unabdingbar, darauf zu achten, dass es nicht wieder in seinem Handeln und seinem Spiel gestört oder verdrängt wird. Doch das Beispiel oben zeigt auch, dass Julius noch mehr Unterstützung braucht:

  • Wie kann er künftig mit solchen Situationen umgehen und sich ggf. wehren?
  • Wie gelingt es Ihnen, dass Julius kein Selbstbild im Sinne des „hilflosen Opfers“ von sich aufbaut?
  • Wie kann Julius heute und auch in Zukunft wieder unbeschwert spielen, ohne Angst zu haben, wieder gebissen zu werden?
  • Wie kann Julius in Zukunft wieder zu Marvin Vertrauen fassen und mit ihm unbeschwert spielen, ihm ggf. seine Grenzen aufzeigen?
  • Wenn Julius häufiger von Marvin gebissen wird – was braucht Julius von Ihnen als Fachkräften, von seinen Eltern oder auch von weiteren Personen, um diese Traumata zu bewältigen? Wie unterstützen Sie die Eltern dabei?

Julius benötigt vor allem Erwachsene um sich, die ihn emotional in der Situation auffangen und perspektivisch als Konfliktassistenz begleiten, ohne ihn permanent beschützerhaft zu überwachen. Dazu gehört zum Beispiel das Einbauen von einem (deutlich hörbaren) „Stopp“ oder „Nein“ in den Wortschatz und die Handlungsmuster von Julius (vgl. Gutknecht 2019, S. 29). Gepaart mit entsprechender Körpersprache ist dies ein Skript, sich in solchen Situationen zur Wehr zu setzen und auf den Konflikt aufmerksam zu machen. Ein Skript, das er erst aufbauen muss. Da Konflikte, auch im jungen Alter, wichtig sind, gilt es außerdem, dem gebissenen Kind weiterhin Konflikte zu ermöglichen, wenn auch in einem sicheren Rahmen. Julius von Marvin oder anderen konflikthaften Kinder fernzuhalten, sorgt nicht für ein größeres Repertoire, Konflikte lösen zu können. Es gilt, Augen und Ohren offen zu halten und die Signale der Kinder für einen aufkommenden (körperlichen) Konflikt früh zu erkennen und bei Zuspitzung einzuschreiten – Responsivität und Feinfühligkeit eben.

Mehr von Anja Burger

Literatur 

Burger, Anja (2022): Junge Kinder brauchen Responsivität. Newsletter des Pädagogischen Leitungskreises. Verfügbar unter: https://www.element-i.de/magazin/junge-kinder-brauchen-responsivitaet/ (zuletzt aufgerufen am 21.02.2025) 

Gutknecht, D. (2019): Wenn junge Kinder beißen. In: Kleinstkinder in Kita und Tagespflege. Themenheft: Schwierige Situationen im pädagogischen Alltag. S. 28-33.  

Gutknecht, D. (2015): Wenn kleine Kinder beißen. Freiburg: Herder. 

 

 

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