Lasst uns mehr streiten! – für eine Kultur gekonnter Auseinandersetzung im Kita-Alltag

Kinder kommen mit einer einzigartigen Mischung aus angeborener Individualität und durch die Umwelt geprägten Erfahrungen in unsere element-i Einrichtungen. Schon im frühesten Alter begegnen sie uns und der Welt mit ihren eigenen Bedürfnissen, Emotionen und Perspektiven. Wo verschiedene Sichtweisen aufeinandertreffen, entstehen zwangsläufig Konflikte. Vor allem in der frühkindlichen Entwicklung benötigen Kinder erwachsene Bezugspersonen, die ihnen Raum für echte Erfahrungen geben und das Erlernen von Konfliktfähigkeit empathisch begleiten. Doch wie geht es den Erwachsenen im Umgang mit Konflikten? Wie kann diese zentrale Entwicklungsaufgabe begleitet werden, wenn eine Fachkraft wenig Interesse an Auseinandersetzungen hat, schon gar nicht im hektischen Kita-Alltag?! Und wieso empfinden Menschen Konfliktsituationen, vor allem die, die sie selbst mit anderen haben, oft als unnötige Streitereien?

Eine Kinderkonferenz allein reicht nicht aus

Konfliktfähigkeit ist keine angeborene Eigenschaft, sondern ein soziales und emotionales Handlungsrepertoire, das geübt werden will – und muss. Je häufiger Kinder in einem geschützten Rahmen erleben, wie sie Konflikte aushalten, benennen und lösen können, als Individuum, das Mitglied einer Gemeinschaft ist, desto sicherer werden sie im Umgang mit sich selbst und anderen (vgl. Haug-Schnabel/ Bensel 2017, S. 46). An dieser Stelle sei unbedingt erwähnt, dass es nicht darum gehen soll, den Kinderhausalltag möglichst reibungsvoll zu gestalten. Im Gegenteil, es ist wichtig und richtig, dass sowohl das pädagogische Team als auch die Kinder viele konfliktarme und harmonische Situationen erleben, die beispielsweise durch einen gut strukturierten Tagesablauf und eine hohe Interaktionsqualität entstehen. Es geht vielmehr darum, Konflikte nicht zu fürchten, sei es in der Kindergruppe oder auch im kollegialen Miteinander, sondern sie als Bestandteil eines gesunden Entwicklungsverlaufes des Kindes und somit als Teil von Kooperation zu begreifen. Das bedeutet auch, dass formale Strukturen, wie etwa die Kinderkonferenz, allein für Kinder nicht ausreichend sind, um echte Erfahrungen im Umgang mit unterschiedlichen Wünschen und Bedürfnissen sammeln zu können. Es benötigt die Bereitschaft und Haltung der Betreuungspersonen, sich in Interaktionen uneingeschränkt auf die Sichtweisen anderer einzulassen und vor allem die eigene Haltung bei der kindlichen Konfliktbegleitung kritisch zu hinterfragen. Denn nur dann, wenn Kinder erleben, dass die Betroffenheit meines Gegenübers etwas mit den eigenen Gefühlen zu tun hat, kann zunehmend solidarisches Handeln entstehen. Eine einfühlsame Begleitung in Konflikten durch pädagogische Fachkräfte sollte eine Lösung des Konflikts anstreben. Und alle Beteiligten sollten sich anschließend wohlfühlen.

„Wie würde ich reagieren?“ – Das Team als Ressource nutzen

Die eigene Kindheit bzw. die Erfahrungen, die man selbst in dieser Lebensphase im Umgang mit Konflikten sammeln konnte oder die einem verwehrt wurden, nimmt eine zentrale Rolle ein. Und es lohnt sich, diese biografische Einflussnahme einmal in den Blick zu nehmen: Durfte ich als Kind laut und auch wütend sein? Wurde ich zurechtgewiesen, wenn ich den Erwachsenen zu laut war? Vielleicht wurde Konfliktverhalten als „unartig“ bewertet oder in der Familie vermieden? Durfte ich einen eigenen Willen haben? Welche Vorbilder hatte ich in Bezug auf die Durchsetzung der eigenen Interessen? Diese Prägungen wirken weiter – oft unbewusst. In stressigen Situationen reagieren wir Menschen dann automatisch mit Rückzug, Kontrolle oder fühlen uns überfordert. Gerade in Konflikten mit Kindern kann das zu autoritärem oder adultistischem Verhalten, schnellen Bewertungen oder Konfliktvermeidung führen. Häufig gehen Konflikte einher mit Gefühlen wie Wut, Ärger, Enttäuschung oder Zorn. Und ausgerechnet diese Gefühle gelten in vielen Kontexten als unerwünscht, anstrengend und eher als unerfreuliche Störfaktoren im Alltag. Dabei sind Emotionen wie Wut und Ärger sehr wichtig. Sie zeigen auf, wo eigene Grenzen liegen und welches Verhalten meines Gegenübers diese gefährdet. Menschen, die dazu in der Lage sind, ihr Leben autonom und selbstverantwortlich zu gestalten, können die Energie der Aggression konstruktiv nutzen. Sie können „… ihre Wünsche äußern, für sich eintreten, argumentieren und verhandeln. […] Hierdurch sind sie auch greifbar und transparent für ihre Mitmenschen“ (Stahl 2017, S. 101). Das bedeutet, nur wer die Möglichkeit hat, diese herausfordernden Gefühle, die häufig in Konflikten entstehen, zu verarbeiten und einen konstruktiven Umgang mit diesen zu finden, ist konfliktfähig und dazu in der Lage, Kompromisse und Lösungen zu finden. Wenn das Austragen von Konflikten nicht geübt wurde, reagieren Menschen entweder aggressiv oder gehemmt: Sie wehren sich gegen den anderen und seine Perspektive, streiten, schreien, schlagen oder sie sagen nicht, was sie wirklich meinen und wollen, schweigen in Konfliktsituationen, trödeln, machen Zusagen, die nicht umgesetzt werden, „mauern“ (vgl. Stahl 2017, S. 100f.). Das eigene Konfliktverhalten wird so zum Spiegel für das professionelle Handeln. Nur wer sich seiner eigenen Muster bewusst ist, kann Kindern authentisch und unterstützend zur Seite stehen. Es braucht daher die persönliche Auseinandersetzung. Konfliktfähigkeit ist auch im Erwachsenenalter noch erlernbar und ein Gewinn – für die professionelle Praxis, die Zusammenarbeit im Team und das eigene Wohlbefinden.

Wege zur Stärkung der eigenen Konfliktkompetenz:

Supervision und kollegiale Fallberatung: die eigene Situation reflektieren, neue Perspektiven gewinnen. Als erster Schritt empfiehlt sich ein offener und ehrlicher Teamaustausch über Konfliktsituationen im Alltag, die persönlich als herausfordernd empfunden wurden. So kann man den eigenen Mustern näher kommen. Dabei können fiktive oder konkrete Situationen genutzt werden, um über das Verhalten der beteiligten Betreuungsperson zu sprechen. Dabei geht es nicht um eine vermeintliche richtige Lösung. Vielmehr geht es hier um die kollegiale und fachliche Auseinandersetzung mit der Frage: Wie kann Konfliktbegleitung im Alltag gelingen, und wie gestalte ich das konkret? Am besten üben Sie sich darin, die Situationen nach unterschiedlichen Reaktionen der Fachkraft durchzuspielen, gerne auch in Kleingruppen und wie es je nach Verhalten und Konfliktbegleitung weitergehen könnte. Besprechen Sie die Lösungsvorschläge ausführlich.

Weiterbildung in Kommunikationsmethoden: z. B. gewaltfreie Kommunikation, Multiplikator:innenschulungen: „Herausforderndes Verhalten in Kindertageseinrichtungen (HeVeKi)“ https://www.eh-freiburg.de/neuigkeiten/schulungen-zu-herausforderndem-verhalten-von-kindern-erreichen-bundesweit-rund-700-kitas-konzept-wurde-erneut-evaluiert/

Eine konstruktive Teamkultur pflegen: Offener Umgang mit Fehlern, regelmäßiger Austausch über schwierige Situationen im kollegialen Miteinander. Das heißt auch, die eigene Vorbildfunktion in der Erwachsenen-Peergroup wahrzunehmen und in den Fokus des Handelns zu nehmen. Wie sprechen wir vor den Kindern miteinander, wie lösen wir Konflikte zwischen Kolleg:innen im Alltag? Denn die Kinder lernen Konfliktfähigkeit auch durch das wahrnehmbare Verhalten der Betreuungspersonen anderen gegenüber, also durch ein indirektes Erleben und Beobachten.

Achtsamkeit und Selbstfürsorge: Die Fähigkeit zur Regulation eigener Emotionen ist die Basis jeder Konfliktlösung. Es lohnt sich, auf das eigene Wohlbefinden zu achten und sich mit dem Umgang von Emotionen kritisch auseinanderzusetzen.

Konflikte sind keine Störung, sondern essenzielle Lernerfahrungen. Sie fordern uns heraus, flexibel, empathisch und professionell zu agieren. Und sie eröffnen Kindern die Möglichkeit, zu wachsen. Wer in diesen Momenten genau hinschaut, der erkennt: Hier entstehen Beziehungen. Mehr noch, hier wird das Fundament für eine demokratische, empathische Gesellschaft gelegt. Es liegt an uns, Kindern diese wichtigen Übungsräume nicht zu nehmen – sondern sie aktiv zu gestalten.

Um ein grundlegenderes Verständnis für das Thema Konflikte in der kindlichen Entwicklung zu erlangen, empfehle ich Ihnen den Artikel meiner Kollegin Denise Samuel, „Konflikte im Kitaalltag“, zu lesen, der unter diesem Link abrufbar ist: Konflikte im Kitaalltag – element-i.

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Literatur 

Haug-Schnabel, Gabriele; Bensel, Joachim (2017): Grundlagen der Entwicklungspsychologie. Die ersten 10 Lebensjahre. Herder: Freiburg im Breisgau. 

Stahl, Stefanie (2017): Jeder ist beziehungsfähig. Der goldene Weg zwischen Freiheit und Nähe. Kailash: München. 

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