„Sprich bitte mit mir?“ – Mit sprachlicher Bildung die Chancen von Kindern verbessern

„Ich spreche doch den ganzen Tag mit den Kindern.“ Der Satz scheint auf den ersten Blick recht plausibel. Inwieweit bringt die Einschätzung, beruflich viel sprechen zu müssen, die Fachkraft und vor allem die Kinder sprachlich wirklich voran? Oder wird ein zentrales Bildung- und Entwicklungsfeld leichtfertig unterschätzt? Sprachlichen Fertigkeiten von Grundschulkindern, besonders das Textverständnis, sind in den vergangenen Jahrzehnten schwächer geworden. Und das Thema setzt sich fort: Studierende tun sich schwer, ganze Bücher zu lesen und die Inhalte zu durchdringen. Kein gutes Omen, wenn ein Land das Lesen zu verlernen scheint, sich kognitive Kompetenzen dadurch verändern bzw. verarmen. Wie werden Bildungschancen schon bei den Jüngsten verbessert?

Was weiß die Forschung dazu?

Die letzte Iglu-Studie von 2021 hat gezeigt, dass die Lesekompetenz von Grundschulkindern recht mittelmäßig ist. Es gibt Kinder, die flüssig lesen können und Aufgaben gut verstehen. Daher gelingt es ihnen auch, Aufgaben so zu verstehen, dass sie sich der Lösung widmen können. Der Befund trifft auf etwas mehr als ein Drittel aller getesteten Kinder zu. Ein weiteres Drittel kann Informationen zum Teil miteinander verknüpfen. Rund ein Viertel aller Kinder kann nur bedingt lesen bzw. Informationen nur hin und wieder einordnen (TU Dortmund 2023). Für 25% der Kinder sind demnach die Aussichten auf eine erfolgreiche Schullaufbahn mit Freude am Lernen mager. Es gibt also viel zu tun – für die Schulen. Und gleichzeitig liegt die Frage nahe: Welchen Beitrag können Kitas als Bildungsinstitution leisten, um Kinder sprachlich auf die Schule vorzubereiten. 

Auch Befunde aus Hochschulen zeigen, dass Studierende sich zunehmend schwertun, sich längeren Abhandlungen zu stellen. Während 2002 noch 43% der Studierenden täglich lasen, geben 20 Jahre später nur non 17% der Studierenden an, täglich zu lesen. Das so genannte Deep Reading – die vertiefte Auseinandersetzung mit Inhalten, Thesen und Gegenthesen, Widersprüchen u.a.m. – kann keine Künstliche Intelligenz (KI) uns abnehmen. KI kann den Prozess auch nicht beschleunigen. Diese Fähigkeit bildet sich über Jahre hinweg aus. Und sie bedarf regelmäßiger Übung (Agarwala/Spiewak 2025, S. 30).

Was mag es angesichts dieser Befunde bedeuten, wenn zukünftig Lehrende in Schulen und auch in Kita tätig sind, denen „eigene litera-ästhetische Erfahrungen fehlen“ (DIE ZEIT 2025, S. 31)? Kerstin Hauke sieht Chancen, die Lust aufs Lesen zu befördern: Sie hat als Lehrerin gute Erfahrungen mit dem Vorlesen gemacht. Jüngere und auch ältere Schüler sind begeistert, wenn Texte gekonnt vorgetragen werden. Und es braucht beherzte Pädagog:innen, die Kinder jeden Alters und in sinnvollem Maße fordern. Sie nennt das „wohldosierte Fremdheitserfahrungen“ (ebd. S. 31), denen Kindern ausgesetzt werden dürfen. Und nicht zuletzt verbessern sich sprachliche Kompetenzen, wenn Kinder Zeit und Gelegenheiten haben, sich auszudrücken.

Was heißt das für die Kita?

Ob uns die schwindende Lesefreude von Grundschulkindern besorgt, wir die Risiken von digitalen Medien fürchten oder übermäßigen Fernsehkonsum schlecht heißen. Das hilft pädagogischen Kräften in den Kitas nur bedingt weiter. Pädagogische Kräfte sind eingeladen, an den Stellen anzusetzen, die tagtäglich in der Kita, in unseren element-i Kinderhäusern beeinflussbar sind. Als pädagogische Kraft können Sie jeden Tag sprachliche Bildung in jeder Station des Tages erlebbar machen – jeden Tag für jedes Kind. Was braucht es dafür? Etwas holzschnittartig lässt sich sagen: Es braucht Fach- und didaktisches Wissen und eine Haltung zum Thema. Das wird in zahlreichen Publikationen sehr regelmäßig dargelegt (bspw. Albers et al. 2017, S. 118ff.). Auch in den Bildungsplänen ist die sprachliche Bildung fest verankert (Baden-Württemberg 2025, 160ff., Bayerisches Staatsministerium 63ff.; Bildungsgrundsätze NRW 2016, S. 92ff.). Auf einige Aspekte sei hier hingewiesen:

Mit fundiertem Wissen über Sprachentwicklung werden die Voraussetzungen für qualitativ hochwertige sprachliche Interaktionen geschaffen. Denn nur, wenn eine Pädagog:in weiß, was ein Kind in welchem Alter verstehen kann und was es braucht, kann sie entsprechend agieren.

Mit geeigneten Handlungsoptionen – sprachbildende Strategien – wird die Qualität der sprachlichen Interaktionen nachhaltig verbessert. Eine Pädagogin sollte Kenntnisse haben, welche Fragetechnik in einer Situation hilfreich ist, wann handlungsbegleitendes Sprechen einen Effekt hat und welche Modellierungstechniken es gibt. Und nicht zuletzt braucht sie ein gutes Gespür dafür, wie viel Zeit Kinder brauchen, um eine Antwort zu geben oder einen Gedanken zu formulieren. 

Die beiden oben genannten Aspekte kann sich jede pädagogische Kraft durch Fachliteratur oder Fortbildungen aneignen. Die Abschnitte zur sprachlichen Bildung in den Bildungs- und Orientierungsplänen der Länder stecken den Rahmen für Sprache und Kommunikation sowie anregende Fragen für die Fachkräfte. Fortbildungen sind insbesondere geeignet, weil der Austausch unter pädagogischen Kräften zusätzliche Effekte hat.

Mit regelmäßigen Sprachstandserhebungen (wie BaSiK, siehe Kasten) können Beobachtungen aus dem Alltag bestätigt und vertieft werden. Mit Hilfe jährlicher Erhebungen ließe sich fundiert ermitteln, welche Kompetenzen ein Kind erworben hat und welche Angebote für welches Kind entwicklungsangemessen sind. Passgenauigkeit ist ein zentraler Gedanke beim Konstrukt der Zone der nächsten Entwicklung (ZnE), damit Angebote und Impulse die Kinder nicht überfordern und nicht unterfordern. Vielmehr sollen Aktivitäten ein Kind einladen, den nächsten Entwicklungsschritt zu gehen.

Mit regelmäßigen Reflexionen (Selbstreflexion, Video-Feedback) wird das Know-How kontinuierlich verbessert. Manch eine Person reflektiert sich selbst regelmäßig und gewinnbringend. Andere suchen sich eine Tandem-Partner:in im Team und fragen sich gegenseitig: „Was gelingt dir gut, was könntest du mal ausprobieren?“ So schenken sich pädagogisch Tätige gegenseitig Entwicklungsmöglichkeiten. Das kann beide Personen, ein Team und besonders die Kinder voranbringen.

Nicht zuletzt ist Freude am Sprechen eine grundlegende Voraussetzung für sprachliche Bildung – in der Kita, zu Hause und an allen Orten, wo sich Menschen begegnen. Für mehr Bildungsgerechtigkeit sollte jedes Kind jeden Tag in einen längeren Dialog eingebunden sein. Für die Freude am Sprechen ist jede Station des Tages geeignet. Und die pädagogischen Kräfte sind Vorbilder für die Kinder – natürlich regen sich Kinder untereinander auch zum Sprechen an.

Die Pädagog:in als Sprachvorbild

Zurück zur Aussage „Ich spreche doch den ganzen Tag mit den Kindern.“ Sicherlich ist es wertvoll, kommunikative Kompetenzen einzusetzen und mit den Kindern ins Gespräch zu kommen. Es kommt jedoch entscheidend darauf an, wie ich als Pädagogin diese Begegnungen gestalte. Wenn ich als pädagogische Kraft meine Kompetenzen kenne und meine Potentiale ausbaue, ist der Weg zu einer sprachanregenden Umwelt geebnet. Der aktuelle Orientierungsplan hat dazu mehr als 20 hilfreiche Fragen gebündelt, die

  • die Gestaltung von Sprachanlässen aufgreifen, z. B.: „Wie habe ich heute aus bestimmten Situationen Kommunikations- und Sprachanlässe gestaltet?“
  • die Vorbildfunktion betrachten, z. B.: „Wie wird deutlich, dass ich im Alltag eine kindgerechte Sprache … anwende?“
  • auf die Sprachproduktion abzielen, z. B.: „In welchen Situationen unterstütze ich … eine aktive sprachliche Interaktion?“
  • das Wissen rund um Sprache beleuchten, z. B.: „Welche neuen Begriffe haben die Kinder heute kennengelernt …?“
  • auf die vielen Sprachen der Kinder eingehen, z. B.: „In welcher Form schenke ich den Kindern Raum zur experimentellen Auseinandersetzung mit … Vielfalt?“
  • der Lese- und Schriftkultur Beachtung schenken, z. B: „Wie unterstütze ich Kinder dabei, ihre schriftsprachlichen Kompetenzen frei entfalten zu können?“ (Baden-Württemberg 2025, S. 174ff.)

So kommen Sie authentisch mit den Kindern ins Gespräch und zu gelingenden Interaktionen, die die Kinder voranbringen in ihrer Begegnung mit der Welt.

Sprachstanderhebung mit BaSiK

Beobachtung & Dokumentation gehören zum pädagogischen Handwerk. Ohne Beobachtungen können wir die dahinterstehenden Bedürfnisse von Kindern nicht entdecken und nicht passgenau beantworten. Und was hieße das fürs pädagogische Handeln? Positiv gewendet, können Sie als pädagogische Kräfte aus den Erkenntnissen guter Beobachtungen passgenaue Aktivitäten ableiten und ihr pädagogisches Handeln im Sinne der Zone der nächsten Entwicklung steuern. Für ein zielgenaues Arbeiten rund um die sprachliche Bildung bieten sich zahlreiche Instrumente an. Die Hochschule Schwäbisch Gmünd hat über 20 Instrumente überprüft und festgestellt: Sowohl BaSiK als auch Sismik, Seldak und Liseb sind nützliche und valide Instrumente, um den Sprachstand eines Kindes zu erheben – einmal im Jahr.

Mit den Befunden aus dem BaSiK-Bogen lässt sich praktisch ansetzen. Als Pädagogin kann ich aus dem Beobachtungsbogen eines Kindes ersehen, an welchen Aspekten der Sprache angesetzt werden muss. Braucht das Kind mehr Orientierung, welcher Artikel zu einem Substantiv gehört – heißt es „die oder der Mond“? Was hat ein Kind von der Bildung des Perfekts verstanden, wenn es „Ich habe gegeht.“ sagt? Die Aktivitäten rund um die sprachliche Bildung für die Kinder sollen alltagintegriert eingebunden sein – ob bei der Begrüßung, beim Essen, im Erzählkreis oder beim Freispiel.

Mehr von Christina Henning

Literatur 

Agarwala, Annat; Spiewak, Martin (2025): Ein Buch lesen? Ganz?! Erstaunlich viele Menschen scheitern heute an langen Texten. Das hat Folgen für ihre Gehirne und die Universitäten. Wie der Geisteselite ihre Kulturtechnik abhanden kommt. In: DIE ZEIT, No 18/2025, S. 29-30 

Baden-Württemberg Ministerium für Kultus, Jugend und Sport (2025): Orientierungsplan für Bildung und Erziehung in Kindertageseinrichtungen und in der Kindertagespflege in Baden-Württemberg. Herder: Freiburg i. Br. 

Bayerisches Staatsministerium für Arbeit, Soziales, Familie und Integration; Staatsinstitut für Frühpädagogik München (2016): Bildung, Erziehung und Betreuung von Kindern in den ersten drei Lebensjahren. Handreichung zum Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder in Tageseinrichtungen bis zur Einschulung. Verlag das netz: Weimar 

DIE ZEIT (2025). „Die Leselust wird nicht gefördert“. Ist der Deutschunterricht zu altmodisch? Die Lehrerin Kerstin Hauke und die Bildungsforscherin Petra Anders erklären, warum es hilft, auch Abiturienten noch vorzulesen, und wie sich die Neugier auf Texte wecken lässt. In: DIE ZEIT, No.18/2025, S. 31 

Ministerium für Familie, Kinder, Jugend und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen (2016): Bildungsgrundsätze. Mehr Chancen druch Bildung von Anfang an. Grundsätze zur Bildungsförderung für Kinder von 0 bis 10 Jahren in Kindertagesbetreuung und Schulen im Primarbereich in Nordrhein-Westfalen. Herder: Freiburg i. Br. 

TU Dortmund (2023): 20 Jahre internationale Vergleichsstudie IGLU: Schwächere Lesekompetenz und keine Verbesserung der Bildungsungleichheit in Deutschland. Abrufbar unter: https://ifs.ep.tu-dortmund.de/storages/ifs-ep/r/Downloads_allgemein/Pressemeldung_IGLU2021_final.pdf (zuletzt aufgerufen am 4.8.25) 

Zimmer, Renate (2019): BaSiK. Begleitende alltagsintegrierte Sprachentwicklungsbeobachtung in Kindertageseinrichtungen. 3. Auflage. Herder: Freiburg i. Br. 

Kommentar

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet.