Vorlesen kann mehr als Lesen sein

Der vierjährige Magnus bittet Maria, mit ihm ein Buch anzuschauen. Maria willigt ein, und nach wenigen Augenblicken gesellen sich weitere Kinder dazu. Maria handelt mit den Kindern aus: Wo wollen wir sitzen? Welches Buch schauen wir an? Die Gruppe findet einen geeigneten Platz und einigt sich auf die Geschichte von Frederick, dem Mäuserich. „Rund um die Wiese herum, wo Kühe und Pferde grasten …“, beginnt Maria. Doch schon bald regt sie die Kinder an, die Geschichte selbst weiter zu erzählen. Es entspinnt sich anhand der Bilder im Buch ein Dialog, in dem alle zu Wort kommen – jedes Kind mit seinen sprachlichen Kompetenzen.

Dass Vorlesen nicht unbedingt ein Buch mit viel Text voraussetzt, darauf hat die Stiftung Lesen in ihrer Vorlesestudie aus dem Jahr 2019 nochmals hingewiesen. Eltern, so ein Befund der Forscher*innen, hätten ein recht enges Verständnis von Vorlesen. Zum Vorlesen gehört für viele der Studienteilnehmer*innen ein Buch mit (viel) Text. Dass das Betrachten eines Wimmel- oder Bilderbuches, das Vorlesen eines Textes vom E-Reader oder auch das Erzählen eines Märchens Aktivitäten sind, die dem Vorlesen recht ähnlich sind, das kam den Befragten nicht sogleich in den Sinn.

Studie: Die meisten Eltern lesen vor

Die Studie der Stiftung Lesen bestätigt weiterhin Ergebnisse, die denen älterer Studien recht ähnlich sind. Die guten Botschaften dabei sind: Mehr als zwei Drittel der Eltern lesen ihren Kindern zu Hause mehrfach pro Woche oder sogar mehrfach täglich etwas vor. Befragt wurden dabei Eltern von Kindern im Alter von 2 bis 8 Jahren. Die Kinder profitieren davon in vielfältiger Weise: beispielsweise wird der Wortschatz erweitert, die Kinder lernen grammatikalische Strukturen kennen, etwas über den richtigen Gebrauch der Sprache, erwerben Sachwissen u.a.m. Auch für die Schulzeit sind die frühen Erfahrungen von Vorteil: Lesenlernen fällt diesen Kindern leicht, die schulischen Leistungen später sind besser als die der Kinder, denen selten bis nie vorgelesen wurde. Soziale Kompetenzen, die Fähigkeit, andere zu integrieren oder einen Gerechtigkeitssinn zu entwickeln, würden positiv beeinflusst (Schuster 2019). Selbst der Aufbau von Freundschaften ist leichter, wenn Kinder einen differenzierten Wortschatz haben (Jungmann et al. 2018, 36). Die weniger gute Botschaft lässt sich leicht erahnen: Einem Drittel der Kinder wird selten oder gar nicht vorgelesen. Die positiven Auswirkungen des Umgangs mit Wimmelbildern, Geschichten, Märchen … stellen sich folglich nicht vergleichbar ein. Das legen auch andere Studienergebnisse nahe, z.B. die der Pisa-Studie 2018: ein Fünftel der Kinder tut sich im Alter von 15 Jahren schwer mit Texten.

Auftrag an Kitas ist deutlich

Was bedeuten die Befunde für die pädagogische Arbeit in Kindertageseinrichtungen? Einerseits ist der Auftrag – ganz klar – ein kompensatorischer. Wir bieten allen Kindern, jedoch vor allem jenen, die zu Hause wenig mit Büchern umgehen und denen selten vorgelesen wird, vielfältige sprachliche Impulse: durch Vorlesen oder dialogisches Lesen, durch ein angemessenes sprachliches Vorbild und angemessenen sprachlichen Input, durch Anregen der Sprachproduktion und Dialoge auf Augenhöhe, durch korrektives Feedback und das Erhalten der Freude am Sprechen. Kurz gesagt: sprachliche Bildung findet in den element-i Kinderhäusern alltagsintegriert statt. Wie gut gelingt uns alltagsintegrierte Sprachbildung in den Kinderhäusern? Spricht jedes Kind jeden Tag mit anderen Kindern und mit mindestens einer erwachsenen Person, die den Entwicklungsstand des Kindes kennt und dem Kind hilfreiche Anregungen gibt? Und wie ausführlich und abwechslungsreich ist dieser Dialog? Welche Situationen im Alltag werden für die sprachliche Bildung genutzt und wie werden sie genutzt?

Eltern sollen sensibilisiert werden

Andererseits besteht auch ein Auftrag für die Zusammenarbeit mit den Eltern: „Die Initiatoren der Studie empfehlen, mit Maßnahmen zur Sensibilisierung und Motivation von Eltern nicht nachzulassen und vor allem (vor)leseferne Zielgruppen noch stärker zu fokussieren und in ihren Lebenswelten anzusprechen. Bei der Ansprache von Familien sollten sprach- und lesefördernde Aktivitäten, die zum Vorlesen dazu gehören, es vorbereiten und ergänzen, explizit benannt und noch deutlicher damit in Verbindung gebracht werden“ (Schuster 2019). Das kann ein Projekt zum Thema Sprachen sein, bei dem Eltern zur Kiko oder in den Singkreis eingeladen werden.

Mich hat die folgende Idee beeindruckt: Im Kinderhaus Königskinder in München wurde eine Mini Bücherei eingerichtet. In einer abschließbaren Glasvitrine direkt am Ausgang sind Bücher und Bildkarten, die gerade bei den Kindern beliebt sind, gut sichtbar ausgestellt. Immer häufiger fragen die Kinder beim Abholen: „Darf ich das mit nach Hause nehmen?“ Die zuständige Erzieher*in arrangiert die Ausleihe. Wenn das Buch nach einigen Tagen zurück gebracht wird, entsteht mit Fragen wie: „Was hast du denn da mitgebracht?“ oder „Wie hat dir das Buch gefallen?“ der Anlass für einen Dialog mit dem Kind – und vielleicht auch mit den Eltern.

Quellen:
Jungmann, Tanja; Morawiak, Ulrike; Meindl, Marlene (2018): Überall steckt Sprache drin. Alltagsintegrierte Sprach- und Literacy-Förderung für 3- bis 6-jähringe Kinder. Ernst Reinhardt: München/Basel

Stiftung Lesen (2019): Vorlesestudie 2019 –Vorlesepraxis durch sprachanregende Aktivitäten in Familien vorbereiten und unterstützen. Repräsentative Befragung von Eltern mit Kindern im Alter von 2 bis 8 Jahren. https://www.stiftunglesen.de/download.php?type=documentpdf&id=2595 (letzter Zugriff: 17.4.2020)

Schuster, Christine (2019): Vorlesepraxis durch sprachanregende Aktivitäten in Familien vorbereiten und unterstützen. https://www.nifbe.de/infoservice/aktuelles/1589-vorlesestudie-2019-vorlesen-mehr-als-vor-lesen (letzter Zugriff: 17.4.2020)

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Christina Henning
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