Warum Sinneserfahrungen?

Immer wieder lesen und hören wir, wie wichtig es ist, dass Kinder Erfahrungen mit allen Sinnen sammeln sollen. Aber warum eigentlich?

Die Sinnessysteme sind ab der Geburt grundsätzlich funktionsfähig, d. h. sie sind vorhanden und aufnahmebereit, allerdings müssen diese Anlagen noch reifen. Die Sinne brauchen „Übung“, um in der Lage zu sein, sensibel wahrnehmen zu können. Die Ausprägung der Sensitivität entwickelt sich in Abhängigkeit von vielfältigen Sinneserfahrungen. Jede Handlung führt zu weiteren Erfahrungen, die dazu führen, dass die Fähigkeiten der Wahrnehmung differenzierter werden. Um also ein Abstumpfen der Sinne zu vermeiden, brauchen Kinder primäre Erfahrungen aus dem direkten Kontakt mit Menschen oder Dingen (nicht sekundäre Erfahrungen aus der Wahrnehmung anderer).

Sinne müssen „zusammenarbeiten“

Nicht nur die einzelnen Sinne müssen sich weiter entfalten, auch die Zusammenarbeit der Sinne muss sich entwickeln. Dieses Zusammenspiel der Sinne (sensorische Integration) gestaltet sich in den ersten Lebensmonaten in einfachen Koordinations-Formen (z. B. Hand-Auge-Koordination) und wird im Laufe der Entwicklung komplexer: Können Sie eine Schleife binden, ohne auf Ihre Schuhe zu schauen?

Kinder wollen die Welt verstehen, und sie müssen die Eindrücke aus ihrer Umwelt in ihrem Körper einordnen. Kinder lernen nicht dadurch, dass wir Erwachsene ihnen viel Wissen übermitteln, sondern durch die Verarbeitung von eigenen Wahrnehmungen, die sie aus der Umwelt aufgenommen haben. Diesen unmittelbaren Erfahrungen, die durch aktives Tun und Selbsttätigkeit gesammelt wurden, wird eine individuelle Bedeutung beigemessen und dadurch im Gehirn abgespeichert. Es entstehen innere Bilder und Sinnzusammenhänge durch das Anknüpfen von neuen an bestehende Erfahrungen. Insbesondere in den ersten Lebensjahren finden im Gehirn rasante Reifungs- und Entwicklungsschritte statt. Das Gehirn hat in dieser Zeit eine besonders hohe Plastizität. Selbsttätigkeit spricht alle Sinne an und ist die intensivste Form des Lernens.

Kinder brauchen unmittelbare sinnliche Erfahrungen, um Reize einschätzen zu können und zu erkennen, wie sie mit diesen Reizen umgehen und angemessen reagieren können. Durch beispielsweise soziale Berührungen erfahren Kinder die Bedeutungen von Wärme, Zärtlichkeit etc. Wohingegen die physiologischen Warnsysteme aktiviert werden, wenn Kinder lernen, wie intensiv ein Gegenstand berührt oder gedrückt werden kann, bis es schmerzhaft wird.

Welche Ereignisse aus ihrer Kindheit haben Sie besonders intensiv im Kopf verankert?

Fallen Ihnen solche Erlebnisse ein, die mit besonders starken Sinneserfahrungen gekoppelt sind? Zum Beispiel das Spielen auf Strohballen mit Erinnerungen an den markanten Duft des Strohs, das Piksen der Strohhalme, das Wirbeln von Strohpartikeln durch die Luft, das Nachgeben von Strohballen beim Darauf-Hüpfen …

Das Ziel lautet nicht, die Sinne funktionsfähiger zu machen, sondern die Sensibilität der Wahrnehmung auszuprägen! Nutzen wir also die Möglichkeiten, die uns und den Kindern zur Verfügung stehen, um zu entschleunigen und einfühlsam mit sich, den anderen Menschen und der Umwelt umzugehen!

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Katja Behres
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