Marco Fechner im Gespräch mit Waltraud Weegmann

In seinem Bildungs-Podcast spricht Marco Fechner mit Expert:innen und vielen Beteiligten über unser Bildungssystem. Wo es klemmt, wo es gut läuft und „warum ‚Bildung‘ so viel mehr ist, als Schulunterricht.

Anfang Mai hatte er Waltraud Weegmann in ihrer Rolle als Vorsitzende des Deutschen Kitaverbands in seinem Podcast zu Gast. Mit ihr sprach er über fehlende Kitaplätze im Land und welche Lösungsvorschläge und Forderungen der Deutsche Kitaverband dazu hat. Wir wollten ihn vorab ein bisschen besser kennenlernen. Wer ist der Mann hinter dem Mikrophon und warum ist ihm das Thema Bildung so wichtig?

Hallo Herr Fechner, was Sie machen, wissen wir. Uns interessiert, warum machen Sie es? Wie kam es zu der Idee, einen Bildungs-Podcast zu starten?

Marco Fechner: Ich bin seit Jahren in der Kita und den späteren Schulen meiner Kinder ehrenamtlich als Elternvertreter aktiv, war Mitglied in den Bezirkselternausschüssen Kita und Schule in Berlin-Pankow sowie im Landesschulbeirat und Landeselternausschuss Berlin aktiv. Die thematische Breite und auch fachliche Tiefe in diesen Gremien sind oft beeindruckend. Gleichzeitig bin ich mit den Themen schon länger an der öffentlichen Diskussion beteiligt. In der Zeit „heißen Phase“ der Corona-Pandemie und in der unmittelbaren Zeit danach insbesondere via Twitter. Die öffentlichen Debatten leiden sehr häufig an Verkürzung, mangelndem Kontext und fehlender Gegenperspektive zu Fragestellungen, weshalb ich den Wunsch hatte, diesen Themen und den handelnden Akteur:innen mehr Raum zu geben. Ein Podcast schien mir das geeignete und auch zeitgemäße Format dafür zu sein.

Mit welchem Ziel haben Sie also den Podcast ins Leben gerufen?

Marco Fechner: Der Anspruch hinter dem Podcast ist, die öffentlichen Debatten mit der Expertise von Menschen, die im und am Bildungswesen arbeiten, zu stärken und die Vielfalt der Akteur:innen und auch der möglichen Zielkonflikte darzustellen, entlang derer die Weiterentwicklung des Bildungswesens sich häufig verlangsamt. Ich glaube, das gelingt im Rahmen der Möglichkeiten, die so ein Format bietet. Der Podcast soll mehr sein, als die populäre und sinnvolle, aber definitiv nicht entscheidende Debatte darüber, ob Schulunterricht besser um 8 Uhr oder um 9 Uhr beginnt.

Wie beurteilen Sie das deutsche Bildungssystem? Wo hapert es aus Ihrer Sicht?

Marco Fechner: Das größte Defizit ist, dass Bildungschancen nach wie vor überwiegend von den Möglichkeiten der Elternhäuser abhängen. Das benachteiligt einen großen Teil der Kinder und Jugendlichen und führt zu einer weiteren Segregation gesellschaftlicher Schichten. Das schadet letztlich allen, sofern man das Ziel ernst nimmt, als Gesellschaft miteinander im Austausch bleiben zu wollen. Gleichzeitig beschneidet es Kinder und Jugendliche in ihren Chancen und wirkt sich damit später auf die Personalsuche von Betrieben aus. Einer der relevantesten und nachhaltigsten Faktoren für Armut und Arbeitslosigkeit ist nach wie vor das Fehlen von Schul- und Berufsabschlüssen bzw. Anschlussperspektiven unmittelbar nach Ende der Schulzeit.

Wie kann die Politik hier gegensteuern?

Kitas und Schulen brauchen mehr Personal und Geld, um diese Chancenungleichheiten so weit wie möglich in den Hintergrund treten zu lassen und darüber hinaus auch Kindern mit Förder- und Forderbedarfen inklusive Lernformate zu ermöglichen. Gleichzeitig braucht es die politische Einsicht, dass Bildung allein nicht dabei hilft, die unmittelbaren Folgen, beispielsweise von Kinderarmut, aufzufangen. Es ist töricht, anzunehmen, all das könnten Schulen und Kitas lösen und man könne darüber hinaus auf die politische Bekämpfung von Kinderarmut und sozialer Segregation weitestgehend verzichten.

Ich finde es richtig, dass der Staat sich zunehmend in der Mitverantwortung dafür sieht, alle Kinder vor der Einschulung auf einen Sprachstand zu bringen, der einen erfolgreichen Start in der Schule ermöglicht und dass der Bereich der frühkindlichen Bildung zunehmende Aufmerksamkeit bekommt. Gleichzeitig habe ich Sorge, dass der Kitaausbau zu sehr aus der Notwendigkeit der Betreuung gedacht und bemessen wird, damit Eltern ihrem Job nachgehen können. Das Ergebnis wäre dann, dass über Quantität, aber zu wenig über Qualität bei der Versorgung mit Kitaplätzen und Fachpersonal gesprochen wird.

Wie geht es mit dem Podcast weiter? Haben Sie weitere Pläne die Kommunikation im Bereich Bildung voranzutreiben?

Marco Fechner: Der Podcast geht weiter.  Ich verlagere mich bei der Themensetzung zunehmend in Staffelformate, nachdem ich zeitweilig von Episode zu Episode wechselnde Themen und Themenkomplexe mit meinen Gästen besprochen habe. Die nächste Staffel wird ein multiperspektivischer Rückblick auf das zu Ende gehende Schul- und Kitajahr 2023/2024 und eine aktuelle Zustandsbeschreibung mit Berliner Schwerpunkt sein. Gäste werden Mitarbeitende und Interessenvertreter:innen aus den Bereichen Schule und Kita sein, aber auch politisch Verantwortliche und zivilgesellschaftliche Akteur:innen. Die Staffel beginnt Anfang Juni und endet Mitte Juli.

Nach den Sommerferien folgt eine Staffel zur beruflichen Bildung und Ausbildung. Ansonsten bin ich auch jenseits des Mikros auf Veranstaltungen unterwegs, beteilige mich an Debatten, bin mit verschiedensten Akteur:innen im regelmäßigen Austausch und nach wie vor aktiver Elternvertreter. Fertig sind das Bildungswesen und ich miteinander jedenfalls noch nicht. [lacht]

Sie sind selbst Familienvater. Was würden Sie sich abschließend für Ihre Kinder wünschen? Wie sähen Ihrer Meinung nach die beste Kita und die beste Schule aus?

Marco Fechner: Für meine Kinder wünsche ich mir Schulen, die sie als Teil von Klassenverbänden, aber auch als Individuen mit eigenen Stärken zu begreifen und die es schaffen, Klassenverbände zu bilden, in denen Kinder lernen, miteinander das bestmögliche Ergebnis zu finden. Ich glaube, dass das kurz- und langfristig wichtiger ist, als Kinder in einen Wettbewerb um die besten Zensuren zu bringen.

Die besten Kitas und Schulen wären die, die die verschiedensten Lebensrealitäten der Familien, in denen Kinder und Jugendliche aufwachsen, wirklich in ihre Arbeit einbeziehen. Das wären dann Schulen und Kitas, die in der Lage sind, so zu arbeiten, dass Unterschiede zwischen den Kindern und Jugendlichen selbige nicht daran hindern, ein diskriminierungsfreies soziales Miteinander und Lernen zu erleben.

Ich denke, das sind die im Kern größten Baustellen, aus der sich alle anderen Themen und Aufgaben ableiten und deren Behebung viele Folgeprobleme lösen würde. Nach meinem Eindruck sind die Kitas an dieser Stelle bereits etwas weiter, als die Schulen, allerdings ist das auch wieder nur bedingt vergleichbar und mit weiteren Zielkonflikten verbunden. Klingt, als ob ich demnächst wieder Einladungen für den Podcast verschicken sollte.

Ich bin sicher, dass Ihnen die Themen in der nächsten Zeit nicht ausgehen werden. Vielen Dank für das Gespräch.

Wer das Gespräch zwischen Marco Fechner und Waltraud Weegmann nachhören möchte. Hier geht’s zum Podcast.

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