Die Garderobe – ein Ort zwischen zwei Welten 

Die Garderobe ist einer der wesentlichen Orte, an dem die Lebenswelten der Kinder bzw. ihrer Familien und die der Kita für kurze Zeit zusammenfließen. Hier befindet sich das Kind mit seinen Eltern, als Verkörperung der Familie, in der Umgebung der Kita; Eltern wie Kind nehmen einen ersten Kontakt mit der Einrichtung und im besten Fall einer Pädagog*in auf. Wie gelingt es, diesen täglichen Übergang in zwei Richtungen gut zu gestalten? Welche Rolle nehmen die Pädagog*innen dabei ein? Inwiefern unterstützt eine gute Gestaltung der Garderobe diesen Übergang? 

Der erste wesentliche Schritt ist es, sich diesen täglichen Übergang für die Kinder bewusst zu machen und zu berücksichtigen, welche enorme Anpassungsleistung die Kinder zweimal täglich (beim Bringen und Abholen) machen und diese Leistung zu schätzen. Hinzu kommt, dass der Übergang nicht nur vom Kind bewältigt wird, sondern auch von den Eltern. Sie geben morgens ihr Kind in die Hände von zwar vertrauten, aber doch fremden Personen und holen es nach einem Tag voller Erlebnisse und Eindrücke wieder ab. Und auch die Eltern erleben einen Übergang: raus aus den Familien und hinein in die Arbeitswelt und wieder zurück. Begrenzte Zeitressourcen, Stress und Hektik mit eingedacht.  

Nimmt man die verschiedenen Perspektiven ein, kommt der pädagogischen Fachkraft, die das Kind empfängt, und der Garderobe als erster und letzter Eindruck des Kindergarten-Tages eine bedeutende Rolle zu. Im Folgenden sind Gedanken aus den unterschiedlichen Perspektiven gesammelt, die für den Übergang und dessen Gestaltung und Begleitung essenziell sein können.  

Kind

  • Finde ich mich im Garderoben-Raum zurecht? Weiß ich, wo mein Platz ist und wo ich meine Sachen finde? Oder muss ich alles erst suchen? 
  • Hat die Erzieher*in mich gesehen und angesprochen? Möchte die Erzieher*in, dass ich in die Kita komme?  
  • Wo finde ich meine Freund*innen? Wohin kann ich gehen? Ist meine Lieblings-Erzieher*in schon da? 
  • Ob Mama mich noch ein Stück begleitet oder Papa? Oder muss ich mich hier schon verabschieden? 
  • Ich brauche noch ein wenig körperliche Wärme, vielleicht darf ich auf einen Schoß? 

Eltern

  • Habe ich mir genug Zeit eingeplant, um den Übergang mit meinem Kind gemeinsam zu gehen? 
  • Bin ich fokussiert und konzentriert, um mein Kind bei dem Übergang zu begleiten? Plane ich gedanklich schon den nächsten Termin und warte auf einen wichtigen Anruf? 
  • Welche Anforderungen kann ich an mein Kind in dieser Transition stellen? Ist es den Anforderungen in dieser Situation gewachsen? Oder birgt es Konfliktpotential für uns beide? 
  • Kann ich Kontakt zu anderen Eltern hier aufnehmen und mit ihnen ins Gespräch kommen?  
  • Kann ich (beim Abholen) in der Garderobe mit meinem Kind ins Gespräch über den anstehenden Tag gehen oder mir berichten lassen, was es den Tag über erlebt hat? 
  • Wen spreche ich an, um Informationen über mein Kind weiterzugeben? Kann ich mir sicher sein, dass sie weiter kommuniziert werden? 
  • Woher erhalte ich Information über den Tag meines Kindes? Wie geht es mir damit, wenn die anwesende Fachkraft mir keine ausreichenden Informationen geben kann? Kann ich bis zum nächsten Tag auf die Information warten? 
  • Wie geht die Fachkraft mit den Kindern um? Ist sie so (freundlich, zugewandt, kühl o.ä.) auch zu meinem Kind? 

Mitarbeiter*in

  • In welcher Verfassung kommen Kind und Elternteil in die Einrichtung? Was hat sich vorher zu Hause ereignet? Was steht am Nachmittag noch auf dem Programm? 
  • Gelingt mir eine der Stimmung entsprechende und gleichzeitig positiv wirkende Ansprache von Eltern und Kind? Wer begrüßt wen? 
  • Gelingt es mir alle Eltern und alle Kinder individuell anzusprechen und damit wahrzunehmen? Welche Augenhöhe brauchen Kind und Elternteil?  
  • Habe ich die organisatorischen Themen im Blick: Telefon, Anwesenheitslisten u. ä. 
  • Wie geht es mir in Stoßzeiten, in denen viele Eltern-Kind-Paare kommen und ggf. noch organisatorische Themen zu regeln sind?  
  • Wer informiert wen? Welche Informationen kann ich nachmittags über das Kind weitergeben? Habe ich die wichtigen Infos zu den einzelnen Kindern im Blick? Wie gehe ich damit um, wenn ich von den Erlebnissen des Kindes nur wenig berichten kann? 
  • Welchen Blick habe ich auf die Eltern im Rahmen einer Erziehungspartnerschaft? Strahle ich die Wertschätzung der Eltern als Expert*innen ihrer Kinder aus? Gelingt es mir, auf „Randinformationen“ professionell einzugehen? Gelingt es mir, echtes Interesse an den Belangen und Bedürfnissen der Eltern zu zeigen? 
  • Wie gehe ich mit Konflikten in den Übergangssituationen zwischen Elternteil und mir um? Kann ich mir ggf. die Zeit nehmen, mich direkt mit dem Elternteil zusammenzusetzen? Wann ist es sinnvoller, auf ein anderes Gesprächs-Setting verbindlich zu verweisen? 
  • Darf ich das Kind bei einer schwierigen Trennung aktiv dem Elternteil abnehmen? Vermittle ich dem Elternteil genug Sicherheit, dass das Kind bei uns gut aufgehoben ist und wir seine Bedürfnisse sehen und ihnen nachkommen?  
  • Welche Hilfestellung kann und darf ich Eltern gerade in Konfliktsituationen mit ihrem Kind geben?  
  • Wie ist mein und unser Blick auf die Bring- und Abholphasen? Ist das eher eine Durchlaufstation oder die Möglichkeit einer gelingenden Erziehungspartnerschaft und einer Beziehung zum Kind? 
  • Wie ist die personelle Dichte in den Bring- und Abholzeiten? Welche Schritte im Tagesablauf stehen an? Sind nachmittags schon die Stühle hochgestellt? Welche anderen Aktivitäten finden in diesen Phasen statt? 
  • Wie geht es mir damit, wenn Eltern sich auf einen Schwatz mit einem anderen Elternteil einlassen? Fühle ich mich unter Beobachtung?  
  • Wie dienen Tür- und Angel-Gespräche einem wachsenden Verständnis der Eltern für unsere pädagogische Arbeit und für das Lernen ihres Kindes? 
  • Habe ich die Eltern im Blick, die sonst versuchen Gesprächen mit uns als Fachkräften auszuweichen? Gelingt es mir, diese in ein Gespräch einzubinden und ihnen ein Gefühl des Willkommen-Seins zu vermitteln? 
  • Woran erkennen Eltern, dass ich mich ihnen zuwende, Interesse habe und den Übergang für ihr Kind und sie gemeinsam mit ihnen gestalten möchte? 

Raum

  • Welche Elemente schaffen ein Willkommens-Gefühl für Eltern und Kinder? 
  • Wirkt der Raum sortiert und strukturiert? Oder ist der Raum eher so, dass selbst die Mitarbeiter*innen sich nicht zurechtfinden? Wie soll das im letzteren Fall den Kindern und Eltern gelingen? 
  • Ist genug Platz für die Dinge, die das Kind alltäglich braucht und die die Eltern nicht jeden Tag aufs Neue in die Kita mitbringen wollen (Matschhose, Gummistiefel etc.)? 
  • Bietet die Garderobe bzw. der Eingangsbereich alle relevanten Informationen (Team, Träger-Infos, Ansprechpartner*innen, Informationen von Eltern für Eltern und aus dem Stadtteil, evtl. Speiseplan) für die Eltern übersichtlich auf einen Blick? Welche Informationen sind so wichtig, dass sie mündlich weitergegeben werden sollten? Wo gelingt eine gute Kommunikation miteinander? 
  • Erhalten die Eltern hier bereits einen Einblick in den Kita-Alltag (durch Bilder, Dokumentationen etc.) oder sogar detailliert in den Tagesablauf? Bedenken Sie, dass die Eltern auch sonst nur die Abholsituationen im Kita-Alltag miterleben und mehr Einblick sinnvoll sein kann. Welchen Überblick erhalten die Kinder hier, was gerade in der Einrichtung los ist, wohin sie gehen können? 
  • Gibt die Gestaltung der Garderobe den Eltern die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen? 
  • Finden sich in der Gestaltung der Garderobe die Familien wieder? Sprechen wir alle Familien an? 
  • Wie „leicht“ kommen Eltern in die Kita? Ist der Eingang gut zu finden und der Eintritt zugänglich? 
  • Wie ist der Eindruck der Eltern vom Eingangsbereich und der Garderobe? 

Bei genauer Betrachtung der Perspektiven wird deutlich, dass die große Stellschraube bei der Gestaltung und Begleitung des Übergangs bei den Fachkräften liegt. Zum einen sind sie für die räumliche Gestaltung der Garderobe zuständig und können damit gleich bei Betreten der Einrichtung für Wohlbefinden und Ankommen sorgen. Zum anderen ist das Zugehen der Fachkraft auf Eltern und Kind ausschlaggebend für das Gelingen des Übergangs. Die oben aufgeführten Fragen helfen dabei, die Perspektive zu wechseln und Verständnis für den jeweils anderen zu entwickeln. Die Fragen können auch und vor allem für die eigene Reflexion und die Reflexion mit den Kolleg*innen und /oder dem Team dienen.  

Dieser Übergang findet jeden Tag statt und ist an jedem Tag ein bedeutender Übergang. Eine ungünstig gestaltete Begrüßung am Morgen wirkt sich nicht selten ungünstig auf den Tagesverlauf des Kindes aus. Daher ist ein regelmäßiger Abgleich der unterschiedlichen Perspektiven unerlässlich. Neben den genannten Reflexionsfragen ist es ratsam, sich den Aufgaben der einzelnen Akteure in diesen Übergängen zu widmen. Sicherlich findet man Aspekte, die sich optimieren lassen.  

Ein Perspektivwechsel eignet sich zudem als Thema für Elternabende. Das Team erlangt Erkenntnisse über das Denken, Wahrnehmen und die Bedürfnisse der Eltern und Kinder.  

 

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Anja Burger
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