Was ist das Kohärenzgefühl?

Der Begriff Kohärenzgefühl oder Kohärenzempfinden geht auf den Mediziner Aaron Antonovsky zurück. Er fasst den sense of coherence als ein tief sitzende Gefühl oder als Lebensorientierung zusammen, die darüber Auskunft gibt, wie man mit dem Leben oder mit Herausforderungen klarkommt – auch wenn es schwierig wird. Je ausgeprägter diese Überzeugungen sind, umso besser kommt ein Mensch mit Aufgaben zurecht.

Das Kohärenzgefühl setzt sich aus drei Komponenten zusammen

  1. Verstehbarkeit meint, dass man sowohl versteht, was mit einem selbst los ist, als auch, was um einen herum vorgeht. Sowohl die Botschaften des eigenen Körpers als auch die eigenen Gedanken und Gefühle sind einem nicht unverständlich, fremd, Angst machend, sondern man kann sie einordnen, erklären und in gewisser Weise auch voraussehen. Ebenso sind die Informationen aus der Umwelt und von anderen Menschen nicht ein sinnloses Rauschen, ein Chaos, sondern man versteht, was um einen herum passiert und kann es sich erklären.

Natürlich passieren Dinge, und man kommt in Situationen, in denen man nicht sofort versteht, was los ist. Jedoch gelingt es Menschen mit einem hohen Kohärenzempfinden in solchen zunächst unverständlichen Situationen, sich wieder zu orientieren, Informationen einzuholen, Erklärungen zu finden. Menschen mit einem niedrigen Ausmaß an Verstehbarkeit hingegen haben umso mehr Schwierigkeiten, je weniger strukturiert und ungewohnter eine Situation oder ein Erlebnis aus ihrer Sicht ist.

  1. Handhabbarkeit bedeutet, dass man Mittel und Wege hat, um Aufgaben und Anforderungen zu lösen. Es ist sozusagen der praktische Teil des Kohärenzgefühls: Man weiß, was man tun kann und kennt seine Resso. Und sollte man selbst nicht weiter wissen, so weiß man, wie man sich Unterstützung bei anderen holt. Menschen mit einem hohen Kohärenzempfinden fühlen sich vom Leben und den Ereignissen nicht in eine Opferrolle gedrängt oder ständig benachteiligt. Wenn unangenehme Dinge passieren, sind die Menschen in der Lage, sich darauf einzustellen und neu zu orientieren, statt mit dem Schicksal zu hadern.
  1. Bedeutsamkeit kennzeichnet, dass eine Person das Leben oder ein bestimmtes Thema als sinnvoll empfindet und dass es Menschen, Dinge und Lebensbereiche gibt, die ihr wichtig sind und für die es sich lohnt, sich anzustrengen. Bedeutsamkeit ist der wichtigste Teilaspekt des Kohärenzgefühls, denn wenn es nichts gibt, was einem wichtig ist, nichts und niemanden, für das oder den es sich einzusetzen lohnt, dann ergeben auch Handhabbarkeit und Verstehbarkeit wenig Sinn.

Natürlich ist klar, dass man sich nicht für alles in der Welt einsetzen kann. Wichtig ist vielmehr, dass man Schwerpunkte setzt, dass man sich über die eigenen Werte klar wird und dass man Entscheidungen trifft, wofür und für wen man sich engagiert. Dabei ist es auch wichtig, dass man Grenzen setzt, d.h. dass man sich nicht für alles und jeden zuständig fühlt. Dies ist unbedingt notwendig, um Überlastung zu vermeiden.

Wie kann ich nun mein Kohärenzgefühl steigern?

Es ist prinzipiell möglich zu lernen, Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit im Alltag und in belastenden Situationen herzustellen.

Verstehbarkeit erlernt man z.B., wenn eine Person im Umfeld ein gewisses Maß an Regelhaftigkeit erfährt, Beziehungen in sich stimmig und ohne Widersprüche sind; Zusammenhänge bestehen und Widersprüche erkannt werden. Verstehbarkeit stellt sich dann ein, wenn man seinen Alltag so gestaltet, dass Abläufe und Dinge geordnet sind, man sich Routinen schafft, die sich dann wiederholen und zusammenpassen. Es passiert immer wieder, dass unvorhergesehene Dinge geschehen; hier können folgende Fragen helfen:

  • Was möchte ich erreichen? Was ist mein Ziel?
  • Wofür trage ich die Verantwortung?
  • Was tue ich, und welche Konsequenzen wird mein Verhalten haben?

Es ist auch nie falsch, andere um Rat zu fragen.

Für die Handhabbarkeit ist es hilfreich, das eigene Handlungsspektrum zu erweitern und neue Bewältigungsmöglichkeiten für Stresssituationen kennen zu lernen und auszuprobieren. Dazu gehört u.a., wie man seine Interessen in einer selbstsicheren Art ausdrückt, Forderungen stellt oder unberechtigt gestellte Forderungen zurückweist. Verfügt man über unterschiedliche Varianten, um auf belastende Situationen zu reagieren, so fühlt man sich selten überfordert.

Das Gefühl der Handhabbarkeit stellt sich dauerhaft nur ein, wenn man sich den Aufgaben des Lebens gewachsen fühlt. Das schließt nicht aus, dass es immer mal wieder Phasen gibt, in denen man sich überfordert fühlt und einem alles über den Kopf zu wachsen scheint. Wichtig ist, dass es in diesen Phasen zu einer Balance zwischen Anspannung und Entlastung kommt. Um die Bedeutsamkeit im Leben zu stärken ist es zentral, die Bereiche im Leben zu bestimmen, die einem wichtig sind und bei denen man mit ganzem Herzen dabei ist. Diese Fragen können dabei helfen:

  • Was möchte ich erleben? (Legen sie sich eine sog. Löffel-Liste an)
  • Wo kann ich Energie sparen?
  • Wo kommt es auf mich an?
  • Wo erlebe ich Freude?
  • Bei welchen Ereignissen bin ich glücklich?

Es ist wichtig, dass Menschen in den wichtigsten Lebensbereichen (meist sind dies Familie und der Arbeitsplatz) erfahren, dass sie wichtig sind, dass sie teilhaben. Es macht einen Unterschied, ob man da ist oder nicht.

Im Moment sind nur einige von uns in den Einrichtungen und erleben den KiTa-Alltag mit allen Herausforderungen. Alle anderen erleben Herausforderungen in der besonderen Zeit. Egal, wo unsere Aufgaben gerade liegen – wir lernen alle etwas dazu.

Ihre Gedanken und Anregungen können Sie gerne unten kommentieren.

Quelle
Franke, Alexa; Witte, Maibritt (2009): Das HEDE-Training – Manual zur Gesundheitsförderung auf Basis der Salutogenese. Huber: Bern

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Barbara Schmieder
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