Naturraumpädagogik und Bildung für nachhaltige Entwicklung  

Was ist diese Bildung für nachhaltige Entwicklung? Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) schon in der Elementarpädagogik – ist das notwendig und überhaupt möglich? Was sind die Global Goals und in welchem Zusammenhang stehen sie mit der BNE? Wir können wir die Global Goals erreichen? Und jetzt auch noch Naturraumpädagogik (NRP)? Was bedeutet das eigentlich alles? Was ist der Unterschied und welche Gemeinsamkeiten gibt es?   

Naturraumpädagogik (NRP)

Mit dem Begriff der Naturraumpädagogik wird ein pädagogischer Ansatz formuliert, der sich in Waldkindergärten entwickelte und inzwischen Transferchancen für weitere Bildungseinrichtungen ermöglicht. Mit der Zunahme an pädagogischen Konzepten in der Natur von reinen Waldkindergärten zu Mischformen dieser Ausrichtung gelingt es möglichst vielen Kindern, die Türe nach Draußen zu öffnen(Wolfram 2008). 

Wir haben im pädagogischen Leitungskreis bei element-i entschieden, den Begriff der Naturraumpädagogik (NRP) zu verwenden. Dieser Begriff beschreibt deutlich, wen wir im Zentrum sehen: Das Kind aktiv und selbstbestimmt im Naturraum. Es geht nicht darum, das Kind zu erziehen oder gar zu moralisieren, sondern dem Kind wertfrei und ohne Zieldefinition vielfältige Erfahrungen im Naturraum zu ermöglichen. Es geht ums „Sein“ in und ums „Erleben der Natur. Aus diesem Grund bedeutet NRP nicht per se Naturwissenschaft und auch nicht zugleich BNE, wie sie im weiteren Verlauf des Artikels erkennen werden. NRP bietet vielmehr Anknüpfungspunkte für alle Bildungsbereiche. 

Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)

„Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE), wie sie auf der UN-Konferenz in Rio de Janeiro 1992 begründet wurde, soll zu zukunftsfähigem Denken und Handeln befähigen. BNE als normatives Konzept fußt dabei auf den ethischen Prinzipien ‚Menschenwürde‘, ‚Demokratie‘, Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen‘ und ‚Gerechtigkeit im Zugang zu Ressourcen‘“ (Müller et al. 2019, S. 18)Einfach gesagt: Leben soll gesund, gerecht, friedlich und im Einklang mit der Natur geschehen. 

BNE strebt dabei stets die Erreichung der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung an (Englisch: Global Goals oder auch SDG – Sustainable Development Goals)  

Abb. 1: Die 17 Globalen Ziele der UN

BNE ist kein rein wissensbasiert-kognitiver Ansatz, sondern hat eine sehr praktische und lebensweltlich erfahrbare Dimension, weshalb sie auch im frühpädagogischen Bereich ihren Platz gefunden hat. In der Kita ist es das Ziel, Kinder handlungsfähig zu machen. Sie sollen in ihrem Lebensumfeld altersangemessen Verantwortung übernehmen und sich an der Gestaltung des Alltags beteiligen. „Den Mädchen und Jungen darf dabei weder die Verantwortung der Erwachsenen aufgebürdet werden, noch dürfen ihnen Probleme übertragen werden, die die Politik oder Wirtschaftsunternehmen zu lösen haben. Vielmehr sollen Kinder Erfahrungen mit der Welt machen können, Werte und Haltung entwickeln, Zusammenhänge erkennen, unterschiedliche Perspektiven einnehmen, ihre Interessen formulieren und gegebenenfalls Alternativen suchen und finden“ (Rathgeber 2019, S. 84). 

Folgende thematische Schwerpunkte können im Bereich BNE in der Frühpädagogik umgesetzt werden: Partizipation, Umgang mit Ressourcen und Müllvermeidung, Klimaschutz (Erde, Feuer, Wasser, Luft), Arterhaltung (alles rund um Tiere & Pflanzen), Kinderrechte/Menschenrecht fairer Handel, und vieles mehr 

BNE kann im Naturraum sowie in der Kita geschehen. Erfahrungen in der Natur sind hierbei nicht grundsätzlich Voraussetzung zur Entwicklung dieser Haltung. Der Unterschied zum Ansatz zur NRP ist klar, es geht hierbei nicht nur um das Sammeln von Erfahrungen und darum, selbst aktiv zu sein – die Fragen, die das Denken und Handeln leiten, sind entscheidend.  

Am Ende des Artikels habe ich Ihnen Internetseiten zusammengestellt, auf denen Sie weitere Informationen zu BNE und spannende Praxisanregungen finden können. 

Der Regenwurm und die Bildungsbereiche

Stellen Sie sich vor, Sie machen mit den Kindern einen Ausflug in den Wald. Die Kinder buddeln und graben und spielen. Nach einiger Zeit kommen Kinder mit einem Regenwurm zu Ihnen und zeigen stolz ihr Fundstück. Wie gehen Sie auf diesen Fund der Kinder ein? Wie reagieren Sie? Ich hoffe sehr, dass Sie nicht vor Ekel geschüttelt die Kinder auffordern, den Regenwurm unkommentiert schnellstmöglich zurückzusetzen, sondern dass Sie die große Chance und die unendlichen Möglichkeiten erkennen, die dieser kleine, einfache Fund bietet.   

Wissen Sie, wie viele Arten von Regenwürmern es gibt? Wie groß können Regenwürmer werden? Wie leben Regenwürmer? Können wir Regenwürmern in der Kita ein Zuhause bieten? Mit diesen Fragen können Sie sich auf unterschiedlicher Weise dem Thema zuwenden. Welchen Bildungsbereich verantworten Sie selbst in Ihrem Kinderhaus? Welchen Impuls könnten Sie den Kindern in Bezug zu Ihrem Bildungsbereich geben? Gehen Sie kurz alle unsere Bildungsbereiche durch und überlegen Sie. Nicht nur zu Forschen & Entdecken wird Ihnen ein Impuls einfallen. Ich bin mir sicher, dass in jedem anderen Bildungsbereich auf der Grundlage dieses Fundstückes Impulse entwickelt werden können 

Mit bewusst gewähltem Fokus, angeregt durch die begleitende Fachkraft, entstanden durch eine Entdeckung der Kinder, können in der NRP alle Bildungsbereiche angesprochen werden. So betrachtet, sind NRP und BNE Querschnittsthemen über alle Bildungsbereiche hinweg. Und kurzerhand kann aus einem kleinen Regenwurm durch Sie ein umfassendes Projekt in gesamten Kinderhaus entstehen. Es hängt davon ab, wie Sie als Fachkraft auf den Impuls der Kinder reagieren. Welche Fragen Sie sich und den Kindern stellen und selbstverständlich, wie Sie die Kinder sowie das gewählte Thema begleiten. #eskommtaufmichan 

Welche Fragen würden Sie den Kindern im Regenwurmimpuls stellen, um den Gedanken der BNE zu integrieren? Im Schaubild sehen Sie den Zusammenhang zwischen NRP, BNE und unserer element-i Konzeption sowie den Global Goals. 

Abb. 2: Darstellung nach L. Reuß 

Reflexionsfragen zum Weiterdenken:

  • Wo in unserer Konzeption können Sie BNE entdecken?  
  • Beobachten Sie die Kinder im Naturraum. Was begeistert die Kinder?  Mit welchen Themen beschäftigen sich die Kinder? Mit welchen Fragen kommen die Kinder zu Ihnen? 
  • Welches Experiment haben Sie zuletzt mit den Kindern gemacht? Welche Bildungsbereiche könnte dieses Experiment noch ansprechen? Wie können Sie in diesem Impuls den Fokus auf BNE und/oder NRP setzen? 

Weitere Informationen zu BNE:

Kennen Sie Ihren ökologischen Fußabdruck? Ermitteln Sie ihn: www.fussabdruck.de 

Lexikon

Im Rahmen der Recherche für diesen Artikel sind mir weitere Begriffe begegnet, die Ihnen, wenn Sie sich auf den Weg der BNE machen, auch begegnen werden. 

Erneuerbare Energien/ Regenerative Energie: Energiequellen, die unerschöpflich sind und sich selbstständig wiederherstellen (u.a. Windkraft, Wasserkraft, Sonnenstrahlung). Durch ihre Nutzung zerstört der Mensch die Welt nicht. Im Gegensatz dazu gibt es die fossilen Energiequellen, die endlich sind und deren Nutzung zum Klimawandel beitragen. 

Fridays For Future: Globale Jugendbewegung, die sich für den Klimaschutz einsetzt.  

Global Goals ist der englische Begriff für die 17 globalen Ziele für eine nachhaltige Entwicklung. In Abbildung 1 können Sie diese entdecken.  

Globales Lernen ist ein Teilbereich der Bildung für nachhaltige Entwicklung und betrachtet die Zusammenhänge zwischen der lokalen und globalen Ebene. Es geht hierbei um eine vernetzte Welt und den damit verbundenen Gefahren und den Ungleichheiten. Ziel ist es, globale Gerechtigkeit, kulturelle Vielfalt, Solidarität und Partizipation zu erreichen. 

Klimaschutz: Sammelbegriff für Maßnahmen, die der durch den Menschen verursachten Erderwärmung entgegenwirken und die Folgen der globalen Erwärmung abschwächen oder gar verhindern sollen (Stichwort: ZweiGradGrenze).  

Naturpädagogik/ Naturerziehung: Weitere Begriffe für Naturraumpädagogik, häufig mit moralischer Erwartung gepaart. Wir nutzen diese Begriffe nicht, da für uns die Erfahrung im Naturraum besondere Bedeutung hat und diese Idee mit dem Begriff der Naturraumpädagogik treffender beschrieben wird.  

Tiergestützte Pädagogik: Pädagogikrichtung, in welcher Tiere in der Arbeit mit Kindern eingesetzt werden. Sie nutzt die einmalige positive und besondere Wirkung der Tiere. Die Kinder lernen den richtigen Umgang mit den Tieren, pflegen diese, um ebenso die Natur schätzen und schützen zu lernen. Sie kann auch als Teilbereich der BNE gesehen werden. 

Umweltpädagogik: In den 1970er Jahren stand im Rahmen der Umweltbewegung die damalige Entwicklung der Umwelterziehung unter ganz anderen Vorzeichen. Nicht das Kind und seine Bedürfnisse standen im Mittelpunkt, sondern die bedrohte und schützenswerte Natur. Viele gut gemeinte Ansätze wollten in erster Linie den Kindern Naturerfahrungen vermitteln, damit diese dann später die Natur schützen und erhalten sollten. Hierin liegt eine gefährliche Moralisierung, und die Auswirkungen sind gerade heute im Naturverständnis der Kinder und Jugendlichen spürbar(Brodbeck 2008). Der Begriff wird heute nur noch selten verwendet, da er durch BNE abgelöst und somit der Fokus geändert wurde. 

Waldpädagogik: zunächst vor allem geprägt durch Waldkindergärten, ist die Waldpädagogik mittlerweile ein Bestandteil der Bildung für nachhaltige Entwicklung. Heute wird sie noch häufig im Bereich der Fortwirtschaft und der damit verbundenen Umweltbildung verwendet – nicht mehr ausschließlich an Kitas verknüpft. 

Quellen:
Brodbeck, Erika (2008): Die Bedeutung von Naturerleben für Kinder. Online verfügbar unter https://www.kindergartenpaedagogik.de/fachartikel/bildungsbereiche-erziehungsfelder/naturwissenschaftliche-und-technische-bildung-umweltbildung/1740, zuletzt geprüft am 09.10.2020.
Geisler, Jasmin (2020): Die faire Kita. Nachhaltige Projekte, die Kinder begeistern. Freiburg: Herder.
Müller, Gabriele; Müller, Martina; Guilleaume, Christine von; Fass, Stefan (2019): Leitfaden. Bildung für nachhaltige Enticklung (BNE) in Kindertageseinrichtungen gestalten: ÖkoMedia GmbH.
Rathgeber, Meike (2019): Bildung für nachhaltige Entwicklung in der Kita. In: Stiftung Haus der kleinen Forscher (Hg.): KiTa aktuell spezial. Bildung für nachhaltige Entwicklung. Köln: Wolters Kluwer Deutschland GmbH.
Wolfram, Anke (2008): Naturraumpädagogik. Online verfügbar unter https://www.naturraumpaedagogik.de/#wrap, zuletzt geprüft am 09.10.2020.​

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Lisa Reuß
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