„Das Kleinkind muss an die frische Luft!“

Wirft man einen Blick in die Theorie und die Ratgeber zur Naturpädagogik, stellt man schnell fest, dass Tipps, Anregungen und Praxishandreichungen für die Jüngsten nur sehr spärlich aufgelistet sind. Meist beziehen sich die Bücher auf Kinder im Alter ab drei oder vier Jahren. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass die Kleinkinder die Beschäftigung draußen und den Umgang mit der Natur (noch) nicht brauchen. Dem ist nicht so!

Gerade Kleinkindern bietet der Natur-Raum fulminante Möglichkeiten zur Exploration, zum Ausprobieren und Welt-Aneignen. Renz-Polster und Hüther postulieren sogar das Recht der Kinder auf Natur als ihren angestammten Entwicklungsraum (vgl. Textor, 2014).

Die Bedeutung der Natur und deren Nutzung im (pädagogischen) Alltag für Kleinkinder

Betrachten wir zunächst das motivationale Lernen: Positive Emotionen und Begeisterung sind die Grundlage für nachhaltiges und vertieftes Lernen. Um ein nachhaltiges Interesse an Natur entwickeln zu können und sich für ihre Phänomene zu begeistern, muss man sie zunächst einmal kennen lernen. Ein intensives Ausprobieren und Wahrnehmen, schon im frühen Kindesalter, schafft eine Beziehung zur Natur, die als sinnvoll und befriedigend erlebt wird. Im Laufe der Zeit entstehen weiterführende Fragen und das Interesse, sich mit dem Phänomen Natur weiter zu beschäftigen und sie zu verstehen. Es braucht gerade für dieses Verständnis einen Erfahrungskontext, da hierauf Wissen und Können aufbauen. Letztlich wird in diesem frühen Alter der eigentliche Grundstein für Umweltbewusstsein und den Schutz von Natur und Umwelt gelegt. Später einsetzende Bildung für nachhaltige Entwicklung wirkt bedeutend weniger nachhaltig (vgl. Brodbeck, 2008).

Diese Darstellung zeichnet schon die große Bedeutung von Natur-Erfahrungen, auch und gerade für die Jüngsten. Betrachtet man das Lernen im Kleinkind-Bereich konkret, fügen sich weitere Aspekte hinzu: Lernen ist hier vor allem sensomotorisch angelegt. Das Kleinkind lernt mit Körper und Sinnen durch bewusste und unbewusste Handlungen. Taktile Erfahrungen sind dabei ab der Geburt für den Säugling bedeutend. Anregungen und Herausforderungen im Spiel regen Denk- und Verarbeitungsprozesse an. Gerade die Natur bietet für diese Prozesse eine hervorragende Grundlage: Man kann sie mit allen Sinnen erleben und be-greifen. Sie beinhaltet außerdem biologische und physikalische Prozesse, die – ähnlich wie Versuchsreihen – durch wiederkehrende Spielhandlung entdeckt, verinnerlicht und variiert werden (vgl. Hanck, 2019). Natur regt auch zum Sammeln, Horten, Kategorisieren und Vergleichen an – Aktivitäten, die man bei Kleinkindern ganz alltäglich immer wieder beobachtet und die letztlich grundlegendste Tätigkeiten von Forschung und Wissenschaft darstellen (vgl. Schäfer, 2011).

Allen Kindern und den jüngsten in den Einrichtungen besonders bietet Natur und der Naturraum so ein ideales Setting, um ihrem ureigensten Forscherdrang und ihrer Neugierde mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln nachzukommen. Das selbstbestimmte Lernen ist dabei gerade für die Krippenpädagogik im Vordergrund.

So fördern Einrichtungen und Pädagogen das Naturverständnis

Eine freudige und eigenständige Exploration gerade im freien Naturraum braucht eine tragfähige Beziehung. Die Gewissheit einer verlässlichen Bezugsperson in der Nähe, die auch Rückzugsort, Schutz, Wärme und Ansprache ist, ist die Grundlage für ein selbstständig erkundendes und sich selbst bildendes Kind. Die Bezugsperson ist gleichzeitig auch Mitspieler*in des Kleinkindes. Durch Nachahmen, Vorbild und einer Beziehung auf Augenhöhe entsteht ein Wechselspiel zwischen Kind und Pädagog*in aus Vorgaben und Imitation. Variation und Lerneffekt können schon durch kleine Änderungen in Haltung, Mimik und Material erwirkt werden, die das Kind aufgreift und selbst weiterentwickelt, bis der Impuls wieder bei der Pädagog*in ankommt. Lernprozesse können so durch eine zugewandte Beziehung und eine stabile Bindung effektiv und nachhaltig angestoßen werden (vgl. Hank, 2019).

Selbstverständlich ist auch das Bereitstellen einer Umwelt, die entdeckt werden will und vielfältige Naturphänomene zum Wahrnehmen und Beobachten bietet, ein wichtiges Element. Um sich tatsächlich vertiefen zu können, bedarf es nicht zwangsläufig einer großen Fläche. Auch auf kleinem Raum lassen sich elementare Naturerfahrungen machen. Besonders junge Kinder verlieren sich in ihren Tätigkeiten. Ihre Wahrnehmungen sind viel intensiver als die von Erwachsenen, da sie sie zum ersten Mal erleben. Jede Tätigkeit in der Natur braucht Zeit für den individuellen Rhythmus des kleinen Entdeckers. Die begleitende Pädagog*in bringt entsprechend Geduld mit, dem Kind diesen Raum zu geben, und Interesse, diesen Raum zu nutzen und zu erweitern. Auch für junge Kinder bietet sich eine Dokumentation und Ausstellung in entwicklungsgerechter Art an. Diese können bereits in diesem Alter Anlass für neue Fragestellungen und Aktivitäten sein und regen zur nachhaltigen Wiederholung und Variation an (vgl. Hank, 2019 und Textor, 2014).

Der Zugang zur Naturraumpädagogik und deren Nutzung auch für die Jüngsten ist also sehr wertvoll und gut umsetzbar. Gehen Sie mit Ihren Kleinkindern nach draußen und nutzen Sie die Möglichkeiten, die die Natur und der Naturraum Ihnen und den Kindern bietet!

Tipps für Ausflüge in die Natur und die regelmäßige Nutzung von Naturraum mit Kleinkindern 

  • Auf eine passende Gruppengröße (je nach Entwicklungsstand der Kleinkinder) achten. 
  • Raus bei Wind und Wetter! 
  • So häufig wie möglich – so wird eine leichtere Verbindung zur Natur geschaffen. Das Draußen-Sein wird für Erwachsene wie Kinder selbstverständlich. 
  • Nahe Naturorte nutzen, um Müdigkeit vorzubeugen. Im Idealfall lässt sich der Weg auch für kurze Kinderbeine zu Fuß zurück zu legen. 
  • Der Weg ist das Ziel: Bereits die Strecke zum Ziel– und Naturort zum Entdecken nutzen. 
  • Feste Plätze mit begrenzten Bereichen bieten Orientierung und Sicherheit und damit gute Voraussetzung für das Kind, sich selbstwirksam zu erleben.  
  • Bei Ausflügen auf gleichbleibende Abläufe achten, möglichst verbunden mit Ritualen. 
  • Dem Wetter und der Jahreszeit angepasste Kleidung wählen!  
  • Material: Zeug zum Spielen statt Spielzeug. Dieses ist flexibel einsetzbar, fordert und bietet mehr Kreativität. 
  • Aufräumen ist auch für Kleinkinder wichtig! 

Weitere praktische Tipps gibt’s im Buch Krippenkinder als Naturentdecker, geschrieben von Nicole Hanckerschienen im Herder Verlag, Freiburg.

Literatur:
Brodbeck, E. (2008): Die Bedeutung von Naturerleben für Kinder. Verfügbar unter: https://www.kindergartenpaedagogik.de/fachartikel/bildungsbereiche-erziehungsfelder/naturwissenschaftliche-und-technische-bildung-umweltbildung/1740 (zuletzt aufgerufen am 18.9.2020). 

Hanck, N. (2019): Krippenkinder als Naturentdecker. Freiburg: Herder. 

Schäfer, G: E. (Hrsg.) (2011): Bildung beginnt mit der Geburt. Berlin: Cornelsen. 4. Auflage. S. 144 – 154. 

Textor, M. R. (2014): Ganzheitliche Entwicklungsförderung durch Naturerfahrungen. Verfügbar unter: https://www.kindergartenpaedagogik.de/fachartikel/bildungsbereiche-erziehungsfelder/naturwissenschaftliche-und-technische-bildung-umweltbildung/2314 (zuletzt aufgerufen am 18.9.2020). 

Mehr von Anja Burger

Anja Burger
Autor

Kommentar

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet.