Bildung für nachhaltige Entwicklung am Beispiel Biene

Bildung für nachhaltige Entwicklung am Beispiel Biene

„Kennst Du schon meine Freunde? Da unter dem Tisch haben wir es uns gemütlich gemacht. Wir spielen Bauernhof. Ich muss gleich los mit dem Traktor. Pipin und Esra sind gerade dabei, die Kühe zu füttern. Magst du uns helfen? Jemand muss den Stall sauber machen,“ fragt ein vierjähriges Kind und lugt unter dem Maltisch hervor. Die Wachsdecke angehoben und ein Blick auf den Boden zeigt, dass die Bäuerin allein auf dem Teppichboden sitzt. Um sie herum finden sich ein paar Holzwürfel, die an einen Zaun erinnern. Wo aber ist der Bauernhof?

Ob ausgedachte Freund*innen oder sprechende Tiere, Kinder haben häufig eine Fantasie, die vielen Erwachsenen verloren gegangen ist. Als pädagogische Fachkräfte können wir das jeden Tag beobachten und erleben selbst manchmal die Überforderung mit den großen Ideen der Kinder. Neue Ideen aber sind gefragt. Viel Fantasie – die braucht es auch bei aktuellen Fragen. Wie lösen wir die Klimakrise? Wie soll das Artensterben aufgehalten werden? Wie können wir gerechter und inklusiver zusammenleben?

Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) ist eines der großen Querschnittsthemen. „Aufgabe der BNE ist es, den Menschen die nötige Kompetenzen und Einstellungen zu vermitteln, damit sie dafür sorgen, dass künftige Generationen eine lebenswerte Welt vorfinden“ (Förderverein NaturGut Ophoven 2015, S. 7). Es ist eine der Herausforderung unserer Zeit. Bei der Breite des Themas ist es verständlich, dass hin und wieder Ratslosigkeit aufkommt, wie BNE in der Praxis aussehen kann. So enthalten etwa die nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen 17 verschiedene Dimensionen: von hochwertiger Bildung über Geschlechtergerechtigkeit bis hin zu nachhaltigem Konsum. Riesige Aufgaben also, an denen Kindertagesstätten engagiert mitwirken können.

Wie kann BNE in Kindertagesstätten umgesetzt werden? Entscheidend ist hierbei, dass die Kinder nicht mit den von Erwachsenen verursachten Problemen überfrachtet werden. Es sollen auch nicht zu komplexe Sachverhalte und komplizierte Zusammenhänge vermittelt werden. Bei BNE in Kindertagesstätten geht es darum, einen eigenen Zugang zu wählen, der sich aus der Lebenswelt der Kinder ergibt und deren Motor die alltäglichen neugierigen Fragen der Kinder sind.

Der Ansatz der BNE ist damit praktisch und lebensnah und der Zugang wird über bewusst gewählte Schwerpunkte gesetzt. Beliebt ist zum Beispiel ein Zugang über Eisbären. Diese leben allerdings weit entfernt und können nur über Medien kennengelernt werden. Wäre da nicht ein Tier aus der Nachbarschaft ein mindestens ebenso guter Zugang? Ein kleines Tier, das immer wieder in den Köpfen der Kinder herumschwirrt? Welche Möglichkeiten bieten sich, wenn die Biene im Zusammenhang mit Bildung für nachhaltige Entwicklung gewählt wird?

Ein Finger zeigt auf Bienenwaben, auf denen Bienen arbeiten.
Die fleißigen Bienen lassen sich beim Arbeiten beobachten.

In der Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt und den für sie relevanten Fragen erwerben die Kinder Kompetenzen, die als notwendige Gestaltung- und Zukunftskompetenzen beschrieben sind wie „vorausschauendes Denken; interdisziplinäres Wissen, autonomes Handeln sowie Partizipation an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen“ (Bundesministerium für Bildung und Forschung) oder in andere Worte gefasst „konkret handeln, Emotionen miteinbeziehen, mit Wissen bewusst umgehen, Visionen entwickeln, reflektieren, kritisch Denken, kommunizieren, partizipieren und kooperieren“ (Tebbich). Wie also können die Pläne und Konzepte im Kitaalltag umgesetzt werden?

Als Kita loslegen

Möchten sich Kinder in einer Kita in nachhaltiger Entwicklung bilden, dann ist es sinnvoll, das gesamte Kitajahr mit seinen vielen Geschichten, Feiern und Draußenzeiten in den Blick zu nehmen. Die Integration eines tierischen Motivs in das gesamte Kitajahr – als „Motto“ oder „Leitidee“ – wird so zur Grundlage für die Verwandlung der Vorstellungswelt von Kindern und Erwachsenen. In der pädagogischen Forschung wird dabei unter anderem vom Konzept der „Alltagsfantasien“ gesprochen. „Das didaktische Konzept […] zielt auf ein vertiefendes Verständnis der individuellen Aneignungs- und Bewertungsprozesse […]. Alltagsfantasien nehmen aufgrund ihrer Bedeutungstiefe […] Einfluss auf Werthaltungen, Interessen- und Verhaltensweisen“ (Combe/Gebhard 2012, S. 104f.). Die Autoren zielen darauf ab, die Lücke zwischen Wissen und Handeln bei Umweltthemen wie der Klimakrise zu schließen. Statt des Eisbären wählen wir also Zugänge, die uns emotional und räumlich näherliegen.

Neben diesem ganzheitlichen Blick auf das Kitajahr und das pädagogische Konzept kann ein Einstieg in BNE mit Bienen auch aus vielen kleinen Aktionen zusammengesetzt werden. Ideen finden sich in der proBiene Methodenbroschüre „Das Bienenjahr mit Kindern gestalten“ (https://probiene.de/bildung/). Wie wäre es mit einem ersten Besuch bei der Imker*in vor Ort oder einem Gartenprojekt im Frühjahr?

Bienenbesuch

Staunende Augen verfolgen, wie der Deckel einer Bienenbeute geöffnet wird. Das ist ein rechteckiger Holzkasten, in dem die Bienen leben. Zum Vorschein kommt ein lebendiges Bienenvolk, man riecht Honig und Wachs. Die Kinder, die sich ganz nah an die Bienenbeute herangetraut haben, können sogar die aus dem Brutraum entweichende Wärme spüren. Die Imkerin erklärt den Kindern und meist etwas nervöseren Fachkräften das Leben der Biene. Am Ende nehmen die Besucher*innen vom Bienenstand eine eindrückliche Begegnung mit den Bienen und ein tieferes Verständnis für die Bedürfnisse der Bienen mit.

Imkerinnen und Imker gibt es in den meisten Städten und Dörfern, häufig ganz unterwartet am Waldrand oder auf einem Dach mitten in der Stadt. Die Chancen, einer Imker*in zu begegnen, sind hoch. Und diese*r freut sich im kommenden Frühjahr oder Sommer über einen Besuch. In manchen Städten können Bienenführungen bei spezialisierten Anbietern gebucht werden, wie in Stuttgart bei proBiene.

Imker und Kinder schauen sich den Bienenstock genauer an.
Imker und Kinder schauen sich den Bienenstock genauer an.

Bienen und Wildbienen erleben

Neben den Honigbienen bieten sich auch die Wildbienen als Thema an. Von der flauschig aussehenden Verwandten, die durch ihren eher hektischen Flug auffällt, gibt es viele unterschiedliche Arten. Die meisten Wildbienen sind ruhig und stechen sehr selten. Sie können durch gezielte Bepflanzung oder ein Nistplatzangebot einfach im Garten angesiedelt werden. Wunderbar lassen sie sich in Projekten mit den Kindern beobachten. Unterschiede zwischen Honigbiene und Wildbiene können gemeinsam erkannt und thematisiert werden. Wie unterscheiden die Bienen sich im Aussehen? Welche Arten können wir in unserem Garten entdecken? Wie transportieren Wildbiene und Honigbiene den Pollen? In welchen Familienverbänden leben die Bienen? – sind dabei nur einige Fragen, sie man sich stellen kann.

Die Fantasie von Kindern beflügeln

Die Biene kann ein Leitmotiv für die Arbeit mit BNE im Kindergarten werden. Im ganzen Jahr kann sich intensiv mit verschieden Thematiken auseinandergesetzt werden, womit die Biene zum langfristigen Projekt wachsen kann. Immer wieder können neue Impuls von den Kindern und für die Kinder gestaltet werden.

Im Naturraum wenden sich Kinder aus intrinsischer Motivation immer wieder selbst der Beobachtung von Insekten und anderen Tieren zu. Sie gehen als aktiv Forschende auf Entdeckungstour. Alles, was krabbelt, fliegt, sich bewegt, wird unter die Lupe genommen. Marienkäfer, Schnecken, Ameisen und auch Bienen faszinieren die Kinder. Wie bewegen sich die Tiere? Wo leben sie? Mit diesen Fragen kommen Kinder während eines Ausflugs in den Naturraum oder bei der Gestaltung eines Gartens auf Sie als pädagogische Fachkraft zu. Kinder mit ihrer Umwelt vertraut zu machen ist eine zentrale Entwicklungsaufgabe.

Auch beim kreativen Gestalten ist die Vielfalt unserer Umwelt nützlich. Oder wenn wir in Geschichten von Menschen und Tieren erzählen. Beim Vorlesen entstehen wortwörtlich Bilder im Kopf, unsere Vorstellungen über Dinge können sich dabei bestätigen oder irritiert werden und sich verändern. Unser Alltag ist von diesen Vorstellungen geprägt. Stellen sich Kinder die Bienen als stechende gefährliche Insekten vor, dann ist eine Angst vor summenden Insekten eine natürliche Folge. Erkennen wir Bienen aus Geschichten und Bildern jedoch als Lebewesen, mit denen Menschen seit Jahrhunderten eng zusammenleben, dann sehen wir auch im Garten die Biene mit anderen Augen.

Das Erlernen von Gestaltungskompetenzen wie die Empathie für die Umwelt oder vorausschauendem Denken benötigt also beides, Naturraum und kreative Orte. Wird die Fantasie von Kindern ganzheitlich angereichert, dann können sie eine Beziehung zu ihrer Umwelt aufbauen, die ihnen erlaubt, die Welt nachhaltig zu gestalten.

Warum sind Bienen bedroht?

Die Bienen sind durch verschiedene Prozesse in ihrem Lebensraum bedroht. Die industrielle Landwirtschaft mit dem Ausbringen von Pestiziden und Monokulturen macht Bienen nicht nur die Futtersuche schwer. Durch einige Pestizide wird sie in ihrer Widerstandskraft gegen „natürliche“ Parasiten, wie die Varroamilbe, geschwächt. Auch der Klimawandel macht Bienen zu schaffen. Im trockenen Hochsommer geht das Angebot an blühenden Pflanzen im Allgemeinen zurück. Bienen, die auf bestimmte Pflanzen spezialisiert sind, sterben aus oder verlagern ihren Lebensraum. Ohne Honigbienen und andere Bestäuber könnte es viele Produkte im Supermarkt nicht mehr geben. Die Gummibärchen mit Wachsüberzug, Obstsorten wie Äpfel oder Erdbeeren, Gemüse wie Gurken oder Kürbisse und selbst einige Kräuter würden ohne Honigbienen deutlich seltener und teurer.

Interview mit Tobias Miltenberger

Bei den Bienen am Bienenstand, was bedeutet das?
Unsere Bienen stehen alle in Freiaufstellung in Stuttgart verteilt. Die Kinder besuchen uns in der Regel im Rohrer Weg, an einem Feldweg in Stuttgart-Möhringen. Der Roher Weg ist direkt in der Nähe der U-Bahn, der gleichnamigen Haltestelle.

Im Sommer sind Sie mit proBiene mit mehr als 100 Kindergruppen bei den Bienen, was macht die Bienen so interessant für Kinder?
Die Bienen faszinieren durch ihr Zusammenleben und die Vorgänge im Bienenvolk. Wenn der Bienenkasten geöffnet wird, kann man die Bienen mit allen Sinnen erleben: riechen, schmecken, sehen usw. Zudem lernen unsere kleinen Besucher*innen den Unterschied zwischen Angst und Respekt. Vor den Bienen muss man keine Angst haben, aber den Respekt, den man mit Ruhe und Sorgfalt vorlebt bei den Bienen, nehmen die Kinder wahr und achten selbst darauf.

Welche besonderen Momente gibt es für Sie mit Kindern am Bienenstand?
Wenn ich eine einzelne Biene auf dem Finger habe, die gerade Honig schleckt, beobachten die Kinder, wie sie mit ihrem Rüssel die Nahrung aufsaugt. Da finden die Kinder eine besondere Ruhe und sehen, dass Bienen schöne Lebewesen sind.

Tobias Miltenberger ist Gründer und Geschäftsführer von proBiene. Als Demeter-Imker ist er am liebsten draußen bei den Bienen. Daneben schreibt er Bücher, gibt Kurse zur ökologischen Bienenhaltung und mischt sich in agrarpolitische Themen ein.

Autoren

Marco Elischer hat Sozialpädagogik und Philosophie studiert. Als Bildungsreferent von proBiene leitet er Bildungsprojekte und entwickelt Materialien zur Bienenpädagogik und für BNE. Kontakt: marco.elischer@probiene.de

Literaturverzeichnis

Bundesministerium für Bildung und Forschung (o.J.) (Hg.): Was ist BNE? Das Ziel von guter Bildung. Online verfügbar unter: https://www.bne-portal.de/bne/de/einstieg/was-ist-bne/was-ist-bne (zuletzt geprüft am 15.11.2021).

Combe, Arno; Gebhard, Ulrich (2012) (Hg.): Verstehen im Unterricht. Die Rolle von Phantasie und Erfahrung. Wiesbaden: Springer VS.

Elischer, Marco: Das Bienenjahr mit Kindern gestalten. proBiene. Online verfügbar unter https://probiene.de/bildung/, zuletzt geprüft am 15.11.2021.

Förderverein NaturGut Ophoven (2015) (Hrsg.): Ein Königreich für die Zukunft – Energie erleben durch das Kindergartenjahr! 4. Aufl. Hannover: NZH Verlag.

Tebbich, Heide (o. J.) (Hg.): BNE-Kompetenzen. Das BNE-Modell des Forum Umweltbildung. BAOBAB-Globales Lernen. Online verfügbar unter: https://bildung2030.at/bildung-fuer-nachhaltige-entwicklung/bne-kompetenzen (zuletzt geprüft am 15.11.2021).

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