Sprachliche Bildung? – Alltagsintegriert!

Die alltagsintegrierte sprachliche Bildung gilt vielen Pädagog*innen als die Methode der Wahl. Auch wir in den element-i Häusern bevorzugen sie gegenüber den so genannten Sprachförderprogrammen. In diesem Beitrag möchte ich der Frage nachgehen, was alltagsintegrierte sprachliche Bildung ausmacht und was sie mit der element-i-Pädagogik zu tun hat.

Sprachförderprogramme sind personenabhängig

Sprachförderprogramme setzen in der Regel auf eine systematische Förderung nach einem festgelegten Ablaufplan und mit vorgegebenem Material (Jungmann et al 2018, 38). Beim Förderprogramm „Hören, lauschen, lernen“ von Küspert und Schneider, eines der bekanntesten Programme, werden den Kindern täglich 10-minütige Einheiten angeboten – über viele Wochen hinweg. Damit wird u.a. die phonologische Bewusstheit trainiert und der Schriftspracherwerb vorbereitet. Dagegen ist nichts einzuwenden, das Programm wird seit Jahren erfolgreich eingesetzt. Eine Dissertation aus dem Jahr 2018 bestätigt erneut seine Erfolge. Allerdings stellte die Forscherin in ihren Stichproben u.a. fest, dass die Wirksamkeit des Programms viel mit der vermittelnden Person zu tun hat: Es kommt auf die Art und Weise an, wie eine Person die Inhalte weitergibt. Je eher der Pädagog*in die Anpassung des Materials an die Gegebenheiten in der jeweiligen Einrichtung gelang und sie damit die Kinder inhaltlich passgenauer erreichte, desto größer war der Nutzen für die Kinder. (vgl. Jäger 2018, 199). Das klingt plausibel. Der Aspekt, an vorhandene Interessen von Kindern und an ihre Ressourcen anzuknüpfen, trägt uns gedanklich etwas weg vom Programmhaften, ebenso vom vorgefertigten Material. Und genau dieser Aspekt mag erklären, warum wir in element-i Häusern weniger auf Sprachförderprogramme setzen, auch wenn sie ihre Berechtigung haben mögen. Nicht Material und Zeitpunkt sollen bestimmen, was Kinder im Tagesverlauf tun, vielmehr geben die Interessen der Kindes wichtige Hinweise, was inhaltlich aufgegriffen und erweitert, für Angebote bzw. Impulse vorbereitet und pädagogisch begleitet wird.

Was ist alltagsintegrierte Sprachförderung?

Rufen wir uns in Erinnerung, was mit dem Begriff alltagsintegrierte Förderung gemeint ist. Der Bundesverband für Logopädie fasst ihn so: „Alltagsintegrierte Sprachförderung bedeutet, dass die frühpädagogischen Fachkräfte sich in allen Situationen gegenüber allen Kindern sprachfördernd verhalten“ (Deutscher Bundesverband für Logopädie). Das klingt einfach, ist jedoch durchaus anspruchsvoll. Die Autorinnen Jungmann et al. (2018, 39) ergänzen diese Definition um wesentliche Aspekte: nämlich die Orientierung an den Interessen der Kinder und die Klassifizierung als ressourcenorientierter Ansatz. Sie heben hervor, dass Förderung nicht punktuell stattfinden und nicht zeitlich begrenzt sein sollte. Vielmehr sehen sie (und andere Befürworter*innen der alltagsintegrierten sprachlichen Bildung) entscheidende Vorteile darin, dass man Interessen der Kinder aufgreift. Kinder, die sich interessiert mit einem Thema befassen, zeigen oftmals Ausdauer, großes Engagement, teilen sich mit und geben nicht so schnell auf – das sind wichtige Lerndispositionen. Die Pädagog*in kann letztlich an jede Station des Tagesablaufs und an den Ressourcen der Kinder anknüpfen. Auch hier ist die Brücke zur element-i-Pädagogik leicht geschlagen: Wir nutzen die Interessen und damit die Stärken eines Kindes, um dem Kind den nächsten Entwicklungsschritt zu ermöglichen. Denn genau unter diesen Voraussetzungen ist Lernen besonders leicht möglich. element-i Pädagogik ist ressourcenorientiert angelegt. Und somit passt alltagsintegrierte Sprachförderung zu element-i wie der Deckel zum Topf.

Freilich erfordert es Kenntnisse der kindlichen Sprachentwicklung und eine vertrauensvolle Beziehung, um ein hilfreicher Dialogpartner*in sein zu können. Jungmann et al. (2018, 40) listen darüber hinaus wichtige Grundprinzipien auf, die es zu beherzigen gilt:

  • dem Kind auf Augenhöhe begegnen,
  • Blickkontakt herstellen,
  • interessiert zuhören,
  • dem Kind Zeit geben, seine Gedanken zu formulieren,
  • Sprechanlässe schaffen,
  • Sprechpausen einräumen, damit ein Kind antworten kann,
  • Freude am Sprechen vermitteln (Jungmann 2018, 40).

Sie kennen diese Prinzipien und wenden sie an – mit Sicherheit. Die Übersicht ist als Erinnerung gedacht und mag Sie anregen, sich selbst und den Kita-Alltag in Ihrem Kinderhaus zu überprüfen: In welchen Situationen gelingt es Ihnen, ein gutes sprachliches Vorbild zu sein, und in welchen weniger? Was können Sie beitragen, um die pädagogische Qualität im Kinderhaus zu steigern? Welcher Schritt wäre Ihr nächster?

Sprachlehrstrategien

Wenden wir uns nun den Sprachlehrstrategien zu. Möglicherweise müssen Sie ein wenig nachdenken, um sich die wesentlichen ins Gedächtnis zu rufen. Es ist mehr als hilfreich, sich von Zeit zu Zeit zu vergegenwärtigen, welch bunter Strauß an förderlichen Strategien Ihnen zur Verfügung steht. Die Kunst besteht darin, für das vor Ihnen stehende Kind bzw. die Kindergruppe das richtige sprachliche Niveau und die richtige Strategie zu wählen und zu entscheiden, ob Ihr sprachlicher Input hilfreich ist oder ob sprachliche Zurückhaltung die Methode der Wahl sein sollte.

Zurück zu den Strategien: Je nach Autoren-Team werden die Strategien ein wenig anders gebündelt und benannt. In der folgenden Übersicht habe ich mich an den Kriterien nach Kappauf (2018) vom Staatsinstitut für Frühpädagogik orientiert.

  • Gespräche führen: Mit Kindern Gespräche zu führen, bei denen es mehrere Turns gibt, gilt als besonders günstig. Es kommt dabei zu einer bedeutsamen Situation zwischen zwei Menschen, die sich austauschen. Achten Sie mal darauf, ob es Ihnen gelingt, mit allen Kindern (je nach Alter entsprechend ausführlich) täglich einen Dialoge mit 4-5 Turns zu führen. Neben den Gesprächen zwischen Erwachsenem und Kind sind auch die Gespräche unter Kindern nicht unwesentlich.
  • Fragen stellen: Dazu gehören geschlossene Fragen, die die Antworten „ja“ und „nein“ zulassen; halboffene Fragen, mit der die Pädagog*in die einen Begriff bzw eine Tätigkeit abfragt: „Was ist das?“ – „Ein Hund.“ Oder: „Was macht der Hund?“ – „Er bellt.“. Schließlich gibt es die offenen Fragen, die das Kind zu einer längeren Antwort einladen: „Warum fährt das Auto weg?“, „Wie könnte man Ida helfen?“ Die offenen Fragen sind geeignet, die Kinder in ihrer Erzählfertigkeit anzuregen. Dabei ist darauf zu achten, ob die sprachlichen Kompetenzen eines Kindes so weit entwickelt sind, dass die Aufforderung gemeistert werden kann.
  • Wiederholen und erweitern: Hierunter werden a. reine Wiederholungen der kindlichen Äußerung gefasst. Das gibt dem Kind die Sicherheit, dass es das Wort richtig verwendet hat. Oft kommt es im Alltag vor, dass Kinder Teilsätze äußern, wie „Blatt fallen“. Hier hat die Pädagog*in b. die Möglichkeit, mit dem sog korrektiven Feedback den Inhalt, den das Kind transportieren möchte, aufzugreifen, jedoch in einem vollständigen Satz: „Genau, das Blatt ist heruntergefallen.“ Oder die Pädagogin erweitert c. den Inhalt um einen Aspekt oder um neue Sachinhalte: „Ja, das Blatt ist heruntergefallen. Im Herbst fallen nach und nach die Blätter von den Bäumen. Dabei verändert sich die Farbe der Blätter.“
  • Anknüpfen: auf Äußerungen der Kindern eingehen oder ihre Fragen beantworten. Beispielsweise benennt das Kind einen Gegenstand: „Auto.“ Als Pädagog*in knüpfen Sie an, z.B. mit: „Was für Fahrzeuge kennst du noch?“
  • Differenzierte Sprache: Hier sind drei Aspekte subsumiert, wie den Wortschatz der Kinder erweitern, einen differenzierten Wortschatz einsetzen oder Äußerungen, mit denen man die eigene Äußerung mit dem Wissen der Kinder verknüpft (Kind: „Da, ein Hund.“ Die Pädagog*in greift die Bemerkung auf und ergänzt: „Ja, das ist ein Hund. Den nennt man Dackel, und ihr habt zu Hause einen Pudel.“)
  • Handlungsbegleitend sprechen: Hiermit sind sprachliche Begleitung eigener Handlungen gemeint sowie sprachliche Begleitung der Handlungen eines Kindes. Wenn Sie Handlungen der Kinder sprachlich begleiten, bekommen Kinder eine Idee davon, wie eine Situation sprachlich ausgestaltet werden könnte. Beispielsweise zeigt das Kind auf ein Tier im Buch; Sie als Pädagog*in begleiten die Geste mit „Ja, du zeigst uns den Schmetterling. Das ist ein Schmetterling.“

All diese genannten Strategien sind gut erforscht und gelten als unbedingt förderlich für die Sprachentwicklung. Es ist faszinierend, dass uns in zahlreichen Situationen Kommunikation mit diesen Techniken gut gelingt, ohne dass wir darüber nachdenken müssten. Aber wissen Sie tatsächlich, welche Stärken Sie besitzen? Eine wunderbare Methode, das eigene Handeln unter die Lupe zu nehmen, gelingt mit der Videografie. Mit kurzen Video-Sequenzen – beispielsweise beim Dialogischen Lesen oder beim Essen oder in der Kiko aufgenommen – könnten Sie sich über die Schulter schauen, sich der eigenen sprachlichen Kompetenzen stärker bewusst werden. Möglicherweise entdecken Sie neben Ihren Stärken Entwicklungspotential bei sich und probieren neue Methoden bzw. Techniken aus. Natürlich können Sie sich im Team gegenseitig regelmäßig Feedback geben, oder Ihre Teamleitung Ihnen. Wie auch immer, eines ist gewiss: Sie, ich, wir alle stehen bei vielen Fragen in unserem professionellen Alltag vor einer Zone der nächsten Entwicklung. Und es lohnt sich, sich auch als Erwachsener auf den Weg dorthin zu machen und sein professionelles Handeln auszubauen.

Quellen:
Deutscher Bundesverband für Logopädie (o.J.): Sprachförderung in der Kita. https://www.dbl-ev.de/logopaedie/foerderung-der-sprachentwicklung/sprachfoerderung-in-der-kita/ (zuletzt aufgerufen am: 5.5.2020)
Jäger, Dana (2018): Zur pädagogischen Legitimation des Würzburger Trainingsprogrammes Hören, lauschen, lernen: Trainingseffekte und Trainereffekte. https://opus.bibliothek.uni-wuerzburg.de/opus4-wuerzburg/frontdoor/deliver/index/docId/17405/file/Jaeger_Dana_Dissertation.pdf (zuletzt aufgerufen am 5.5.2020)
Jungmann, Tanja; Morawiak, Ulrike; Meindl, Marlene (2018): Überall steckt Sprache drin. Alltagsintegrierte Sprach- und Literacy-Förderung für 3- bis 6-jähringe Kinder. Ernst Reinhardt: München/Basel
Kammerlander, Carola; Rehn, Marcus; Pädagogischer Leitungskreis (2018): element-i – Pädagogische Konzeption der element-i- Kinderhäuser. Stuttgart
Kappauf, Nesiré (2018): Fachlich fit mit Videofeedback. Sprachliches Interaktionsverhalten in der Kita reflektieren (unter Mitarbeit von Sina Fischer und Claudia Wirts). Staatsinstitut für Frühpädagogik: München

Mehr von Christina Henning

Christina Henning
Autor

Kommentar

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet.