Wissen über mich: Die Entwicklung eines positiven Selbstkonzepts

Die Entwicklung eines positiven Selbstkonzepts ist ein wichtiges Erziehungs- und Bildungsziel, das sowohl im Orientierungsplan von Baden-Württemberg als auch in anderen Bildungsplänen aufgeführt ist. Da ein positives Selbstkonzept die Grundlage für eine gesunde Entwicklung bildet, lohnt es sich, sich dieses Thema einmal genauer anzuschauen.

Selbstkonzept im Sinne von Selbstbild

Das Selbstkonzept ist ein mentales Modell, das Vorstellungen, Einschätzungen, Fähigkeiten und Bewertungen der eigenen Person beinhaltet. Die Begriffe Selbstbild und Selbstkonzept werden oft synonym verwendet. Beide beziehen sich auf das Wissen, das ein Mensch von sich selbst hat. Das heißt, welches Bild er von seinen Wahrnehmungen, Empfindungen und seiner Existenz aufbaut. Dieses Selbstkonzept ist in ständiger Veränderung, da kontinuierlich Informationen durch die Beziehungen und die Erfahrungen mit anderen Menschen wahrgenommen und gesammelt werden.

Das Selbstkonzept beeinflusst die Entfaltung von Kompetenzen. Je nachdem welche Erfahrungen und Rückmeldungen eine Person aufgenommen hat, beeinflusst dies den weiteren Umgang mit den eigenen Kompetenzen. Erfährt man positive Resonanzen, motiviert dies, weiter an der Kompetenz dran zu bleiben und diese auszubauen. Bei Misserfolgen oder negativen Rückmeldungen, kann dies zu einem befangenen, zurückhaltenden Umgang mit jenen Kompetenzen führen. Im Selbstkonzept werden die Kompetenzen und Fähigkeiten abgespeichert. Da dies wiederum Auswirkungen auf den zukünftigen Umgang mit den eigenen Kompetenzen hat, kann man von einem wechselseitigen Zusammenspiel von Kompetenzen und Selbstkonzept sprechen.

Zusammenhang Selbstkonzept und Selbstwertgefühl

Die Differenzierung in kognitive und affektive Ebene veranschaulicht die Unterscheidung von Selbstkonzept und Selbstwertgefühl. Auf der kognitiven Ebene werden aus einzelnen Situationen Wahrnehmungen zur eigenen Person gesammelt und ein übergeordnetes (übersituatives) Selbstkonzept gebildet. Hier stellt sich die Frage: Wie sehe ich mich? Beispiele dafür sind: „Ich kann nicht gut malen“ oder „Andere Kinder mögen mich“.

Auf der affektiven Ebene bewerte ich einzelne Situationen und bilde mir daraus ein übersituatives Selbstwertgefühl. Die entscheidende Frage lautet hier: Wie geht es mir damit? Welche Gefühle habe ich? Beispiele dafür sind: „Es ist nicht schlimm, dass ich nicht gut malen kann“ oder „Ich bin stolz, wenn mich die anderen mögen“.

Das Selbstwertgefühl ist die Bewertung des Selbstbildes und kann großen Einfluss auf die Gedanken, die Stimmung und das (Lern-)Verhalten haben. Durch Handlungen und Erfahrungen erleben Personen ihre eigene Wirklichkeit und entwickeln ein Bild über die Möglichkeiten ihres eigenen Einflusses auf Dinge. Aus diesen Lernerfahrungen entwickeln sich dann Kontrollüberzeugungen. Beispiele dafür sind: „Wenn ich mich anstrenge, kann ich bessere Männchen malen“ oder „Egal was ich tue, ich kann einfach nicht besser malen“. (Frank 2013, S. 19)

Entwicklung des Selbstkonzepts

Vor allem durch Interaktionen mit seinen Bezugspersonen machen Säuglinge erste Erfahrungen über ihre Existenz. Sie erkennen, dass ein ICH existiert und sie von anderen Menschen abgegrenzt sind. Im ersten Lebensjahr erfahren Kinder durch ihre Eigenaktivität, dass sie etwas erzielen können und bekommen erste Kompetenzgefühle.

Mitte des zweiten Lebensjahres erkennen sich Kinder im Spiegel. Sie sprechen von sich als Person und benutzen mehr und mehr das Personalpronomen „ich“. Das ICH-Bewusstsein beginnt sich zu entwickeln. Zunehmend erkennen Kinder Kategorien und schreiben sich Kategorien wie „Kind“ oder „Mädchen“ zu. Im Laufe der Zeit zeigen Kinder eine weitere Komponente des Selbst: Sie suchen nach positiven Rückmeldungen zu ihrem Verhalten. Die Fähigkeit, sich selbst zu erkennen, ermöglicht es ihnen, auch andere nachzuahmen, was eine enorme Bedeutung für Lernprozesse hat.

Ab etwa 2,5 Jahren beginnen Kinder, sich selbst verbal und mit charakteristischen Merkmalen zu beschreiben. Sie greifen Aktivitäten auf („Ich kann rennen, malen, bauen …“) oder beziehen sich auf physische Attribute („Ich habe braune Haare.“) oder erläutern soziale Beziehungen („Ich habe einen großen Bruder.“) oder sprechen über psychologische Attribute („Ich mag gerne Nudeln.“). Diese Beschreibungen über die eigene Person können unrealistisch positiv sein („Ich kann Auto fahren.“), denn die Kinder können noch nicht zwischen ihrem Wunschbild (ideales Selbst) und dem Realbild (reales Selbst) unterscheiden.

Im 4. Lebensjahr nimmt die Entwicklung der Geschlechtsidentität einen großen Raum ein. Dreijährige können zwar schon sagen, ob sie ein Junge oder Mädchen sind, aber es dauert noch einige Zeit, bis sie verstehen, dass die Geschlechtsidentität ein Merkmal ist, das sich nicht mehr ändert.

Vorschulkinder denken, sie könnten alles erreichen, wenn sie sich ausreichend anstrengen und bemühen. Sie haben einen ausgeprägten Überoptimismus, der jedoch eine wichtige Funktion für Motivation und Neugier hat. Empfohlen wird, dem Überoptimismus auf keinen Fall mit Realismus entgegenzuwirken, sondern diese motivierte Grundhaltung als Chance für Lernprozesse zu sehen.

Selbstbeschreibungen von Kindern im frühen Schulalter sind noch weitestgehend positiv, können aber nun mit anderen Attributen verbunden bzw. in übergeordneten Kategorien eingeordnet werden: Einzelne Tätigkeiten (lesen, schreiben, turnen) werden geschildert und anschließend zusammengefasst („Ich bin gut in der Schule.“).

Im Verlauf der weiteren Entwicklung können Kinder sich von Einzelbeschreibungen lösen und allgemeinere, abstraktere Beschreibungen äußern („Wenn ich mit meinen Freunden zusammen bin, fühle ich mich gut.“). Außerdem können negative und positive Emotionen miteinander kombiniert werden. Zunehmend vergleichen sich Kinder mit anderen Kindern – in der Schule und in allen Situationen des Alltags. Hierdurch entwickelt sich eine realistischere Einschätzung der eigenen Fähigkeiten.

Fazit: im Kindergartenalter zwischen 3 und 6 Jahren ist noch kein stabiles Selbstkonzept vorhanden. Selbstkonzept und Selbstwertgefühl generieren sich jedoch im Kindergarten- und Grundschulalter. Die Erfahrungen, die Kinder in dieser Zeit machen, sind sehr bedeutsam für ihre Identitätsentwicklung.

Unterstützung von positiven Selbstkonzepten!

Im Alltag erhalten Kinder über ihr Umfeld vielfältige Rückmeldungen zu ihrer Person und ihrem Verhalten, sowohl in Interaktionen durch Sprache, aber auch durch nonverbale Verhaltensweisen. Wenn man sich nun überlegt, dass alles, was Kinder täglich über sich aufschnappen, das Selbstkonzept beeinflusst, gibt dies Anlass zur Reflektion. Es gilt, die Stärken zu stärken!

Kinder brauchen Möglichkeiten, um sich auszuprobieren, die eigenen Kompetenzen kennenzulernen, Körpererfahrungen zu machen. Rückmeldungen aus dem Umfeld helfen dabei, die eigenen Kompetenzen einzuordnen. Vielfältige und differenzierte Rückmeldungen zu Handlungen, Fähigkeiten und Verhaltensweisen zu geben, ist eine wesentliche Aufgabe der Bezugspersonen. Für die Reflexion der eigenen Aussagen sind die folgenden Fragen hilfreich:

  • Formuliere ich die positive Bestärkung differenziert bzw. neutral: z. B. „Du hast sehr genau ausgeschnitten“ anstatt „Das hast du gut gemacht!“
  • Könnten meine Aussagen missverständlich sein?
  • Nutze ich ironische Aussagen, die die Kinder nicht verstehen und „falsch“ verinnerlichen? (z. B. „Na toll!“, wenn ein Teller zu Bruch geht und man angestrengt oder genervt ist; oder „Echt witzig!“, wenn ein Spaß nicht als solcher bewertet wird)
  • Spreche ich wertend (positiv und negativ) über andere Personen in Gegenwart von Kindern?

Es ist zudem zwingend notwendig zu überlegen, welche Einstellungen und Überzeugungen man hat und wie man diese Überzeugungen, bewusst oder auch unbewusst, weitergibt. Beispiele dafür sind: „Musikalische Begabung hat man oder hat man nicht!“, „Das ist bei Mädchen immer so!“, „Es war Glück, dass dies gelungen ist!“, „Durch Üben kann ich besser werden!“ (Frank 2013, S. 21ff.).

Idee für die Kita-Praxis

Der folgende Vers eignet sich sehr gut, um Eigenschaften, Fähigkeiten und Gefühle pantomimisch und kreativ darzustellen. Dabei haben Kinder Freude und fühlen sich bestärkt.

Ich bin toll, so wie ich bin!
Ich bin ein ganz besonderes Kind.
Ich fühl mich gut
und ich hab Mut.
Ich habe Augen, Nase, Mund,
ich fühl mich heute kerngesund.
Ich kann mit meinen Augen sehen,
mit den Ohren gut verstehen.
Ich kann mit meinem Mund laut lachen,
schmecke viele leckere Sachen.
Ich kann mit meiner Nase riechen.
Ich kann in der Blumenwiese liegen.
Ich kann auf einem Beine stehen.
Ich kann mich im Kreis herum drehen.
Ich kann mit den Händen klatschen
und im Sand herummatschen.
Ich bin toll, so wie ich bin.
Ich bin ein ganz besonderes Kind.

(Wagner 2018, S. 47)

Um das Selbstkonzept von Kindern zu stärken, lohnt es sich, bewusst auf die eigenen Aussagen zu achten! Dieser Beitrag mag Ihnen Anregungen dazu liefern, wo und wie Sie mit und über Kinder sprechen!

Literatur:
Frank, Angela (2013): Sozial-emotionale Entwicklung und ihre Förderung. In: Kindergarten Heute – Wissen kompakt: Kinder in ihrer sozial-emotionalen Entwicklung fördern. Freiburg, S. 18-24.

Haug-Schnabel, Gabriele; Bensel, Joachim (2017): Grundlagen der Entwicklungspsychologie. Die ersten 10 Lebensjahre. Freiburg

Oerter, Rolf; Montada, Leo (2008) (Hrsg.): Entwicklungspsychologie. Weinheim, Basel

Wagner, Martina (2018): Spielideen für ein positives Körpergefühl. Aachen

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Katja Behres
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