Der Matthäus-Effekt in der alltagsintegrierten Sprachbildung?

Vorwissen gilt als ein guter Prädiktor für Lernerfolg. Na klar, das kann sich jede*r gut vorstellen. Wer schon viel weiß und kann, der lernt in diesen Themenfeldern leicht dazu. Dieses als Matthäus-Effekt bekannte Prinzip gilt – vereinfacht gesagt – auch in der sprachlichen Bildung. Timm Albers hat in einer Studie die Kommunikation zwischen Kindern und Erzieher*innen auf den Prüfstand gestellt. Dabei hat er zweierlei gefunden:

Dialoge als Bereicherung

Kinder mit hohen sprachlichen Kompetenzen suchen häufiger den Kontakt zu Erzieher*innen und treten in Interaktion mit ihnen. Das fällt diesen Kindern leicht, und der Austausch mit den Pädagog*innen nützt den Kindern. Zu ihren ausgeprägten Kompetenzen kommen neue hinzu. Die Kinder erleben eine anregungsreiche sprachliche Umgebung und profitieren von den Dialogen. Man darf vermuten, dass die Kinder nicht nur sprachlich aus diesen Interaktionen schöpfen. Sie bekommen die – vielleicht ungeteilte – Aufmerksamkeit der Pädagog*in, werden wertgeschätzt und erleben sich als selbstwirksam. Denn sie werden mit ihren Kompetenzen gesehen und können sich ausprobieren.

Wie schaut es bei Kindern aus, die von sich aus sprachlich weniger produktiv sind? Der Forscher zieht aus seinen Beobachtungen den Schluss, dass diese Kinder doppelt benachteiligt sind. Sie suchen nicht so oft den Kontakt zu den Pädagog*innen wie die sprachlich produktiven Kinder. Der positive Effekt, der sich im Austausch bzw. wertvollen Dialog zwischen Pädagog*in und Kind ergeben könnte, stellt sich nicht so häufig ein. Gerade diese Kinder mit einer geringeren produktiven Sprachkompetenz bräuchten diesen Austausch und die Wertschätzung, denn sie sind besonders auf eine sprachlich lebendige Umgebung angewiesen. Steuern Sie nicht dagegen, so kann das Wechselspiel von geringer sprachlicher Produktion und seltenen Dialogen dazu führen, dass manche Kinder in ihren kognitiven und sozialen Fähigkeiten unterschätzt werden. Fatal, nicht wahr?

Umgang mit dem Thema im Kita-Alltag

Im Austausch in Ihrem Kita-Team mögen Ihnen die folgenden Fragen in der Diskussion oder in der Selbstreflexion helfen: Wie sorgen Sie dafür, dass Sie die sprachlich weniger produktiven Kinder in einen wertschätzenden und dem Kind nützlichen Austausch einbinden? In welchen Stationen des Tages bieten sich besondere Chancen dafür? Wie schaut denn ein gelungener Dialog aus? Wie binden Sie die Eltern ein? Welche Kenntnisse haben Sie, um den Sprachlernprozess – dem Kompetenzstand des Kindes angemessen – zu begleiten?

Albers, Timm; Jungmann, Tanja (2017): Frühe sprachliche Bildung und Förderung – sprachliche Interaktion in Kindertageseinrichtungen und Familie. In: nifbe (Hrsg.) Mehr Sprache im frühpädagogischen Alltag. Potenziale erkennen – Ressourcen nutzen. Herder Verlag: Freiburg, S. 53-71

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Christina Henning
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