Adultismus – die erste erlebte Form der Diskriminierung?

Diskriminierung – ein Wort, das leider immer noch mit alltäglichen Beispielen gefüllt werden kann. In den Nachrichten gibt es nach wie vor Berichte über Rassismus, der auf verschiedenste Weisen sichtbar wird. Aber auch die Gleichstellung von Geschlechtern ist zurecht weiterhin oft diskutiertes Thema in unserer Gesellschaft. Die Liste ließe sich ergänzen: Sexismus, Homophobie …

Natürlich betreffen diese Missstände auf eine Weise auch die Lebenswelt von Kindern und damit auch unsere element-i Kinderhäuser, als kleine Abbildungen unserer Gesellschaft. Doch sind nicht alle Kinder von diesen Formen der Diskriminierung direkt betroffen – von Adultismus jedoch schon. Und zwar nahezu tagtäglich (vgl. Richter 2013, S. 3). Den Begriff haben Sie noch nie gehört? Dann ist es höchste Zeit, sich damit tiefergehend auseinanderzusetzen!

Begriffserklärung

Der Terminus Adultismus kommt aus dem Englischen: „adult“ bedeutet erwachsen / Erwachsener und das Suffix -ismus steht hier als Benennung eines gesellschaftlich verwurzelten Machtsystems (Richter 2013, S. 5). „Adultismus beschreibt den Umgang von Erwachsenen mit dem Machtungleichgewicht, das zwischen Kindern bzw. Jugendlichen und Erwachsenen besteht. Der Begriff verweist auf die Einstellung und das Verhalten Erwachsener, die davon ausgehen, dass sie allein aufgrund ihres Alters intelligenter und kompetenter sind als Kinder und Jugendliche – und sich daher über ihre Bedürfnisse, Meinungen und Ansichten hinwegsetzen können“ (Steinke 2019, S. 1). Als gesellschaftliche Diskriminierungs- und Machtstruktur ist Adultismus durch Gesetze, soziale Institutionen und Traditionen gefestigt (vgl. Steinke 2019, S. 1).

Wenn ein respekt- und achtungsvoller Umgang mit den Kindern Ziel der pädagogisch qualitativ hochwertigen Arbeit ist, ist das Bewusstwerden von, die Auseinandersetzung mit dem und die (Selbst-)Reflexion in Bezug auf das Machtverhältnis zwischen Fachkräften und Kindern unumgänglich (vgl. Richter 2013, S. 3). Doch welches Bild von Kindheit dient hierbei als Grundlage?

Soziologie der Kindheit

Wir leben in einer Gesellschaft, in der es dominierende Bilder von Kindheit gibt, welche im Laufe der Zeit Veränderungen unterliegen. Dadurch ändert sich auch der Status von Kindern und der Umgang mit ihnen (vgl. Richter 2013, S. 3). Je nach Kontext und Perspektive unterscheiden sich die Definitionen von Kindheit:

  • Juristisch: Kindheit als Minderjährigkeit = 0 bis 14 Jahre
  • Erwachsenensicht: alles, was selbst von der Geburt bis ins Jugendalter erlebt wurde (eigene biografische Erfahrung)
  • Akteurs- und lebensweltbezogen: Kinder als soziale Akteure
  • Strukturbezogen: Kindheit in generationaler Ordnung und wohlfahrtsstaatlichem Kontext
  • Diskursanalytisch: Kindheit wird in gesellschaftlichen Diskussionen konstruiert

(vgl. Richter 2013, S. 4)

In unserer element-i Konzeption wird das Menschenbild, die Philosophie und die Vision genau beschrieben. Wenn wir diesen Formulierungen folgen, nämlich unsere individuelle Verantwortung zu nehmen, wir uns – jede/r an seiner/ihrer Stelle – aktiv einbringen zur Gestaltung einer gesunden Gemeinschaft und für das Gelingen, dann ist das ein klarer Handlungsauftrag an uns Pädgog*innen (vgl. Kammerlander et al. 2018, S. 4). Und zwar hin zur eigenen Auseinandersetzung mit dem Thema Adultismus, aber auch als Wegbereiter*innen für starke, verantwortungsbewusste Kinder.

Erscheinungsformen und Entstehung

Es gibt unterschiedlichste Situationen, in denen adultistisches Verhalten sichtbar wird. Bereits die Kleinsten erleben es in Form von “kurz mal über die Haare streichen” oder “ein Küsschen aufdrücken”, obwohl das Kind das augenscheinlich in diesem Moment nicht möchte. Diese Formen der Grenzüberschreitung werden teilweise unreflektiert hingenommen und die Abwehrreaktion des Kindes verbucht unter “ist eben ein bisschen schüchtern” oder sogar “stellt sich aber an” (vgl. Richter 2013, S. 6).

Auch im alltäglichen Sprachgebrauch tritt Adultismus auf. Aussagen wie „das ist aber kindisch“, „benimm dich nicht wie ein kleines Kind“ oder „wir sind hier doch nicht im Kindergarten“ zeigen die negative Besetzung des Wortes „Kind“. Auch Abwertungen wie „dafür bist du noch zu jung“ werden nicht selten genutzt (vgl. Richter 2013, S. 7).

Im Alltag einer Familie kann adultistisches Verhalten ebenfalls beobachtet werden: in vielen Bereichen bestimmen Eltern über ihre Kinder. Es wird vorgeschrieben, wann es etwas zu essen gibt, wann die Kinder ins Bett gehen und aufstehen müssen, was sie anziehen sollen, wie die Freizeit der Familie ausgestaltet wird. Teilweise ist die Abnahme von Entscheidungen für Kinder ohne jeden Zweifel sinnvoll. Nämlich immer dann, wenn Erwachsene Kinder vor einer reellen Gefahr schützen oder auch weil das Kind keine ausreichenden Informationen hat, um alle Verknüpfungen überschauen zu können und deshalb schlicht mit einer Entscheidungsfindung überfordert wäre. Wenn die Entschlüsse ohne den Einbezug der Kinder aus Bequemlichkeit der Erwachsenen getroffen werden, keine Sinnhaftigkeit dahinter liegt oder dem Erhalt der eigenen Autorität dienen, sollte sich daran etwas ändern. Denn an diesen Stellen beginnt Diskriminierung. Entscheidend ist die Art und Weise, wie wir mit Kindern kommunizieren, ob wir Freiheits- und Selbstbestimmungseinschränkungen begründen können und letztendlich, ob es uns gelingt, einen gewaltfreien Umgang mit Kindern zu leben (vgl. Richter 2013, S. 7).

Dabei ist es wichtig, eben nicht nur Familien, sondern auch Einrichtungen für Kinder und Jugendliche auf das Umsetzen demokratischer Prinzipien zu prüfen und anzuerkennen: Das Spiel ist die Arbeit des Kindes (vgl. Montessori 1999, S. 196-198). Es stellen sich Fragen wie: Haben Kinder Einfluss auf ihre Lebenswelt? Sind die Räume, das Material, der Tagesablauf und die Inhalte dessen optimal auf Kinder abgestimmt? Ja, in den element-i Kinderhäusern und auch anderen Kindertageseinrichtungen ist vieles auf Kinder ausgerichtet, wie kleine Toiletten oder auch niedrige Waschbecken. Aber wer die Perspektive eines Kindes einnimmt, wird sicherlich Optimierungspotential finden. Ob es nun der nicht erreichbare Lichtschalter oder die zu hohe Türklinke ist (vgl. Richter 2013, S. 7) oder das unreflektierte Unterbrechen des kindlichen Spiels, aufgrund einer von Erwachsenen festgelegten Uhrzeit – schlichtweg alles, was dazu führt, dass die Abhängigkeit von Erwachsenen weiterhin nicht aufgehoben werden kann und die Autonomie von Kindern unrechtmäßig begrenzt wird.

Auswirkungen

Wie eben beschrieben, gibt es eine Vielzahl an Erscheinungsformen von Adultismus. Genauso vielfältig sind auch die Folgen. Zum einen betrifft er Kinder in ihrem Grundbedürfnis nach Beziehung und Responsivität. Denn durch adultistische Verhaltensweisen erleben sie, dass ihre Perspektive keine oder wenig Bedeutung hat und ihre Stimme nicht relevant ist. Da sie diesen Erlebnissen an unterschiedlichen Stellen ausgesetzt sind, werden sie möglicherweise verinnerlicht: Die Kinder fangen an zu glauben, dass Erwachsene über mehr Macht und Wissen verfügen und damit rechtmäßig über sie bestimmen. Das bedeutet wiederum, dass sich Kinder selbst nicht ernst nehmen, resignieren, ihre Meinung nicht äußern oder eben rebellisch, launisch und aggressiv werden. Letzteres folgt daraus, dass sie den erlebten Schmerz der Unterdrückung zurück- oder weitergeben möchten. Beide resultierenden Verhaltensweisen sind letztlich Bewältigungsstrategien (vgl. Richter 2013, S. 8f). „Das Selbstvertrauen der Kinder wird so verletzt, dass sie sich nicht mehr zutrauen, Dinge zu versuchen und es dabei wagen, Fehler zu machen“ (Richter 2013, S. 9).

Weiterhin hat Adultismus Auswirkungen auf Peers. Sie nehmen sich gegenseitig nicht mehr ernst und übernehmen adultistische Verhaltensweisen: Ältere Kinder geben jüngeren Kindern Befehle und bestimmen über sie; in der Annahme dem allgemein normalen Verhaltenskodex zu entsprechen (vgl. Richter 2013, S. 9).

Eine andere, noch gravierendere Folge ist, dass Adultismus die Grundlage für unterschiedlichste andere Formen der Diskriminierung bildet. Denn durch Adultismus lernen Kinder sehr früh, dass das Unterdrücken okay ist, und zwar sogar bei Menschen, die zum engsten Bezugskreis gehören. Dieses Raster wird dann auf andere Gruppen angewandt und übertragen: beispielsweise rassistische Verhaltensweisen. Kinder verstehen dann nicht, warum solch ein Verhalten nicht in Ordnung sein soll. Geht es hier doch ebenfalls darum, dass eine Personengruppe die Macht über eine andere ausübt. Und selbst wenn sie sich für Toleranz einsetzen, kann ihr Widerstand gegen Fremdenfeindlichkeit schnell gebrochen werden. Das Selbstbewusstsein ist ja bereits geschwächt (vgl. Richter 2013, S. 9).

Der Grund für die Auseinandersetzung mit Adultismus als ein wichtiger Aspekt professionellen pädagogischen Handelns sollte hiermit ausreichend geklärt sein. Doch wie können Sie das Thema konkret angehen?

Adultismus begrenzen, Partizipation leben

„Solange du die Füße unter meinen Tisch stellst, fühl dich zu Hause!“
„Einen Klaps auf den Po hat noch niemandem was genutzt.“
„Wer nicht hören will, möchte verstehen.“
„Aus dir wird ALLES was du willst!“

1. Schritt: (Selbst-)Reflexion – Adultismus erkennen und benennen

Setzen Sie sich damit auseinander, an welchen Stellen Ihnen selbst bisher adultistisches Verhalten begegnet ist und wie Sie sich dabei gefühlt haben. Reflektieren Sie gemeinsam im Team den pädagogischen Alltag in Ihrem element-i Kinderhaus. Wo begegnen Ihnen Machtdemonstrationen von Erwachsenen? Wie fühlen Sie sich bei Begegnungen mit adultistischem Verhalten? Wie geht es den anderen Teammitgliedern? Was sind Kennzeichen der Macht von Erwachsenen?

Dafür können Sie die Methode: Adultismusplakat nutzen. Die genaue Anleitung finden Sie im Artikel von Steinke (2019) unter: https://www.nifbe.de/fachbeitraege/beitraege-von-a-z?view=item&id=952:adultismus.

2. Schritt: Handlungsalternativen entwickeln

Beschreiben Sie die Veränderungsmöglichkeiten und überlegen Sie, wie die Umsetzung gelingen kann.

a) Regeln und Grenzen hinterfragen

Woher kommt diese Regel? Warum gibt es sie? Was möchten wir damit bezwecken? Für wen gilt die Regel? Ist die Regel für alle (auch die Kinder) nachvollziehbar und erklärbar?

b) Vorbild sein und eine positive Fehlerkultur entwickeln

Halten Sie sich selbst an die vorgegebenen Regeln? Wann gelingt es Ihnen, Adultismus zu vermeiden? Wann nicht? Wie gehen Sie mit dem Nicht-Gelingen um? Entschuldigen Sie sich für Ihr Fehlverhalten gegenüber dem Kind?

c) Dialog auf Augenhöhe führen

Halten Sie bei Gesprächen Blickkontakt mit Kindern? Lassen Sie Kinder aussprechen? Fragen Sie Kinder nach ihrer Meinung? Nehmen Sie die Meinung der Kinder und ihre Perspektive auf die Welt ernst? Sehen Sie den Blick von Kindern als Bereicherung? Nehmen Sie sich Zeit für Gespräche mit den Kindern und hören ihnen zu? Welche Worte wählen Sie gegenüber Kindern? Wie gut können Sie sich auch in vermeintlich schwierigen Situationen auf das Kind einlassen (zurechtweisen und kritisieren oder vorher durchatmen und sich einfühlen)? Welche Situationen nutzen Sie für Kritik – schaffen Sie stets eine geschützte Atmosphäre?

d) Partizipation leben

Beziehen Sie die Kinder entwicklungsstandentsprechend bei allen Themen (Raumgestaltung, Materialauswahl, Tagesablauf, Regelfindung, …) ein? Haben die Kinder die Wahl, „Nein“ zu sagen (Beispiel: Waldtag)? Beziehen Sie sie in Ihre Gespräche mit Erwachsenen ein (Beispiel: Tür- und Angelgespräche mit Eltern).

Ein achtsamer Umgang im Kita-Alltag kann so viel Gutes bewirken. Die Sensibilität für Adultismus und Veränderungen im Kleinen können für uns alle, besonders jedoch für die Zukunft der Kinder einen großen Unterschied machen.

 

Literatur:

Kammerlander, Carola; Rehn, Marcus; Pädagogischer Leitungskreis der element-i Kinderhäuser (2018): Pädagogische Konzeption für die element-i Kinderhäuser. Stuttgart

Montessori, Maria (1999): Kinder sind anders. dtv: München

Richter, S. (2013): Adultismus: die erste erlebte Diskriminierungsform? Theoretische Grundlagen und Praxisrelevanz. Verfügbar unter: http://www.kita-fachtexte.de/fileadmin/Redaktion/Publikationen//KiTaFT_richter_2013.pdf (letzter Zugriff am 24.08.2021)

Ritz, M. (2013): Adultismus – (un)bekanntes Phänomen. Erschienen in: Wagner, Petra (Hrsg.): Handbuch Inklusion. Grundlagen vorurteilsbewusster Bildung und Erziehung. Verfügbar unter: https://situationsansatz.de/wp-content/uploads/2019/08/Ritz2013_Adultismus_Handbuch-Inklusion.pdf (letzter Zugriff am 24.08.2021)

Steinke, A. (2019): Wie können adultistische Strukturen in der Kindertagesbetreuung erkannt und reflektiert werden? Verfügbar unter: https://www.nifbe.de/fachbeitraege/beitraege-von-a-z?view=item&id=952:adultismus (letzter Zugriff am 24.08.2021)

Denise Samuel
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