Gewaltprävention in Kitas

Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung  von Beginn an. Dies ist nicht nur im Bürgerlichen Gesetzbuch so festgehalten, sondern auch im GrundgesetzNach Artikel 1 ist die Menschenwürde unantastbar. Denn Gewaltanwendungen, in welcher Form auch immer, sind ein Angriff auf die Würde des Menschen. Zudem ist die Gewaltfreiheit Basis jeder Demokratie und freien Gesellschaft. Das heißt, dass wir uns im Kontext Kita mit Gewaltprävention beschäftigen, steht außer Frage (vgl. Gugel 2014, S. 10). Die wesentliche Frage ist: Wie kann die Umsetzung in die Praxis aussehen? 

Dazu möchte ich zunächst auf den Gewaltbegriff näher eingehen, sowie die Funktionen, Ursachen und Folgen von Gewalt beleuchten und schließlich den Terminus Prävention, sowie den Handlungsrahmen von Gewaltprävention betrachten. 

Der Gewaltbegriff

Was wird unter Gewalt verstandenJeder deutet den Begriff ein wenig anders und legt ihn demnach subjektiv aus. Es gibt selbstverständlich offizielle Definitionen von Gewalt, welche allerdings nicht gut greifbar und eindeutig sind. Sie sind stets interessengeleitet und kontextgebunden zu betrachten. Sowohl historisch als auch kulturell und geografisch sind immer wieder Unterschiede zu verzeichnen. Deshalb ist die eigene Auseinandersetzung und die Betrachtung der Formenvielfalt wichtig (vgl. Gugel 2014, S. 59). Ich empfehle dazu die Übung „Das Gewaltbarometer“, siehe nebenstehenden Kasten.


Das Gewaltbarometer

Um das individuelle und sehr subjektive Verständnis der unterschiedlichen Teammitglieder des Gewaltbegriffs auf eine gemeinsame Ebene zu bringen und in den Austausch zu kommen, können Sie folgende Methode nutzen:

Benötigtes Material – vorbereitete Karten mit den Begriffen:

Gewalt 

Keine Gewalt

Armut, Nägel kauen, Türe zu knallen, an der Hand wegziehen, schlagen, küssen, Fernsehverbot, kein Geld für Schulausflüge, beengter Wohnraum, in die Ecke setzen, brüllen

Ablauf:

  1. Legen Sie die Begriffe Gewalt und Keine Gewalt mit etwas Abstand auf den Boden. Alternativ können Sie bei einer digitalen Teamsitzung in einem Word Dokument arbeiten (oben Gewalt und unten Keine Gewalt). 
  2. Dann verteilen Sie die Begriffe an die einzelnen Teammitglieder. 
  3. Die Teammitglieder legen die Begriffe mit entsprechender Begründung dann zwischen Gewalt und Keine GewaltBei der digitalen Teamsitzung können Sie die Begriffe willkürlich zwischen Gewalt und Keine Gewalt anordnen und dann gemeinsam in eine für Sie richtige Reihenfolge bringen.
  4. Anschließend gehen die anderen Teammitglieder in den Austausch. Passt die Position der einzelnen Begriffe für sie? Bedarf es aufgrund anderer Schilderungen einer Veränderung? Dadurch ergibt sich nach und nach eine Reihenfolge, die für das Team repräsentativ ist. Es gibt dabei kein richtig und falsch. 

Zudem möchte ich Ihnen drei Perspektiven aufzeigen, wie Sie sich dem Gewaltbegriff von der theoretischen Ebene her nähern können. 

Die WHO definiert den Begriff der Gewalt folgendermaßen: „Der absichtliche Gebrauch von angedrohtem oder tatsächlichem körperlichem Zwang oder physischer Macht gegen die eigene oder eine andere Person, gegen eine Gruppe oder Gemeinschaft, der entweder konkret oder mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Verletzungen, Tod, psychischen Schäden, Fehlentwicklung oder Deprivation führt.“ (Weltgesundheitsorganisation 2003, S. 6) 

Ergänzend dazu gibt es eine Typologie der Gewalt. Durch diese lassen sich einzelne Situationen analysieren und konkrete Ansatzpunkte für Gewaltprävention festlegen. Sie kategorisiert drei Ebenen:  

  • kollektive Gewalt, 
  • interpersonelle Gewalt, 
  • gegen sich selbst gerichtete Gewalt.  

Diese können jeweils noch weiter unterteilt werden. Zum Beispiel zählt zur Ebene interpersonaler Gewalt sowohl die Familie, unterteilt in einzelne Familienmitglieder (Kind, Partner, Alte) als auch die Gemeinschaft (Bekannte, Freunde). Auf diesen unterschiedlichen Ebenen wiederum gibt es Bezüge zu den verschiedenen Formen von Gewalt: physisch, sexuell, psychisch und Vernachlässigung (vgl. Gugel S. 57-58). 

Das Dreieck der Gewalt von Johan Galtung unterscheidet drei Gewalttypen: strukturelle und kulturelle (unsichtbar), aber auch direkte (sichtbare) Gewalt. Dabei ist bei Letzterer (auch personale Gewalt genannt) die Opfer- und Täterrolle nicht immer eindeutig zuzuordnen oder zu identifizieren. Bei der strukturellen Gewalt sind nicht einzelne Personen Täter*innen, sondern Lebensbedingungen oder Strukturen von Gesellschaft und Institutionen. Ideologien, Legitimationssysteme, Überzeugungen und Überlieferungen hingegen zählen zur kulturellen Gewalt, welche wiederum die anderen beiden Typen manifestieren. Diese Betrachtungsweise soll dazu anregen, Gewalt nicht nur als Handlung, sondern eben als komplexes Phänomen wahrzunehmen (vgl. Gugel 2014, S. 56). 

Funktionen von Gewalt 

Gewalt wird im Alltag oft unter dem Fokus verletzendes oder destruktives Verhalten gesehen. Dabei sind Gewalt und Aggression vor allem im Zusammenhang mit Kindern oft eine Form der Interaktion und Kommunikation. Dabei kann explorative und reaktive Aggression unterschieden werden (vgl. Gugel 2014, S. 60). 

Zudem muss, um die Funktion von Gewalt und Aggression zu beleuchten, der Kontext genau unter die Lupe genommen werden: Liegt ein Konflikt zugrunde? Welches Ziel soll mit dem Verhalten erreicht werden, und welche Handlungsalternativen haben die Beteiligten? Werden bestimmte Regeln vereinbart und eingehalten, oder werden psychische oder körperliche Grenzen überschritten (vgl. Gugel 2014, S. 60)? 

Motivation und Intention müssen ebenso in den Blick genommen werden. Wurde Gewalt ausgeführt, um das Gegenüber bewusst zu verletzen? Oder war die Gewaltausübung instrumentalisiert – also Mittel zum Zweck? Oder doch nur ein Nebeneffekt des Handelns „in Kauf genommen“ (vgl. Gugel 2014, S. 61)? 

Ursachen von Gewalt – Statistik 

Gewalt gegen Kinder hat unterschiedliche Formen und demnach auch Ursachen. Kinder können körperlicher, seelischer und sexualisierter Gewalt ausgesetzt sein. Aber auch Vernachlässigung, beobachtete Gewalt (reale Gewalt im häuslichen Bereich / mediale Gewalt) oder indirekt erfahrene Gewalt, wie Armut oder mangelnde Förderung, zählen dazu (vgl. Gugel 2014, S. 82). 

Tatsächlich gibt es kaum verlässliche Aussagen zur Häufigkeit von kindlichen Gewalterfahrungen. Denn es gibt eine große Dunkelziffer, die nicht erfasst wird und außerhalb polizeilicher Kriminalstatistik und gemeldeter, dokumentierter Kindeswohlgefährdung liegt (vgl. Gugel 2014, S. 81). 

Doch schon die Zahlen der aufgedeckten Fälle sind alarmierend: In einer ForsaUmfrage aus dem Jahr 2011 – von der Zeitschrift ELTERN in Auftrag gegeben – gaben 40 Prozent der befragten Eltern an, in den letzten 12 Monaten ihren Kindern mindestens ein bis zwei Mal „einen Klaps auf den Po“ gegeben zu haben – dabei sind „Ohrfeigen“ und „Hintern versohlen“ als Antwort noch nicht miteingerechnet (vgl. Forsa 2011, S. 2). Als Grund für diese Strafmaßnahmen nannten Eltern dafür hauptsächlich, dass ihre Kinder „frech / unverschämt“ (51%) waren, „nicht gehorcht“ (40%) haben oder „ihnen gegenüber aggressiv waren“ (40%) (vgl. Forsa 2012, S. 16). Und sie taten das, obwohl sie wussten, dass es falsch ist: Denn 75 hatten im Anschluss ein schlechtes Gewissen (vgl. Forsa 2011, S. 22). Bei anderen Möglichkeiten, auf unerwünschtes Verhalten von Kindern zu reagieren, geben Eltern zudem an, dass sie oft „laut werden“ (93%) oder „Verbote aussprechen“ (85%) (vgl. Forsa 2011, S. 55). 

Im Jahr 2019 gab es laut polizeilicher Kriminalstatistik mehr als 4000 Kindesmisshandlungsfälle (vgl. Bundesregierung 2020). Die Befunde zeigen, dass Gewalt gegen Kinder trotz des gesetzlichen Verbots weiterhin noch präsent ist. 

Folgen von Gewalt 

Gewalt hat gravierende Folgen. Nicht nur Traumatisierungen und Entwicklungsverzögerungen können Kinder dadurch langfristig begleiten. Gewalt fördert Gewalt. Das bedeutet: Kinder, die Gewalterfahrungen wiederholt erleben, neigen dazu, selbst Gewalt auszuüben und in das eigene Handlungsmuster aufzunehmen oder anderes Risikoverhalten zu zeigen. Dazu zählen Alkoholmissbrauch, aber auch Depression, mangelnde Leistungsfähigkeit, Gedächtnisstörungen und körperliche Auswirkungen stehen im Zusammenhang mit Gewalterfahrungen. Im Kleinkindbereich zeigen sich vor allem im sozial-emotionalen Bereich Verhaltens- und Entwicklungsprobleme (vgl. Gugel 2014, S. 87). 

Prävention – Verhalten vs. Verhältnisse 

Prävention bedeutet übersetzt „zuvorkommen“. Das ist auch genau der Fokus der Gewaltprävention: Was braucht man, um der Gewalt zuvor zu kommen? Dazu kann zum einen auf das Verhalten und was dieses beeinflusst geschaut werden und zum anderen – der viel wichtigere Part – auf die Beeinflussung und Einbeziehung des Umfeldes und der Lebenswelt. Denn diese bedingen das Verhalten zumeist mit. Aber auch politische, kulturelle und gesellschaftliche Dimensionen sind in den Blick zu nehmen (vgl. Gugel 2014, S. 16). 

Gewaltprävention im Elementarbereich – der Handlungsrahmen 

Die Kindertagesstätten und auch Krippen sind die ersten Erfahrungsbereiche der Kinder außerhalb der Familie. Kinder verbringen dort viel Zeit. Im Sinne der Gewaltprävention hat der vorschulische Bereich eine große Bedeutung. Denn die Qualität der Einrichtungen und Angebote beeinflussen den weiteren Weg und die Entwicklung der Kinder mit (vgl. Gugel 2014, S. 130). Die folgenden sechs Aspekte geben einen Rahmen für die Gewaltprävention im Elementarbereich: 

  1. Orientierung geben: Dazu zählen Grenzen setzen, Regeln etablieren, Etikettierung vermeiden, Sozialklima optimieren, Mit- und Umwelt achten sowie Selbst- und Mitbestimmung einüben (vgl. Gugel 2014, S. 131-133) – feste Bestandteile unserer Bildungsbereiche (v.a. Soziales Miteinander und Menschsein in der Welt), aber auch durch unsere Leitlinien (v.a. verbundene Autonomie und autonome Verbundenheit sowie Resilienz) verankert.
  2. Handeln in schwierigen Situationen: Hierzu zählt das Handeln bei Kindeswohlgefährdung – bei uns im Unternehmen ist Franziska Pranghofer die Expertin für all Ihre Fragen zu diesem ThemaDarüber hinaus gibt es dazu Prozessbeschreibungen in Roxtra. 
    Aber auch richtig mit kindlicher Gewalt und Aggression umzugehen, sowie konstruktive Konfliktbearbeitung gehören zu diesem Unterpunkt (vgl. Gugel 2014, S. 134). Mehr dazu können Sie auch in dem Fachnewsletter-Artikel „Konflikte“ nachlesen (Samuel 20201ff.).
  3. Besondere Herausforderungen: In diesem Zusammenhang gilt es Inklusion zu leben, Transitionen gut zu gestalten, gendersensible Pädagogik zu praktizieren und Kinder mit spezifischem Förderbedarf zu unterstützen (vgl. Gugel 2014, S. 134-135).
  4. Guter Kindergarten: Hierunter fällt alles zum Thema Qualitätsmanagement, Raumgestaltung und Weiterbildungsmöglichkeiten. (vgl. Gugel 2014, S. 137-138)
  5. Umfeld einbeziehen: Hierzu zählt die Erziehungs- und Bildungspartnerschaft zu den Eltern, aber auch das Arbeiten in Netzwerken (vgl. Gugel 2014, S. 138-139).
    Alle bisher genannten (Querschnitts-)Themen sind bei uns inhaltlich verankert und durch ExpertInnen aus dem pädagogischen Leitungskreis ausgearbeitet.
  6. Programme und Projekte: Ergänzend zu den bereits genannten Möglichkeiten Gewaltprävention in element-i Kinderhäusern zu leben, nämlich pädagogisch gute Arbeit entsprechend der inhaltlichen Ausgestaltung der frühkindlichen Themen, können Programme und Projekte genutzt oder entwickelt werden (vgl. Gugel 2014, S. 141). Dazu muss das jeweilige Kinderhaus allerdings ganzheitlich in den Blick genommen und die Optimierungsbedarfe herausgefunden werden: welche oben genannten Themenbereiche werden schon gut umgesetzund welche noch nicht zufriedenstellend? Anschließend gilt es weitere Schritte zu planen (Projektplan erstellen). 

Wie Sie sehen, sind wir in unserem Netzwerk theoretisch sehr gut aufgestellt, um Gewaltprävention mit all ihren Ebenen in unseren element-i Kinderhäusern zu leben. Und in der Praxis wird schon viel davon umgesetzt. Vielleicht hat Sie dieser Artikel zum Nachdenken angeregt, welchen Bereich Sie sich genauer anschauen wollen und dadurch die pädagogische Qualität in den Häusern weiter optimieren können. 

Literatur: 

Bundesregierung (2020): Kindeswohl hat höchste Priorität. Abrufbar unter: https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/missbrauchszahlen-1752038 (zuletzt aufgerufen am 21.11.2020) 

Forsa (2011): Gewalt in der Erziehung. Abrufbar unter: https://www.eltern.de/public/mediabrowserplus_root_folder/PDFs/Studie_forsa_Gewalt%20in%20der%20Erziehung_2011.pdf (zuletzt aufgerufen am 7.12.2020) 

Gugel, Günther (2014): Handbuch Gewaltprävention III. Für den Vorschulbereich und die Arbeit mit Kindern. Grundlagen – Lernfelder – Handlungsmöglichkeiten. Berghof Foundation. 

Samuel, Denise (2020): Konflikte. In Fachnewsletter des Pädagogischen Leitungskreises. Ausgabe 14 vom Oktober 2020, S. 1-4 

Weltgesundheitsorganisation (2003): Weltbericht Gewalt und Gesundheit. Zusammenfassung. Abrufbar unter: https://www.who.int/violence_injury_prevention/violence/world_report/en/summary_ge.pdf (zuletzt aufgerufen am 21.11.2020)

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