Der Gleichgewichtssinn – das vestibuläre System

Woran denken Sie, wenn Sie das Wort Gleichgewicht hören? Ich habe unmittelbar Bilder aus meiner Kindheit im Kopf, von Mauern in unserer Straße und von Hügeln und Baumstämmen im Wald, die ich immer wieder mit Begeisterung emporgeklettert und abgelaufen bin. Bei näherem Nachdenken verlaufen meine Gedanken zum inneren Gleichgewicht und es stellt sich die Frage: Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem seelischen und körperlichen Gleichgewicht? Ich knüpfe mit diesem Artikel an meinen Beitrag zum Thema Körperbewusstsein an, welcher die Bedeutung von Körperwahrnehmungen für ein positives subjektives Körperbewusstsein erläutert. Im vorliegenden Artikel wird ein Blick darauf geworfen, welchen Beitrag der Gleichgewichtssinn für das Körperbewusstsein leistet.

Das vestibuläre System  

Der Begriff vestibulär kommt von „vestibulum“ und bezieht sich auf den Vorhof des Gehör-Organs. Denn neben den beiden Innenohren liegen die Gleichgewichtsorgane: die Bogengänge und Vorhofsäckchen (auch Labyrinth genannt).  

Das vestibuläre System verarbeitet Informationen über die Lage des Körpers im Raum, die Auswirkungen der Schwerkraft auf die Lage des Körpers im Raum sowie die Schnelligkeit der Bewegungen (Wahrnehmung von linearer Beschleunigung). Das vestibuläre System unterstützt bei der Bewegungskoordination dahingehend, dass wir bei Bewegungen eine statische Außenwelt und einen bewegenden Körper erleben und nicht umgekehrt (vgl. Zimmer 2019, S. 133f).  

Durch die drei Bogengänge auf jeder Kopfseite ist es möglich, Veränderungen auf drei räumlichen Hauptachsen wahrzunehmen. Die Zellen mit den feinen Sinneshaaren nehmen jede Veränderung und jede Beschleunigung wahr. Über mehrere Nervenfasern werden Informationen aus den Bogengängen über den Gleichgewichtsnerv weitergeleitet und mit den visuellen Signalen und der Körperhaltung abgestimmt (vgl. Groschwald, Rosenkötter 2016, S. 95). Das vestibuläre System ist sehr sensibel. Bereits kleinste motorische Veränderungen von Bewegungsgeschwindigkeit oder Bewegungsrichtung veranlassen eine Wirkung, einen sensorischen Input, im Gehirn (vgl. Ayres 2016, S. 55).  

Unterscheiden kann man das statische Gleichgewicht (Gleichgewicht-Halten im Stand) vom dynamischen Gleichgewicht (Gleichgewicht in der Fortbewegung aufrechterhalten). Beim Objektgleichgewicht geht es um das Balancieren von Materialien in Verbindung mit statischem und dynamischem Gleichgewicht. Differenzieren kann man zudem nach der Art des Untergrundes: Gleichgewichtserhaltung auf verringerten Unterstützungsflächen (z. B. Bordsteinkante, Balken), auf labilen Untergründen (z. B. Kissen, Matten, weiche Böden) oder auf erhöhten Untergründen (Kasten/Bänke) (vgl. Zimmer 2019, S. 135).  

Das vestibuläre System entwickelt sich bereits früh in der Schwangerschaft. Die Anlagen werden bereits in der neunten Schwangerschaftswoche angelegt, und bis zum fünften Schwangerschaftsmonat ist das vestibuläre System entwickelt und liefert bereits Sinnesinformationen an das Gehirn des Fötus (vgl. Ayres 2016, S. 55). Das sinnliche Urerlebnis, also die schaukelnden Lageveränderungen im Fruchtwasser sowie die wiegenden Bewegungen im Arm der Mutter fördern die Weiterentwicklung des Sinnes. Die ersten größeren Herausforderungen im Zusammenspiel mit der Erdanziehungskraft stellen sich dem Säugling im ersten Lebensjahr insbesondere beim Heben und Halten des Kopfes, beim aufrechten Sitzen oder bei den Gehversuchen (vgl. Zimmer 2019, S. 136).  

Körperkoordination und -orientierung  

Der Gleichgewichtssinn ist verantwortlich für die Aufrechterhaltung des Körpers (Körperkoordination) und die Orientierung im Raum. Er ist weiterhin dafür zuständig, dass der Körper Beschleunigungen und Drehbewegungen wahrnimmt und sich mit seinen Bewegungen an die Umwelt anpasst. Dies ist sehr wichtig, denn ohne diesen Sinn könnte der Mensch sich nicht im Raum orientieren und aufrecht gehen (vgl. Zimmer 2019, S. 130). 

Ayres betont sogar die besondere Bedeutung des vestibulären Systems. „Von allen Sinnesorganen sind die vestibulären Rezeptoren am empfindlichsten. Die Natur macht ein Sinnessystem nur dann so hochempfindlich, wenn dessen Informationen äußerst wichtig sind für die Anpassung“ (Ayres 2016, S. 89). Ayres verdeutlicht zudem die enorm schnell ablaufenden Prozesse der sensorischen Integration: „Lange bevor das Gehirn visuelle und auditive Reize verarbeitet, nimmt es Gleichgewichtsreize wahr und reagiert darauf“ (Ayres 2016, S. 89). Unterschätzt wird der Gleichgewichtssinn allzu oft, da die unzähligen Prozesse außerhalb des Bewusstseins ablaufen.   

Der Gleichgewichtssinn schützt den Körper vor andauerndem Hinfallen. Er nimmt Wahrnehmungen und Eindrücke aus der Umwelt wahr und reagiert bei Bedarf mit Anpassungsleistungen in Form von Lage und Haltungsveränderungen. Bei unsicherem Stand werden beispielsweise Ausgleichsbewegungen mit den Armen gemacht, um nicht hinzufallen (vgl. Zimmer 2019, S. 130).

Zu den ungünstigen Folgen von beeinträchtigten vestibulären Sinnen zählen unter anderem reduzierte Bewegungsfreude, Vermeidung von Aktivitäten wie Roller-/Fahrradfahren, Schwierigkeiten in der Haltungskontrolle, Fallneigung (vgl. Groschwald, Rosenkötter 2019, S. 97). 

Zusammenspiel mit anderen Sinnen  

Das vestibuläre System spielt eine vereinende zentrale Rolle, da alle Sinnesempfindungen in Bezug zu den vestibulären Informationen verarbeitet werden. Der vestibuläre Input fördert die Funktion des ganzen Nervensystems. Innerhalb des Prozesses der sensorischen Integration werden die Sinneseindrücke aller Sinnessysteme verknüpft und zu präzisen Wahrnehmungen verknüpft. Wenn das Gleichgewichtssystem nicht ausreichend gut funktioniert, besteht die Gefahr, dass Sinnesempfindungen unzuverlässig und ungenau aufgefasst und kombiniert werden (vgl. Ayres 2016, S. 56f).  

Ayres nennt die vestibulären Organe „Kommunikationszentren“, da diese die Gleichgewichtsinformationen mit Informationen der Muskeln, Gelenke, Haut, Augen, Ohren verknüpfen (vgl. Ayres 2016, S. 89).  

Eine Verknüpfung von vestibulären Reizen mit taktilen, propriozeptiven, visuellen und auditiven Impulsen trägt zur Wahrnehmung des Körpers im Raum, der Position im Raum sowie der Orientierung im Raum bei. Bei einer Reizüberflutung des vestibulären Systems merken wir die Effekte im Körper, nicht im Innenohr (zum Beispiel Schwindel nach dem Karussell-Fahren oder Übelkeit bei Seekrankheit) (vgl. Ayres 2016, S. 55).  

Zur Entwicklung der visuellen und auch auditiven Wahrnehmung braucht es vestibuläre Impulse und umgekehrt sind fein abgestimmte motorische (Anpassungs-)Bewegungen erst durch ein Zusammenspiel mit visuellem und taktilem System möglich (vgl. Groschwald, Rosenkötter 2016, S. 96).  

Die Sinnesempfindungen des vestibulären Systems werden mit den Wahrnehmungen anderer Sinne, insbesondere mit Informationen der propriozeptiven und taktilen Sinnessysteme, verknüpft und beeinflussen das Körperschema (vgl. Ayres 2016, S. 136).  

Durch die Leistungen der Bogengänge ist es möglich, den Kopf zu drehen und zu neigen, ohne die Orientierung zu verlieren und zu wissen, wo oben und unten ist. Für die Kopf- und Körperhaltung ist das Zusammenspiel mit der visuellen Orientierung wichtig, aber nicht zwangsläufig notwendig. So ist zum Beispiel auch in einem dunklen Raum, in dem man nichts sehen kann, eine aufrechte Körperhaltung möglich (vgl. Groschwald, Rosenkötter 2019, S. 96).  

Die Bogengänge lassen sich mit einem Navigationsgerät im Flugzeug vergleichen: Das Flugzeug kann auf drei Achsen gesteuert werden. Wenn das Navigationsgerät defekt ist, ist unklar, in welche Richtung sich weiterbewegt werden muss. Visuelle Informationen allein sind ohne vestibuläre Informationen nutzlos, es braucht ein Bezugssystem (vgl. Ayres 2016, S. 56). 

Bezug innere Balance – „Ich bin stabil“

Viele Redensarten weisen auf einen Zusammenhang zwischen seelischem und körperlichem Gleichgewicht hin: „aus dem Lot geraten“, „mit beiden Beinen fest im Leben stehen“, „die Welt steht auf dem Kopf“, „den Boden unter den Füßen verlieren“, „Fuß fassen“, „auf eigenen Füßen stehen“, „auf dem falschen Fuß erwischen“ … (vgl. Zimmer 2019, S. 129). Viele Redewendungen zum Gleichgewicht haben zudem einen emotionalen Bezug wie zum Beispiel die Aussage „Kopf hoch“ soll ermuntern, Orientierung erleichtern oder Zuversicht herstellen.  

Die Wahrnehmung unserer individuellen Innen- und Außenwelt ist abhängig von der Entwicklung und Ausprägung der Sinne. Über die sinnlichen Wahrnehmungen des vestibulären Sinns erleben Kinder Selbstwahrnehmung, Selbstverständnis und sich seiner selbst bewusst zu sein. Eine große Aufgabe besteht in der Entwicklung einer seelischen, körperlichen und mentalen Stabilität. Der Gleichgewichtssinn, als Sinn für Balance und Ausgeglichenheit, trägt zu einer Organisation der äußeren und inneren Bewegungen bei, und Kinder erhalten eine Orientierung über sich (Selbstempfinden) und ihre Umwelt. Neue Reize werden als neue Erfahrungen analysiert und mit Gefühlen belegt. Je nach Vorerfahrung können die Gefühle zu unterschiedlichen Verhaltensweisen führen und Bewegungsmuster prägen (vgl. Malaizier, Strotkötter 2018, S. 10ff.).  

Menschen mit einer vestibulären Empfindsamkeit neigen dazu, sich Situationen mit beispielsweise Balancieren oder Klettern auf höhere Gegenstände zu entziehen und unter Umständen schalten sich das vegetative Nervensystem (Atmung, Blutdruck etc.) sowie dazugehörige Emotionen unmittelbar ein (vgl. Groschwald, Rosenkötter 2016, S. 97f).  

Bei einer guten Integration des vestibulären Systems erfährt man die Schwerkraftsicherheit. Damit ist das Vertrauen gemeint, mit beiden Füßen fest und sicher auf der Erde zu stehen (vgl. Ayres 2016, S. 99). Und Sicherheit gibt uns das Gefühl von Stabilität, äußerlich und innerlich.  

Beitrag zur kindlichen Entwicklung

Kinder brauchen täglich vielfältige sensorische Wahrnehmungen, unter anderem um ihr Sinnessystem und die Koordination von Reizen und Bewegungen zu differenzieren. Eine gute Verarbeitung von vestibulären Informationen ist bei Kindern so bedeutsam, weil sich durch die anpassenden Reaktionen eine gute, fein abgestimmte sensorische Integration und somit Körperkoordination entwickelt.  

Schauen Sie bei Ihren Beobachtungen hin, wie umfangreich und ausgeprägt die Ausgleichsbewegungen der Kinder bei ihren Aktivitäten sind, um das Gleichgewicht zu stabilisieren. Fällt Ihnen auf, ob Kinder immer wieder Aktivitäten ablehnen, wo es um Balance und Körperhaltung geht? Und wenn ja, warum lehnen sie die Aktivitäten ab? Wie gut gelingt es den Kindern, sich beim Hinfallen abzustützen?  

Kinder mit vestibulären Unsicherheiten brauchen unbedingt eine gute Dosierung von vestibulären Impulsen sowie Wiederholungen und geduldige Entwicklungsbegleiter*innen, die die kleinen Erfolge positiv bestärken (vgl. Groschwald, Rosenkötter 2019, S. 99). Zu vestibulären Impulse zählen Schaukel-, Wipp-, Kletter- und Hüpfmöglichkeiten sowie Bewegungen auf unterschiedlichen und schiefen Ebenen.  

Klebestreifen auf dem Boden laden zu unterschiedlichen motorischen Spielen ein. Wer sagt, dass Balancieren auf einer Linie/einem Balken langweilig ist, der kann ausprobieren, wie beispielsweise Menschen in Afrika Gegenstände auf den Kopf transportieren. Balancieren kann auch heißen, dass ein sitzendes Kind (evtl. ohne sich festzuhalten) von anderen Kindern auf einem kleinen Teppich oder einer Decke gezogen werden. Hier werden gleich alle Beteiligten zum Balance-Halten angeregt. Eine weitere kleine Herausforderung kann es sein, Gegenstände auf einem Balancierbalken zu überwinden.   

Ein Ausflug in die Natur bietet vielfältige Möglichkeiten und bedarf keiner Vorbereitung. Er trägt zur Entwicklung des Gleichgewichtssinns bei. So fördert beispielsweise das Erklimmen eines Hügels mit unebenem Untergrund nicht nur die Sensibilität des Gleichgewichtssinns, sondern zaubert ein stolzes Strahlen bei Kindern hervor, wenn sie oben angekommen sind. Viel Freude kann es auch machen, über Dreh- und Rollbewegungen der Körperlängs- und -querachse den Hügel hinunterzurollen.  

Aber es sind auch die kleinen Dinge draußen, die spannende Anregungen für Spiele mit dem Gleichgewicht bieten können – wie z. B. eine Bordsteinkante (natürlich in einem verkehrsberuhigten Bereich). Und wie bei allen alltäglichen Dingen lernen Kindern in einem hohen Maß durch Nachahmen von Bezugspersonen: d.h. aktive, sich bewegende Erwachsene sind die besten Vorbilder, die Freude an Bewegung vermitteln und begeistern. 

Nun hüpfe ich in meinen Gedanken den Baumstamm hinunter und wünsche Ihnen, dass Sie den Kopf nicht hängen lassen, Sie nichts aus dem Takt bringt und all Ihre Vorhaben Hand und Fuß haben.  

Literaturnachweise  

Ayres, A. Jean (2016): Bausteine der kindlichen Entwicklung. Berlin, Heidelberg  

Behres, Katja (2021): Das bin ich und das kann ich! Fach-Newsletter des pädagogischen Leitungskreises. Ausgabe 19, Stuttgart, S. 6-8  

Groschwald, Anne; Rosenkötter, Henning (2016): Vom Wahrnehmen zum Lernen. Freiburg  

Malaizier, Karin; Strotkötter, Ilse-Marie (2018): Fünfter, Sechster, siebter Sinn. Dem Spüren auf der Spur. In: TPS Theorie und Praxis der Sozialpädagogik: Ästhetische Bildung. Sinnliche Wahrnehmung. 2/2018, S. 10-13 

Zimmer, Renate (2019): Handbuch Sinneswahrnehmung. Freiburg

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