Kleinkinder beim Entdecken der Sprache begleiten

Im Orientierungsplan von Baden-Württemberg ist der wunderbare Satz Sprechen lernt man nur durch Sprechen zitiert. Er findet sich nicht nur dort, sondern auch in zahlreichen Fachbüchern zur sprachlichen Bildung und ist so einfach wie wahr. Gleichzeitig kritisieren die Autor*innen, dass mit Kindern nicht genügend gesprochen würde (Ministerium für Kultus, Jugend und Sport 2015, S. 131) – ein alarmierender Befund. Und wie schaut es bei der Qualität gesprochener Sprache aus? Denn dass allein die Menge an sprachlichem Input durch Erwachsene den Kindern nütze, das glaubt wohl niemand. Zu Recht: Denn viel hilft bekanntlich nicht viel. Es kommt auf geeignete sprachliche Impulse an. Dafür brauchen Pädagog*innen in Krippen und Kitas genügend Wissen zu alltagsintegrierter sprachlicher Bildung und über die Meilensteine der sprachlichen Entwicklung von Kindern, mahnen auch die Autor*innen des Abschlussbericht„Sprach-Kitas“ an (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2015, S. 71). 

Wenden wir uns den Bereichen zu, die Sie als Pädagog*innen in der Praxis mit den Jüngsten gestalten können. Worauf kommt es im Alltag an? Wie schaffen Sie Möglichkeiten zum Sprechen und qualitativ hochwertige dazu? Auch zu diesen Fragen habe ich die Bildungspläne durchgesehen und folgende zentrale Aspekte gefunden, die pädagogische Fachkräfte wenig überraschen: 

Sich dem Kind zuwenden: Als eine oder die zentrale zuständige Bezugsperson bauen Sie den Kontakt zum Kind auf, wenden Sie sich ihm zuso wie das Kind sich auch Ihnen zuwendet. Sie greifen die Themen und Äußerungen des Kindes auf, versprachlichen die Handlungen des noch jungen Kindes, registrieren seine Erfolge und machen diese fürs Kind sichtbar. Sie erweitern oder modellieren die Äußerungen des Kindes – dem Entwicklungsstand des Kindes angemessen. Und Sie lassen dem Kind Zeit zu antworten, Sie hören ihm aktiv zuDamit sind Sie Sprachmodell und Sprachvorbild zugleich (vgl. Bildungsgrundsätze Nordrhein-Westfalen, S. 92) – zu jeder Zeit am Tag und jeden Tag und für jedes Kind.  

Meine Empfehlung: Notieren Sie über einige Tage hinweg, ob Sie für jedes Kind in Ihrer Kohorte oder Gruppe ein passendes Sprachvorbild sindOder fertigen Sie – noch besser – von bestimmten Situationen, die Sie analysieren möchten, ein Video an. Wie sprechen Sie mit dem Kind? Was sind typische Sätze, die genutzt werden? Bauen Sie Blickkontakt zum Kind auf, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen? Halten Sie fest, bei welchen Kindern Sie aktiver sein möchten und wie, bei welchem Kind Sie sich etwas zurücknehmen möchten. Und suchen Sie sich im Team eine Partner*in, die gemeinsam mit Ihnen reflektiert und Ihren Blick auf die Kinder bereichert. Seien Sie ehrlich mit sich und halten Sie auch fest, wenn Verbote und Befehle im sprachlichen Repertoire (zu) sichtbar sind.  

Klare Routinen im Alltag: Bereits die Begrüßung ist jeden Tag die erste Gelegenheit, sich dem Kind zu widmen, es anzulächeln, Blickkontakt herzustellen und mit ihm zu sprechen. Ein freundlicher Austausch mit den Eltern des Kindes zeigt auch dem Kind, dass es und seine Familie willkommen sind. Der Alltag in den element-i-Kinderhäusern hat eine klare Struktur, die allen Kindern Orientierung bietet: Essenszeiten, Freispiel und Impuls, Anspannung und Entspannung, Singkreis und Händewaschen. Prüfen Sie für sich und/oder mit einer Kolleg*in, ob die Jüngsten die einzelnen Stationen des Tages genießen können und davon profitieren. So manche Routine mag sinnvoll sein aus der Sicht von uns Erwachsenen. Aber ist sie es auch aus der Sicht des Kindes? Nutzen Sie beispielsweise die Wickelsituation für Sprachspiele, fürs Benennen der Körperteile, für lebendige Partizipation? Wird eine Mahlzeit genutztum neue Begriffe, Adjektive und Geschmacksrichtungen kennenzulernen? 

Möglichkeiten schaffen, dass Kinder mit ihren Lautproduktionen spielen, Klänge erfahren und damit experimentieren. Kinder brauchen zahlreiche Gelegenheiten, mit anderen Kindern in Interaktion zu treten. Dabei können Sie als Pädagog*in mitunter wunderbare Begebenheiten beobachten: junge Kinder, die einem anderen Kind etwas vorlesen bzw. so tun als obKleinstkinder, die miteinander brabbeln und bereits alle Regeln für einen Dialog beherrschen; Kinder, die einander helfen oder sich gekonnt durchsetzen. Erinnern Sie sich täglich an solche wunderbaren Ereignisse und halten Sie sie auf den DIN-A5Beobachtungsbögen fest. Daraus kann ein reicher Schatz fürs Portfolio, den element-i-Bogen, eine Wand-Dokumentation werden. 

Eine sprachanregende Umgebung schaffenDie element-i-Kinderhäuser haben eine Leseecke, eine Sprachwerkstatt oder einen Raum, der Buchstäbchen oder Li-La-Leseraum heißt. Wie auch immer die Räume oder Bereiche benannt sind, Sprache ist selbstverständlich in allen Räumen bzw. Bildungsbereichen verortet. Die einfachste Methode, die Räume oder Funktionsecken zu überprüfen, ist die: Schauen Sie den Raum aus den Augen der Kinder an. Was würden Sie als Kind attraktiv finden? Gibt es genügend Bücher, die man sich nehmen darf – auch Bücher in den Muttersprachen der Kinder? Finden sich Wanddokumentationen, die das Thema des Raumes ergänzen? Sind Regale so mit Fotos bzw. Schriftzeichen ausgestattet, dass ein Kind die Autos, Legos oder Bücher zurückräumen kann? Wechseln die Materialien von Zeit zu Zeit und spiegeln sie die Themen der Kinder wider? 

Der Satz „Sprechen lernt man nur durch Sprechen“ hat seine Berechtigung. An den Antworten auf die Frage, wie die Erwachsenen die sprachliche Umgebung für die Jüngsten qualitativ hochwertig ausgestalten, muss stetig weiter gearbeitet werden.


 Kleine Projekte für die sprachliche Bildung 

Frösche, Hühner, Schnecken, Kindergeburtstag, Nikolaus oder Weihnachten. Die Autorin Eva Danner (2013) hat zu jedem der insgesamt 10 Themen in ihrem Buch „Krippenkinder entdecken die Sprache!“ eine Auswahl an Aktivitäten zusammengestellt, die man im Krippen-Alltag leicht einplanen kann. Hat die Kindergruppe beim letzten Spaziergang beispielsweise eine Schnecke entdeckt, so lässt sich aus den Vorschlägen im Buch die eine oder andere Idee – thematisch passend – aufgreifen:  

  • eine Geschichte über die Lebensweise der Schnecke und was sie besonders gern isst, 
  • ein Lied nach einer bekannten und einfachen Melodie, das den Jüngsten neue Wörter rund ums Thema Schnecken näherbringt und draußen gesungen werden kann,  
  • ein rhythmischer Sprechvers, der von der Schnecke Klaus erzählt und die Kinder teilhaben lässt, wann Klaus lieber draußen und wann er lieber drinnen ist. 

Neben Geschichten, Liedern, Versen sind auch Massagegeschichten, Fingerspiele, Kniereiter, Bewegungsspiele im Buch enthalten und Tipps für die altersgerechte Umsetzung mit den Kindern unter drei Jahren.  

Und Sie haben sicherlich in der Krippe weitere Ideen, wie die Schnecke in die Bildungsbereiche kommt. Ob sie aus Knete im Atelier geformt wird oder im Bewegungsraum als Parcours aufgegriffen wird – die Möglichkeiten sind vielfältig.


Literatur 

Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen; Staatsinstitut für Frühpädagogik (2010): Bildung, Erziehung und Betreuung von Kindern in den ersten drei Lebensjahren. Handreichung zum Bayerischen Erziehungsplan für Kinder in Tageseinrichtungen bis zur Einschulung. verlag das netz: Weimar, Berlin 

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2015): Abschlussbericht zum Bundesprogramm „Schwerpunkt-Kitas Sprache und Integration“. Abrufbar unter: https://sprach-kitas.fruehe-chancen.de/fileadmin/PDF/Sprach-Kitas/Abschlussbericht_SPK_final.pdf (zuletzt aufgerufen am 20.9.2020) 

Danner, Eva (2013): Krippenkinder entdecken die Sprache! Geschichten, Fingerspiele, Kniereiter und Co. Für das ganze Jahr. Verlag an der Ruhr: Mülheim 

Ministerium für Kultus, Jugend und Sport (2015): Orientierungsplan für Bildung und Erziehung in baden-württembergischen Kindergärten und weiteren Bildungseinrichtungen. 2. Auflage. Herder: Freiburg i. Br. 

Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen; Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen (2016): Bildungsgrundsätze für Kinder von 0 bis 10 Jahren in Kindertagesbetreuung und Schulen im Primarbereich in Nordrhein-Westfalen. Herder: Freiburg i. Br.

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Christina Henning
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