Mit Kindern über Trauer sprechen

Kinder mit Themen wie Tod oder auch Trauer zu konfrontieren, wird von vielen Erwachsenen vermieden. Dahinter mag die Sorge stecken, die Kinder würden übermäßig belastet – und davor möchte man sie bewahren. Die Erwachsenen verkennen, dass sie die Kinder damit aus Trauerprozessen wie auch dem Umgang mit dem Tod ausschließen. Und dabei ist der Tod – auch im Kinderhaus-Alltag – allgegenwärtig: Eine Amsel fliegt gegen die Scheibe der Kita und stirbt. Auf dem Waldtag finden die Kinder eine tote Maus. Ein Kind kommt in die Einrichtung und berichtet, dass die Familien-Katze verstorben ist oder sogar ein geliebter Mensch.

Die Pädagog*innen kommen bisweilen in Erklärungsnöte oder versuchen, der Trauer der Kinder mit Beschwichtigungen wie „Die Katze sitzt jetzt auf einer Wolke und schaut dir zu“ zu begegnen. Dabei ist es wichtig, Kindern das Trauern zuzugestehen und den Verlust, den sie erlebt haben, zu verarbeiten oder die Fragen, die sie sich und anderen stellen, zu beantworten. Wie können Sie im Kinderhaus-Alltag in angemessener Form mit Trauer und Tod umgehen?

Kinder haben Fragen über Sterben und Tod

Wird ein Tier, wie etwa eine Amsel am Fenster oder eine Maus beim Spaziergang, tot aufgefunden, stellen die Kinder mitunter Fragen wie: „Schläft die Maus nur?“ oder „Wenn die Maus dann lange genug tot gespielt hat, dann wacht sie schon auf, oder?“. In Situationen wie diesen braucht es kein besonderes Setting für ein Gespräch über den Tod. Vielmehr ist es wichtig, den Kindern wahrheitsgemäß zu antworten. Geben Sie auf die Fragen, die die Kinder stellen, direkte und knappe Antworten. Das befriedigt oftmals das erste Interesse der Kinder. Es sollte Sie als erwachsene Begleiter*innen nicht irritieren, wenn Kinder „nur“ nüchtern die eine Frage stellen, die sie in dem Kontext gerade interessiert, und dann wieder zu ihrem vorherigen Thema oder Spiel zurückkehren.

Es kann ebenso vorkommen, dass ein Kind die Idee äußert, die Amsel zu beerdigen, weil es schon einmal gehört hat, dass man so etwas mit Toten macht. In den element-i Kinderhäusern oder besser in den element-i Gärten wurden und werden Beerdigungen zeremoniell begangen. Davon berichten Pädagog*innen von Zeit zu Zeit. Auf das Grab des verstorbenen Tieres wird zum Beispiel ein Kreuz wie auf dem Friedhof angebracht. Die Kinder versammeln sich um das Grab und zelebrieren eine Beerdigung nach ihren Vorstellungen. Auch bei solchen Beerdigungen kann es Kinder geben, die kurz vorbeischauen und feststellen, dass das gerade nicht ihr Thema ist und wieder verschwinden.

Die Antennen der Kinder sind sehr fein, und so bemerken sie genau, ob Ihnen ein Gespräch zum Thema Trauer und Tod unangenehm ist oder nicht. Und das kann den weiteren Gesprächsverlauf maßgeblich beeinflussen.

Trauer um eine nahestehende Person

Wie bereits angedeutet, unterscheidet sich die kindliche Trauer zu der von Erwachsenen an einigen Punkten. So trauern Kinder mit ihrem ganzen Körper. Wir können es viel deutlicher in ihrem Verhalten erleben als bei Erwachsenen, sie weinen häufiger und besonders in dem Moment, in dem sie die Trauer empfinden. Denn Kinder leben, wie wir wissen, in der Gegenwart, und so ist es nicht ungewöhnlich, dass auf Momente tiefer Trauer ausgelassenes Spiel folgt. Erwachsene versuchen häufiger, ihre Gefühle zu beherrschen, wenn sie der Meinung sind, Zeitpunkt und Ort wären für die Trauer unangebracht. Kinder sind in im Gegensatz dazu spontan und aufrichtig. Reaktionen wie Wut, Protest oder große Trauer können dabei immer wieder an- und abschwellen. Bei Kindern vermischt sich noch häufig die Fantasiewelt mit der Realität. Kinder entwickeln eigene Ideen, wo der Verstorbene nun sein könnte oder was dieser nun so macht. Hierdurch, wie auch durch die Ambivalenz im Trauerverhalten, versuchen die Kinder sich den schwierigen Situationen zu entziehen, die sie als anstrengend empfinden oder die sie überwältigen.

Dennoch muss den erwachsenen Begleiter*innen bewusst sein, dass ein Kind auch dann trauert, wenn es nicht durchgehend weint. Der Verarbeitungsprozess macht sich z. B. durch Verhaltensweisen wie plötzliches Toben oder Schreien sowie Nachahmungen im Rollenspiel bemerkbar.

Auch gibt es Kinder, die einen nahen Angehörigen verloren haben und für ihre Eltern keine Belastung darstellen wollen und sich zusammennehmen. Im Allgemeinen ist es ratsam, mit den Eltern eines trauernden Kindes ins Gespräch zu gehen, um über den innerfamiliären wie auch kulturellen Umgang mit dem Thema Trauer und Tod Informationen zu erhalten und in einen Austausch zu gehen. Hierbei können Empfehlungen von Margit Franz hilfreich sein:

Abschied ermöglichen: Auch Kinder möchten sich von der gestorbenen Person verabschieden. Zum Beispiel könnten Kinder die Möglichkeit bekommen, den Verstorbenen zu sehen oder gar zu berühren, um „erfassen“ zu können, dass der geliebte Mensch tot ist.

Alltag gibt Sicherheit: Rituale und ein gut gelebter Alltag geben Kindern Sicherheit, Orientierung und Halt. So sollten Aufsteh- oder Zu-Bettgeh-Rituale beibehalten werden, genauso wie das Wahrnehmen von der Tagesbetreuung oder sportlichen Aktivitäten. Das hilft Kindern zu verstehen, dass sich durch die veränderte Familiensituation nicht das gesamte Leben verändern muss.

Achtsamkeit und Aufmerksamkeit: Nicht nur Erwachsene werden in Krisensituationen verunsichert, auch Kinder spüren, dass etwas in der Familie vor sich geht. Gerade in dieser Zeit ist es wichtig, sich dem Kind zuzuwenden und aufmerksam zu sein für die Bedürfnisse des Kindes.

Authentisch bleiben und Vorbild sein: Kinder können damit umgehen, wenn sie die Gefühle von Erwachsenen sehen und einordnen können. Das kann für sie einfacher sein, als zu erleben, dass Erwachsene versuchen, „normal“ zu sein und ihre Gefühle zu verstecken. Wir sollten Kindern auch die Möglichkeit geben, Trost zu spenden, wenn sie das möchten.

Ganz wichtig ist, dass wir Kindern vertrauen sollten. Sie sind in der Lage, eigene Wege aus der Trauer zu finden – so wie sie auch in der Lage sind, andere Entwicklungsschritte zu meistern. Dies kann ihnen jedoch nur gelingen, wenn sie auch zu diesem traurigen Thema einen Zugang bekommen und auf Erwachsene treffen, die empathisch auf sie eingehen und sich nach den kindlichen Bedürfnissen und im Tempo des jeweiligen Kindes oder der Kindergruppe der schmerzhaften Thematik nähern.

Tod und Trauer in anderen Kulturen

Für einen anderen Blick auf die Themen Tod, Sterblichkeit und Trauer möchte ich Ihnen Umgangsformen und Rituale aus anderen Kulturkreisen zur Verfügung stellen:

Auf der indonesischen Insel Sulawesi lebt ein Volk, die Toraja, welche den Tod als den Höhepunkt des Lebens feiern. So wird der Tote zunächst zu Hause aufbewahrt, was sich über mehrere Monate hinziehen kann, da die Toraja hauptsächlich zwischen Juni und August ihre Begräbnisse abhalten. Das stimmt die Familie wie auch die Geister, an die dieses sehr naturverbundene Volk glaubt, glücklich und erfüllt sie mit Freude. Mehrere Tagelang feiern die Menschen den Tod und verwandeln diesen in ein Fest. Je mehr Menschen mitfeiern, umso angesehener war der Tote. Ebenso werden die Mumien am Ma’Nene exhumiert und frisch angezogen, um dann durch das Dorf geführt zu werden (Asien Special Tours 2015).

Dia de los Muertos: In Mexiko feiert man bereits seit dem 16. Jahrhundert den Tag der Toten und ursprünglich geht dieser Brauch auf die Azteken zurück. Nach mexikanischem Glauben kehren an diesem Tag die Toten zu ihren Angehörigen zurück, um sie zu besuchen. Und so wird an diesem Tag nicht nur der Tod, sondern auch das Leben gefeiert. Die Feierlichkeiten erstrecken sich insgesamt über drei Tage. Dabei werden die Lieblingsspeisen und -getränke der Verstorbenen angeboten, und es wird ausgelassen gefeiert. Es gehört auch dazu, sogenannte Ofrendas (Willkommensgeschenke) für die Verstorbenen in der Wohnung und an Lieblingsplätzen der Verstorbenen zu platzieren. Das soll ihnen signalisieren, dass sie auf der Welt willkommen sind. Übrigens ist dieser Ritus seit 2003 auch Teil des UNESCO-Weltkulturerbes (Ward 2017).

Bei unseren Nachbarn in Holland wird eine Urne nach der Einäscherung für vier Wochen im Krematorium aufbewahrt, um „auszukühlen“. In dieser Zeit soll die Familie zur Ruhe kommen, sich sammeln und dann entscheiden, wo der Verstorbene seine „letzte Ruhe“ finden soll.

Auch in Deutschland gibt es mittlerweile einige neue Möglichkeiten der Bestattung. Nicht jeder oder jede Tote muss auf einem Friedhof die letzte Ruhe finden. Je nach dem Willen des Verstorbenen kann es Wald-, See- oder Ballonbestattungen geben.

Jede Person begegnet diesem Thema auf ihre Weise. Die Kinder sollten einen für sie passenden Weg finden und nicht unbedingt den von Ihnen individuell gewählten Weg mitgehen. Geben Sie den Kindern Raum für verschiedene Wege. Sollten Sie spüren, dass Sie Schwierigkeiten in der Auseinandersetzung mit dem Themen Tod und Trauer haben, zögern Sie nicht, sich bei einem nahestehenden Menschen oder einer professionellen Stelle zu holen.

Literatur:

Asien Special Tours (2015): Leben mit dem Tod: die Begräbnisriten der Toraja auf Sulawesi. Abrufbar unter:
https://www.indonesien-rundreisen.de/indonesien-blog/tana-toraja-indonesien/ (zuletzt aufgerufen am 25.5.2021)

Franz, Margit (o.J.): Handout zum Seminar „Trauern mit Kindern“. Unveröffentlichtes Manuskript. Darmstadt

Ward, Logan (2017): 10 Dinge, die man über den Día de Muertos wissen sollte. Abrufbar unter:
https://www.nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2017/10/10-dinge-die-man-ueber-den-dia-de-muertos-wissen-sollte (zuletzt aufgerufen am 25.5.2021)

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Franziska Pranghofer
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