Die Zone der nächsten Entwicklung 

Der Begriff „Zone der nächsten Entwicklung“  (ZNE) geht auf den sowjetischen Psychologen Lew Wygotski¹ zurück. Seine Werke blieben bis in die 1970er Jahre außerhalb der Sowjetunion weitgehend unbekannt. Dass seine Annahmen für Pädagog*innen in der Gegenwart eine große Bedeutung haben, wird niemand bestreiten. Wygotski betrachtete Kinder als soziale Wesen, die durch ihre kulturelle Umgebung geformt werden und die ihrerseits diesen Kontext mitgestalten (vgl. Siegler et al. 2016, 141). Lernen findet nach Wygotski idealerweise statt, wenn ein Mensch eine hinreichend große Herausforderung zu meistern hat, die ihn weder unter- noch überfordert.

Die pädagogische Praxis ist voller Beispiele, die die Zone der nächsten Entwicklung illustrieren: das Kind, das sich an Gegenständen hochzieht und versucht zu stehen und später selbstständig zu gehen; das Kind, das in einem bestimmten Entwicklungsstadium Silben wie „ma“, „pa“, „na“, „ne“ spricht und wenig später imstande ist, diese Silben zu Wörtern wie „nane“ für Banane oder „mama“ und „papa“ zusammen zu setzen. Beide haben die jeweilige Zone der nächsten Entwicklung für sich zu genau dieser Zeit erfolgreich gemeistert.

Die „Zone der nächsten Entwicklung“ am Beispiel Fahrrad fahren

Ich nutze gern ein Beispiel, das ich persönlich in guter Erinnerung habe. Es war der Tag, an dem ich Fahrrad fahren lernte. Als Kind spielte ich oft und gern mit meinen älteren Cousinen. Sie konnten geschickt mit ihren Fahrrädern umgehen und fuhren durch die Straßen der Kleinstadt. „Wie gern würde ich auch so Rad fahren können“, muss ich mehr als einmal gedacht und gesagt haben. Zu meinem Glück befanden sich in der Garage meines Onkels genügend große Fahrräder zum Experimentieren. Die schob ich umher, versuchte aufzusteigen, die Bremse und die Pedale zu betätigen … Abends stellte sich meine größte Freude dieser Tage ein. Mein Onkel erkundigte sich nach meinen Fortschritten, schob mich auf dem Fahrrad umher, unterstütze meine Bemühungen (die noch recht unbeholfen waren) mit einem aufmunternden „Ja, probier` es doch mal so“, ließ mich wieder allein forschen und entdecken, wie das Fahrrad funktionieren mochte. Was soll ich sagen? Eines herrlichen Tages gelang mir das selbstständig, was ich mit der Unterstützung meines Onkels schon vorher vermocht hatte. Ich setze mich aufs Rad, packte beherzt den Lenker, stemmte mich mit aller Kraft in die Pedale. Und mit einem Mal konnte ich Fahrrad fahren – soweit meine möglicherweise etwas verklärte Erinnerung. Bis ich es geschickt konnte, brauchte es freilich viele Wiederholungen und Übung. An jenem Tag jedoch war ich überglücklich. Ich hatte das Rad fahren – wie ich meinte – selbstständig gelernt.

Ganz selbstständig hatte ich es natürlich nicht gelernt. Die Kombination aus körperlicher Reifung, hoher Motivation, Vorkenntnissen, der passenden Herausforderung (ein Roller wäre eine Unter-, ein Einrad eine Überforderung gewesen), sozialer Stützung und gelenkter Partizipation haben mir diesen Tag zu einem gemacht, den ich in sehr guter Erinnerung behalten werde. Was hat das Beispiel mit Wygotski zu tun?

Die Theorie: Die Annahmen Wygotskis zählen zu den soziokulturellen Theorien. Das sind jene „Ansätze, die den Beitrag anderer Menschen und der umgebenden Kultur zur Kindesentwicklung betonen“ (Siegler et al. 2016, 140). Das Lexikon der Psychologie definiert die ZNE oder auch Zone der proximalen Entwicklung als „… die Differenz zwischen einem aktuellem Entwicklungsstand eines Kindes, bestimmt durch die Fähigkeiten selbstständig Probleme zu lösen, und (einem) potentiellem Entwicklungsstand, der dadurch bestimmt ist, Probleme unter der Anleitung anderer zu lösen“ (Stangl, 2020). Damit sind zwei wichtige Aspekte benannt: einerseits der Einfluss anderer Personen auf das eigene Lernen. Wir Menschen brauchen die Anregung und das fortgeschrittene Wissen anderer, von dem wir alle, Kinder insbesondere, profitieren. Die Definition von Stangl weist auf einen weiteren Aspekt hin: nämlich dass der Korridor, auch der „sweat spot“ genannt, in dem Lernen leicht möglich ist, eingegrenzt ist. Lernen findet nicht statt, wenn die Aufgabe im Rahmen dessen liegt, was die betreffende Person bereits zu leisten imstande ist. Lernen findet ebenso wenig statt, wenn der zu bewältigende nächste Schritt zu schwierig und damit zu groß ist.

Lehrende und Lernende

Welche Annahmen und Prozesse kommen außerdem bei den Annahmen soziokultureller Theorien zusammen? Wir Menschen haben einerseits die Neigung, anderen Mitgliedern unserer Spezies etwas beizubringen, andererseits die Neigung, durch Unterweisung anderer zu lernen. Damit sind wir Lehrende und Lernende – und das von Anfang an. Säuglinge zeigen sich z.B. im Alter von 2-3 Monaten schon interessierter und reagieren lebendiger, wenn die Bezugsperson auf die Aktionen des Säuglings reagiert – im Vergleich zu Aktivitäten, die unabhängig von denen des Säuglings sind (Siegler et al. 2016, 142).

Gelenkte Partizipation, soziale Stützung und Beobachtung als Ausgangspunkt

Für die gelenkte Partizipation braucht es eine Expert*in, die ihren Wissensvorsprung teilen möchte. Im Fahrrad-Beispiel sind es für die Lernende die zentralen Eigenschaften des Fahrrades gewesen, die der Experte, mein Onkel, nahebrachte. Und der mit der Technik sozialer Stützung (scaffolding) möglich machte, dass die Lernende erahnen kann, wie sich Fahrrad-Fahren mit Hilfe anfühlt. Damit wurde die Lernende in die komfortable Situation gebracht, auf einem etwas höheren Niveau zu handeln, als sie es aus eigener Kraft vermocht hätte (vgl. Siegler et al., 143).

Die Beobachtung als Ausgangspunkt: Die weiter fortgeschrittenen Expert*innen – das können andere Kinder, Eltern oder Pädagog*innen sein – haben zentrale Aufgaben; das dürfte an dem Beispiel deutlich geworden sein. Bevor Sie als pädagogische Kraft mit gelenkter Partizipation und sozialer Stützung den Kindern Kulturwerkzeuge oder -techniken nahebringen, werden Sie in Erfahrung bringen, welchen Entwicklungsstand ein Kind hat. Denn nur mit der Kenntnis des nächsten Entwicklungsschritts eines Kindes können Sie die Begleitung, die zwischen (sprachlicher) Unterstützung und selbständigem Forschen durch die Kinder changiert, pädagogisch sinnvoll ausrichten. Beobachtung ist dabei der zentrale Ausgangspunkt.

Der element-i Bogen

In den element-i-Häusern werden verschiedene Instrumente für die Beobachtung und Dokumentation genutzt, die ausgewogen miteinander verzahnt sind. Unter den Instrumenten wendet besonders der element-i-Bogen den Blick auf das, was für das Kind in seiner individuellen Entwicklung kommen mag – nämlich auf die Zukunft und die Zone seiner nächsten Entwicklung.

Sie als Pädagog*in halten auf dem Bogen die Aktivitäten fest, die ein Kind mit Engagement und Ausdauer verfolgt, bei denen auch Misserfolge es nicht abhalten, weiter am Thema zu bleiben. Der Bogen ist ein zentrales Instrument, mit dem Sie Ihren Bildungsbereich, die darin angebotenen Materialien und Aktivitäten steuern – orientiert an den aktuellen Interessen und Talenten der Kinder, „die in den unterschiedlichen Lerndispositionen sichtbar werden“ (Kammerlander et al. 2018, 16). Dabei nutzen Sie Ihr Fachwissen, die Beller-Tabelle oder andere fundierte fachliche Grundlagen als Ideengeber und schaffen mit den geplanten Aktivitäten „eine gelungene Passung zwischen Kind und Umwelt“. Mit einer guten Passung erlebt „… sich das Kind als kompetent (…). Erfolg und Spaß motivieren die Lernbereitschaft und stärken das Vertrauen des Kindes in sich selbst …“ (Beller 2016, S. 16). So bleibt Freude am Lernen erhalten. Und dafür brauchen die Kinder Sie als Vorbild und – so steht es auch in der element-i-Konzeption „… Möglichkeiten und Anregungen, um ihre eigenen Interessen zu finden, diese zu reflektieren und so das Lernen zu lernen“ (Kammerlander et al. 2016, 8).

1 Andere Schreibweisen wie Vygotski oder Wygotsky finden sich in der Literatur und sind der Transliteration aus dem Kyrillischen geschuldet.

Quellen:
Beller, S. (2016): Kuno Bellers Entwicklungstabelle 0-9. Mit Illustrationen von Amelie Glienke. Berlin: Eigenverlag
Kammerlander, Carola; Rehn, Marcus; Pädagogischer Leitungskreis (2018): element-i – Pädagogische Konzeption der element-i-Kinderhäuser
Siegler, R.; Eisenberg, N.; DeLoache, J.; Saffran, J. (2016): Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter. Dt. Ausgabe herausgegeben von Sabina Pauen. 4. Auflage. Springer: Berlin, Heidelberg
Stangl, W. (2020): Stichwort: ‚proximale Entwicklung‘. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik. https://lexikon.stangl.eu/5750/proximale-entwicklung/ (aufgerufen am 7.4.2020)

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Christina Henning
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