Exekutive Funktionen: Wichtige Lenker für die Entwicklung von Kindern

Jeder beobachtet und erlebt die Entwicklung von Kindern in unterschiedlichsten alltäglichen Situationen. Oft fragt man sich: Was steckt dahinter? Vielleicht haben Sie schon mal eine ähnliche Situation erlebt: 

Emil spielt mit einem roten Auto. Lucie schaut ihm dabei sehr interessiert zu und würde gerne mitspielen. Sie traut sich nicht richtig und weiß nicht, was sie machen soll. Plötzlich geht sie zu Emil und reißt ihm das Auto aus der Hand. Folgende Situation ergibt sich nun: Lucie hat zwar jetzt das rote Auto, aber Emil fängt an zu weinen und rennt weg. Allein spielen will Lucie nicht. 

In diesem Fall kann sich Lucie noch nicht in Emil hineinversetzen und ihre Handlungen daran ausrichten. Die Fähigkeit zur Selbstregulation und zur Impulskontrolle, welche im Beispiel noch nicht ausreichend entwickelt sind, zählen zu den so genannten Exekutiven Funktionen und entwickeln sich über eine lange Zeit hinweg. Die folgenden Erkenntnisse können Ihnen helfen, Situationen im Alltag besser zu verstehen und dadurch ihr pädagogisches Handeln entsprechend anzupassen.   

Was versteht man eigentlich unter Exekutiven Funktionen? 

Exekutive Funktionen stellen geistige Fähigkeiten dar, die bereits mit ihrer Entwicklung im Säuglingsalter beginnen und erst im frühen Erwachsenalter (ca. mit 25 Jahren) voll ausgebildet sind (vgl. Walk & Evers, 2013, S. 18). Diese Funktionen benötigen wir, um uns an unterschiedliche Situationen anzupassen, unser Verhalten dementsprechend auszurichten und uns selbst zu regulieren. Da sich diese Exekutiven Funktionen in unserem Frontalhirn befinden, werden sie auch „Frontalhirnfunktionen“ genannt (vgl. Walk & Evers, 2013, S. 9). Sie steuern unser Denken und Handeln und stellen eine wichtige Basis für die sozial-emotionale Entwicklung von Kindern dar (vgl. Walk & Evers, 2013, S. 10). Unser Exekutives System teilt sich in drei große Teilaspekte auf, welche eng miteinander zusammenarbeiten: Inhibition (=Impulskontrolle), Kognitive Flexibilität und Arbeitsgedächtnis. 

Die Inhibition kann man sich als inneres Stopp-Schild vorstellen, welches hilft, unbewusste Impulse zu hemmen. Mit ihr lassen sich unsere inneren Impulse kontrollieren und unangemessenes Verhalten kann unterdrückt oder einer Situation angepasst werden. Sie ist außerdem dafür zuständig, Störreize auszublenden und unsere Aufmerksamkeit zu steuern. Die Inhibition ermöglicht es uns, zuerst zu denken und dann zu handeln (vgl. Walk & Evers, 2013, S. 13). 

Stellen Sie sich vor, Kinder spielen auf dem Gehweg Fußball. Wenn nun der Ball auf die Straße rollt, lässt die entwickelte Inhibition Sie Ihren ersten Impuls, dem Ball hinterherzurennen, unterdrücken und veranlasst Sie, zuerst zu schauen, ob ein Auto kommt.  

Die Kognitive Flexibilität ist die Fähigkeit, sich an neue, sich verändernde Situationen und Bedingungen anzupassen und ist notwendig, um einen Perspektivenwechsel vornehmen zu können. Sie unterstützt außerdem die Problemlösefähigkeit und verhilft zu kreativem Denken. Sie befähigt dazu, Prioritäten setzen zu können, Alternativen zu überlegen, diese abzuwägen und Entscheidungen zu treffen (vgl. Walk & Evers, 2013, S. 15). 

Stellen Sie sich vor, Tim und Max streiten sich im Garten um ein Fahrzeug. Sophie beobachtet dies und versucht, zwischen den beiden zu vermitteln. Dabei weist Sophie Tim darauf hin, dass Max gerade erst das Auto genommen hat und Tim noch ein paar Minuten warten muss, bis er an der Reihe ist. Max rät sie, Tim dies zu sagen, damit er es auch verstehen kann. Dies zeigt, dass Sophie mit ihrer Kognitiven Flexibilität dazu in der Lage ist, die Perspektive zu wechseln und daraufhin flexibel zu reagieren. 

Das Arbeitsgedächtnis stellt einen Speicher- und Verarbeitungsort für Informationen dar. Dies ist wichtig für unser Denken und Handeln und bildet eine wichtige Voraussetzung für Sprache und mathematisches Denken. Mithilfe der gespeicherten Informationen des Arbeitsgedächtnisses, welches sich mit dem Langzeitgedächtnis austauscht, können Probleme gelöst, Pläne entwickelt und umgesetzt werden. Außerdem werden hier Regeln gespeichert, die bei Bedarf abrufbar sind (vgl. Walk & Evers, 2013, S. 11). 

Stellen Sie sich vor, Sie spielen mit den Kindern Feuer-Wasser-Sturm. Dabei müssen sich die Kinder stets an die Regeln und die Handlungen erinnern, die bei den einzelnen Elementen ausgeführt werden müssen. Diese Informationen befinden sich im Arbeitsgedächtnis und lassen sich über dieses abrufen. 

Schaut man sich die Faktoren an, welche die Entwicklung von Exekutiven Funktionen beeinflussen, unterscheidet man zwischen biologischen Faktoren und Umweltfaktoren. Zu den biologischen Faktoren zählen das Alter, welches sich auf die Hirnreifung auswirkt, das Geschlecht, wobei geschlechtsspezifische Unterschiede auf kulturelle Rollenbilder zurückzuführen sind, sowie die genetische Veranlagung. Die exekutiven Funktionen sind geprägt von Erfahrungen und entwickeln sich gebrauchsabhängig am besten in einer förderlichen Umgebung. Umweltfaktoren stellen die Kultur, das soziale Umfeld und soziale Bindungen dar. Nur wer ein Gefühl von Sicherheit verspürt, traut sich etwas Neues auszuprobieren und sich Herausforderungen zu stellen (vgl. Walk & Evers, 2013, S. 23ff). 

Auswirkungen auf soziales Verhalten 

Die exekutiven Funktionen spielen auch eine große Rolle für das soziale Verhalten, denn um Herausforderungen zu meistern benötigt man sozial-emotionale Kompetenzen. Zu diesen Kompetenzen zählen das Wahrnehmen der eigenen Gefühle, diese mitteilen zu können, sich selbst zu regulieren und unterschiedliche Perspektiven einnehmen zu können (vgl. Walk & Evers, 2013, S. 26). All dies sind Aspekte des Bildungsbereichs Soziales Miteinander. 

Förderungsmöglichkeiten exekutiver Funktionen im Alltag

Kognitive Förderung 

Je öfter die Exekutiven Funktionen gefördert werden, desto effektiver werden sie gefördert. Daher sollten für Kinder entsprechende Lerngelegenheiten geschaffen werden, welche die Exekutiven Funktionen fördern, wie z.B. die Bewältigung von herausfordernden Situationen. Dies leisten wir z.B. mit unseren element-i Bögen, wenn wir nach der Zone der nächsten Entwicklung der Kinder schauen. Wichtig dabei ist jedoch, dass die Herausforderungen bewältigt werden kann. Denn nur so erleben die Kinder ein Erfolgserlebnis, welches zu einer Verbesserung der exekutiven Funktionen führen kann. Die Kinder sollten angeregt und ermutigt werden, selbst zu denken, Lösungen zu finden und ihr Verhalten zu kontrollieren. Dabei kann die Fachkraft je nach Entwicklungsstand unterstützen. Möglichkeiten, um alle Teilaspekte der Exekutiven Funktionen zu fördern, sind z.B. Merkaufgaben und Erinnerungen abrufen (Arbeitsgedächtnis), in Stresssituationen zuerst nachdenken dann handeln (Inhibition) und sich in andere hineinversetzen (Flexibilität). Die Bearbeitung unterschiedlicher Situationen kann durch Hilfsmittel wie Symbolkarten unterstützt werden, z.B. kann in der Kinderkonferenz beim Thema Regeln ein Bild von einem Ohr gezeigt werden – als Symbol für „Wir hören einander zu“. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die Kinder anzuregen, einen Plan zu erstellen und einzelne Teilschritte zu überlegen, um ein Ziel zu erreichen, z.B. bei einem Impuls: Was haben wir vor? Was benötigen wir an Material? Wie wollen wir vorgehen (vgl. Walk & Evers, 2013, S. 35)? Bei diesen kognitiven Fördermaßnahmen sollte man folgende 4 Punkte beachten (vgl. Walk & Evers, 2013, S. 38-40): 

  • Gelegenheiten schaffen: Die Kinder sollen selbst ins Tun kommen, autonom sein, Entscheidungen eigenständig treffen dürfen und eigene Lösungen suchen. Hierzu bietet die Leitlinie Autonomie einen guten Rahmen. 
  • Positive Emotionen wecken: Freude am Lernen ist enorm wichtig, denn Informationen können viel besser behalten werden, wenn sie mit Freude aufgenommen werden. Außerdem wirken sich Erfolgserlebnisse bei Herausforderungen positiv auf die Förderung der Exekutiven Funktionen aus. 
  • Herausforderungen bieten: Die Kinder sollten entsprechend ihres Entwicklungsstandes herausgefordert werden, dabei aber weder unter- noch überfordert werden. 
  • Soziale Situationen schaffen: In Interaktion mit anderen werden Emotionen und Verhaltensregulation angesprochen. Wir lernen, uns selbst zu regulieren und andere Sichtweisen einzunehmen. Gemeinsames Aushandeln sowie das Ausprobieren unterschiedlicher Handlungsstrategien und Lösungsalternativen in sozialen Situationen bieten Kindern vielfältige Möglichkeiten, sich auszuprobieren und Erfahrungen zu sammeln. Als Vorbild dienen stets die pädagogischen Fachkräfte, welche soziale Situationen als Chance des Ausprobierens und Aushandelns nutzen und eröffnen sollten. 

Spielerische Förderung

Das Spiel als Bildungsgelegenheit der Kinder bietet vielfältige Möglichkeiten, alle drei genannten Teilaspekte der Exekutiven Funktionen zu erproben. Das Arbeitsgedächtnis hilft uns beim Spielen, sich an Regeln zu erinnern. Die Inhibition unterstützt uns dabei, im Spiel Impulse zu unterdrücken und mit Niederlagen umzugehen. Müssen wir Kompromisse schließen, nachgeben oder auch die Perspektive wechseln, kommt die kognitive Flexibilität zum Einsatz (vgl. Walk & Evers, 2013, S. 44). Bewegungs- und Spielsituationen bieten somit kognitive und soziale Lerngelegenheiten für die Kinder. Sie lernen ihre Grenzen kennen und können sich selbst einschätzen (vgl. Walk & Evers, 2013, S. 40). 

Förderung durch Sport und Bewegung

Unsere Exekutiven Funktionen können durch die Ausübung von körperlichen Tätigkeiten in ihrer Entwicklung unterstützt werden. Kompliziertere Bewegungsabläufe wie z.B. ein Hindernisparcours oder Gruppenbewegungsspiele regen die Kinder an, wertvolle Erfahrungen zu sammeln, welche die Entwicklung der Exekutiven Funktionen unterstützen. Die Kinder müssen sich dabei an Spielregeln halten, Impulse regulieren und auf die Mitspielenden eingehen, um ein erfolgreiches Spiel zu ermöglichen (vgl. Walk & Evers, 2013, S. 43).  

Selina Jörg, DH-Studentin

Literatur 

Walk, L. M., & Evers, W. (2013). fex-Förderung exekutiver Funktionen. Wehrfritz GmbH 

Selina Jörg
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