Die Pandemie und ihre Auswirkungen auf Kinder

In der politischen Debatte dieser Tage werden zu Recht wirtschaftliche Fragen diskutiert und abgewogen, welche Branche in welcher Höhe für fehlende Umsätze entschädigt wird. Eltern rücken in den Fokus, wenn es etwa um zusätzliche Krankentage geht. Und auch wenn die Impfungen greifbar nah sind, so ist es doch noch ein weiter Weg bis hin zu alter Normalität. Doch über eine Gruppe wird nicht oft genug berichtet: über die Kinder. 

Ich stelle mir (nicht erst seit heute) die Frage, wer für die Folgen und eventuellen Schäden aufkommen wird, die die mit der Pandemie verbundenen Einschränkungen für manche Kinder nach sich ziehen. Damit meine ich nicht Schäden durch finanzielle Einbußen und auch nicht die Doppelbelastungen, die Eltern erleben, sondern die Schäden, die manche Kinder erleiden. Welche Schäden das sind, wird in diesem Artikel angesprochen. Ab jetzt wird es etwas unangenehm, seien Sie gewarnt. Denn es geht um weitreichende Folgen. 

Kindeswohlgefährdung und fehlende Stabilität

In einer Studie des DJI (Deutsches Jugendinstitut) äußerten sich 12.000 Eltern zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf ihre Kinder. Ein Drittel der Kinder aus den befragten Familien kam nicht gut mit dem Lockdown zurecht. Den Kindern fehlte der geregelte Alltag, es fehlten die Freunde und Freundinnen, auch verlässliche MahlzeitenFreizeitaktivitäten, etwa in Sportvereinen oder Musikschulen, geben Kindern im Alltag Stabilität und Struktur. Und die Stabilität wurde vermisst. Mehr als die Hälfte der Eltern (53%), in deren Familien das Zusammenleben als eher Konflikt behaftet bewertet wurdeäußerte, dass ihr Kind überhaupt nicht gut mit den Veränderungen zurechtgekommen sei. Jede fünfte Familie (22 Prozent) berichtete, dass bei ihnen häufig oder sehr häufig ein konflikthaltiges beziehungsweise chaotisches Klima herrschte. 

Es mag Familien geben, die vom Lockdown profitieren konnten, deren Familienleben sich verbesserteDie Kinder konnten den Zugewinn an gemeinsamer Zeit genießen. Das ist wunderbar und erfreulich. Jedoch möchte ich Ihren Blick auf die Kinder lenken, die vom Lockdown nicht profitierten. Es geht um die Kinder, die zu Hause Gewalt erleben müssen, sei sie psychisch oder physisch. Es geht um die Kinderderen schulische Leistungen wie auch persönliche Weiterentwicklung stocken, und es geht um die Einsamkeit dieser Kinder und bei manchen Kindern auch schlichtweg um Hunger. 

So nehmen unter anderem die Fälle von Kindesmissbrauch im Internet immer weiter zu. Ja, die schnelle Digitalisierung von, teils noch, Kita wie auch Grundschulkindern bringt Nachteile mit sich, die Eltern, Lehrer*innen, Politiker*innen und anderen Akteur*innen noch nicht mit all ihren Facetten bedacht haben. Kinder werden in Chats angeschrieben bzw. in Video-Calls direkt kontaktiert und zu sexuellen Handlungen an sich aufgefordert, werden genötigt, Bilder zu senden oder anstößige Chats zu führen. Auch meldet Europol einen Anstieg an Suchanfragen, in denen Täter nach Material suchen, welches sexuellen Kindesmissbrauch zeigt.  

Bereits im ersten Lockdown meldeten Sozialarbeiter*innen, Seelsorger*innen und Pastor*innen , wie fatal es für die Kinder aus hochprekären familiären Verhältnissen sein kann, wenn sie nicht in ihre Einrichtungen wie die ARCHE in Berlin, unter der Leitung von Bernd Siggelkow, kommen können (Schoener 2020). Die Jugendämter meldeten eine viel höhere Zahl an Kindeswohlgefährdungen, die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegenDie Pandemie wirkt auf das, was vorher schon schwierig war, wie ein Brandbeschleuniger. In Familien mit finanziell angespannten Situationen wird es durch Corona nicht besser. Schon jetzt ist fast jedes fünfte Kind in Deutschland von Armut bedroht. Wie wird es werden, wenn deren Eltern ihre Arbeit verlieren? Wie soll man mitbekommen, dass das Kind zu Hause Prügel einstecken muss, wenn es nicht in die Kita kommt? Wem sagen die Kinder, dass sie Hunger haben, weil es daheim nicht mehr genug für alle gibt?

Langfristige Folgen der Coronakrise für Kinder

Die Kinder reagieren vermehrt mit Ängsten, wie auch in der Psychologie Heute im November berichtet wurde. In der dort zitierten Studie gaben rund 70% der befragten Kinder und Jugendlichen an, dass sie sich durch die Coronakrise seelisch belastet fühlen. Das Risiko, eine psychische Auffälligkeit zu entwickeln, steigt von 18 auf 31 Prozent! 

Frau Sevecke, die in Hall in Österreich sowie in Innsbruck die Kinder- und Jugendpsychiatrien leitet, berichtet von Kindern, die an seelischer Unruhe leiden, Schlafstörungen und Albträume haben sowie Anzeichen von Depressivität. Die Kinder, die in ihren Einrichtungen vorstellig werden, haben Sauberkeits- und Sicherheitszwänge entwickelt. Diese Krise hat laut Frau Sevecke das fatale Potential, dass sich Trauma-Symptome wie Angst, Stress, Zwang, Depression entwickeln. So wirkt sie entsprechend der Kriterien, die ein Trauma auslösedie Krise trat plötzlich ein, war nicht vorhersehbar und ist alleine nicht zu bewältigen. Dazu kommt noch, dass sie noch viel umfassender wirkt, da diese Krise Arbeitsplätze bedroht, sie schafft familiäre Ausnahmesituationen durch Kita- und Schulschließungen, den Wegfall von Freizeitaktivitäten und so vieles mehr, worauf ich bereits eingangs eingegangen bin.

Kommunikation als Lösungsansatz

Ja, die Aussichten sind für einige Kinder äußerst besorgniserregend. Und daher ist es von unschätzbarem Wert, wenn Sie, wir alle weiterhin an unseren Stellen tun, was wir können, um den Kindern eine Kindheit voller Lernerfahrungen, Spiel, Lachen, Freude und bewältigbarer Herausforderungen zu ermöglichen. So zeigte die Studie des DJI auch: „Alle Kinder und Jugendlichen fühlten sich durch häufige Kontakte zu pädagogischen Fachkräften und Lehrkräften zudem weniger einsam (35 %). Das zeigen die Einschätzungen der Eltern ebenso wie die der Kinder und Jugendlichen selbst. Vom Austausch mit Bezugspersonen aus Kita und Schule profitieren den Analysen nach auch die Eltern: Sie fühlten sich dann mit der Doppelbelastung durch Homeschooling und Erwerbsarbeit weniger überfordert.“ (Langmeyer et al. 2020) 

Bleiben Sie für die Kinder nahbar und für die Eltern weiter Ansprechpartner*in. Lassen Sie uns gemeinsam durch diese Krise gehen, die Kinder dabei unterstützen, dass sie unbeschadet, wenn nicht sogar gestärkt aus dieser Zeit herausgehen.

Literatur 

Donner, Susanne (2020): Die Covidkrise wirkt komplexer als Tschernobyl. In Psychologie Heute, Ausgabe November 2020, S. 67ff 

Langmeyer, Alexandra; Guglhör-Rudan, Angelika; Naab, Thorsten; Urlen, Marc; Winklhofer, Ursula (2020): Kind sein in Zeiten von Corona. Ergebnisbericht zur Situation von Kindern während des Lockdowns im Frühjahr 2020. https://www.dji.de/fileadmin/user_upload/bibs2020/Ergebnisbericht_Kindsein_Corona_2020.pdf (zuletzt aufgerufen 05.01.21) 

Schoener, Johanna (2020): Ein Mensch, der bleibt. In: DIE ZEIT, Nr. 54, abrufbar unter: https://www.zeit.de/2020/54/kinderarmut-bernd-siggelkow-die-arche-kinderhilfswerk?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F (zuletzt aufgerufen am 5.1.2021) 

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Franziska Pranghofer
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