Mahlzeiten in den element-i Kinderhäusern

Im Rückblick auf das Jahr 2020 haben sich verschiedene Bereiche des Alltags in den Kinderhäusern nach und nach verändert. Dies betrifft auch die Mahlzeiten, die ein fester Bestandteil im Tagesablauf unserer Kinderhäuser sind.

In weiter Ferne erscheinen uns die Erinnerungen an Momente, als Kinder aller Altersklassen am Morgen gemeinsam um einen Tisch herum sitzen und frühstücken, während auf einem zugänglichen Tisch ein einladendes Buffet zu sehen ist. Wie aus einer anderen Welt wirken Bilder, in denen die Kinder – aus Sing-, Lese und/oder Erzählkreisen kommend – nach dem Händewaschen in Richtung Markplatz unterwegs waren, wo das gemeinsame Mittagessen stattfindet.

Zurück im November 2020 stehen wir nun vor der Frage, in welchem Rahmen und unter welchen Bedingungen die Mahlzeiten in unseren Kinderhäusern stattfinden können: Welche Ziele verfolgt das element-i Ernährungskonzept? Wie ist es mit den aktuellen Vorgaben zu Hygiene und Gesundheitsschutz in Einklang zu bringen? Was sind die übergeordneten Ziele, die durch die Umsetzung des element-i Ernährungskonzepts transportiert werden? Lassen Sie mich mit den übergeordneten Zielen beginnen und einige Prozessziele, die im Roxtra-Dokument „Prozessbeschreibung Mahlzeiten“ und im Ernährungskonzept enthalten sind, aufgreifen:

  • Alle Kinder haben die Möglichkeit, im element-i Kinderhaus einen bewussten und alles umfassenden Umgang mit dem Thema Ernährung zu erfahren und erleben.
  • Alle Kinder entwickeln ein positives Verhältnis zum Thema Ernährung, Essen und Mahlzeiten.
  • Altersangemessene Ernährungserziehung ist fester Bestandteil des Auftrags der Pädagogischen Fachkräfte in den Kinderhäusern (vgl. Ernährungskonzept für Kinderhäuser 2013, S. 3).

Es stellt sich also die Frage, welche Rahmenbedingungen und Handlungsweisen sich daraus ableiten lassen, um den Kindern den Rahmen zu bieten, der diese Ziele erfüllt – ohne dabei die Vorgaben an Hygiene und Gesundheitsschutz zu unterlaufen. Fakt ist, dass der ursprünglich gewohnte und von allen Beteiligten geschätzte Rahmen nicht mehr 1:1 umgesetzt werden kann. Wie soll also innerhalb des aktuellen Rahmens eine Situation geschaffen werden, um die Ziele des element-i-Ernährungskonzepts gut und gelingend umsetzen zu können? Im Weiteren wird der Fokus auf den beiden Hauptmahlzeiten Frühstück und Mittagessen gerichtet.

Das Frühstück

Die Auswahl der Komponenten des Frühstücks ermöglicht den Kindern einen Start in den Tag, der von einem optimal aufgefüllten Nährstoffvorrat getragen ist. Dieses Ziel kann unabhängig davon erfüllt werden, ob das Frühstück in Buffet-Form angeboten wird oder nicht. Dementsprechend gilt es, eine Atmosphäre zu schaffen, die Kindern innerhalb ihres Gruppenbezugs eine gelingende Frühstückssituation ermöglicht. Die pädagogischen Fachkraft hat in der morgendlichen Situation eine wichtige Bedeutung – vor allem für Kinder, denen die Begleitung der Eltern innerhalb der Frühstückssituation Orientierung gegeben hat, die in der derzeitigen Situation fehlt. Um den Kindern in der frühen Mahlzeit in den Kinderhäusern ein positives Ernährungsverhalten vorzuleben bzw. zu vermitteln, sollte nach Möglichkeit jeden Tag für eine kontinuierliche Begleitung der Frühstückssituation Sorge getragen werden. Dabei ist zu beachten, dass das Frühstück weiterhin offen und flexibel geplant wird. Die Kinder sollen – auch in der Pandemie – zwischen Mahlzeit oder Freispiel wählen können. Das bedeutet, dass die Mahlzeit für alle Kinder nach wie vor nicht gemeinsam beginnt und entsprechend endet. Folgende Impulsfragen können für die Gestaltung des Frühstücks herangezogen werden:

  • Wie geben wir Pädagog*innen den Kindern innerhalb unserer Kohorte die Möglichkeit, die Frühstücksituation als individuell ritualisierten Bestandteil des eigenen Ankommens zu erleben?
  • Gelingt es uns Pädagog*innen, beim Frühstück eine Atmosphäre herzustellen, in der Kinder ankommen und Gespräche über den Tag, die Zukunft oder die Vergangenheit führen können?
  • Welche Bestandteile der angebotenen Speisen können mit den Kindern gemeinsam am Tisch zubereitet werden?
  • Wie können wir Pädagog*innen für eine aktive Beteiligung der Kinder sorgen, dabei stets den individuellen Blick auf jedes Kindes wahren und die Hygienevorgaben beachten?
  • Wie schaffen wir Pädagog*innen einen Rahmen, in welchem alle Kinder der Gruppe die Möglichkeit erhalten, ohne zeitlichen Druck zu frühstücken?

Das Mittagessen

„Beim Mittagessen steht eher der gemeinschaftliche Aspekt des Essens im Mittelpunkt, (…) und stellt somit einen Eck- und Ruhepunkt im Tagesablauf dar“ (element-i Ernährungskonzept für Kinderhäuser 2013, S. 12).

Die Hauptmahlzeit im Tagesablauf der Kinderhäuser findet für die Kinder einer Gruppe zur selben Zeit statt. Ein ritualisierter Ablauf gibt den Kindern Halt und Sicherheit. Der gewohnte Rahmen hat sich für die meisten Kinder im letzten Jahr stark verändert. Aktive Beteiligung an der Zubereitung bzw. der Vorbereitung der Mahlzeit sind aktuell nicht möglich. Die Optionen in Bezug auf die Wahl des Platzes oder des/der Tischnachbarn sind noch – bisweilen begrenzt – vorhanden.

Dennoch bleibt es das Ziel, den Kindern während des Mittagessens einen Rahmen zu geben, der es ihnen ermöglicht, zu Expert*innen der eigenen Ernährung zu werden und sinnliche Erfahrungen mit den Gerichten oder einzelnen Komponenten dieser Gerichte zu erfahren. Die Schaffung einer solchen Situation ist damit die Hauptaufgabe für alle pädagogischen Fachkräfte einer Kindergruppe. Daher sollte auch hier einer kontinuierlichen Begleitung der verschiedenen Tische gewährleistet sein und sich durch eine aktive, kommunikative und aufmerksame sowie vorbildhafte Begleitung auszeichnen. Wie kann der Rahmen für das gemeinsame Mittagessen beschaffen sein?

  • Findet die gemeinsame Zubereitung eines Schautellers statt? Dieses Element der Mahlzeit ist in der Pandemie in den Fokus gerückt, da die aktive Beteiligung an der Zubereitung der Speisen mit dem Koch bzw. in der Küche nicht mehr im gewohnten Rahmen möglich ist.
  • Wie haben Kinder die Möglichkeit, während der Mahlzeit sinnliche Erfahrungen zu machen, denen sie in Bezug auf das eigene Essverhalten oder die angebotenen Speisen Bedeutung beimessen können?
    Während die Kleinsten weiterhin die Möglichkeit erhalten, die Mahlzeit mit allen Sinnen zu spüren, braucht es mit Blick auf die älteren Kinder zum Beispiel eine Gesprächskultur am Tisch, innerhalb derer die Kinder über ihre sinnlichen Erfahrungen nachdenken und sprechen können. Welche Gerüche sprechen die Kinder an und welche nicht? Was bedeuten unterschiedliche Konsistenzen (fest, weich, flüssig), die entweder im Mund oder auch mit dem Besteck spürbar werden? Wie hat den Kindern welche Komponente der Mahlzeit geschmeckt?
  • Mengen abschätzen und Portionsgrößen messen sind elementare Bestandteile der Entwicklung hin zum Kennen(lernen) des eigenen Hungergefühls.
    Wenn die recht jungen Kinder in der Krippe das Schöpfen und Einschenken für sich entdeckt haben, so steht die Tätigkeit an sich im Vordergrund. Nach und nach werden eigenständiges Schöpfen und die gewünschte Menge, die satt macht, miteinander in Verbindung gebracht. Daher ist es zentral, dass pädagogische Fachkräfte mit am Tisch sitzen, die Tätigkeiten – auch sprachlich – begleiten. So können die Kinder ihre Kompetenzen zunehmend erweitern.
  • Falls die Begleitung mit den Hygienevorgaben eingeschränkt ist, sollte bedacht werden, wie Sie „wegfallende“ und für Kinder elementare Aktivitäten wie Schöpfen, Umgießen, Tisch decken und abräumen in die pädagogische Arbeit in den Bildungsbereichen übertragen können.

Mein Fazit

Welches Fazit kann nun mit Blick auf die aktuelle Situation gezogen werden? Die Rolle der pädagogischen Fachkraft in Bezug auf die Mahlzeiten ist ungebrochen essenziell. Der Fokus hat sich im Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen jedoch etwas verschoben. Diesen Veränderungen Rechnung zu tragen – gerade im Bereich Hygiene und Gesundheitsschutz – ist unerlässlich. Der beständige Fokus aller Beteiligten sollte jedoch auf der pädagogischen Arbeit liegen – auf inhaltlicher Ausgestaltung und Begleitung der Mahlzeiten.

Lassen Sie mich zum Abschluss einen Bezug zu den fünf Leitlinien der element-i Pädagogik herstellen. Sie sind nämlich in allen Momenten gemeinsamer Mahlzeiten im Kinderhaus wiederzufinden. Mahlzeiten schaffen durch ihren Aufbau und Ablauf eine Verbundenheit und stärken das Gemeinschaftsgefühl in der Kindergruppe. Alle Kinder haben die Möglichkeit, Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen, was sich beispielsweise beim gemeinsamen Vorbereiten der Mahlzeiten oder auch der nachfolgenden Auf- und Abräumphase zeigt. Auf der anderen Seite können die Kinder in den Essensituationen im Kinderhaus autonome Erfahrungen sammeln. Von der eigenständigen Portionierung über die Auswahl der Speisen bis hin zum übergeordneten Verständnis, dass jedes Kind essen darf, was es möchte, und sich dafür bewusst entscheiden kann.

Denken Sie an Freude am Lernen. Auch diese Leitlinie ist deutlich erkennbar. Denn die Mahlzeiten und das Erlebnis des gemeinsamen Essens bietet allen Kindern vielfältige Möglichkeiten, die eigenen Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse weiterzuentwickeln. Dabei gehen wir als Pädagog*innen davon aus, dass Kinder den Rahmen finden, das zu tun, was sie erfreut, erfüllt und zufrieden macht. Innerhalb dieses Rahmens stecken auch Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt. Neue Kompetenzen machen ein Kind stolz und stärken es, aktiv in der Gesellschaft, in der es sich befindet, mitzuwirken.

So kann jedes Kind und auch jeder Erwachsene an seiner Stelle und mit seinen Kompetenzen Gesellschaft mit gestalten – im besten Falle konstruktiv und gesund. Alle Leitlinien ergänzen sich in ihrem Zusammenspiel während aller Mahlzeiten und Essenssituationen in den Kinderhäusern und ermöglichen so ein gesundes Ganzes.

Stellen Sie sich regelmäßig die nötigen inhaltlichen Fragen zur Ausgestaltung der Mahlzeiten im Kinderhaus und rücken Sie damit die Pädagogik in den Mittelpunkt des Geschehens. So entwickelt sich ein Prozess, der Kindern jeden Tag entspannte und sinnliche Momente ermöglicht, um Esskultur zu erleben, kommunikative Kompetenzen zu erweitern und zur Expert*in der eigenen Ernährung zu werden. Für Rückfragen zum Thema oder Beratung zu den oben gestellten Fragen freue ich mich auf Ihre Rückmeldungen.

Quelle:
Hesselschwerdt, Jacob (o. J.): Prozessbeschreibung Mittagessen. Roxtra – Qualitätshandbuch für element-i-Kinderhäuser.
Kammerlander, C.; Rehn, M. & Pädagogischer Leitungskreis der element-i Kinderhäuser (2018): Pädagogische Konzeption für die element-i Kinderhäuser S.9ff
Konzept-e: Element-i Ernährungskonzept für Kinderhäuser (2013)

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Jakob Hesselschwerdt
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