Räume und Material: Zur Bedeutung einer guten Gestaltung 

Kinder leben in Räumen – ganz automatisch. Gerade für die frühkindliche Erziehung und Bildung nimmt Raumgestaltung so nochmal einen besonderen Stellenwert ein. Der Raum ist hier in speziellem Maße Ausgangspunkt des kindlichen Wahrnehmens, Fragens und Forschens (vgl. von der Beek et al. 2011, S. 189). 

Ausgangspunkt dafür ist die Feststellung, dass Kinder von Geburt an ihre Welt über ihren Körper und ihre Sinne wahrnehmen (vgl. von der Beek 2014, S. 18). Konkret sind es die ästhetischen Erfahrungen aus der Umwelt, aus denen heraus sich der Selbstbildungsprozess aufbaut. Besonders junge Kinder verknüpfen Sinneswahrnehmung mit handelnden Bewegungserfahrungen (sensumotorische Integration) (vgl. Kammerlander et al. 2018, S. 14; von der Beek et al. 2011, S. 189). Vielfältige Wahrnehmungserfahrungen sind in dieser Entwicklungsphase besonders bedeutend (von der Beek 2014, S. 18).   

Damit zeigt sich, dass besonders sinn-volle Räume für Kinder einen optimalen Beitrag zur Selbstbildung beisteuern. Gemeint sind damit Räume, die entsprechende sinnliche Erfahrungen und alles Notwendige zum Forschen und Explorieren bereithalten und die zum eigenaktiven Handeln und einer Auseinandersetzen mit der Umgebung auffordern (vgl. Zeiß 2012, S. 80; vgl. von der Beek 2014, S. 18).  

Die Rolle der pädagogischen Fachkraft

Zum Bildungsprozess gehört aber auch, dass Kinder die gemachten sinnlichen Erfahrungen in einen inneren Bedeutungszusammenhang setzen, was stets im Zusammenhang mit Vertrautem steht (vgl. Kammerlander et al. 2018, S. 14). Meist nehmen die Personen im Raum diese Rolle ein. Bekannte Gesichter geben den Kindern die nötige Sicherheit, um in die Exploration zu gehen. Doch auch der vertraute Raum selbst kann eine haltgebende Komponente für die Kinder darstellen und damit das Basislager zur Welterkundung sein (vgl. von der Beek 2014, S. 50). Gerade bezüglich der Anordnung von Möbeln und der Grundarchitektur ist dies zu beachten: Dem Kind sollte stets die Möglichkeit gegeben sein, die Bindung und den Bezug zur Fachkraft herzustellen, und sei es nur durch Blickkontakt (vgl. von der Beek et al. 2011, S. 190f).   

Die Reggio-Pädagogik ist im Bezug zur Raumgestaltung eine häufig zitierte Konzeption mit ihrer Grundannahme, den Raum als dritten Erzieher zu betrachten. Die Metapher kann missverstanden werden, da nicht vollständig geklärt ist, wer oder was der erste bzw. zweite Erzieher ist. Zum Teil wird die Annahme vertreten, dass das Kind selbst den ersten Erzieher und das soziale Umfeld den zweiten Erzieher des Kindes darstellen. Fakt ist aber, dass auch die Reggio-Pädagogik die Komponenten Geborgenheit und Sicherheit sowie Herausforderung als Hauptaufgaben des Bildungsraumes beschreibt (vgl. Knauf 2005). 

Betrachtet man den Aufbau des kindlichen Bildungsprozesses, stellt man schnell fest, dass damit eine hohe Herausforderung an professionelles pädagogisches Handeln gestellt wird – ohne dass die Pädagog*innen schon selbst aktiv waren, denkt man zumindest an verbale und zwischenmenschliche Kommunikation. Räume beeinflussen die Bildungsprozesse durch ihr pures Vorhandensein und ihre Gestaltung (vgl. von der Beek et al. 2011, S. 189). Durch Architektur, Möbel und Materialien bilden sie den Aktivitätsrahmen für Kinder, lassen aber für die Pädagog*innen vermeintlich wenig flexible Handlungsmöglichkeiten (vgl. Zeiß 2012, S. 81). Doch gerade Raumgestaltung ist schon pädagogisches Handeln, manchmal sogar das wichtigere. In dem Moment, wo Räume sinnliche Erfahrungen und anregende und interessante Materialien bereithalten müssen, ist die Pädagog*in gefragt: Denn diese Umwelt im professionellen Kontext bereitzustellen ist ihre Aufgabe! Im fachtheoretischen Diskurs hat dies bisher leider wenig Beachtung gefunden, seit einigen Jahren zeichnet sich hier eine intensivere Ausrichtung ab. Auch Qualitätsfeststellungsverfahren wie TopKita widmen sich zunehmend der räumlichen Qualität, sodass das Thema zunehmend an Relevanz gewinnt.  

Voraussetzung für eine anregende Umwelt ist eine intensive Beobachtung des Kindes und das Erkennen und Filtern seiner Bedürfnisse und Interessen im Entwicklungsstadium. Beides ist damit als weitere bedeutende pädagogische Aufgabe unabdingbar mit der Raumgestaltung verbunden. Anhand der Beobachtungen und dem darin erkannten kindlichen Interesse kann die Pädagog*in die Materialgestaltung ausrichten. Die räumliche Gestaltung ist leider oft durch verankerte Möbel begrenzt.  

Weniger ist mehr

Mit Blick auf die Materialauswahl sollte die Idee, mehr Zeugs zum Spielen bereitzustellen statt (künstlich angefertigtes) Spielzeug, leitend sein. Letzteres hat nach verschiedenen Erhebungen einend deutlich höheren Aufforderungscharakter für Kinder (vgl. Zeiß 2012, S. 81). Auch die Quantität der verschiedenen Spielmaterialien muss berücksichtigt werden, das Credo hier lautet: weniger ist mehr. Ein unüberschaubares Spielfeld sorgt schnell für Reizüberflutung und damit zu destruktivem Spiel (vgl. Franz 2016, S. 7). Entsprechend gehört die Anordnung von Materialien im Sinne einer vorbereiteten (geordneten und strukturierten) Umgebung nach Montessori zur stärkeren Konzentration und Ruhe beim Kind. Weitere Kriterien zur Materialauswahl (vgl. Franz 2016, S. 3ff):  

  • Deutungs- und Funktionsoffenheit: um die Kreativität und Kommunikation der Kinder anzuregen, indem das Material umgedeutet und abgesprochen werden muss. 
  • Natürliche Materialien besitzen einen hohen ästhetischen Wert mit begrenztem Farbspektrum und angemessener Haptik. Kinder zeigen hier ein deutlich engagierteres und lustvolleren Spiel. 
  • Lebensechte Materialien sind ihnen aus dem Alltagsleben mit den Erwachsenen vertraut und laden zu einer intensiveren Untersuchung ein. Nebenher können die Kinder den erlebten Alltag nachspielen und einen Blick über den kulturellen Tellerrand werfen.  
  • Interessante Materialien dienen der tieferen Auseinandersetzung mit aktuellen Themen. 
  • Entwicklungsgerechte Materialien: Jedes Entwicklungsstadium bringt eigene Spielschemata mit sich, denen bei der Auswahl von Material Rechnung getragen werden muss. 
  • Gleiche Materialien und davon möglichst viel. So reduzieren sich Konflikte und Stress durch Wartezeiten, und die Kinder können in ihrem Schaffen aus den Vollen schöpfen.  
  • Gendergerechte Materialien: Dadurch können traditionelle Rollenklischees hinterfragt werden und kulturelle Vielfalt gelebt werden. 
  • Aufzubrauchende Materialien: Kindern geht es meist um den Schaffensprozess. Entsprechend brauchen sie manche Materialien in hoher Quantität, um die Eigenschaften zu erkunden. Material muss also in Mengen verbrauchbar sein dürfen.  
  • Beziehungsvolle Materialien bieten den Kindern subjektive Erfahrungen, die Möglichkeit, Wünsche und Emotionen auszuleben, indem sie in Rollenspiele einbezogen und eigene Erfahrungen verarbeitet werden können.  

Abschließend sei festgehalten, dass der Prozess der Raum- und Materialgestaltung nie endet, man damit nie fertig ist. Eher ist es ein spiralartiger Prozess, in dem die Gestaltung von Raum und Material dem Entwicklungsstand angemessen ist und geeignet ist, Kinder voranzubringen, was wieder eine neue Gestaltung fordert. Es ist eine der ursprünglichsten Aufgaben der Frühpädagogik – und eine sehr lohnende, wenn man Kinder vertieft ins Material spielen und handeln sieht! 

 

Literatur 

Franz, B. (2016): Zehn Kriterien zur Auswahl entwicklungsfördernder Spielmaterialien. In: Krenz, A. und Burtscher, I. (Hrsg.): Handbuch für ErzieherInnen. 87. Ausgabe. Landsberg: Olzog. 

Kammerlander, C; Rehn, M.; Pädagogischer Leitungskreis (2018): element-i – Pädagogische Konzeption. Stuttgart 

Knauf, T. (2005): Reggio-Pädagogik: Kind- und bildungsorientiert. Verfügbar unter: https://www.kindergartenpaedagogik.de/fachartikel/paedagogische-ansaetze/moderne-paedagogische-ansaetze/1138 (zuletzt abgerufen am 20.6.2021). 

von der Beek, A. (2014): Bildungsräume für Kinder von Null bis Drei. 6. Auflage. Weimar: verlag das netz.  

von der Beek, A.; Fuchs, R.; Schäfer, G. & Strätz, R. (2011): Entwurf einer Bildungsvereinbarung für Kindertagesstätten in Nordrhein-Westfalen. In: Schäfer, G. (Hrsg.): Bildung beginnt mit der Geburt. 4. Auflage. Berlin: Cornelsen.  

Zeiß, J. (2011): Anregungsreiche Räume für die Jüngsten. In: Neuß, H. (Hrsg.): Grundwissen Krippenpädagogik. 2. Auflage. Berlin: Cornelsen, S. 86-96. 

 

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Anja Burger
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