Sprache in der Natur entdecken

Die deutsche Sprache ist reich an Wörtern, die die Sprechweise der Vögel bezeichnet. So tschirpt oder krispelt der Zaunkönig, es zetscht und schwatzt die Elster. Und die Krähe krächzt und kreischt. Es scheint 300 Verben zu geben, um den Gesang der vielen Vogelarten zu beschreiben (Krauss 2017)Unglaublich! Sicherlich müssen wir nicht all diese Wörter kennen, aber einige der lautmalerischen Verben bereichern unsere sprachliche Welt und besonders die der Kinder.

Entdeckungen bereichern den Wortschatz von Kindern

Die Natur ist reich, und wenn Sie mit den Kindern draußen sind, gibt es viel zu entdecken. Und alle Entdeckungen können sprachlich gefasst werden. Da wird schlichtweg der Wortschatz erweitert: Wie heißt der Baum? Ach ja, eine Weide steht auch im Kita-Garten. Die Birke gibt es an der Straße zum SeeBei Oma und Opa gibt es einen großen Wald mit Buchen. Und wenn Sie als Pädagog*in den Baum, den Strauch oder die Blume nicht kennen, so wäre es ein guter Anlass, sich als Lernende auf den Weg zu machen und mit den Kindern zu überlegen, wo man die Information über diese Pflanze herbekommen kann. Ein zu rasches „Wir gucken im Bestimmungsbuch oder bei Google nach.“ verkürzt den Weg der Erkenntnis. Ermuntern Sie die Kinder, Hypothesen aufzustellen, wo man nachfragen kann, wer es wissen könnte. Vielleicht kennen die Kinder einen Gärtner oder eine Gärtnerin, den/die man fragen könnte – vielleicht gibt es in der Elternschaft einen Förster oder eine Försterin. Oder waren Sie schon einmal in der Baumschule mit den Kindern? Flugs ist man bei Berufen und Orten, die sich kennenzulernen lohnen. Vielleicht gibt es in der Nähe Ihrer element-i Kita eine Gärtnereidie Sie mit einer kleinen Kindergruppe (coronakonform, natürlich!) besuchen können. Da drängt sich die nächste Entdeckerfrage auf: „Wie kommen wir eigentlich dorthin?“  

Die Natur lässt sich beschreibenDie Blätter eines Baumes haben eine Form, sind spitz oder rundlich, zackig oder gefächert, stachelig oder glatt. Auf der Unterseite des Blattes befinden sich Sporen oder treten die Blattadern besser hervor, das Blatt ist hellgrün oder dunkelgrün, verfärbt sich im Herbst gelb oder eben bei den meisten Nadelbäumen nichtWie fühlt sich das Blatt auf der Haut an? Ist es weich oder rau, kitzelt oder kratzt es? Damit sind wir bei Adjektiven und Verben, die zusätzlich dabei helfen, unsere Wahrnehmungen sprachlich zu fassen und sie anderen näher zu bringen. Eine wichtige Grundlage für die Bildungslaufbahn in und nach der Kita: genau hinsehen, sich im Beschreiben üben und durch zahlreiche Wiederholungen sicherer werden, vergleichen und ordnen u.a.mDiese sprachlichen Kompetenzen helfen Kindern später im Unterricht zu folgen, wenn es darum geht, eine Textaufgabe in Mathe zu verstehen, wenn Arbeitsanweisungen in Sachkunde ausgeführt werden sollen. Es sei an dieser Stelle der wunderbare Roman von H.-J. Ortheil erwähnt und empfohlen. In dem Buch geht es um ein Kind, das sprechen kann, aber über einen längeren Zeitraum nicht spricht. Der Vater schult die Wahrnehmungen des Kindes mit großer Freude für beide und hält über die Kunst, die Natur wahrzunehmen und zu beschreiben, die Sprachfähigkeit des Jungen lebendig.  

Die Kleintiere, die Sie beim Spaziergang entdecken, haben vielleicht keine Beine wie wir. Das mag die faszinierende Schnecke sein oder ein glatter, sich windender Regenwurm. Oder die Kinder entdecken Spinnen und zählen deren Beine (jetzt im Herbst besonders leicht, weil die Spinnen über den Sommer gewachsen und fetter sind als im Frühling). Und warum haben die Spinnen mehr Beine als Insekten. Sie bestaunen die Flügel von Schmetterlingen. „Wie würde denn der Schmetterling fliegen, wenn er nur einen Flügel hätte?“

Den Dialog über die Entdeckungen aufrechterhalten

Das Wissen über Natur wird durch die Ausflüge erweitert: Was isst denn die Schnecke, wo wohnt der Regenwurm, warum hat die Schnecke ihr Haus immer dabei? Sind alle schwarz-gelben Insekten Wespen? Das eine oder andere Kind kann etwas beitragen, weil es dazu ein Buch kennt oder Schnecken, Bienen oder Regenwürmer bereits beobachtet hat. Nehmen Sie sich Zeit bei Ihren Ausflügen mit den Kindern und reflektieren Sie (auch mit den Kindern), ob es Ihnen gelingt, die Themen der Kinder sprachlich aufzugreifen, ihnen Anregungen und Impulse zu geben, die den natürlichen Wissensdurst der Kinder lebendig halten. „Wie sieht das Nest denn aus?“, „Wie wohnt denn die kleine Maus?“, „Wie bewegt sich die Schnecke?“, „Wie fühlt sich das Blatt an?“ Wiederholen Sie gern und oft, was Sie von den Kindern hören und betonen Sie die neuen Wörter deutlich. Damit bleiben die Wörter nicht flüchtig, sondern werden zum lebendigen Wortschatz der Kinder. Oder versprachlichen Sie, worauf die Kinder zeigen: „Ja, richtig. Dort sehe ich einen Käfer. Wie der Käfer wohl heißt?“ Suchen Sie dabei die Aufmerksamkeit des Kindes durch räumliche Nähe und vor allem Blickkontakt. Die Begeisterung, die Sie empfinden und auszudrücken vermögen, überträgt sich auf die Kinder.  

Nach dem Ausflug lässt sich in der Kita jedes Thema fortführen. Impulse dazu geben Bücher, wie zum Beispiel Meyers Kinderbibliothek. Vielleicht fragen Sie die Kinder, ob sie gemeinsam eine Wand-Dokumentation erstellen wollen. Dafür können alle neuen Wörter nochmals gesagt und aufgeschrieben werden. Oder bieten Sie im Erzählkreis als Thema die Entdeckungen eines Ausflugs an. Die Kinder werden so animiert, Erlebtes aus ihrer Erinnerung heraus zu beschreiben und können sich darin üben, den anderen Kindern Erlebtes zu vermitteln. Und Sie? Sie haben die Möglichkeit, die Erzählungen zu erweitern, auf neue Wörter hinzuweisen oder die Begeisterung lebendig zu halten. 

Das machen Sie ohnehin schon alles? Ist nicht neu für Sie? Umso besser: Dann ist Zeit zu überlegen, welche sprachförderliche Strategie verfeinert werden kann, welches Kind zusätzliche Aufmerksamkeit braucht und welches Projekt in der Natur mit den Kindern geplant werden kann. 

Literatur

De Hugo, Pierre (2010): Die Schnecke. FISCHER – Meyers Kinderbibliothek. Frankfurt (In der Reihe sind zahlreiche Bände zu finden.)
Hofmann, B. (2020): Sprachförderung in der Kita. Alltagsintegriert – ganzheitlich – praxisorientiert. Verlag PRO Kita: Bonn. Ausgabe September, S. 2-3
Krauss, P. (2017): Singt der Vogel, ruft er oder schlägt er? Handwörterbuch der Vogellaute. 3. Auflage. Matthes & Seitz: Berlin
Ortheil, H.-J. (2011): Die Erfindung des Lebens. 17. Auflage. Btb: Berlin

Mehr von Christina Henning

Christina Henning
Autor*in

Kommentieren

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.