Warum Technik schon in der Elementarpädagogik?

Die Bildungspläne der Länder geben bekanntermaßen Themen und Inhalte vor, die in den Kindertageseinrichtungen aufgegriffen werden sollen. Ein Bereich, der länderübergreifend unterschiedlich intensiv, teilweise sogar lückenhaft, ausgearbeitet ist, ist der Bereich der Technik. Baden-Württembergs Orientierungsplan bietet hierzu keine expliziten Handreichungen, greift aber die grundlegenden Themen, die im Kreise von Technik anfallen, unter dem Begriff Denken auf. Bayern bietet beispielsweise einen recht umfassenden Plan und Anregungen, sich mit technischer Bildung auseinander zusetzen.

Technik gehört zu den zentralen Lebensbereichen

Hier soll nun nochmal aufgezeigt werden, was Technik beinhaltet und warum eine frühe Beschäftigung damit nicht nur für den Wirtschaftsstandort Deutschland, sondern für die gesamte kindliche Entwicklung (also aus psychologischer Sicht) bedeutend ist. Vorab sei gesagt, dass mit dem Begriff Technik nicht die digitale Technik gemeint ist. Wohl aber ist die Beschäftigung mit technischen Phänomenen die Grundlage für das Leben in einer künftig zunehmend technologisierten Welt. Technik gehört heute zu den zentralen Lebensbereichen. Mit Blick auf die Themen Nachhaltigkeit und Ökologie ist eine Beschäftigung mit technischen Phänomenen gesellschaftlich bedeutend und wirft auch philosophische Fragestellungen auf. Ziel der Beschäftigung mit technischen Phänomenen im frühkindlichen Bereich ist ein verantwortungsvoller und bewusster Umgang der Kinder mit Technik. Eine schöne Handreichung zur Frage nach Technik bietet übrigens das Haus der kleinen Forscher unter unten aufgeführtem Link.

Technik ist also ein omnipräsenter Lebensbereich, der letztlich vom Menschen selbst geschaffen wurde. In der Menschheitsgeschichte wurden schon früh bestimmte Werkzeuge oder Geräte hergestellt und für einen bestimmten Zweck eingesetzt. Und genau da beginnt Technik: Beim Stöckchen zum Stochern im Ameisenhaufen, dem Feuerstein, beim Essen mit Messer und Gabel statt mit Fingern oder gar Schlürfen. Damit ist im nächsten Schritt auch schon der oberste Grundzug von Technik genannt: Das Lösen von Problemen. Gleichzeitig unterstreicht dies die immense Bedeutung des Bildungsbereichs Technik: Problemlösen ist eine lebenslange Aufgabe, vor die wir immer wieder gestellt werden und die sich freilich entwickeln muss.

Diese Entwicklung startet früh: Schon im Säuglingsalter erkunden Babys durch Schütteln, Klopfen etc. die Eigenschaften von Materialien und experimentieren damit. Dies ist die Vorstufe des Problemlösens: Erkunden und Erforschen des Materials sowie die Begeisterung und das Interesse, sich damit auseinander zu setzen. An diese ersten Erfahrungen und das erworbene Vorwissen knüpfen die Kinder in den Folgejahren an und erwerben so weitere technische Kompetenzen und üben sich in Problemlösen. Kinder haben schon früh durch ihre angeborene Neugier Interesse an technischen Phänomenen und kommen durch Spielzeug, Auto usw. auch schon früh in Kontakt damit. Die kognitiven Voraussetzungen sind mit 18 Monaten schon so ausgeprägt, dass ein gemeinsames, vorbildhaftes Problemlösen möglich ist und Kleinstkinder von einer Konsequenz ihrer Handlungen auf künftige Verhaltensweisen schließen können (schlussfolgerndes Denken). Daran gilt es in den weiteren Lebensjahren anzuknüpfen und die technischen Fähigkeiten zu vertiefen.

Entscheidende Faktoren für technisches Verständnis

In der Herangehensweise an die Entwicklung technischer Kompetenzen sind zwei Bereiche bedeutend: Die Grunderfahrungen und das vertiefte technische Verständnis. Zu den Grunderfahrungen gehört die Auseinandersetzung mit der technischen Umwelt und ihren Phänomenen – durch selbstständige Erkundung sowie Erfahrung im Umgang und Anwendung mit Werkzeugen und Materialien. Gerade für die Jüngsten, aber auch für den Elementarbereich sind hier technische Phänomene verbunden mit sinnlichen Erfahrungen das erfolgreichste Prinzip – selbst handhaben und ausprobieren heißt hier die Devise! Das vertiefte technische Verständnis ist mit dem technischen Wissen und der Kenntnis und der Beherrschung geeigneter Mittel zur Zielerreichung verbunden. Es bedarf eines gesteuerten Bildungsprozesses von außen, aber aufbauend auf der intrinsischen Motivation und dem Interesse des Kindes.

Die Aufgabe des Erziehers in der Elementarpädagogik ist daher, Fragen der Kinder aufzugreifen (auch Disziplin übergreifend), das Interesse zu wecken oder zu erhalten (durch neue Anregungen und gezielte Fragen) und den Lernprozess zu beobachten und voranzutreiben. Technik hat dabei enge Bezüge zu anderen Thematiken (Natur, Naturwissenschaften, Gesellschaft, Kultur) und Bildungsbereichen (Werte und Religion, Emotionen und soziale Beziehungen, Sprache und Literacy, Informations- und Kommunikationstechnik, Medien, Mathematik, Umwelt, Ästhetik und Kunst, Musik). Es ist also auch wichtig, genau diese Querverbindungen zu nutzen – das Themenfeld Technik ist ein ideales und prädestiniertes für Bildungsbereichsübergreifendes und vernetzendes Arbeiten. Er eignet sich auch für Erkundungen außerhalb der Institution und für den Einbezug der Kinder in Alltagssituationen.

Literatur
Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung & Familie und Frauen Staatsinstitut für Frühpädagogik München (Hrsg.) (2016): Der Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder in Tageseinrichtungen bis zur Einschulung. 7. Auflage. Verfügbar unter: https://www.ifp.bayern.de/imperia/md/content/stmas/ifp/bildungsplan_7._auflage.pdf (zuletzt aufgerufen am 27.4.2020)
Fthenakis, W. (Hrsg.) (2009): Frühe technische Bildung. Köln: Bildungsverlag EINS
Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden Württemberg (Hrsg.) (2014): Orientierungsplan für Bildung und Erziehung in baden-württembergischen Kindergärten und weiteren Kindertageseinrichtungen. Freiburg: Herder
Stiftung Haus der kleinen Forscher (Hrsg.) (2012): Technik – Bauen und Konstruieren. Hintergründe und Praxisideen für die Umsetzung in Hort und Grundschule. Verfügbar unter: https://www.haus-der-kleinen-forscher.de/fileadmin/Redaktion/1_Forschen/Themen-Broschueren/Broschuere_Technik_Bauen_Konstruieren_2012_akt.pdf (zuletzt aufgerufen am 27.4.2020)
Stiftung Haus der kleinen Forscher (Hrsg.) (2019): Was wäre, wenn niemand die Gabel erfunden hätte? Technik querdenken. Begleitheft. Verfügbar unter: https://www.haus-der-kleinen-forscher.de/fileadmin/Redaktion/1_Forschen/Kindermaterialien/Begleitheft_Technik-querdenken_144.pdf. Aufgerufen am 27.4.2020.

Praxistipp
Stiftung Haus der kleinen Forscher (Hrsg.) (2019): Was wäre, wenn niemand die Gabel erfunden hätte? Technik querdenken. Verfügbar unter: https://www.haus-der-kleinen-forscher.de/fileadmin/Redaktion/1_Forschen/Kindermaterialien/Kinderbuch_Technik-querdenken.pdf (zuletzt aufgerufen am 27.4.2020)

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