Weshalb streiten wir uns? 

Diese Frage haben Sie sich bestimmt auch schon einmal gestellt. Streite ich mich mit jemandem, weil ich die Welt meines Gegenübers nicht kenne und meine Erfahrungswerte mitteilen und verteidigen möchte? Geht es mir darum, dass ich „recht“ bekomme? Möchte ich mein Gegenüber von meinem Standpunkt überzeugen? Was steckt dahinter, wenn wir uns streiten? 

Wirklichkeit vs. Wahrheit

An dieser Stelle ist es mir ein Anliegen, die beiden Begriffe „Wirklichkeit“ und Wahrheit voneinander zu unterscheiden. Denn die Unterscheidung dieser beiden Begriffe kann dabei helfen, ganz neu auf Konflikte zu schauen quasi aus einem anderen Blickwinkel. In der Antike hat bereits Platon ein Bild gefunden, um das, was ein Mensch als wahr erachtet, von der Wirklichkeit zu unterscheiden. Im so genannten Höhlengleichnis wird die Höhle (und was der Mensch darin als Schatten an einer Wand wahrnehmen kann) den eigenen Sinneswahrnehmungen gleichgesetzt. Das würde ich vereinfacht als die persönliche und vielleicht begrenzte Wahrheit beschreiben, die durchaus trügerisch sein kann. Denn können wir wirklich wissen, ob das, was wir sehen, wahr ist? Hingegen steht die Welt außerhalb der Höhle bei Platon eher für die Gesamtheit all dessen, was existiert. Auch wenn das stark vereinfacht ist, so wäre hiermit die überprüfbare Wirklichkeit näher beschrieben. Die Gedanken von Platon sind wesentlich komplexer, als ich es darstellen kann, und werden weiter zu einer Theorie der Erkenntnis ausgeführt (Höhlengleichnis 2012; Kytzler 2009, S. 183ff.).  

Ich möchte an dieser Stelle ein schlichtes Bild nutzen, um die Unterscheidung der beiden Begriffe für Sie zu verdeutlichen: Stellen Sie sich bitte vor, wir stehen uns gegenüber. Zwischen uns liegt ein Pfeil am Boden, welcher aus meiner Sicht nach links zeigt. Sie sagen, er zeigt nach rechts. Wer hat recht?  

Wenn ich nun an Platon zurückdenke, wird bei dem Beispiel des Pfeils mit dem Begriff „Wirklichkeit“ all das beschrieben, was objektiv überprüfbar ist. Es ist überprüfbar, dass es den Pfeil gibt, seine Spitze zeigt in eine Richtung, die Farbe des Pfeils und seine Länge lassen sich gut beschreiben. Diese Wirklichkeit ist feststehend und unabhängig vom inneren Empfinden der beiden beteiligten Personen. 

Die „Wahrheit“ hingegen beschreibt eine Schnittmenge von Überzeugungen, Meinungen oder Äußerungen, die sich auf jeden möglichen (Wissens)bereich beziehen können. In unserem Beispiel wäre Ihre Wahrheit, dass der Pfeil nach rechts zeigt und so die eine Realität widerspiegelt. Aus Ihrer Sicht ist es wahr, dass der Pfeil nach rechts zeigt. Aus meiner Perspektive stellt sich die Lage anders dar: Der Pfeil zeigt nach links, mit allem, was damit für mich verbunden ist 

Dialogische Haltung

Gehen wir nun miteinander ins Gespräch, könnten wir herausfinden, dass wir beide aus unserer jeweiligen Sicht betrachtet – „recht“ haben. Damit diese erweitere Sicht gelingt, muss ich mir die Mühe machen, mir Ihre Sicht der Dinge anzuhören. Und es gehört zu einem gelungenen Austausch dazu, dass ich bereit bin, Sie und Ihre Perspektive verstehen zu wollen. Genauso machen Sie sich als mein Gegenüber auf den Weg, meine Wahrheit hören zu wollen und eine Bereitschaft aufbringen zu wollen, diese Wahrheit zu verstehen. Es geht an dieser Stelle nicht darum, Sie als mein Gegenüber zu überzeugen, sondern zunächst darum, unsere Sichtweisen nebeneinander zu legen. Diese dialogische Haltung wird in unserer element-i-Konzeption auch zugrunde gelegt (Kammerlander et al. 2018, S. 10).  

Jeder Mensch nimmt seine Umwelt anders wahr, lebt in gewisser Weise in seiner Welt und schafft sich seine Wahrheit. Wenn wir erfolgreich miteinander kommunizieren wollen, ist es mehr als hilfreich, diese Welt oder Realität der Gesprächspartner*in zu erfassen, um ihre Gedanken und Handlungen verstehen zu können und Fehlinterpretationen zu vermeiden. Begeben sich nun beide auf den Weg, die Wahrheit des Gegenübers verstehen zu wollen, kann ein reichhaltigeres Bild entstehen, das vielleicht näher an die so genannte Wirklichkeit rückt. Denn meine Sicht auf die Dinge habe ich durch die Perspektive einer anderen Person erweitert und neue Erkenntnisse gewonnen. Für das Thema, um das ich mit der anderen Person ringe, ergeben sich möglicherweise neue Lösungen – auf jeden Fall jedoch die Grundlage für erfolgreiche Kommunikation. 

Mein Fazit?

Schlüpfen Sie in die Schuhe des Gegenübers und lernen Sie die Welt mit seinen Augen zu sehen. Mein Gegenüber ist nicht nur Kolleg*in, Pädagog*in, Vorgesetzte*r etc., sondern auch Köch*in, Tennisspieler*in, Kinogänger*in … Und häufig steht etwas, das mir völlig „klar“ zu sein scheint, für mein Gegenüber in einem völlig anderen Zusammenhang.  

Nicht selten meint der Mensch, dass das wahr ist, was er oder sie für wahr hält. Und ist derselbe Mensch davon überzeugt, dass seine Sicht die einzig richtige sei, so ist bei einer Begegnung mit einem anderen Menschen, der seine Sicht ebenso als die einzig wahre annimmt, ein Konflikt wahrscheinlich. Durch Fragen, Zuhören und echtes Interesse haben wir die Möglichkeit, unser Gegenüber besser zu verstehen und somit einem Streit entgegen zu wirken. Mit Interesse, Feingefühl und Geduld lerne ich die Welt des Anderen kennen und kann mir überlegen, ob ich die Sicht des Anderen auf die Dinge übernehmen möchte. Reicher bin ich auf jeden Fall geworden, weil ich eine neue Perspektive gewonnen habe. 

Quelle:
Höhlengleichnis (2012). Abrufbar unter: https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B6hlengleichnis (zuletzt aufgerufen am 7.12.2020)
Kammerlander, Carola; Rehn, Marcus; Pädagogischer Leitungskreis der element-i Kinderhäuser (2018): Pädagogische Konzeption für die element-i Kinderhäuser. Stuttgart
Kytzler, Berhard (2009) (Hrsg.): Das Höhlengleichnis: Sämtliche Mythen und Gleichnisse. Insel: München

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Barbara Schmieder
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