„Wir machen mit!“ – Demokratiebildung und Partizipation in der Kita

In den vergangenen Wochen und Monaten war der Wahlkampf der Kanzlerkandidaten und der Kanzlerkandidatin das Thema in allen Medien. Über Wahlplakate, Radio, Fernsehen und sicher durch Gespräche haben auch Kinder erahnt, dass Großes im Gange ist. Manche Kinder haben ihre Eltern oder Großeltern ins Wahllokal begleitet. Vielleicht haben sich die Kinder gewundert, warum sie nicht zur Stimmabgabe in die Wahlkabine durften. Vielleicht haben sie gefragt, was ein Kanzler oder eine Kanzlerin so macht. Vielleicht hat die Kinder interessiert, warum man überhaupt wählen geht. Hier und da wurde das Thema auch in der Kita aufgegriffen – zum Beispiel im Erzählkreis. Möchte man den Kindern adäquate Antworten geben, kommt man schnell vom Hölzchen aufs Stöckchen; und so fragte ich mich beim Schreiben: Wo fange ich bloß an?

Sucht man im Internet nach dem Stichwort Demokratie, informiert Wikipedia recht ausführlich. U.a. heißt es dort: „Demokratie … bezeichnet heute Herrschaftsformen, politische Ordnungen oder politische Systeme, in denen Macht und Regierung vom Volk ausgehen …. Dieses wird entweder unmittelbar … oder durch Auswahl … entscheidungstragender Repräsentanten an allen Entscheidungen, die die Allgemeinheit verbindlich betreffen, beteiligt“ (Wikipedia 2021).

Was bedeutet Demokratie in der Kita?

Ist es bereits demokratisch, wenn die Kinder einmal im Monat ein Menü auswählen dürfen? Oder dass sich der Erwachsene auf Augenhöhe mit dem Kind begibt? Sicherlich sind die beiden Beispiele praktische Ideen und Mosaiksteinchen für die Umsetzung. Es braucht jedoch eine grundlegende Haltung gegenüber Kindern. Demokratisch zu handeln bedeutet, Kinder – wo immer es möglich und ihrer Entwicklung angemessen ist – partizipieren zu lassen. Es geht darum anzuerkennen, dass Kinder in alle Entscheidungen, die ihr Leben betreffen, einbezogen werden (vgl. Hansen et al. 2015, S. 20). In der Kita sind die Kinder die Allgemeinheit und Fragen des einzelnen Kindes werden plötzlich zu Fragen, die die ganze Gruppe betreffen („Kann ICH mein Bauwerk hier stehen lassen, auch wenn WIR hier später Singkreis machen wollen?“) Somit sollten die Kinder bei Entscheidungen, die sie betreffen, befragt und einbezogen werden. Was im Umkehrschluss auch bedeuten kann, dann entsprechend zu handeln und die Ideen der Kinder gemeinsam in die Umsetzung zu bringen oder schlüssig zu erklären, warum die Idee nicht umgesetzt wird. Ohne dieses Vorgehen wäre der Artikel 12 in der UN-Kinderrechtskonvention, in welchem dieses Recht verankert ist, eine Worthülse.

Partizipation ist Beziehungsarbeit

Kinder erfahren, dass wir sie in all ihren Belangen ernst nehmen, wenn wir ihnen auf Augenhöhe begegnen. In einer Beziehung, die von Achtung geprägt ist, wird vorausgesetzt, dass Erwachsene Kinder nicht belehren, bevormunden oder beurteilen, sondern Kinder als gleichwertig anerkennen und den Dialog mit ihnen suchen (vgl. Hansen et al. 2015, S. 55). Dass wir ernst nehmen, wenn sie traurig sind und einen Verlust erleben. Auch wenn wir als Erwachsene denken mögen: „Es ist doch nur die rote Schaufel und wir haben noch 20 andere im Garten“. Nein! Es ist DIE rote Schaufel. Für ein Kind platzt hier ein Traum, eine Idee, eine Vision von einem Spiel und das muss gebührend betrauert werden (vgl. Rauh 2002, S. 203). Kinder müssen erleben, dass wir ihr Spiel als ihre elementarste Handlung und ihre Aufbauarbeit von der Welt ernst nehmen (vgl. Kammerlander 2018, S. 14ff). Das wiederum bedeutet, sich genau zu überlegen, ob man das kindliche Spiel unterbricht oder die Kinder von allein zu einem Ende kommen lässt. Ebenso müssen sie auch das tägliche Abwägen und Austarieren miterleben zwischen Wunsch der Einzelperson und dem Wunsch der Gruppe.

Partizipation ist eines der Kinderrechte, für welches wir uns als Konzept-e Netzwerk besonders einsetzen und welches wir auch in unseren Einrichtungen leben, wie an den Beispielen illustriert. Und da lohnt es sich den Blick nach innen zu lenken und sich anhand der genannten Beispiele zu reflektieren. Ich nehme die vergangenen Wahlen und den Tag der Kinderrechte im November als Anlass, um für mich selbst und mit Bezug auf die element-i Einrichtungen Bilanz zu ziehen und zu fragen: Wie sieht es eigentlich bei mir damit aus, wie in unseren Häusern? Die folgenden Leitfragen nutze ich für mich und biete Sie Ihnen als Anregung für die Reflektion: Spreche ich mit den Kindern über ihre Rechte? Nehme ich sie mit auf den Weg, Demokratie zu leben? Erkläre ich ihnen, was es im Kinderhausalltag (und in unserer Gesellschaft) braucht, damit Demokratie gelingen kann? Als kleine Auffrischung habe ich Ihnen die 10 Kinderrechte, für die sich das Konzept-e Netzwerk besonders einsetzt, aufgelistet (siehe Kasten).

Die Rechte der Kinder

Recht auf Gleichheit 

Recht auf Gesundheit 

Recht auf Bildung 

Recht auf elterliche Fürsorge 

Recht auf Privatsphäre und persönliche Ehre 

Recht auf Meinungsäußerung und Partizipation 

Recht auf Schutz im Krieg und auf der Flucht 

Recht auf Schutz vor Gewalt 

Recht auf Spiel, Freizeit und Erholung 

Recht auf Betreuung bei Behinderung 

Das Buch von Thomas Bodmer und Alain Serres greift Kinderrechte farbenfroh und poetisch auf. Es lohnt sich, einen Blick ins Buch zu werfen. Erschienen ist es im Nord Süd Verlag und eignet sich für Kinder im Kindergartenalter.

Die Kinderrechte haben den Sprung ins Grundgesetz in der letzten Legislaturperiode verpasst. Es muss unser Anliegen bleiben, das Thema bei der neuen Regierung vehement zu platzieren und beharrlich zu sein. Kinder sollten sicher wissen können, dass sie Rechte haben und dass es besondere Rechte sind, die sie schützen und unterstützen sollen in ihrer Lebensphase Kindheit. Es braucht dazu – neben der Aufnahme ins Grundgesetz – vor allem uns Erwachsene, die sich dafür einsetzen, dass diese Rechte gewahrt werden. Wir, die wir täglich für und mit Kindern arbeiten, sollten dafür einstehen, dass die Rechte der Kinder gewahrt werden. Dafür gibt es in diesem Jahr wieder eine Aktion zum Tag der Kinderrechte.

Kinderrechte laut machen

Wie auch im vergangenen Jahr wollen wir als Konzept-e Netzwerk wieder dafür sorgen, dass alle gesund bleiben können, und sehen von einer großen Demonstration mit vielen Menschen in Präsenz ab. Wir haben Kooperationspartner gesucht, mit denen wir gemeinsam „Kinderrechte laut machen“ wollen. Innerhalb der Mach-Dich-Stark-Tage gegen Kinderarmut der Caritas gibt es eine Kinderrechtsaktion, welche mit einer Ausstellung selbst gestalteter Plakate einhergeht. Hier hat jede und jeder die Möglichkeit, seinen antreibenden Grund darzustellen, aus dem heraus es sich lohnt, sich für Kinderrechte einzusetzen. Es kann ein gemaltes Bild, ein Statement oder ein Foto eingereicht werden. Der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. In einem weiteren Schritt sollen diese Plakate in den öffentlichen Raum gelangen und für den Aktionszeitraum beispielsweise in den Schaufenstern des teilnehmenden Einzelhandels hängen. Sie alle erhalten über die element-i Bildungsstiftung nähere Informationen und Materialien, mit denen Sie entweder gemeinsam mit den Kindern Plakate gestalten können oder auch als Kita-Team oder auch Einzelperson. Hier geht es direkt zur Aktion.

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Franziska Pranghofer
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