Kindsein in der Welt der Corona-Pandemie

COVID-19 und die damit verbundenen Themen sind weiterhin präsent in unser aller Welt: Man hört (fast) täglich von Maßnahmen und Entscheidungen der Politik, sieht – scheinbar egal, wohin man schaut – Auswirkungen der Pandemie. Die meisten Erwachsenen haben gelernt, mit diesen Themen (mehr oder weniger) umzugehen – der Umgang mit dem Virus ist Teil vom Menschsein in dieser Welt geworden. Geht es Kindern ebenso?

Uns als Wegbereiter*innen und Begleiter*innen der Kinder beim Entdecken dieser Welt fällt eine besondere Verantwortung zu. Darum soll es in diesem Beitrag gehen.

Kleine Forscher

“Wir haben hier einen Dinosaurier und wir untersuchen seine Kacka, da sind Coronaviren drin. Diese minikleinen Glitzerpunkte… Zum Glück haben wir Handschuhe an.”

Kinder sind wahre Forscher, natürlich auch die in unseren element-i Kinderhäusern. Sie haben von Geburt an das beständige Bedürfnis Neues, Unbekanntes zu entdecken und zu lernen (vgl. Kammerlander et al. 2018, S. 8). So erfahren die Kinder auch Themen über COVID-19 und entwickeln ihre ganz eigenen Hypothesen: „Die Coronavirus haben es leider geschafft rauszugehen, und wir gucken mal, warum die böse sind …”.

Für Kinder ergeben sich aus dem, was sie in ihrem Alltag entdecken und erfahren, viele Forschungsfragen. Sie sind dankbar darüber, die Dinge entdecken zu dürfen. Dabei nehmen Kinder die Welt, in der sie leben, ganzheitlich mit all ihren Sinnen und durch ihre individuelle Bedeutungsbeimessung wahr. Umso wichtiger ist es für sie auf eine reflektierte, vorbereitete Umgebung zu treffen. Denn sie sind auf Erfahrungen angewiesen, „die sich ihnen bedeutungsvoll präsentieren bzw. die an bekannte Sachbezüge und den bereits bestehenden Sinnhorizont anknüpfen oder auch neuen Sinn entstehen lassen“ (Kammerlander et al. 2018, S. 8). Aus dem Forschen entstehen Hypothesen über die Welt, über andere und sich selbst.

Maßgeblich für die „eigensinnige“ Einordnung der Kinder sind die Erwachsenen und die Umwelt der Kinder, die zum Großteil durch uns Erwachsenen gestaltet wird. So bezieht eine reflektierte und vorbereitete Umgebung unser eigenes Verhalten und alle Mittel mit ein, die wir entwickelt haben, um den Kindern unsere eigenen Bilder oder Vorstellungen über die Welt zu vermitteln (vgl. SFBB 2021, S. 11f.). Vorbereitete Tagespunkte wie unsere Impulse aber auch unsere Kinderkonferenz, Gesprächskreise, Spielmaterial, Bücher, Plakate etc. bedingen, wie Kinder die ihnen begegnenden Themen einordnen. Gleichfalls wird jeder Kommentar und jeder noch so kleine (emotionale) Ausdruck von uns Bezugspersonen bei der Verortung des Wahrgenommenen der Kinder mit einfließen.

Wie COVID-19 die Welt der Kinder berührt

Jeden Tag sammeln Kinder mannigfaltige Eindrücke zur aktuellen Situation: Gespräche der Eltern zu Hause, Unterhaltungen vor der Kita, auf dem Spielplatz, beim Einkaufen oder beim Arztbesuch und Medien, Plakate, TV-Sendungen oder das Radio sind Quellen, aus denen Kinder Informationen ziehen. Bei einem meiner Vororttermine kam ein Kind auf mich zu und erzählte mir: “Patrick hat heute Geburtstag! Mama sagt aber, wir dürfen nicht zur Geburtstagsfeier. [Denn] dann werden wir vielleicht krank und müssen zum Doktor.” Begleitet wurde diese Aussage durch ein aufgeregtes, aber auch trauriges und ängstliches Gefühl. Für das Kind war der neue Umstand, es darf jetzt plötzlich nicht mehr auf einen Kindergeburtstag, eine Ausnahmesituation.

So bringt der Alltag der Kinder große Veränderungen mit sich. Die Zeiten, die Kinder in unseren Einrichtungen verbringen, variieren, Räume wurden umdefiniert, gewohnte Freiräume der Kinder haben sich verändert, wurden eingeschränkt, dann wieder erweitert und vieles mehr … Manchmal darf man selbst oder dürfen die besten Freunde vom einen auf den anderen Tag nicht mehr in die Kita. Es gibt so viel Neues und Ungewohntes! So stellt die Zeit der Pandemie auch die Kinder bisweilen vor Ausnahmesituationen, die für uns Erwachsene mittlerweile normal sind. Wir haben uns an die Notwendigkeiten im Umgang mit Corona gewöhnt, können damit umgehen und verstehen den Sinn dahinter.

Die Erzieher*in als professionelle Erwachsene in der Begleitung der Kinder

Anders ist es bei den Kindern. Sie brauchen uns als Erzieher oder Erzieherin, als Begleiter*innen in ihrer Wahrnehmung der Welt und folglich in der Entwicklung und Entfaltung ihres Selbst. Erst durch unser pädagogisches Handeln werden Situationen, besonders die angesprochenen Ausnahmesituationen, für die Kinder verstehbar, handhabbar und mit Sinn gefüllt. In der Rolle einer verlässlichen und verständnisvollen Partner*in greifen wir die Fragen oder Hypothesen der Kinder auf und schaffen gezielt Gelegenheiten, die weitere Fragen aufwerfen und neue Antworten suchen (vgl. Kammerlander et al. 2018, S. 10). So werden aus den Ausnahmesituationen, auf die Kinder treffen, entwicklungsangemessene kohärente Erfahrungen. Ein solches durch die Erzieher*innen begleitetes und gerahmtes Setting ermöglicht es, unseren Kindern ein gesundes, also ein von Vertrauen und Zuversicht geprägtes Bild ihrer Zukunft aufbauen zu können. Gleichzeitig entstehen durch die gemeinsame Auseinandersetzung Umgangsformen mit COVID-19-Themen, welche durch Einfühlsamkeit und Respekt geprägt sind. Im Ergebnis entwickelt sich so in Ihrer Einrichtung eine gemeinsame Kultur im Umgang mit COVID-19. Diese lässt Kinder erleben, dass die Welt (mit all ihren Themen) etwas mit ihnen zu tun hat – ganz im Sinne: “Es kommt auf mich an”.

Gern können Sie sich mit Ihren Fragen oder Anregungen an mich wenden. Ihre Fachberatung für den Themenbereich „Menschsein in der Welt“

Literatur

Kammerlander, Carola; Rehn, Marcus; Pädagogischer Leitungskreis der element-i Kinderhäuser (2018): Pädagogische Konzeption für die element-i Kinderhäuser. Stuttgart

Sozialpädagogisches Fortbildungsinstitut Berlin-Brandenburg (SFBB) (2021): Mit Kindern über ihre Erfahrungen in der Pandemie sprechen. Ein Gesprächsleitfaden für pädagogische Fachkräfte der frühen Bildung. Berlin. Abrufbar unter:
SFBB_Gesprächsleitfaden_Mit_Kindern_über_die_Pandemie_reden_1.Auflage.pdf (berlin-brandenburg.de) (zuletzt abgerufen am 14.05.2021)

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