Die Entwicklung eines emotionalen Verständnisses

Im Artikel Kleinkinder: Wie zeigen sie Emotionen und welche? wurde die Grundemotionen bei Säuglingen und Kleinkindern umrissen. Wie angekündigt, soll heute der Blick darauf geworfen werden, wie sich das emotionale Verständnis bei (Klein-)Kindern entwickelt. Dies ist ein Prozess, der selbstverständlich die Kita-Zeit überdauert und nicht nur den frühpädagogischen Bereich betrifft. Daher ist der Abriss der emotionalen Entwicklung zumindest auf den Zeitraum des Kita-Besuchs erweitert – also ein Beitrag nicht nur für Kleinkindpädagogen.

Die emotionale Ausdrucksform von Kleinkindern ist stark mit der Fähigkeit Hinweisreize und emotionale Äußerungen anderer zu erkennen und zu verstehen, verknüpft. Säuglinge können sich auf den Gefühlzustand der Bindungsperson einstellen – durch den vis-a-vis-Kontakt. Sie reagieren entsprechend schon sehr früh angemessen auf den Ausdruck des Gegenübers: Mit 3 – 4 Monaten ist das Baby bereits empfänglich für Struktur und Rhythmus der direkten Interaktion mit den Bezugspersonen. So wartet es auf positive Reaktionen der Bezugsperson und reagiert entsprechend stimmlich oder emotional darauf. Das Spektrum der möglichen emotionalen Reaktionen wird dem Säugling nun immer bewusster. Mit fünf Monaten werden Gesichtsausdrücke als organisierte Muster wahrgenommen und die emotionale Qualität einer Stimme dem passenden Gesichtsausdruck zugeordnet. Sie können also in dieser Zeit bestimmte emotionale Ausdrücke anhand der Grundemotionen unterscheiden. Mit sieben Monaten beginnt das Kind Emotionsausdrücken von anderen Personen eine Bedeutung zuzuschreiben: Die zunehmende Reaktion auf emotionale Gesichtsausdrücke als organisiertes Ganzes zeigt, dass diese Signale für den Säugling einen Sinn bekommen. Es erkennt außerdem, dass emotionale Äußerungen nicht nur eine Bedeutung haben, sondern auch aussagekräftige Reaktionen auf bestimmte Objekte und Ereignisse sind. Eine erste soziale Bezugnahme beginnt mit 8 – 10 Lebensmonaten bis zum Ende des ersten Lebensjahres. Das Baby sucht in gewissen Situationen nun aktiv nach emotional bewertbaren Informationen des vertrauten Gegenübers. Die emotionale Reaktion der Bezugsperson ist dabei Gradmesser für das Befinden des Kindes, zum Beispiel bei der Reaktion auf Fremde. Indem das Kind beginnt, eine Beziehung zwischen Emotionen und Emotionsanlass zu erkennen, entsteht eine erste leichte Regulation des Verhaltens. Diese soziale Bezugnahme, oder auch soziales Referieren genannt, kann und soll von Eltern genutzt werden, um dem Kind zu vermitteln, wie es auf alltäglich vorkommende Ereignisse reagieren kann und soll.

Um an dieser Stelle einen Querverweis zum Thema Eingewöhnung zu ziehen: Entsprechend ist die Einstellung der Eltern zum Kita-Besuch des Kindes maßgeblich für das Verhalten des Kindes in der Eingewöhnung und in der Einrichtung. Dabei ist die Stimme allein oder in Verbindung mit dem Gesichtsausdruck wirkungsvoller als ausschließlich der Gesichtsausdruck: Die Stimme vermittelt emotionale und verbale Informationen, das Kind muss die Bezugsperson nicht ansehen, sondern kann sich auf das neuartige Ereignis konzentrieren. Das soziale Referieren nimmt im zweiten Lebensjahr bedeutende Zeit im Rahmen der Weltentdeckung ein. Zur Hälfte des zweiten Jahres lernt das Kind eigene emotionale Reaktionen voneinander zu unterscheiden. Es kann nun durch die soziale Bezugnahme die eigene Einschätzung von Ereignissen mit der anderen Personen vergleichen und ggf. anpassen. Soziale Bezugnahme hilft Kindern also, über einfache Reaktion auf emotionale Botschaften anderer Menschen zu reagieren, und trägt so zum zunehmend besseren Verständnis von Emotionen bei. Zwischen dem zweiten und sechsten Lebensjahr macht das Kind weitere Fortschritte in emotionalen Fähigkeiten hin zu einer emotionalen Kompetenz: Es erweitert sein emotionales Verständnis, beginnt über Gefühle zu sprechen und reagiert zunehmend angemessener auf emotionale Signale anderer. Dies führt zu einer besseren emotionalen Selbstkontrolle, ersten selbstbezogenen Emotionen und über die Empathie zu einem beginnenden Moralverständnis. Diese emotionale Kompetenz ist entscheidend für Beziehungen zu Gleichaltrigen.

Mit ca. drei Jahren kennt das Kind die Ursachen und Folgen von Emotionen. Ein Jahr später kann es die Ursachen der Grundemotionen besser einschätzen, betont aber noch eher äußere als innere Faktoren. Mit dem beginnenden Vorschulalter versteht das Kita-Kind, dass Wünsche und Annahmen das Verhalten anderer motivieren und versteht, wie innere Faktoren Emotionen auslösen können. Es kann zunehmend eine Handlung auf Grund eines Gefühls voraussagen, erkennt, dass Denken und Fühlen zusammenhängen, und entwickelt wirksame Methoden, um negative Gefühle anderer zu bekämpfen. Da sich das Kind oft noch an den offensichtlichen Hinweisen in einer Situation konzentriert und andere relevante Informationen immer wieder vernachlässigt, treten an dieser Stelle Schwierigkeiten auf, wenn eine Person widersprüchliche Hinweisreize sendet. Dies gelingt zunehmend besser, umso mehr die Eltern oder auch andere bedeutende Kontaktpersonen über Emotionen sprechen und darauf eingehen. Auch hier korreliert die Bindungssicherheit wieder mit dem vermehrten Erklären von Gefühlen und damit mit einem besseren Verständnis von Emotionen. Eine fruchtbares Vehikel zur Entwicklung eines emotionalen Verständnisses sind über die gesamte Kita-Zeit hinweg die Als-ob-Spiele.

Sie haben nun die Gelegenheit in die Reflexion und Beobachtung Ihrer Kinder zu gehen. Welche Emotionen zeigen sie denn schon? An welchen Stellen lässt sich ein erstes soziales Referieren erkennen? Wie ist Ihre eigene Rolle und Bedeutung für die betreuten Kinder hierbei? Und nicht zuletzt: Welche neuen Emotionen haben die Kinder in der Zeit der Corona-Schließung kennen gelernt und sind sie in der Lage zu zeigen?
Im nächsten Newsletter wird das Thema der emotionalen Selbstregulation aufgegriffen. Dies ist bedeutend, um Verhalten und Motive bei sich und auch bei anderen zu verstehen und damit für das gemeinschaftliche Leben in Gesellschaft ein wichtige Fähigkeit. (Kontakt Anja.Burger@konzept-e.de)

Literatur
Berk, L. E. (2005): Entwicklungspsychologie. 3. Auflage. München: Pearson. Kap. 6.2; 8.3; 10.3.
Siegler, R. S.; DeLoache, J. & Eisenberg, N. (2005): Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter. München; Elsevier, Spektrum Akademischer Verlag. Kap. 10.

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