Übergänge in der Kita: Die Stammgruppe

In der Literatur- und Forschungslandschaft der Elementarpädagogik wird Übergängen, so genannten Transitionen, eine besondere Bedeutung beigemessen. Transitionen können wesentliche Entwicklungsimpulse geben, die Lernprozesse anstoßen und deren Bewältigung für den weiteren Entwicklungsverlauf großen Einfluss hat. Wichtig ist hierbei, dass die Passung zwischen den aktuell anstehenden Entwicklungsaufgaben und dem Transitionsprozess möglichst groß ist, damit es nicht zu Überforderung kommt. 

Beziehen wir dies nun auf den Kleinkindbereich: Klassischerweise wird hier besonders der Übergang von der Familie in die Einrichtung betrachtet. Für die Eingewöhnung wurden Modelle entwickelt, die auf den Ansätzen der Bindungstheorie gründen. Doch ist es mit der Eingewöhnung in die Einrichtung nicht getan. Gerade für sehr junge Kinder schließen sich weitere Übergänge in der Kita-Karriere an. Meist werden die Kinder in einem Nest oder vergleichbar geschützten Rahmen eingewöhnt und verbringen dort eine gewisse Zeit. In vielen Kinderhäusern folgt dann der Übergang in eine – konzeptionell durchaus unterschiedlich ausgestaltete – Altersmischung.  

Das Konzept der Stammgruppe in element-i Kinderhäusern 

Für die element-i Kinderhäuser hat sich in den letzten zwei Jahren das Konzept der Stammgruppe etabliert und bewährt. Man folgt der Annahme, dass gerade Kleinkinder sich immer wieder in Entwicklungsphasen befinden, in denen sie Bezug zu erwachsenen Personen benötigen und dieser Kontakt letztlich für die Denk- und Sprachentwicklung bedeutend ist (vgl. Dollase 2015, S. 106). Gleichzeitig besteht die Herausforderung an die pädagogische Kraft, sich spätestens ab dem zweiten Lebensjahr an den gestiegenen kognitiven und sprachlichen Kompetenzen zu orientieren (vgl. Ahnert & Schnurrer 2006, S. 311) und den erweiterten sozialen Interessen an Gleichaltrigen Rechnung zu tragen (vgl. Kasüschke 2010, S. 210). Gerade an den Peers zeigen die Kinder großes Interesse, sie wollen zur Gruppe gehören und an Geschehnissen teilhaben, sie entwickeln eine zunehmende Vorstellung von Ich und Du. Kinder im U3-Bereich erwerben in sehr kurzer Zeitspanne sehr viele neue Kompetenzen – sehr wahrscheinlich in einer Dichte und Intensität, die später nicht mehr erreicht wird. Dies hat zur Folge, dass sich die Interessen des Kindes sehr bald über die Möglichkeiten des Nests heraus bewegen, wenn dieses sich vor allem den emotionalen Bedeutungen und Sinneseindrücken widmet (vgl. Kammerlander et al. 2018, S. 12). Die zunehmenden Fähigkeiten stellen das Kleinkind durch seine Besonderheiten in der Denk- und Sprachentwicklung vor neue Konflikte und mentale Widersprüche, bei denen es in der Verarbeitung Hilfe benötigt. Dies erfordert ein Gruppenmanagement, dass möglichst konfliktreduzierend wirkt (vgl. Ahnert & Schnurrer 2006, S. 311).  

Die pädagogische Arbeit in der Stammgruppe ist sorgfältig zu gestalten: sie orientiert sich an der Zone der nächsten Entwicklung, nimmt Material und Räumlichkeiten in den Blick, bedarf inhaltlicher Gestaltung und klarer Abläufe. Mit verlässlichen erwachsenen Bezugspersonen kann eine Auseinandersetzung mit den neuen Fähigkeiten und den damit verbundenen inneren Konflikten gelingen, die zu Kompetenzerweiterungen beim Kind führen. Die Stammgruppe bereitet den Übergang und das Ankommen der Kinder in den dynamischen Kleingruppen im Kinderhausalltag vor. Sie erfordert einen verlässlichen Bezugsrahmen mit möglichst konstanten Personen, einem überschaubaren Umfeld und anderen Kindern mit ähnlichen Entwicklungsniveau. Die konstante und möglichst bekannte Bezugsperson ist in diesem Alter bedeutend. Sie gibt dem Kleinkind den nötigen Halt, um sicher explorieren zu können und sich auf die Welt einzulassen. In diesem Rahmen wird in ritualisierten Abläufen, von einer festen Räumlichkeit ausgehend, nach und nach das Kinderhaus erobert – dies geschieht individuell und im Entwicklungstempo des jeweiligen Kindes. Die Kinder entdecken in intensiven Phasen neue Funktionsräume, verschiedenartige Materialien, lernen neue Pädagog*innen kennen und gehen zaghafte Bindungen zu ihnen ein. Die Abläufe und Schritte sollten langsam an den üblichen Kinderhausalltag angepasst werden. Bedeutend ist die Beobachtung der Reaktionen der Kinder auf neue Elemente. Zusammen mit der schon bestehenden Kindergruppe ergeben sich schlussendlich interessensgeleitete Kleingruppen, die sich in dynamischer Sozialform über den Tag hinweg ändern können (vgl. Kammerlander et al. 2018, S. 12).  

Es versteht sich von selbst, dass der Übergang in die Stammgruppe und dann weiter in die Altersmischung im besonderen Maße von den Entwicklungsschritten und -ständen der Kinder abhängig sind und nicht vom Alter der Kinder. Bereits im Nest ist genau zu beobachten und einzuschätzen, ob das Kind mit seinen wachsenden Fähigkeiten das steigende und sich verändernde Anforderungsniveau einer Stammgruppe bewältigen kann. Gleiches gilt für den Übergang in die Altersmischung. Wichtig ist sich immer wieder zu fragen, was die Kinder brauchen, um sich diesen Herausforderungen stellen zu können, und was daher in der noch bestehenden Kleingruppe angepasst werden kann.  

Weiter oben wurde erwähnt, dass das Interesse und besonders das Interaktionsniveau der Kinder zum Ende des zweiten Lebensjahres deutlich steigt. Dem Kind gelingt es, Form und Zeitpunkt seiner Kontaktaufnahme zu anderen in Einklang mit deren aktuellen Bedürfnissen zu bringen und an diesen auszurichten (vgl. Kasüschke 2010, S. 211). Entsprechend ist es ratsam, die Kinder zu mehreren in den Übergang mitzunehmen. Gleichzeitig gilt es, eine gute und am einzelnen Kind orientierte Balance zu finden und Kinder in ihrem Entwicklungstempo nicht auszubremsen (oder zu überfordern), weil die Bezugsperson die gesamte Gruppe mitnehmen möchte. 

Stammgruppen unter Corona-Bedingungen

Wie gelingt dieser Übergang aber nun in den aktuellen Kohorten? In der Praxis hat sich gezeigt, dass die Kohorten in unseren Kinderhäusern oft nach Nest und Stammgruppe eingeteilt sind – sicher der Idee folgend, entwicklungsähnliche Kinder gemeinsam zu betreuen. Da anzunehmen ist, dass sich die Regelungen nicht zeitnah ändern, steht man vor der Herausforderung, diese Übergänge zum Wohl des Kindes dennoch zu gewährleisten. Die Grundüberlegungen, ob und wann das Kind soweit ist, den nächsten Schritt zu gehen, sollten weiterhin an erster Stelle stehen. Der Fokus muss weiterhin auf dem Kind liegen! Daher müssen strukturelle Gegebenheiten immer wieder überprüft werden und passend zum pädagogischen Ziel verändert werden. Die Durchlässigkeit soll weiterhin möglich sein, ein nötiger Kohorten-Wechsel kann beispielsweise nach einem Wochenende erfolgen.  

Weiter muss bedacht werden, wie dieser Übergang im Normalbetrieb gelingt: Durch konstante und feste Bezugspersonen, die Halt geben, durch ein schrittweises Bekanntmachen von Abläufen und Räumlichkeiten sowie Materialien und durch die Peer-Gruppe. Die Gedanken zur Peer-Gruppe bleiben ebenfalls, wie oben beschrieben, gültig: Idealerweise ist es eine kleine Kindergruppe, die den Übergang zusammen bewältigt und in der Altersmischung Halt und Beziehung gibt. Auch das schrittweise Bekanntmachen von Materialien gelingt schon in der Stammgruppe: in Impulsen und Freispielsituationen können Materialien der anderen Funktionsräume eingebracht werden. Diese Materialien sollten bei der Eroberung des jeweiligen Raumes prominent platziert sein, damit die Kinder bekanntes Material freudig wahrnehmen können. So kann es auch Übergangsobjekte (beliebte Kuscheltiere o.ä.) geben, die gezielt von der Stammgruppe in die neue Kohorte bzw. Altersmischung mitgenommen werden. Die Nutzung anderer Funktionsräume ist auch unter den gegebenen Umständen innerhalb eines Tages möglich, sofern Hygienebedingungen eingehalten werden. Das Team spricht sich ab, wann welcher Raum zugänglich sein kann. Derzeit kann die konstante Bezugsperson, die zunächst begleitet, wegfallen. Hier ist es sicher ein Weg, die bisher unbekannten Pädagog*innen auf Abstand bekannt zu machen.  

An dieser Stelle rückt die Bedeutung der bisherigen Kindergruppe noch stärker in den Fokus. Es gibt den Kindern Sicherheit, wenn sie mit Freundinnen und Freunden den Übergang meistern dürfen, natürlich nur, sofern es für alle Kinder ein anstehender Entwicklungsschritt ist.  

Besonders in den Stufen 3 und 4 des Corona-Stufenmodells ist der Einblick der Eltern in den Alltag der Kohorten begrenzt. Umso mehr ist eine frühzeitige und transparente Kommunikation zum anstehenden Übergang wichtig und sollte auch während des Prozesses aufrecht erhalten werden. Mit dem Übergang in eine andere Kohorte übernehmen die für die Kinder und Eltern neuen Pädagog*innen die wichtige Aufgabe, die Eltern über den neuen Alltag ihres Kindes, seine Reaktionen und Verhaltensweisen zu informieren. Umgekehrt brauchen die Pädagog*innen einen Einblick in die Reaktionen im familiären Rahmen. 

Die aktuellen Hygienevorgaben und Regelungen zur Pandemie setzen dem Übergang in die Stammgruppe und von dort hinaus in die dynamischen Kleingruppen einen anderen Rahmen. Als Pädagogen sind wir dafür verantwortlich, diese Rahmenbedingungen am Kind orientiert auszugestalten. Um den Prozess weiter verfolgen und ggf. anpassen zu können, freue ich mich über Ihre Rückmeldungen und Erfahrungen und stehe Ihnen bei häuserspezifischen Fragen zur Verfügung! 

Literatur 

Ahnert, L. & Schnurrer, H. (2006): Krippen. In: Fried. L. & Roux, S. (Hrsg.): Pädagogik der frühen Kindheit. Weinheim: Beltz. 

Dollase, R. (2015): Gruppen im Elementarbereich. Stuttgart: Kohlhammer (besonders Kap. 4.: Wie viel Gruppe braucht das Kind?, S. 83 ff.). 

Kammerlander, C.; Rehn, M. & Pädagogischer Leitungskreis der element-i Kinderhäuser (2018): Pädagogische Konzeption für die element-i Kinderhäuser. Stuttgart. 

Kasüschke, D. (2010): Krippenkinder in Interaktionen mit anderen Kindern – Lernen und Spielen in altersgemischten Gruppen. In: Weegmann, W. & Kammerlander, C. (Hrsg.): Die Jüngsten in der Kita. Stuttgart: Kohlhammer.

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